derte zugleich In dem Gedanken der geschichtlichen Entwicklung den Feuerbrand in die Geister, und so steht der stille Schwabe noch heute als einer der sührenden Fackelträger in dem Feuerschein, der die Welt­anschauung des Abendlandes umleuchtet.

Hegel und die Krauen.

Von Ludwig Gorm.

Man ist so sehr gewohnt, an den abstrakten Denkern ausschließlich Ihr Werk, ihr System zu betrachten, daß ihr persönliches Leben, und darin wieder ihr Verhältnis zu den Frauen, wie ein nebensächlicher Anhang erscheint. Und doch ist es auch bei ihnen nicht - anders: der Mensch, der Charakter, die Persönlichkeit bauen das Werk, und gerade sie offenbaren sich deutlich und scharf in der Stellung zum anderen Ge­schlecht. Hegel lebte zudem in einer Zeit, da die Frauen des roman­tischen Kreises durch die Männer, denen sie nahestanden, einen be­deutenden Anteil an der geistigen Bewegung gewannen und auch selbst einen nach vielen Seiten hin angeregten und anregenden Typus dar­stellten.

Er selbst zwar war dieser Art Frauen durchaus abgeneigt. Ihm wurde die Frau nicht zum Schicksal wie seinem Freunde Hölderlin, und auch nicht zur musischen Gefährtin wie dem Weggenossen des An­fangs, Schelling. Wie er unter den Männern diejenigen als Freunde bevorzugte, die ungenial, fest, zuverlässig in einem mittleren Wirkungs­kreis standen, so finden wir ihn überall an den Orten, an die ihn sein wechselnder Lebensgang führte, in einem ausgeglichenen, gesellschaftlich­heiteren, freundschaftlich-nahen Verkehr mit den gleichgearteten Frauen solcher Männer, also mit lebenstüchtigen, wirklichkeitszugewendeten, mütterlichen. In seiner Jenaer Zeit und danach lehnte er Caroline Schlegel, die spätere Gattin Schellings, die Dame Luzifer der Ro­mantik, ab, die Gattin seines Freundes Niethammer, eine von jenen Sorgenden, Zurückhaltenden, nannte er diebeste Frau". Mit der Frau des Theologen Paulus, die ihrem Wesen nach zwischen beiden Typen die Mitte hielt, war er zwar in Briefwechsel, aber es finden sich auch ironische Aeußerungen über sie, und ihre leise Hoffnung auf eine ehe­liche Verbindung mit ihrer eigenartigen, schönen, aber nicht leicht deut­baren Tochter Sophie hat er nicht erfüllt. Bei der Wahl seiner Gattin, Marie von Tücher aus dem altangesehenen Nürnberger Patrizier­geschlecht, hat, wenn wir nach den Briefen urteilen dürfen, nicht die erotische Leidenschaft, sondern das Gefühl einer tiefen, dauernden und überpersönlichen Zusammengehörigkeit und gegenseitigen Ergänzung die entscheidende Rolle gespielt.

Es ist hier wie immer bei Hegel: an der Oberfläche erscheint eine normale Bürgerlichkeit, darunter enthüllt sich eine ganz reife, um­fassende und hohe Weltauffassung. Um das zu verstehen, müssen wir uns seinen Lebensgang und auch die Grundzüge seines Gedankenbaues etwas näher vergegenwärtigen. Er entstammte einer gelehrten Beamten- fnmilie Württembergs, seine Mutter verlor er mit dreizehn Jahren, der Tag blieb ihm noch im Alter ein Erinnerungstag. Auf der Universität Tübingen nannten ihn seine Kameraden denalten Mann", die Schwere und Schwerfälligkeit, die damit gemeint waren, äußerte sich auch im Verkehr mit jungen Mädchen, mit denen er lieber Psänder spielte als tanzte. Ebenso aber auch in langen geistigen Kämpfen, die er in seiner Hauslehrerzeit in Bern und Frankfurt a. M. einsam austrug. Als er sich in Jena habilitierte, war der jüngere Schelling bereits berühmt. Die Schlacht bei Jena warf ihn aus der akademischen Laufbahn, aus Not übernahm er bte Redaktion einer Zeitung in Bamberg, dann ver­schaffte ihm Niethammer ein Gymnasialrektorat in Nürnberg. Seit Jena war er überall als heiterer Gesellschafter gern gesehen, in Bam­berg schwatzte die Stadt darüber, daß er der schönen Hauptmannsfrau von I o l l i die Kur mache, an ihrer Seite war er auch auf einem maskierten Ball, im Rock und in der Perücke eines Hofkammerdieners. Aber erst in der alten Reichsstadt fand der nunmehr Vierzigjährige die Lebensgefährtin, die ihn zuerst nach Heidelberg begleitete, wohin man ihn an die Universität berief, und dann nach Berlin, wo er zur geistigen Macht aufstieg und in einer breiten, bequemen Geselligkeit viele Damen höflich verehrte.

Inzwischen hatte er seine Lehre in bedeutenden Werken dargestellt und veröffentlicht, und sie kam, gerade weil sie die gegebene Wirklich­keit als sinnvoll, die menschliche Vernunft als einen Teil der göttlichen und in dem erhabenen Selbstentwicklungsprozeß der letzteren bewegt ruhend erwies, dem Bedürfnis der Zeit entgegen. Die Welt entfaltete sich ihm aus der Selbstbewegung der Begriffe, und in diesem hohen Gang des Logos zu seiner Eigenerkenntnis war alles lehrbar. Auch der Staat, die Gesellschaft, die Familie waren Momente dieses Pro­zesses. Und somit hatte auch die Krau, die Trägerin der Familicnpietät, eine vollkommen bestimmte, keineswegs nebensächliche Stelle in dem systematischen Gedankenbau.

Das ganze Hegelsche System beruht darauf, daß in dem Absoluten, ewig Gültigen, zwei gegensätzliche Moniente enthalten und in ihm ver­söhnt sind. Und so sind ihm auch Mann und Frau in der Ehe und nur irl^chr zur Einheit verbunden, nicht als der Eine und die Lindere, deren Spannung sich im Eros ausgleicht, sondern als einander zur Vollkommenheit ergänzende Teilmomente des übergeordneten cill- g. meinen Wesens. Das ist keine Abstraktion, sondern ein Wirklichkeits­erlebnis des Denkers, das er seiner Braut in einem sehr innigen und tief verständnisvollen Briefe versöhnend entgegenhielt, als er sie ein­mal durch den Zweifel an seiner Glückssähigkeit verletzt hatte. Glück das wäre nur eine vorübergehende Befriedigung der Individuen, wie sie vielleicht dem von Kott znm Philosophieren, d. h. zum einsamen Ringen, Verdammten nicht beschieden sein kann. Aber jenes Höhere, die Einheit zweier voll anerkannter Wesenheiten, ist selige Zufriedenheit in der Dauer des gleichschwebenden kosmischen Absoluten, an die er glaubt als an das Ziel seiner Ehe.

Auch dieses Ziel war keine Abstraktion, und so ist es erreicht worden. Das beweisen nicht nur die zeitgenössischen Berichte von Menschen, die

der Familie Hegel nahestanden, das beweisen vor allem die Briefe, die der Mann noch in späten Jahren von gelegentlichen Erholungsreisen nach Hause schrieb. Sie sind ganz voll von dem Bestreben, der Frau an allen Erlebnissen Anteil zu vermitteln, nicht wie einem anderen, son­dern wie dem eigenen Selbst. Am schönsten aber hat die Tiefe dieses Verhältnisses die Witwe unbewußt ausgeschöpft, als sie dem treuen Niethammer schrieb:Ich glaube, was er erkannte!"

Hegel-Worte.

Tom Tinte des Erkennens.

Der Mut der Wahrheit, der Glaube an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung der Philosophie. Der Mensch, da er Geist ist, darf und soll sich selbst des Höchsten würdig erachten, von der Größe und Macht eines Geistes kann er nicht groß genug denken; und mit diesem Glau­ben wird nichts so spröde und hart sein, das sich ihm nicht eröffnete. Das zuerst verborgene und verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft, die dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte: es muß sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genüsse geben.

Der Täter Erbe.

Was jede Generation an Wissenschaft, an geistiger Produktion vor sich gebracht hat, ist ein Erbstück, woran die ganze Vorwelt zusammen­gespart hat, ein Heiligtum, in welchem alle Geschlechter der Menschen, was ihnen durchs Leben geholfen, was sie der Tiefe der Natur und des Geistes abgewonnen, dankbar und froh auffingen. Dies Erben ist zugleicy Empfangen und Antreten der Erbschaft. Diese macht die Seele jeder folgenden Generation, deren geistige Substanz als ein Angewohntes, deren Grundsätze, Vorurteile und Reichtum aus; und zugleich wird diese empfangene Verlassenheit zu einem vorliegenden Stoffe herabgesetzt, der vom Geiste metamorphosieri wird. Das Empfangene ist auf diese Weise verändert und der empfangene Stoff eben damit bereichert und zugleich erhalten worden.

welthistorische Menschen.

Die welthistorischen Menschen, die Heroen einer Zeit, sind als die Einsichtigen anzuerkennen;, ihre Handlungen, ihre Reden sind das Beste der Zeit. Große Menschen haben gewollt, um sich, nicht andere zu be­friedigen. Was sie von anderen erfahren hätten an wohlgemeinten Ab­sichten'und Ratschlägen, das wäre vielmehr das Borniertere und Schie­fere gewesen; denn sie sind die, die es am besten verstanden haben und von denen es dann vielmehr alle anderen gelernt und gut gefunden, oder sich wenigstens darein gefügt haben. Denn der weitergeschrittene Geist ist die innerliche Seele aller Individuen, aber die bewußtlose Innerlich­keit, welche ihnen die großen Männer zum Bewußtsein bringen. Deshalb folgen die anderen diesen Seelensührern, denn sie fühlen die unwider­stehliche Gewalt ihres eigenen inneren Geistes, der ihnen entgegentritt.

Das Reich Gottes.

Ein Kreis der Liebe, ein Kreis von Gemütern, die ihre Rechte an alles Besondere gegeneinander aufgeben und nur durch gemeinschaftlichen Glauben und Hoffnung vereinigt sind, deren Genuß und Freude allein diese Einmütigkeit der Liebe ist, ist ein kleines Reich Gottes, aber ihre Liebe ist nicht Religion; denn die Einigkeit, die Liebe der Menschen enthält nicht zugleich die Darstellung dieser Einigkeit. Liebe vereinigt sie, ober die Geliebten erkennen diese Vereinigung nicht; wo sie erkennen, erkennen sie Abgesondertes. Daß das Göttliche erscheine, muß der un­sichtbare Geist mit Sichtbarem vereinigt fein, daß alles in einem, Er­kennen und Empfinden, daß eine vollendete Harmonie,, die Harmonie und das Harmonische eins sei. Sonst bleibt in Beziehung auf das Ganze der trennbaren Natur ein Trieb, der für die Unendlichkeit der Welt zu klein und für ihre Objektivität zu groß ist, und nicht gesättigt werden kann; es bleibt der unauslöschliche, unbefriedigte Trieb nach Gott.

Das Buch als Eingang zur Wett.

Von Stefan Zweig.

Aus dem Mitte November erscheinenden KatalogDas Buch des Jahres 1931", herausgegeben von der Ver­einigten Verlagsgruppe, Leipzig.

Die feelenausweitende, die weltaufbauende Gewalt des Buches in unserem privaten und persönlichen Leben, sie wird uns eigentlich höchst selten bewußt und fast immer nur in ausgesparten Augenblicken. Einzig in solchen besinnenden Stunden werden wir dann der magischen und seelenbewegenden Kraft ehrfürchtig gewahr, die vom Buche in unser Leben übergeht und es uns so wichtig macht, daß wir heute im zwan­zigsten Jahrhundert unsere innere Existenz nicht mehr denken können ohne das Wunder seiner Gegenwart.

Solche Augenblicke sind selten, aber eben weil sie selten sind, bleibt dann der einzelne lange und oft über Jahre hinaus erinnerlich. Ich glaube diesen geistigen Erkenntnismoment ohne Unbescheidenheit er­zählen zu dürfen, denn obschon persönlich, reicht diese Erlebnis- und Erkenntnisminute weit über meine zufällige Person hinaus. Ich war damals etwa sechsuudzwanzig Jahre alt, hatte selbst schon Bücher ge­schrieben, wußte also schon einigermaßen um die geheimnisvolle Ver­wandlung, die irgendein dumpf Vorgestelltes, ein Traum, eine Phan­tasie erfährt, und die vielen Phasen, die sie durchschreiten muß, bis sie sich dank der merkwürdigen Verdichtungen und Sublimierungen endlich in ein solches kartoniertes Rechteck verwandelt, das wir Buch nennen, in ein solches Wesen, das verkäuflich, preisgestempelt und scheinbar willenlos wie eine Ware im Schauladen hinter Glas liegt. Ich hatte also schon selbst etwas erfahren von diesem unbeschreibbaren Prozeß der Transfusion, wo gewissermaßen Tropfen der eigenen Substanz über­geführt werden in fremde Lidern, Schicksal in Schicksal, Gefühl in Ge­fühl, Geist in Geist: aber doch, die volle Magie, die Weite und Vehemenz der Wesenswirkung des Gedruckten, sie war mir noch nicht bewußt