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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <931
Freitag, den l3.November
Nummer 89
November.
schichte". Heut aber, an seinem 100. Todestage, hat sich das Blatt völlig
Bon Theodor Kramer.
Feucht dahin geht der Tag und der Abend ist kalt, finster ballt sich der Herbstrauch norm gilbenden Wald; lose haften die Sporen den Samen nur an, und es schlendert vom Acker das letzte Gespann fort, als zöge es fort non der Erde.
Schmal umrändert ein schwefliges Leuchten den Saum, raschelnd schaukeln die wenigen Nüsse am Baum und die Räder verhallen; nur fern hinterm Hang sackt sich aus der Kartoffeln dumpf bullernder Klang und er endet tief unter der Erde.
Was an Nutzbarem etwa zur Stund nicht gestellt unter Dach ist, verfault über Nacht auf dem Feld; daß man sie schneiden könnte, so dunkel und dicht wird die Nacht, und das draußen noch irrgeht, das Licht: leicht erstickt und verschluckt es die Erde.
gewendet; der Strom der Entwicklung, in den kein anderer Denker so tief geschaut hat wie er, seine Persönlichkeit wieder emporgetragen an das Licht des Tages. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts begann man, sich diesem „Meister derer, welche wissen", wieder zuzuwenden; die Stimmen mehrten sieh, die in der Wiederbelebung der Hegelschen Philosophie eine Grundbedingung für unser eigenes Philosophieren sahen; feine Werke erlebten in gereinigter und erweiterter Gestalt eine neue Auferstehung, und auch im Ausland zeigte sich sein Einfluß. Ein so moderner Philosoph wie der jetzt nach Berlin berufene Nicolai Hartmann, sagt in seinem vor kurzem erschienenen Werk über Hegel, daß seine Meisterschaft des Denkens „vor wie nach ihm unerreicht geblieben, fei" Und nennt feine Logik das wahre „Neue Organon der Philosophie".
Hegels System steht, wie das des Aristoteles am Ende der griechischen Philosophie, als Schlußstein und letzte Krönung am Ausgang der großen Ilassischen deutschen Philosophie, ein ungeheurer, wahrhaft meltumspan- itenber Gedankenbau, dessen Einfluß in der ersten Halste des 19. Jahrhunderts die Gestaltung des gesamten Lebens entscheidend beeinflußte. Um eine solche schier unermeßlich scheinende Aufgabe zu bewältigen, bedurfte es der glücklichsten Bereinigung seltener Eigenschaften und Verhältnisse. Hegel vollendete systematisch, was die Idealist.sche Philosophie mit Kant begonnen. Bereits Fichte und Schelling hatten versucht, die .«Ust zu überbrücken, die in der Lehre des Königsberger Weisen Zwischen der reinen Vernunft und der Fülle der Erscheinungswelt klaffte, llus der sittlichen Tat des selbstbewußten Ich hatte Fichte das Material «ernennen, um die absolute und die Erfahrungswelt zu versöhnen. Aber il)m fehlte noch die Natur, und in ihr erkannte Schelling den Weg, der Zur Innerlichkeit des Geistes führt. Es war Goethes Natur, lebendige Wirklichkeit, bewegtes Leben, an der sich dieser Mystiker berauschte, ober er fand den Weg aus ihr n cht herauf zum Geist. Hier setzte Hegel ein. Ihm fiel der große Wurf zu, die Entwicklung des Geistes durch die Gestalten des geschichtlichen Lebens zu verfolgen. Wo Schelling das Problem verlassen hatte, da nimmt er es auf. Aus dem Anders-Sem der 2>atur kommt der absolute Geist in feiner Philosophie zu sich selbst in br menschlichen Gattung, und in allen Wirklichkeiten des geschichtlichen lebens wird nun feine Entwicklung aufgezeigt. Hegels Philosophie wird dis Hohe Lied des menschlichen Schassens im Laufe der Jahrtausenoe. -^urch ihn schien mit einem Schlage das Rätsel des Daseins gelost, die Einheit von Sein und Denken nachgewiesen. Alle die Elemente und Gegensätze, die in den bisherigen Systemen getrennt und verfeindet ge= Befen waren, wurden von ihm zu einer Einheit geformt, in der sich Metaphysik und Mystik, Rationalismus und Historismus Zusammenleben.
Für diese Enzyklopädie der gesamten Eifahrungswifsenschaften, die Hegels Lebenswerk darstellt, waren gerade damals die Wege bereitet.
verfiel der Mißachtung; noch heutzutage wird er unter allen unseren großen Philosophen am wenigsten gelesen und am gröblichsten verkannt." So schrieb Treitsehke 1885 im dritten Bande seiner „Deutschen Ge-
Georg Wilhekm Friedrich Hegel.
Zum 100. Todestage des Philosophen: 14. November.
Bon Dr. Georg Kuyn.
„Ebenso erstaunlich wie einst Hegels Ansehen war nachher der Undank der Nation; sie hatte sich an dem Feuertranke dieses,Idealismus dermaßen berauscht, daß sie dann ernüchtert auf lange hinaus einen tiefen Ekel gegen alle Spekulation faßte. Der einst vergötterte Meister
Durch das Mrken unserer Klassiker und der Romantik war eine uni- oerfeUe Empfänglichkeit geschaffen für die ganze unendliche Vielgestaltigkeit der Geschichte. Das Griechentum, die Urmutter der Kulturen von Goethe neu im deutschen Geiste gestaltet, war durch den Jugendfreund Hölderlin auch in Hegels Seele erweckt. Das Mittelalter hatte der Ro- rnantik fein Inneres aufgeschlossen. Die großen Dichter der Renaissance und Gegenreformation, ein Shakespeare und Calderon, waren durch wundervolle Uebersetzungen zu Autoren der Gegenwart geworden. Die ganze gewaltige Gedantenleistung des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung war noch lebendig, und als der Erbe all dieser Geistesschätze gründete nun Hegel sein Reich des Weltgeistes, dessen Universum von ihm in gedanklicher Schöpfung nachgeformt wurde.
Auch die Persönlichkeit des'Mannes war für diese Ausgabe die denkbar glücklichste und geeignetste. Hegel hat zu allen Zeiten, auch als er uon dem Berliner Katheder aus die Weltanschauung seiner ganzen Generation beherrschte, nie in der Öffentlichkeit gestanden, wie etwa Fichte und Schelling. Er blieb stets der zurückgezogene Denker, dessen Welt »ferne Studierstube, dessen Schlachtfeld sein Schreibtisch war Aus dem schwäbischen „Genie-Winkel" stammend, zeigte er von Anfang an die Bedächtigkeit, die Naivität und Schlichtheit des schwäbischen Naturells daneben eine sachliche Nüchternheit, die schon dem jungen Studenten den Spitznamen des „alten Mannes" eintrug. Unauffällig, alltäglich verläuft seine Entwicklung. Hauslehrerleben, der mißglückte Versuch einer Dozentur an der Universität Jena, die Rückkehr in stille süddeutsche Orte in benen er als Zeitungsredakteur, als Rektor eines Gymnasiums Welt und 'Menschen kennenlernt. Endlich 1806, in seinem 37. Jahre, das Erscheinen seines ersten Hauptwerkes, der „Phänomenologie des Geiste s", die er in der Nacht vor dem Tage vollendete, an dem der „Weltgeist zu Pferde", Napoleon, das alte Preußentum vernichtete. Nun steht er mit einem Schlage fertig vor uns, der große Denker, der in der Stille den Grundriß feines ffiebanfenbaues vollendet und nun nur noch in zäher unbeirrter Arbeit die Mauern aufzuführen brauchte bis zum krönenden Dach. Selten war in einem Charakter feine ausgeprägte Wesenheit schon früh so deutlich vorgezeichnet wie bei ihm. Von Anfang an derselbe hat er saft instinktmäßig geschaffen, so daß uns heute fein Lebenswerk so organisch und harmonisch erscheint wie der Zellenbau einer Biene.
Dieser Mann erlag nicht den Verführungen eines leidenschaftlichen Weltanschauungskampfes wie Fichte, nicht dem Taumel romantischen Rausches wie Schelling. Er war nur ein aufmerksamer Zuschauer all der romantischen Leidenschaftstragödien, die sich um ihn in Heidelberg unb Jena abspielten. „Der Ueberschwang der Phantasie, der die ,Phä- nomenologie des Geistes' erfüllt, blieb seinem Leben selber fern"', hat D i l t h e y schön von ihm gesagt. „Schwerfällig, oon nüchternem Weltverstand, in zuverlässigen Freundschaften lebend, hat er in ruhiger Lebensführung langsam die Kreise feines Werkes erweitert. Unberührt von der Problematik der sittlichen Welt, die er so mächtig darzustellen wußte, erhält er sich das eigene Leben. Naivität, Schalkhaftigkeit, ein Sichgehenlassen und Ausspannen auch in unbedeutendem Umgang,' süddeutsche Abneigung gegen jede Betonung bedeutender Individualität, gegen jeden Kultus der Persönlichkeit, bürgerliche Lebenshaltung bis hinab zur Zimmereinrichtung, zu dem berühmten einfachen Schreibtisch mit der malerischen Unordnung seiner Hefte, Briefe und Sabotieren, auf erwogene Oekonomie gegründete Unabhängigkeit — solche Züge entsprechen der Abstraktion feines Geistes von der eigenen Person der gegenständlichen Vertiefung in die Sache, in welche er alle Gemütskräfte hineingibt. So verbleibt er selber im ungestörtesten Gleichgewicht ein Dichter-Denker, dessen Gestalten nicht Helden und Frauen sind sondern die Mächte der Geschichte selbst." Kein Klassiker war er und kein Romantiker, kein Griechenschwärmer und kein Agbeter des Mittelalters, sondern mit der gerechten Unnahbarkeit, dem alles erkennenden Scharfsinn eines antiken Totenrichters urteilt er über Werden und Sein, über die Dinge der fernsten Jahrtausende wie der nächsten Vergangenheit. So rundete sich um ihn sein Werk zu einem ungeheuren, allumfassenden Weltbild, und als ihn die Cholera am 14. Novem ber 1831 hinwegrafste, schied er von der Höhe seines Wirkens, ein fertiger, ein in sich vollendeter Geist.
Die unvoreingenommene Objektivität eines Systems wird wohl durch nichts besser bezeichnet als durch die Tatsache, daß an ihn sowohl die konservativsten wie die revolutionärsten öeiftesftrömungen anknüpften. Die Diadochen, die sich nach dem Tode des Weltherrschers in die einzelnen Gebiete seines Reiches teilten, in die Gesch chtsphilofophie und in die Rechtsphilosophie, in Aesthetik und Religion usw., sie spannen feine Ideen in der trockensten und rückständigsten Weise aus. Die „Jung- Hegelinge" aber, die des Meisters Weisheit besser zu verstehen glaubten, liefen Sturm gegen Religion und Glauben, gegen Staat und Gesellschaft. Strauß' „Leben Jesu" und Feuerbachs „Wefen des Chri- ft-ntums" find ebenso Früchte vom Saum der Hegelschen Erkenntnis wie Marx' „Kapital". Der Weltweife, der in dem Satz „Das Vernünftige ist wirklich" die preußische Monarchie gleichsam offiziell einfegnete, schien.


