Ausgabe 
14.8.1931
 
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Der Kampf der Tertia.

Erzählung von Wilhelm Speyer.

Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.

(Fortsetzung.) .

Aber der Häuptling rührte sich nicht von der Stelle. Er stand auf seiner Tribüne und starrte mit dem sonderbarsten Gesichtsausdruck der Welt in die Luft. Die Tertianer wunderten sich weiter nicht, daß er sich ihnen so regungslos zeigte, denn es galt für .schick', es war ,sauber' und .fabelhaft fein', sich nicht sogleich zu rühren, wenn die Pfeife ertönte. So schnell gehorchen mußten nur die jungen, nicht die patres patriae. Man pflegte sich möglichst gleichgültig und in irgendeinem Gespräch begriffen an den Spielplatz heranzupirschen, und man pflegte sogar noch auf dem Feld selbst in irgendeiner Unterhaltung begriffen zu fein, knapp bevor das Spiel begann.

Wie nun aber auch Daniela, als letzte, saumselig sich erhob, wurde die Tertia aufs neue ungeduldig. Warum in des Teufels Namen ging der Häuptling nicht auf Daniela zu und fragte sie, ob sie der Rechts- oder der Links-Außenstürmer sein wollte? Und warum bestimmte er nicht end­lich denjenigen Außenstürmer, der für Daniela auszuscheiden hatte?

Da aber begab sich ein sonderbarer Vorgang, dessen Bedeutung nur die Geistes-Schnellsten unter den Tertianern sogleich erfaßten.

Daniela nämlich ging zu Knötzinger, Daniela ging zu den Sekundanern hinüber. Und dort drüben gab sie einigen Sekundanern, darunter ihrem Präfekten, läfsig die Hand. Sie tat das, indem sie langsam, zögernd und etwas verächtlich die schmale rechte Hand aus der Hosentasche zog und die Hand seitwärts ausstreckte, ohne dort hinzuschauen, wie eine Dame, die erwartet, daß man ihr die Hand küssen werde, und der es im übrigen gleichgültig war, ob man ihr die Hand küßte oder shake hands machte ober was fonft... Wer in diesem Augenblick Daniela klug beobachtete, hätte die Prophezeiung machen können, daß sie dereinst einmal eine große, wild-närrische, sportlich-verwegene und angenehm-freche Dame fein würde.

In der Tat, sämtliche zehn Sekundaner traten jetzt herzu, Daniela zur Begrüßung die Hand zu schütteln, ja, es tarnen sogar noch Sekun­daner, Daniela höflich und ehrerbietig zu begrüßen, die nicht in die Fuß­ballmannschaft eingeteilt worden waren.

Im ersten Augenblick glaubten die meisten der Tertianer, eben die, die nicht schnellen Geistes waren, Daniela habe da drüben nur etwas zu besprechen und werde sich jetzt umkehren, um sich über den Platz hin­weg zur Mannschaft der Bande zu begeben. Man war etwas verwundert über die herzliche Begrüßung auf der andern Seite; man meinte, daß Daniela sich etwas weniger freundlich zu einer Klasse benehmen könne, mit der man sich im Kriegszustand befand, gleichviel, es war Daniela, man war allerlei von ihr gewöhnt! .

Jetzt aber schritt der Große Kurfürst von feiner Tribüne herab, und er stellte sich als Tormann der Tertia vor sein Goal auf.

Los'" rief er mit plötzlicher Ungeduld, doch immer mit einem ver­borgenen Spott auf der hohen, breiten, barock gelockten Stirn. Die Pfeife des jungen Lehrers, der den Schiedsrichter machte, ertönte zum Spiel­beginn. t

Was wird denn nun?" schrien die Dummen unter den Tertianern ärgerlich.Daniela ist doch noch gar nicht auf ihrem Platz! Wir sind ja zwölf!" _ . , . . . ...

Los!" schrie der Große Kurfürst Reppert zu.Daniela spielt drüben!

Daniela war im Angesicht des Griechenheeres zum Grohkönige uber- gegangen! m . r .

Die Tertianer sahen sich an. Ohne ein Wort miteinander zu sprechen, wechselten sie Blicke miteinander.

Dann aber ergriff sie die Tertia-Wut, das ist die Wut ohne Beispiel! Sie knirschten mit den Zähnen, ihre Kiefer malten, ihr Haar loderte in Empörung auf, wie das Haar eines einzigen Hauptes ,

Sie waren nunmehr nur noch ein Leib, sie wollten wie em Leib zusammenstehen! Sie kämpften nicht nur gegen die Unter-Sekunda, gegen ihre erbitterten Feinde, sie kämpften auch gegen den Verrat in ihren eigenen Reihen, gegen den wahrhaft athenienslfchen Verrat eines ihrer

Sie wollten jetzt einen Kampf liefern, wie noch nie eine Tertia auf Erden Fußball gespielt hatte. Sie mochte sich vorsehen, die dort bruben! Es würde ihnen nicht das geringste ausmachen, wenn es heute Huben I und drüben ein paar zerbrochene Knochen gäbe! Es war ipnen DoUig I gleichgültig, ob es dabei vielleicht hin und wieder nicht sportlich korrekt 3U9gctft mit^Erschrecken sah Dr. Frey die Gesichter seiner Tertia-Freunde, die brausend auf ihn zukamen. Schon in der ersten Minute wußte die Sekunda, daß es heute einen Kampf geben würde, wie ihn der Schul­staat nach nie gesehen hatte. .

I Und alle, die ringsherum saßen, bis zur Prima herauf, Jie spürten alle die große, heldenhafte Wut der Tertia. Jetzt waren es die Sekundaner, die einander ansahen und kleine warnende Worte in d,e Luft riefen, Worte, die zur größten Achtsamkeit und Sraftanfpannung

I ma^8eigt, was ihr könnt!" rief Knötzinger rauh feinen Stürmern, Läufern und Verteidigern zu. r _

Kinder, laßt Blut sehen!" rief der Große Kurfürst .

Nur Daniela blieb gleichmütig und gefaßt, wie Helena in Ilion, I als ginge sie dies alles hier nichts an und als spiele sie eben nur zu I ihrem Vergnügen und nicht aus Haß.

I Die Tertianer waren sogleich am feindlichen Tor.

Knötzinger zog den Ball an die Brust.

Die Tertianer stürmten aufs neue.

Einer der feindlichen Verteidiger schlug bas Leber mit einem Kopfstoß I seit-vorwärts seinem Hals zu. Der fütterte seinen Stürmer mit einem flachen Ball. Aber Lübers nahm ihn dem Stürmer ab.

I Sogleich waren die Tertia-Läufer wieder am Tor der Sekunda.

I Knötzinger ging in die Knie.

amen gerade die einzigen wirklich hundertprozentigen Amerikaner sich Ur Amerikanisierung am hartnäckigsten widersetzen. Trotzdem hat es das Indian Departement nun endlich aufgegeben, die alten mystisch-religiösen, iaturoerroobenen Tänze und Zeremonien der Indianer zu unterdrücken, 5 bemüht sich im Gegenteil, die Kenntnis davon wieder zu beleben. Man jat die künstlerischen Fähigkeiten des roten Mannes erkannt, sucht seine Latente für bas Weden bas Muster-Entwersen unb Töpfe-Malen zu unter- I tützen, trachtet sie als Zeichen einer präkolumbischen Kultur zu erhalten, um ich derart mit dem Besitz eines kontinentalen Altertums im Sinne der I (fer der Alten Welt zu nobiliperen. Im Einklang damit gilt auch heute Ur Amerikaner, der indianisches Blut in den Adern hat, als quasi über kunbertprogentig, unb gewisse Hugenottenfamilien von St. Louis, bie sich seinerzeit wöhrenb ber Kämpfe gegen bie Gnglänber mit Osagenmübchen .erblinden haben, betrachten sich als Aristokraten. Nur schabe, baß tiefer I Schutz indianischer Eigenart zu spät kommt; es hat sich herausgestellt, » bie Jnbianer vielfach selbst bie Muster unb vor allem bie Zubereitung I ter Farben an bereu Stelle man ihnen Anilinfarben aufgebrängt Ijatte vergessen, unb bie künstlerische Kraft, neue zu erstirben, ver­loren haben.

Wie sehr wesensfremd den Indianern eine Amerikanisierung ist, zeigt I «m besten ihre Stellung zum Grundmotiv des amerikanischen Lebens, dem Evangelium des materiellen Erfolgs. Während es unter den Negern »elf-made-ÜRillionäre unb eine wohlhabenbe Babbittklafse gibt, hat kein 3iibianer Gelb gemacht. Diejenigen bie reich sind es existiert eine ganze »lnzahl danken dies einem Geschenk dzw. einem Versehen der Regierung, öie ihnen den scheinbar ertraglosen oben Baben von Oklakoma übergab, I us bem zum Erstaunen aller basschwarze Golb" Petroleum sprudelte.

Wenn man in Chauncey Kills edel schönes Gesicht sah, so blickte einem daraus die Seele der indianischen Rasse entgegen, unb man fragte sich, 3b vielleicht bie gewissen Renommierinbianer Coopers unb Karl Mays deren Großzügigkeit bie Herzen unserer eigenen halbwüchsigen siuqend'höher schlagen gemacht hatte, boch nicht ganz nur aus einer schonen Phantasie geholt waren. Der Indianer hat noch heute em ungeheures Selbstbewußtsein, für das der Weiße nichts anderes ist als ein Barbar. Während er ruhig anerkennt, daß dieser gewisse Sachen besser versteht -,(3 er, fühlt er sich ihm in jenen Dingen, auf die es letzten Endes ankommt, absolut überlegen.So viel weiß der weiße Mann , sagte kichernd in I i-brochenem Englisch ein alter Indianer zu mir, indem er einen Kreis n archaischen Sand Neumexikos zog,oh, er weiß viel so viel . Dabei ah er uns treuherzig von unten an. Dann holte er plötzlich weit aus I unb zog einen großen Kreis, der den andern bis auf ein kleines Segment rinschloh, unb fuhr fort:Aber bas alles weih ber rote Mann

Chauncey Kills war mit einer Weißen verheiratet; von (einen brei Töchtern Rosebub, Chcmcine unb Evelyn, finb die zwei lungeren Ver­käuferinnen benn auch Chauncey hat Geldmachen als unter seiner Wurde getrachtet, die älteste ist mit einem Neuyvrker Theatermanager verheiratet.

Don Malern die sich in die Wesensart des Indianers versenkt haben unb in ihren Porträts bas Innenleben unb den Kulturausdruck einer sterbenden Rasse festhalten, habe ich Langdon Kihn und Winold Reiß kennengelernt. Während Langdon Kihn der größere Künstler ist, bringt Reiß, ein in Amerika ansässiger Süddeutscher, vermöge seiner faszinierten j Einfühlung das Seelische frappanter heraus. In seinem Studio traf ich eia junges Mädchen das mit feinen dunklen keuschen Augen, bem schmalen Haar unb ben ruhigen, abgeklärten Bewegungen rote aus einem (einer 3nbianerbilber gestiegen schien. Es stellte sich aber bann heraus, daß sie

- eine gebürtige Hamburgerin war, eines ber ehemaligen Buncan-Gt l , Erica, bie den Tanz bem Malen zuliebe aufgegeben unb lange Seit unter ben Blackfoot-gnbianern des Nordwestens gelebt hatte. Sie stellte em ganz fabelhaftes Beispiel einer inneren unb äußeren Angleichung bar bas zugleich auch ein Beweis ist für bie Stärke ber indianischen Atmosphäre, non ber ja aud) bie Yankees und Babditts nicht ganz unbeeinflußt bleiben

Bei einem charity-concert im exklusiven Colony-Club lernte ic^ Dste« nonton, einen Hapi-Jndianer, kennen her nidjt nur einen me ob'f^n Namen hat. Ein ausgezeichneter, gut honorierter Sanger und Mime voll Anmut und Beweglichkeit, zeigt Oskenonton den mongolischen Typ der Rasse breites Gesicht schmale Augen, breiter, zum Fettsem neigender Leib. Aber'ungleich dem Mongolen sind seine Züge stets heitere, herzlich lächelnde Freundlichkeit. Das Leben ist doch gut zu ihm, er darf sich schon anziehen

In ihrem Studio in der 58. Straße, nicht weit von Joseph Urbans moderu-phantastischem Choran-Girl-Palast dem 3icgfiel°te(r Natalie Unkalunt, die ein amerikanischer Manager d'e .Cherokesen-Pr,n. Zessin" getauft hat, eine Titulatur, bie absolut unkorrekt ist benn bei ben demokratischen, in mancher Hinsicht sogar kommunistischen Indianern gab es weber Könige noch Prinzessinnen Natalies Eher°kesin-Famlie war durch Oklahomaöl wohlhadenb geworben, unb sie wurde in einem. eie- «anten Pensionat in Boston erzogen. Sie spricht deutsch und französisch. Sie ist hübsch und hat einen ruhigen, von innen herE leuchtenden Charme, für den die Amerikaner dieser Dekade kemerle Verständnis haben Da ihre Familie bas leicht gewonnene Gelb ebenso leidjt roteber ver , »rächtet Natalie jetzt, mit kunstgewerblichen Arbeiten bei denen sie rn^im -Nische Motive oermenbet, unb mitSammlungen

Zu oerbienen. Nur leibet fehlt ihr bazu bas Gedächtnis i^rer Jta||e, pe kennt bie Motive nicht mehr. Unb so sitzt dieses innge. aber, nicht mehr garos junge, einsame Mädchen, wie bie ver'table Seele ihres Volkes Zwischen seinen verloren gehenben unb schon halb v g ss .

ein paar Türen vom lauten Gloria des Ziegfie d-Palast^ Haus, über das hoch hinauf bie neuen Terrassen-W^ deren Pyramibenbau inbianische Ahnen vor Tausenden I y -sonnen haben.

SÄÄ auch if. n< |i. 1*1-1. l-"6 3<-=- fielb und siebzig Stockwerken Apartment-Pracht.