Ausgabe 
14.8.1931
 
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Salzburger Festspiele.

Von Otto S ch a b b e l.

Welch ein Gesicht blickt mich Per an!

Kommt man wie ich aus den apollinischen Festspielbezirken von Bay­reuth wo aus dem Geist der Musik die Tragödie erwächst, wo erdentruckte Weihe über dem zur Kultstätte gewordenen Theater liegt, kommt man wie ich, das Ohr noch voll von den expansiven Klängen des Wagner­orchesters, aufgewühlt und beunruhigt im Innersten von der Nerven­musik desTristan", in die immer heiter gestimmte Kulturwelt Salz­burgs, die selbst ein tagelangerSchnürlregen" nur mit einem durch­sichtigen melancholischen Schleier verhängen kann: so empfindet man fast mit einer gewissen innern Beruhigung die Gegensätzlichkeit der beiden Festspielstätten.

Du trittst hier in eine andere Welt. Das heroische Theater von Bay­reuth, mit seiner weitausladenden, stilisierten Geste dort das lichte Rokokotheater mit den geistreich-sprudelnden, unpathetischen, ironischen Buffokomödien Mozarts und Goldonis hier: welche Kontraste öffnen sich unferm Blick! Es ist, als ob die Doppelmaske des Dionysos sich uns hier erst ganz in ihrem Sinn enthülle; es ist, als ob der Mensch hier das heitere Gegenspiel des Lebens erblicke.

Wahrlich, man braucht den Geist Bayreuths nicht zu verleugnen, wenn man auch das Kunstdasein Salzburgs als besonderes, künstlerisches, ja, als ein menschliches Glück empfindet. Richtet sich dort, auf dem grünen Hügel im Frankenland, in dem ganz schlichten gradlinigen Ziegelbau des Bayreuther Festspielhauses aus dem Erlösungsdrama Richard Wag­ners die ethische Idee zwingend hervor, so spricht hier die beschwingte Melodie unmittelbar lebensfreudig zu allen unfern Sinnen.

Die Melodie nicht minder der Musik Mozarts, die hier ihre Urheimat hat, und ähnlicher sinn- und stammverwandter Meister, der Musik auch der Architektur der Fischer von Erlach-Bauten, des Domes und der Kirchen. Die ganze Stadt hat ja ihre Melodie. Aus den Gassen, von den Plätzen strömt sie uns entgegen, heiter und lebensfreudig, ein erster Gruß Italiens, dessen Kulturwelt hier ihre innigste Verschmelzung mit deut­schem Lebensgeist begeht. Ueberragt von dem geschlossenen Trotz der mittelalterlichen Veste, durchrauscht vom Bergwasser der Salzach, umgeben von hochaufstrebenden Waldbergen, die heroische Felsakzente auftürmen und die Finales Brucknerifcher Symphonien ahnen lassen: es giebt keinen chöneren, keinen bewegteren Rahmen für festliche Spiele. Und der Mensch elbst, so oft er seinen Fuß in diese Stadt setzt, glaubt ein heiteres Lebens- fest zu begehen, dem die Spiele des Sommers, die musikalischen wie die theatralischen, eine letzte sinnvolle Erhöhung geben.

Roch stehen wir am Anfang des Salzburger Festspielsommers und der Kritiker wird nur ihr Gesicht nachzuzeichnen versuchen, ohne vor­zeitige Bilanzen ziehen zu wollen. Man muß die Salzburger Festspiele in ihrer Totalität aus dem österreichischen Musiksinn heraus begreifen, der sich in der Freude an der schönen Erfüllung, in dem ihm eigenen Gefühl für natürliche Stilwirkung selbst Genüge tut. Der Salzburger Festspielsommer ist eine einzige vielfältige Lockung. Man hat hier gar nicht einen hochtrabenden Ehrgeiz, sogenannte Musterausführungen zuwege zu bringen, man belastet nicht die Freude und den Genuß mit historischen, philosophischen oder ästhetischen Aushängeschildern. Man gibt und empfängt hier aus der Fülle eines ansehnlichen und höchst kultur­vollen Kunstgefühls heraus, das ist hier Wesentliches. Und es wird ehr­licherweise auch gar nicht geleugnet, daß die magnetische Kraft der Fest­spiele zugleich im Dienste der Fremdenverkehrswerbung steht.

Und auch als solche tut sie ihre Wirkung. Zwar stand die erste Fest- fpielwoche noch unter dem Schatten der deutschen Notverordnungen. Das Hundertmarkedikt für Auslandsreisen hat Unzählige im letzten Augenblick von der Reise zurückgeschreckt, wenn auch die Zollbarrieren nach Oesterreich verständigerweise nicht so hermetisch verschlossen waren, als daß sie den Festspielbcsuchern aus Deutschland nicht einen Durchschlupf gewährt hätten. Betrübten Herzens stellen die Salzburger das Fernbleiben des reichsdeutschen Gästekontigents fest, mit dem sie nach den Erfahrungen der früheren Jahre rechnen durften. Erfreulich, daß es noch genug zahl­kräftige Amerikaner, Engländer und Franzosen gibt, deren Wertschätzung deutscher Musik wenigstens eine gewisse Aussallsgarantie zu leisten verspricht!

Für den Höhepunkt der Festspielwochen werden die Gastspiele her Wiener Staatsoper mit demR o s e n k a v a l i e r", mitFide - lio" und den Glanzstllcken ihres Mozartrepertoires aufgehoben, Bruno Walter, Franz Schalk und Clemens Krauß werden das Orchester her Philharmoniker unb ein Ensemble her absgesuchtesten Mozartsänger Deutschlands und Oesterreichs dirigieren. Den Reigen her Orchesterkonzerte eröffneten die Budapester Philharmoniker mit zwei Abenden, in denen sie deutsche Klassiker vortrugen. Am ersten Abend ein klangvoller Orchesterkörper, der unter Emst von Dohnanyi sehr ausgeglichen und besonders ausdrucksvoll in den Streichern spielte, ohne indes unter dem ein wenig nüchtern-vornehmen Dirigenten hinzureißen, entzündete es sich erst wahrhaft an der heimischen Musik Bartoks und Kodälys, dessen Maroszeker Tänze besonders lebhaft interessierten.

Die Basis der Schauspielaufsllhrungen ist wiederum das barocke Kuli- spielJedermann" von Hugo vom Hofmannsthal, das Max Reinhardt auf dem Spielgerüst des Domplatzes unter freiem Himmel aufbaut. Ich kann nicht leugnen, daß an der Aufführung dieses Sommers schon ein leiser Erdenrest haftet. Die unmittelbare Suggestion des Rein- hardtschen Zauberstabes scheint zu fehlen. Als wäre der innere Zwang der Disziplin nicht mehr so stark wie bei den Ausführungen früherer Jahre. Diese Aufführung hat schon so etwas wie ein Normalgesicht bekommen, wenn auch die Bild- und Klangoffenbarungen im einzelnen die gleichen sind. Noch immer steigt Alexander Moissi als demütig gewordener Herr Jedermann in das Grab, noch immer ist Helene Thi - mig reinste Verkörperung des Glaubens und Dagny Servaes die fchönsteBuhlschaft". Die Abendsonne verklärt das schöne Bild, aus den geöffneten Domportalen dröhnt mächtig die Orgel, die Glocken fallen ein

unb bie ganze Stimmung dieses feierlich-erhabenen Spektakulums ist ein einziges ergriffenem ad majorem dei gloriam. Diese gewaltigen Stim­mungsakkorde, bie in den herrlichen Kulissen bes Platzes beschlossen sinh, sind Reinharbts treueste unb nie versagenbe Helfer, um bem Mysterium seinen großen Charakter zu sichern. In ben Darstellern scheint jeboch bas Gefühl für ben kultischen Stil zuweilen schon fühlbar verblaßt.

Auch sonst wartet Max Reinhardt im Schauspiel nicht mit großen neuen Gaben auf. Man sieht denSchwierige n", eine Ausführung, bie in Wien unb Berlin schon an bie hunbertmal gespielt ist, mit jener unvergleichlichen Leistung Gustav W a l b a u s in her Titelrolle, unb bie nicht minder populär gewordene Stegreisimprovisation von Goldonis Diener zweier Herren", in der Paula Wessely als Smeral- bina und Hermann Thimig als Truffaldino zwei Leistungen von echtem Bufforeiz auf die Bühne stellen. Außer der.S t e l l a" mit Helene Thimig unb Agnes Straub als Stella unb Cäcilie bringt fein Pro­gramm nichts Neues unb man findet, daß es des Guten doch eigentlich zu wenig fei.

Was aber kann schöner sein in diesem Rahmen als die echte Com­media dell'arte, so ganz in Stil und Stimmung dieser Umgebung ein­gehend wie die meisterlichen Ausführungen desBarbier von S e v i l l a", besSon Pasquale" unb derHeimlichen Ehe" von C i m a r o f a, mit benen ein Ensemble der Mailänber Scala aufwartet? Arturo L u c o n , ein Dirigent von eminent rhythmischer Feinfühligkeit unb höchster Schmiegsamkeit, unb bie Wiener Philharmo­niker finben sich zu einem Musizieren von gleichem Elan unb auf her Bühne stehen Sänger, die eins vor allem vor ihren deutschen Kollegen voraus haben. Sie sind nickst nur Sänger von echter Parlandokultur. Sie sind Komödianten aus innerstem Trieb und von vollendeter Begabung, in der Handhabung aller szenischen Möglichkeiten, Komödianten, die wir anstaunen wie seltsame Wunderwesen. Erfinderisch, geistreich, improvi­sierend, souverän und von höchster künstlerischer Diszipliniertheit entfaltet sich in ihnen bas Brio, bie vehemente Schlagkraft einer elementaren Spielkunst, die hohes Raffinement in letzte Unmittelbarkeit ummünzt. Mariano Stabile als Figaro dellqualitä und als Malaiesta inDon Pasquale", unb Fernanbo Autori als Bafilio, bie uns Deutschen bie Urelemente bes Mimus verstänblich machen. Allein biefe italienische Meisteraufsührungen sink» ein unaussprechlich reiner unb reicher Genuß bes Salzburger Festspielsommers.

Indianer in Zivil.

Von Ann Tizia ßeitidj.

Chief Long Lance würbe von der Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein, der ehemaligen Schwiegertochter Wilhelms II., als ein smarter, interessant häßlicher junger Mann gemalt, der mit Zylinder und Malakkastöckchen über die Leinwand schreitet, augenscheinlich von einem Rendezvous zum andern, von einem Tee in der sechsundachtzigsten Straße, Ost, zu einem Dinner in Park Avenue. Genau so, als ein Mann von Welt, tritt er einem entgegen, wenn man ihm bann wirklich begegnet. Sein Teint ist von jener monbänen Bräune, wie sie um biefe Zeit ein Aufenthalt auf bem kostspieligen Sand von Palm Beach ober Spaziergänge zwischen ben Ruinen von Luxor verschaffen; seine Nase hat einen burch einen Hieb h-rvorgerufenen Bruch in ber Mitte, was sein Gesicht zwar verunstaltet, ihm aber auch zugleich etwas Verwegenes verleiht; es mag einer der Gründe (ein, warum es Einladungen auf feinen Tisch in einem einfachen Schlafzimmer des Explorers Club nur so regnet.Chief Long Lance? sagte man mir,oh, ber ist ein ,Society-Indian1. Bei ihm werben Sie nicht viel über bie Jnbianer erfahren. Außerbem ist er nicht ganz reinrassig." Long Lance, ber in einer ber besten Jnbianerschulen, Carlisle in Penn- sylvanien, ftubierte, Schüler in ber Militärakabemie von West-Point war unb ben 'Krieg als Kapitän ber kanabischen Truppen mitmachte, lebt jetzt von ber Kunst, bie alte Völker soviel bester verstehen als junge: so wenig als möglich zu arbeiten unb seine Muße so angenehm als möglich zu verbringen was er äußerlich badurch ausbrüdt, baß er den Frack, dieses in Amerika nutzloseste Kleidungsstück, mit ausgezeichnetem Schick trägt. Versuchte er eine solche Lebensphilosophie auf einen Hintergrund von Dollarmillionen, so würden die Amerikaner Respekt vor ihm haben, da er aber umgekehrt auf ber Basis einer finanziellen Bagatelle barin exzelliert, so zucken sie verächtlich bie Achseln unb nennen ihn einen ,Society-Indian1, was übersetzt soviel heißt, als baß ein Mann ben Charme seiner Persönlichkeit bazu benutzt, um bei Dinners, beren Opulenz von Männern bestritten wirb, bie bie ihnen mangetnbe Kenntnis, wie man mit Grazie nichts tut, burch einen Furor bes Gelbverbienens ersetzen, ben Damen bas maskuline Element von einer anberen Seite zu zeigen.

Ganz anbers verhält es sich mit Chief Yellow Rohes (Gelbes Kleid) alias Chauncey Kills, einem Sioux, der im vergangenen Frühling in einem Neuyorker Hospital starb. Er war ein hochgebildeter Sechziger, der sein Leben der Aufgabe geweiht hatte, als Mittler unb Interpret, nicht nur in sprachlicher, fonbern vor allem in spiritueller Hinsicht zwischen bem American Indian Departement unb seinen inbianifdjen Brübern zu wirken, inbem er biefen bie Kultur ber Weißen, mit ber sie nur ungern sich hebenden lassen, zugänglich machte. Das Indian Departement, bem Erziehung, Organisation unb Vorrnunbschaft über bie Jnbianer obliegt, hat bekanntlich in verflossenen Dekaben viele Sünben auf sich geladen, indem es bemüht war, bie Ureinwohner Amerikas in einer Weise zu amerikanisieren, bie biefen burchaus fremd, widerwärtig und unerreichbar war. Der Indianer erwies sich als seelisch unb geistig so verschieben vom Weißen, baß z. B. bieintelligence tests, bie Jntelligenzprüfungen, für ihn nicht anroenbbar sinb. So ist es nur sehr schwer möglich, bie Jnbianer- tinber in eigens hierzu errichteten Schulen zu einer geregelten, vorn amerikanischen Standpunkt aus produktiven Arbeit zu erziehen, wird aber immer noch mit viel Drill gemacht, obwohl man nun überzeugt sein muß, daß bie Raste eben für gewisse Arbeiten nicht taugt. Es enttäuschte bie leibenschaftlich gern als Zivilisations-Missionare tätigen Amerikaner zu­tiefst, baß von allen Völkern, bie im berühmten Schmelztiegel zusammen-