Sie kannten den Weg, waren beide ja nicht zum erstenmal hinter den Kulissen des Hebbeltheaters. Durch die Tür gingen sie, hinter der alle Wände kahl und nüchtern sind und die Steinstusen keine Läufer mehr haben. Wo das eigentliche Theater anfängt, es aber so gar keinen Theaterzauber mehr gibt.
Büchner stand auf der Bühne. Es wurde im Halbdunkel umgebaut, er ordnete an, leise, sicher. Neben ihm die Wiedner, Paula Wiedner, die junge, der die Presse alles Lob sang. Jetzt wartete sie bescheiden. Sie gab das Mädchen in dem stillen, reinen Paar. Und Isa dachte: Meine Nolle.
Gertie drängte vor.
Da sah er die beiden, wandte sich der Schauspielerin zu: „Ja, es war gut, recht gut sogar. Aber im achten Bild ruhig noch'etwas weicher, Paula; es schadet nichts. Die Leute können's heute vertragen. Und nun ziehen Sie sich um."
Schon stand Gertie neben ihm, streckte ihm die Hand entgegen: „Also ich gratuliere, wir gratulieren. Wundervoll!"
Büchner blieb ganz ruhig; er lächelte nur überlegen. „Bitte nicht hier. Kommen Sie."
Sie gingen zum Konversationszimmer. Es war leer. Die Beteiligten saßen alle in ihren Garderoben.
„Also zufrieden?"
Wieder hatte Gertie gleich das Wort: „Wie ich sagte: wundervoll." — „Und das Publikum?"
„Na, keiner muckste. Die berühmte Stecknadel hätten Sie hören können. Sie gehen restlos mit. Großer Erfolg. Ihr Erfolg, Doktor Büchner, allein Ihr Erfolg."
Er hatte wieder sein Lächeln; er kannte ja Gerties Redestrom. „Und Sie, Fräulein Isa?" fragte er.
„Ich freue mich sür Sie. Ich hatte es mir gedacht."
Schon sprang (Berti von neuem ein: „Aber die Fösten, ich bitte Sie. In solcher Szene. War denn da nicht mehr rauszuholen?" Sie hob ihre roten Zipfel hoch, daß sie plötzlich im kniefreien Rock dastand. „So hätte ich das gebracht." Und wirklich: Da sprudelten schon die Sätze der Rolle, die Witze; sie verdrehte die Augen, schlenkerte mit den Beinen.
„Bravo", rief Büchner. „Wahrhaftig, Sie könnten's. Aber halten müßte man Sie, bremsen. Temperament haben Sie, daß muß man Ihnen lassen!"
„Auch Talent?" — „Jawohl, auch Talent."
Gertie ließ das Gezipfel fallen, stand nun wieder als Dame da in ihrem großen Kleid. „Geben Sie's mir schriftlich, Doktor Büchner. Bitte. Ja?"
„Aber nicht heute." — „Gut — also morgen."
Ein Bühnenarbeiter kam: „Herr Doktor ..."
„Ich komme." Er gab beiden die Hand. „Dank, daß Sie da waren. Es hat mich gefreut." Und fort war er.
Gertie packte Isa an den Schultern. „Ich krieg's schriftlich, du, schriftlich krieg' ich's. Von Büchner. Weißt du, was das heißt? Engagement. Arbeit. Heraus aus der Schule, hinein in die Praxis, Isa, Mädel, hör' doch ..."
„Ich höre ja, Gertie. Ich freue mich für dich. Aber nun komm. Die' Pause muß gleich um fein." — —
Es wurde der ganz große Erfolg. Das Übervolle Haus rief zum Schluß nach Büchner — immer wieder nach Büchner. Es war allen klar: er hatte das Stück gemeistert, feine Kunst hatte die Handlung geführt, die Schauspieler geleitet. Aber Büchner zeigte sich erst, nachdem der Vorhang sich wohl zwanzigmal vor den Mitwirkenden und dem Autor gehoben und gesenkt hatte. Und auch dann blieb er noch bescheiden beiseite und schob die anderen vor.
Isa und Gertie klatschten, bis ihnen die Hände müde waren; sie standen erst auf ihren Plätzen, dann seitwärts im Gang vor den Logen, standen inmitten der Masse Menschen, die sich nicht beruhigen wollten, die den Triumph bis zum letzten auskosteten; die stolz waren, eine Sensation mitzuerleben.
Wie schließlich der eiserne Borhang heruntergerasselt war, die Menschen aber noch kein Ende fanden, weiter riefen, weiter brüllten, damit sich vielleicht die kleine Tür noch einmal öffnete, um die Helden des Abends vor die Rampe zu lassen, da kroch Isa der Gedanke hoch: „Ist es nicht eigentlich ekelhaft, dieser Lärm, die Sensationslust nach einer künstlerischen Leistung, nach einem Stück, das nur Elend zeigte? Ist es würdig, jetzt unter all diesen wohlgenährten, schmuckbehangenen, teuer gekleideten Individuen zu stehen, nachdem einem eben gezeigt wurde, wie das Leben wirklich ist, im Vorderhaus und im Hinterhaus?"
Da kam Büchner noch einmal vor, verneigte sich, und sie sah, daß seine Züge müde und schlaff waren und daß auch fein Blick fast mit Verachtung auf die Herde sah, die da unter ihm blökte, daß seine Mundwinkel sich im Ekel senkten. Sie wußte: er denkt, wie ich. Da tat er ihr fast leid. — Wenn ein großer Erfolg letzten Endes solchen Beigeschmack hatte, lohnte es dann die Mühe?
Sie stieß Gertie an: „Wir wollen fort."
Die Dunkle schreckte auf: „Herrgott — unsere Mäntel. Dein Vetter wird schon auf uns fluchen."
• *
Leo Queis stand am Wagen, er hatte (Berties Pelz im Arm, während Bretthauer Isas Mäntelchen hielt. Isa stutzte: war diese Verteilung Zu-" fall, war sie Absicht? Irgendwie verstimmte es sie.
Gertie war schnell in ihrer Hülle, sie schwatzte schon wieder: „Haben wir Sie lange warten lassen, Gras Queis? Sind Sie böse? Aber wir mußten den Erfolg doch bis zum letzten auskosten, wo wir Büchner persönlich kennen."
Er nickte: „Ich weiß. Wollen Sie mir nicht noch etwas von dem großen Mann erzählen?" Er wandte sich Isa zu: „Hättest du nicht Lust,
noch aus ein Stündchen Ins Union zu kommen? Du mußt dach noch etwas essen."
Langsam schüttelte sie den Kopf: Danke Leo. Ich habe vor dem Theater gegessen. Ich bin auch müde. Großmutter schläft nie fest, ehe ich nicht zu Hause bin." — Er bat: „Es ist ja noch so srüh, das Stück war ja nicht lang."
„Nein, Leo, es geht nicht. Ich brauche meinen Schlaf, jede Stunde. Fräulein Rose und ich haben morgen zu arbeiten, ernst zu arbeiten, Und außerdem, Leo — ich bin nicht Peter."
Sie ging eilig auf den kleinen grünen Roadster zu.
(Bertie folgte, schloß auf, setzte sich an das Steuer, wartete, bis Isa neben ihr hockte. Dann drückte sie auf den Anlasser.
Lange fuhren sie schweigsam nebeneinander. Erst dicht vor der Keith- straßenwohnung sagte Gertie: „Ich weiß, Isa, weshalb du deinem Vetter die Bitte ab schlugst, ich verstehe es auch. Aber das letzte hättest du nicht sagen sollen." Und kurz ehe der Wagen hielt: „Nein, das letzt« nicht."
*
Es war ein schweres Stück Arbeit für Peter, bis zum Geheimrat Dannegger vorzudringen. Er muhte sich durch drei Bureaus durchkämpfen, und als er schließlich wirklich bis vor die Tür des Gewaltigen der Dannegger-Werke gelangt war und feine Karte hineinschickte, hieß es: Der Herr Geheimrat bedaure, er hätte bereits schriftlich Bescheid gegeben, er hätte keine Zeit. „Gut", sagte Peter, „so warte ich."
Der Beamte hob die Schultern: „Hier können Sie nicht warten." — Peter erwiderte nur: „Doch, ich kann."
„Der Herr Geheimrat ist für Stunden besetzt."
,^Jch habe Zeit."
„Es ist aber kein Stuhl hier." — „Ich kann stehen."
„Ich darf Sie hier aber nicht herumstehen lassen."
„Ich werde niemand stören. Die Ecke dort genügt mir."
„Es kann Abend werden, ehe der Chef sein Zimmer verläßt." — j Peter wandte sich seiner Ecke zu. „Ich werde die Geduld nicht verlieren."
Ein Herr mit einer Mappe kam: „Melden Sie mich bitte, Brägels." Der Beamte dienerte: „Sehr wohl, Herr Direktor."
i Peter trat zurück. Der Herr sah ihn an. „Wollen Sie zum Herrn ■ Geheimrat?" — „Jawohl."
„Schon gemeldet?" — „Jawohl." . ’?
„Verzeihen Sie, wenn ich vor Ihnen eintrete, ich habe es sehr eilig." — „Bitte sehr."
Brügels kam zurück. Der Herr mit der Mappe ging durch die offen gehaltene Tür. —
Peter stand ganz ruhig und beobachtete: Immer wieder tarnen Herren mit und ohne Mappen, in sehr feinen und sehr einfachen Anzügen, einmal sogar einer im Arbeitskittel, mit dem Brögels sich vertraulich duzte; wohl ein Werkmeister. Alle schienen es eilig zu haben, . alle schienen auf eine bestimmte Zeit bestellt zu fein, denn sie zogen die 1 Uhr, wenn sie vor der Tür antnmen. Die Konferenzen drinnen dauerten meist nur Minuten, viel drumherum schien der große Dannegger nicht zu reden. Darauf mußte man sich also einstellen.
Peter paßte auf; es gab allerlei Namen zu hören: Direktor Folkung — Direktor Mayer — Werkleiter Krüger — Syndikus Doktor Rosen- ftiel — Prokurist Elterlein, bann Bezeichnungen: Elektrowerk — Großtischlerei — Bau III — Bau VIII — Feinmechanik — Motorenwerk Saalebrücke — Kleinmotorenwerk Stadt. Das war interessant. Man kannte kombinieren: zum Beispiel, daß Werkmeister Krüger zum Motorenwerk Saalebrücke gehörte. Einmal gelang es Peter, einen Blick in das Allerheiligste zu werfen: da sah hinter einem Riefenschreibtisch ein Mann mit schmalem Gesicht, das ein Spitzbart umrahmte, vor den Augen eine Stahlbrille. Das war also Dannegger. Gut, daß er wenigstens wußte, wie er aussah. Dann und wann schrillte vor der Tür eine Klingel, worauf Brögels eilig im Zimmer verschwand. Meist kam er mit einem Arm voll Untcrschriftsmappen zurück, die er den (Bang hinunter in andere Zimmer trug. Einmal ging er auch für längere Zeit fort, um bann mit einem Kantinentablett wieberzukommen, auf dem eine große weiße Tasse voll Kaffee stand. Auch die verschwand in der Tür. „Also sehr schlicht", folgerte Peter.
Er schnüffelte. Von dem Kaffee war ein Duft in der Luft hängen geblieben. Plötzlich verspürte er Hunger. Er war um 6 Uhr früh aus Berlin abgefahren, nach sieben Stunden glücklich in Jena gelandet, gleich in das Verwaltungsgebäude gegangen. Jetzt war es fünf. Also wartete er rund drei Stunden. Gut, er würde weiter warten. Trotz des Hungers.
Einmal sagte Brögels: „Sie haben Ausdauer."
„Kann nie schaden", antwortete Peter.
Um sechs läuteten Glocken auf den Fluren, lleberall gingen Türen auf. Männer in Mänteln, Filzhüte auf den Köpfen, stürmten heraus. Auch sie hatten meist pralle Mappen unter den Armen. „Hier wird zu Hause weitergearbeitet", dachte Peter.
„Jetzt ist Schluß", sagte Brögels.
„Macht der Geheimrat auch Schluß?" — „Nein."
„Machen Sie Schluß?" — „Nein."
Peter lächelte. „Ich auch nicht." Er ging wieder still in seine Ecke. Jetzt fingen ihm an die Beine weh zu tun. Er bewunderte den alten Brögels, der doch auch die ganze Zeit gestanden hatte. „Was der kann, muß ich auch können", dachte er. Und bann: „Wenn Gertie mich so sähe, würbe sie mich wahrscheinlich auslachen — vielleicht auch nicht.
! Es würbe bunte!. Auf bem Flur flackerte eine Birne auf. Brögels I lehnte sich ans Fensterbrett unb gähnte. Nun tarnen feine Mappenherren mehr.
I Sieben Uhr. Auch Peter gähnte.
Um halb acht ging enblich die Tür auf.
Peter streckte sich. „Jetzt", buchte er. Er trat auf ben Mann mit der Stahlbrille zu unb verbeugte sich furz. „Von Weiher!" sagte er sich vorstellend. (Fortsetzung folgt)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Derlag: Drühl'sche Aniversitöts-Duch- und Steindruckereft JL Lange. Sieden.


