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zigen Spiegel zu, der im Gang hing, ihr kurzes, welliges, dunkles Haar. Di
;. Da stand sie vor dem Glas, ordnete
worden, ich hatte nur vage um sie herumgesonnen und sie nicht ganz und entscheidend zu Ende gedacht. Dies geschah mir nun an jenem Tag, in jener Stunde, die ich erzählen will. Ich reiste damals auf einem Schiff, es war ein italienisches, im Mittelmeer, von Genua nach Neapel, von Neapel nach Tunis und von dort nach Algier. Es sollte tagelang dauern, und das Schiff war fast leer. So kam es, daß ich oftmals mit einem jungen Italiener von der Mannschaft sprach, der, eine Art Unterkellner des eigentlichen Stewards, die Kabinen fegte, das Verdeck schrubbte und allerhand ähnliche Dienstleistungen zu leisten verpflichtet war, die innerhalb der menschlichen Rangordnung als untergeordnete gelten. Es war eine rechte Lust, ihn anzusehen, diesen prächtigen, braunen, schwarzäugigen Burschen, dem die Zähne blank aus den Lippen leuchteten, wenn er lachte. Und er lachte gern, er liebte sein singendes slinkes Italienisch und vergaß nie die Musik mit lebendigen Gestikulationen zu begleiten. Mit einem mimischen Genie fing er die Gesten jedes Menschen auf und gab sie karikaturistisch wieder, den Kapitän, wie er zahnlos redete, den alten Engländer, wie er steif, mit linker vorgeschobener Schulter über das Verdeck ging, den Koch, wie er würdevoll nach dem Diner vor den Passagieren stolzierte und den Leuten kennerisch auf die
„ . „ . . 'ie weißen Arme, schlank, sportlich-fest,
standen wie ein Rahmen um ihren Kopf. Isa sah jede Bewegung. „Wie
obutlion cor t zusammen- !r Menschen, Natur und es Erben ist ht die Seele lngewöhntes, ch wird diese herabgesetzt, ist aus diese ereichert und
(Fortsetzung.)
Gertie aber schob sich in diesem Augenblick seitwärts zwischen einer Dame in Toskatüll und einer in rauchblauem Samt hindurch dem ein
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Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz. Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.)
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I von ihm gefüllten Bäuche sah. Heiter war es, mit dem braunen Wildling zu plaudern, wenn dieser Bursch mit der blanken Stirn und den tätowierten Armen, der, wie er mir erzählte, auf den Liparischen Inseln — seiner Heimat — jahrelang Schafe gehütet hatte, besaß die gutmütige Zutraulichkeit eines jungen Tiers. Er spürte gleich, daß ich ihn gern hatte und mit niemand anderm auf dem Schiff lieber sprach als
Imit ihm.
Da plötzlich baute sich über Nacht zwischen mir und ihm eine unsicht- - ‘ bare Wand. Wir waren in Neapel gelandet, das Schiss hatte Kohle, Passagiere, Gemüse und Post, seine übliche Hafennahrung, eingenommen und machte sich wieder auf den Weg. Schon duckte sich wieder der stolze Posilipp zu einem kleinen Hügelchcn, und die Wolken über dem Vesuv kringelten sich klein wie blasser Zigarettenrauch, da schob er plötzlich scharf an mich heran, das Lachen breit über den Zähnen, zeigt mir stolz einen zerknitterten Brief, den er soeben empfangen, und bat mich, ihm
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gut ihr dies Rot steht. Wie hübsch sie aussieht. Sie sollte mehr Rot tragen, ich sag's ihr nachher." Cs war kein Neid in ihr; sie freute sich für Gertie.
Plötzlich drehte sich Gertie um, ein Herr hatte sie angesprochen. Zuerst stand eine Falte in ihrer Stirn, dann war aber gleich ein frohes Lachen da, die ganze Reihe gesunder, blanker Zähne wurde sichtbar. Und nun erkannte auch Isa: es war Queis, lang, schlank, saft alle anderen überragend. Sie konnte nicht verstehen, was die beiden sprachen, konnte sich aber denken, von den Mänteln, vom Auto, von Bretthauer. Jetzt wies Gertie mit dem Kopf zu ihr hinüber. Queis folgte der Bewegung, machte sich schnell Bahn, trat auf sie zu.
„Guten Abends Isa."
Sie reichte ihm die Hand.
„Das gnädige Fräulein hat mir schon berichtet. Bretthauer und mein Wagen werden sich freuen, sie haben selten solch ein Vergnügen. Schade, daß das gnädige Fräulein ihren eigenen Wagen da hat, es wäre mir sonst eine Ehre gewesen ..."
Das Klingelzeichen rief durch das Haus. Alles drängte nun zu den Türen.
„Wir müssen gehen, Leo!"
„Schade", sagte er. Und dann zu Gertie: „Wo sitzen Sie, gnädiges Fräulein? — So, im Parkett. Ich leider oben im ersten Rang. War froh, noch eine Karte zu dem großen Ereignis zu bekommen. Vielleicht sehen wir uns in der Pause." ,
Gertie lachte wieder, nickte. — Sie gaben sich die Hände. Dann ging Gertie zur Tür.
Leo Queis hielt Isa fest; er beugte sich zu ihr, fragte leise: „Wie heißt eigentlich deine kleine Freundin?"
„Fräulein Rose."
„So — so. Rose. Sehr niedlich."
„Wurst und Schinken en gros, wenn du gern mehr wissen willst."
Kurz wandte sie sich ab. (Bertie stand mit den Karten wartend am Eingang. Der Türhüter riß die Kupons ab, sie traten ein, suchten sich ihren Platz. Kein Wort brachte Isa über die Lippen. Sie hatte nur ein Gefühl: Das war eben sehr häßlich von dir und sehr albern.
Dachte es noch, als der Gong ertönte, das Haus sich verdunkelte, der Vorhang aufging.
Isa wurde doch von den Vorgängen auf der Bühne gepackt. Es war eine echt Büchnersche Regiearbeit; alles gedrängt zu schärfstem Tempo. Schlaglicht neben Schlaglicht. Isa erkannte: Hier wirkte weniger das Stück als die Kunst, wie es auf die Bretter gestellt war. Es war ein Gewirbel von Personen, ein ewiges Kommen und Gehen, ein Nebeneinander und Ineinander.
Vorderhaus — Hinterhaus und überall war Elend, hier überblendet vom Talmiglanz, dort kahl und nackt. Jeder war darauf bedacht, den anderen zu übervorteilen; die von vorn spekulierten und erpreßten, die von hinten stahlen und brachen ein. Aber in der Mitte stand ein junges Paar, aus beiden Sphären zusammengeweht, das rein durch all den Schmutz ging. Nicht der Autor hatte es dorthin gestellt, Büchners .Regie rückte diese beiden Menschen in den Vordergrund. Isa fühlte das: es wurde leiser, gedämpfter, wenn die beiden tarnen, das Rampenlicht hellte ein wenig auf, matte Scheinwerfer spielten um fie, Büchner schuf plötzlich im wilden Trubel eine klare, reine Atmosphäre. Wundervoll. Dann ging die Hatz weiter, der Wirbel. Von Bild zu Bild — pausenlos — atemraubend. Ohne daß der Zuschauerraum sich erhellte.
Die Drehbühne arbeitete, ihr Rattern ließ Büchner hier im Rasseln von Maschinen, dort im Johlen und Lachen untergehen, er benutzte selbst dies Geräusch zur Steigerung. Kurz vor der Pause schnellte bann plötzlich drastische Komik auf: eine kleine Szene, über die der Vorhang fiel. Auch fie meisterhaft geordnet, richtiger Abschluß, um für die Pause all die düsteren Eindrücke zu verwischen, freundlichere Ausblicke zu geben. Die Frida Fösten hatte hier die tragende Rolle; das also hatte sich Büchner für Gertie gedacht.
Beifall rauschte auf. Kräftig, ehrlich. Auch Isa klatschte, und neben ihr Gertie. Aber fie hatte keine Ruhe, fie drängte aus der Reihe der Sitze und zerrte Isa mit. „Komm, komm. Ich gehe zu ihm; fabelhaft, wie er das wieder gemacht hat."
„Er wird gerade Zeit für uns haben."
„Auf einen Händedruck wird es schon langen."
„Wir stören ihn nur."
„Stören vielleicht. Freuen wird es ihn aber doch. So was freut jeden, der Theaterblut hat. Anerkennung, Beifall. Das find die wichtigsten Requisiten. Aber wenn du dich lieber mit Queis unterhalten willst ..."
Da ging Isa mit. Jetzt Queis — nein. Ihr letztes Wort fiel ihr ein: häßlich und albern.
den Brief vorzulefen.
Ich verstand zuerst nicht gleich. Ich meinte, Giovanni habe einen Brief in einer fremden Sprache erhalten, französisch oder deutsch, wahr- kcheinlich von einem Mädchen — ich verstand, daß dieser Bursch den Mädchen gefallen mußte —, und nun wollte er wahrscheinlich, daß ich ihm die Potschaft ins Italienische übersetze. Aber nein, der Brief war italienisch. Nein, wiederholte er und beinahe heftig, Sorlesen sollte ich ihm den Brief, vorlesen. Und plötzlich war mir klar: dieser bildhübsche, kluge, mit natürlichem Takt und einer wirklichen Grazie begabte Bursche gehörte zu jenen statistisch festgestellten sieben ober acht Prozent seiner llation, bie nicht lesen konnten. Er wcyr ein Analphabet. Dieser Giovanni icar ber erste bes Lesens nicht laubige Europäer, dem ich begegnete, und ich sah ihn wahrscheinlich verwundert an, nicht mehr als Freund, nicht »lehr als Kameraden, sondern als Kuriosum. Aber bann las ich ihm natürlich seinen Pries vor, einen Brief, den irgendeine Näherin Maria »der Carolina geschrieben hatte und in dem eben das stand, was in :llen Ländern, allen Sprachen junge Mädchen jungen Burschen schreiben. Er blickte mir scharf auf den Mund, während ich las, und ich merkte He Anspannung, jedes Wort zu behalten, lieber seinen Augenbrauen kuckelte sich die Haut, so quälte ihn die Anstrengung des Zuhörens, des Henau-behalten-Wollens. Ich las den Brief zweimal vor, langsam, deutlich, er horchte jedes Wort in sich hinein, wurde immer mehr zufrieden, ietam strahlende Augen, der Mund blühte breit auf wie eine rote Rose im Sommer. Dann kam von Reling her ein Schiffsoffizier, und er katschte rasch weg. . ,
Aber bas eigentliche Erlebnis, nun erst begann es in mir. Ich legte mich hin in einen Liegestuhl, sah hinauf in bie weiche Nacht. Ich hatte zum erstenmal einen Analphabeten gesehen, einen europäischen Menschen iazu, ben ich klug wußte unb mit bem ich wie mit einem Kameraden gesprochen hatte, unb nun beschäftigte, ja quälte mich bas Phänomen, »ie sich bie Welt in einem solchen, der Schrift verrammelten Gehirn spiegeln möge. Ich versuchte mir die Situation auszudenken wie das hin mußte, nicht lesen zu können. Er nimmt eine Zeitung unb versteht sie nicht. Er nimmt ein Buch, unb es liegt ihm in ber y)anb, etwas lichter als Holz ober Eisen, viereckig, kantig, ein farbiges zweckloses [Jing, unb er legt es mieber weg, er weiß nicht, was barmt anfangen. Man nennt vor ihm bie heiligen Namen Goethe, Dame, Shelley, Beetlaven, unb sie sagen ihm nichts, bleiben tote Silben, leerer, sinnloser kchall. Er ahnt nichts, ber Arme, von ben großen Entzückungen, bie l'ötzllch aus einer einzigen Buchzeile brechen können wie ber silberne l'lonb aus dem toten Gewölk, er kennt nicht die tiefen Erschütterungen, Uiit denen ein geschildertes Schicksal plötzlich in einem felbft 311 leben b» ginnt. Aber ich konnte mich nicht zurückschrauben in das Gehirn eines Denschen, in eine Denkweise eines Europäers, der nie em Buch gAestn, id) konnte es so wenig, wie ein Tauber sich eine Vorstellung von Musik Ms Beschreibungen zaubern kann. , ,, ,
Aber da ich ihn innerlich nicht verstand, den 2lna(p^abeten ist nun zur Denkhilfe mir mein eigenes Leben ohne Bucher vorzustellem »ber schon dies gelang mir nicht. Denn das was ich als mein Ich enpfand, es löste sich gleichsam vollkommen auf, wenn ich versuchte, ihm i» nehmen, was ich hn Wissen, an Erfahrung, an Gefuhlskraft über mein Gigcnerleben hinaus an Weltgefühl und Selbstgefühl von Buchern Ab Bilbung empfangen hatte. An welches Ding, an welchen Gegenstand
zu denken versuchte, Überall banben sich Erinnerungen und Erfah- nngen, die ich Büchern verdankte, und ,edes einzelne Wort lofte un- i-hlige Assoziationen aus an ein Gelesenes ober Gelerntes Unb ich mrftanb, baß bie Gabe ober die Gnade, weiträumig zu denken und IN Men Verbindungen, daß diese herrlich und einzig richtige Art, gleich' kn von vielen Flächen her die Welt anzuschauen, nur dem 3 , -
über seine eigene Erfahrung hinaus die m den Buchern aufbewahrte , •>s vielen Ländern, Menschen und Zeiten einmal ,n sich aufgenommen , «*, - und war erschüttert, wie eng leder die Helt empfmben muf), s str sich dem Buch versagt, denn wenn wir lesen, was tun wir anders, .
als fremde Menschen von innen heraus mitzuleben, mit ihren Augen zu schauen, mit ihrem Hirn zu denken? Darum, jetzt verstand ich's, hatte sich auch so übermächtig dem Kinde bie Seele gespannt, wenn es Plutarch las ober bie Seeabenteuer bes Mibshipman ober bie Jagben bes Lederstrumpfs, denn eine wildere und heißere Welt brach damals in bie bürgerlichen Wohnungswände unb riß gleichzeitig aus ihnen heraus: zum erstenmal aus Büchern hatte ich die Weite, bie unausmehbare, unserer Welt geahnt und die Lust, mich an sie zu verlieren.
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i chb. Mir ।


