Ausgabe 
14.8.1931
 
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SietzeiierKmiilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1951 Zreitag, den 14-August Nummer 63

Kinderlieb von den schönen Gommervögeln.

Von Friedrich Rückert.

Es kamen grüne Vögelein Geflogen her vom Himmel, Und setzten sich im Sonnenschein In fröhlichem Gewimmel All' an des Baumes Aeste, Und faßen da so feste. Als ob sie angewachsen sei'n.

Sie schaukelten in Lüften lau Auf ihren schwanken Zweigen: Sie aßen Licht und tranken Tau, Und wollten auch nicht schweigen, Sie sangen leife, leise, Auf ihre stille Weise

Von Sonnenschein und Himmelblau.

Wenn Wetternacht auf Wolken sah, So schwirrten sie erschrocken: Sie wurden von dem Regen naß. Und wurden wieder trocken; Die Tropfen rannen nieder Vom grünenden Gefieder, Und desto grüner wurde das.

Da kam am Tag der scharfe Strahl, Ihr grünes Kleid zu sengen. Und nächtlich kam der Frost einmal, Mit Reif es zu besprengen. Die armen Vöglein froren, Ihr Frohsinn war verloren, Ihr grünes Kleid ward bunt und fahl.

Da trat ein starker Mann zum Baum. Und Hub ihn an zu schütteln, Vom obern bis zum untern Raum Mit Schauer zu durchrütteln;

Die bunten Vöglein girrten

Und auseinander schwirrten;

Wohin sie flogen, weiß man kaum.

Der Sendbote.

Von Selma L a g e r l ö f.

Copyright 1931 by I. L. A. Wien.

Es war einige Jahre nach dem Tode meines Vaters, als wir gerade einzusehen begannen, daß es nicht möglich sein würde, das elterliche Gut Morbacka zu behalten. Aber wir hatten uns noch nicht entschließen können, den Gedanken ganz auszudenken, und wir hatten noch nicht über die Sache gesprochen, weder miteinander noch mit irgend einem Fremden.

An einem Sommervormittag saßen wir auf der Veranda, wir alle, die wir im Hause weilten, und putzten Stachelbeeren. Es war der !ch°"st^ Tag, den man sich denken konnte, angenehm warm, kein Wind, und der ganze Himmel voll schöner aufsteigender weißer Wölkchen.

Wir dachten wohl an ein und dasselbe. Nächsten Sommer wurden wir vielleicht nicht mehr hier sitzen und die weißen Wolkenberge hinter den ^bereschenkronen aufsteigen sehen. Fremde Augen wurden den Glanz der Pfingstrosen und Provencerosen trinken, fremd« Hände wurden unsere Stachelbeeren pflücken und unsere Aepsel unter den Baumen auflesen. Fremde Menschen würden sich daran freuen, dies zu besitzen, worin wir ausgewachsen waren, in dem die Wurzeln unseres ganzen Seins ruhten. Was für Freude würden wir fortan an der Sonne oder am Sternen­himmel, an Frühlingsblumen und Herbstpracht haben? All das mar ja mit unserem Haus verknüpft. Durften wir nicht hier bleiben, dann wur­den wir das rechte Gefühl für die Erscheinungen in der Natur verlieren. Natürlich würde es auch anderswo Frühlingsgrün und warmes, schönes Wetter geben, aber es würde uns gleichgültig lassen, es wurde uns nichts anqehen. P w

Doch keiner von uns hatte den Mut, von diesen Furchtbaren zu sprechen, das uns bevorstand. Wir wollten es noch wegschieben und glauben, daß es sich vermeiden ließe, daß wir «inen andern Ausweg finden könnten. Die Lage war vielleicht gar nicht so veyweifelt. Wir hatten es unseren Nachbarn noch nicht angemerkt, daß sie um unsere Sorgen wußten. Die Leute kamen und gingen bei uns, ganz wie immer, aus und ein. Niemand schien daran zu denken, uns zu bedauern. Uder,

wenn man darum wußte, war es da nicht seltsam, daß keine Hand sich rührte, um uns zu helfen? Daß man uns ganz einfach fortziehen lieft, als hätte dies gar nichts zu bedeuten. Es war, als spielte es gar kein« Rolle, daß wir die Gegend verließen. Und doch hatte unser Geschlecht schon viele hundert Jahre da gehaust. Aber wir hatten vielleicht keinen Nutzen gebracht. Ein kleiner Herrenhof mehr oder weniger, das war wohl kein Grund zu trauern.

Während wir so in diesen Gedanken dasaßen und jeder sein Beste» tat, um den andern seine Unruhe zu verbergen, hörten wir in der Ferne Klarinettentöne.

Wir zuckten zusammen und lauschten. Zuerst wollten wir kaum glau« ben, daß wir recht hörten, daß wirklich Musik in der Stille dieser Sommervormittags erklang.Was in aller Welt kann das sein?" sagte« wir.Ja, da spielt jemand. Es muh iroendein herumziehender Musi­kant sein."

Aber die Töne drangen fest und klar zu uns. Und es konnte auch kein Zweifel mehr sein, wer es war, der da spielte. Es konnte kein anderer sein als unser alter Jon Asker, der Klarinettenbläser, der bei allen unsere« Geburtstagsgesellschasten und Weihnachtsfeiern Tanzmusik zu spiele« pflegte. Wir erkannten seine Polkas und Walzer. Da war kein Irrtum möglich.

Jedesmal, wenn wir in Morbacka ein Fest hatten, war er ein selbst­verständlicher Gast gewesen. Er hatte sich nie lange bitten lassen. Eigent«. lief) war er von düsterer, schwerblütiger Gemütsart, aber um so größer war wohl sein Bedürfnis nach einem guten Schmaus mit Munterkeit und Freude, Gesang und Tanz.

Aber wie kam es doch, daß er heute mit einer Klarinette draußen war? Warum sah er da in dem strahlenden Sonnenschein und spielt« seine Walzer? Wir merkten es am Klang, dah er aus einem kleine« Waldabhang, ganz nahe am Haus sah, obwohl wir ihn nicht sehen konnten, Er ist wohl auf der Jagd gewesen", sagte jemand.Und jetzt ver­gnügt er sich damit, während er sich ausruht, seine alten Weisen zu spielen."

Ja, das konnte ja sein. Wir wußten ja, daß er ein gewaltiger Jäger war. Er dachte vielleicht gar nicht daran, daß wir ihn hörten. Er spielt« nur für sich selbst und den Jagdhund.

Aber als wir uns gerade dabei beruhigen wollten, hörten wir ihn die große Arie ausPreziosa" anstimmen:Einsam bin ich nicht alleine."

Ach nein, das spielte er nicht für sich selbst oder für den Jagdhund.

Das war für uns bestimmt. Diese Arie war eines der Lieblingsstück« meines Vaters gewesen. Die hatte er ihm jedesmal Vorspielen müsse«, wenn er bei uns gewesen war.

AufPreziosa" folgte die Verführungsarie ausDon Juan" und der Björnborger Marsch. Alle die feinsten Nummern, die der Alte auf seinem Programm hatte.

Wir saßen stumm da und hörten zu. Wir waren ganz bleich geworden und zitterten. Wir wagten kaum einander anzusehen. Dieses Klarinetten«« spiel war vielleicht an und für sich nicht so besonders wohlklingend, aber es erweckte so viele Erinnerungen.

Nun begann der Spielmann Bellmanns LiedWer denkt unsere» Bruders nicht". Und da tarnen uns allen die Tränen in die Augen. Wie oft hatten er und andere Sangesbrüder Leutnant ßagerlöf dieses Lied vorgesungen!

Aber obgleich uns all dies sehr ergriff, konnten wir doch nicht recht verstehen, was es eigentlich zu bedeuten hatte. Warum war der AU« den langen Weg gegangen? Warum saß er da und spielte uns all dies vor?

Da sagte meine Schwester ganz hastig, so, als wäre ihr eine Eine gebung gekommen:

Er hat erfahren, daß wir Morbacka nicht behalten können, und nurt ist er gekommen, um uns für all die vielen Male zu danken, die er e» hier bei uns schön gehabt hat." Damit war das Furchtbare ausgesprochen, und wir hatten zuerst das Gefühl, als hätte man uns einen Schlag ver­setzt. Wir hatten ja selbst der Tatsache nicht in die Augen sehen wollen, und wir hatten nicht glauben wollen, daß andere etwas wüßten.

Aber wir begriffen auch sofort, daß sie recht hatte. Wir begriffen, baft der Alte aus diesem Anlaß gekommen war.

Er war hier, um uns Dank zu sagen, für all das Helle und Schöns das er und andere in unserem Hause genossen hatten. Er wollte uns erinnern, daß es eine Quelle der Freude gewesen war, ihr Strahl war hoch zum Himmel gesprüht und hatte viele angezogen und erquickt.

Doch uns schien es so, als wäre er ausgefanbt, um uns zu sagen, baft es kein Entrinnen gab, daß das Unheil hereinbrechen mußte.

Aber wir dankten doch Gott, daß wir unseren Urteilsspruch in dieser Gestalt gehört hatten. Ja, Gott sei Dank und Lob, daß die barte Wahr­heit in helle Erinnerungen eingehüllt kam, in Wehmut und Dankbarkeit«