ebenfalls am Tage, meistens während der Erntezeit am Mittag, und nur von Landstreichern vorgenommen. Betrunkene gab es nach halb ein Uhr nachts gewöhnlich nicht mehr. Kurzum, die Stadt ruhte im Schlummer ihrer guten und ihrer bösen Gelüste, und Holzapfel ruhte mit ihr im Stehschlaf. Er hatte es in diesem Sport zu einer großen Vollkommenheit gebracht, er war schon beim Militär einer der begabtesten Steh- schllifer seinerzeit gewesen.
So konnte die Tertia ungehindert an ihr Werk gehen. Sie schlichen zu weit durch die schinalen Gassen, um zu erkunden, ob auch jedermann schon zu Hause angelnngt sei. Es war immerhin die Samstagnacht, jetzt auch Mondnacht und eine windige Juninacht dazu. Konnten nicht Liebespaare auf den Gassen sein? Und drohten nicht allenthalben zackige Schatten, knarrende Türen, auch hier und da Lichter in den Zimmern der Kranken und der Alten? Und in den größeren Straßen, wehten da nicht elektrisch Lampen, die in Abständen von einhundert Meter brannten? Sie waren, an Drähten befestigt, quer über die Straße gezogen, sie warfen ihre auf- und niederflutenden Schatten wie Wogen gegen die Wände der Geschäftshäuser.
Erklang noch irgendwo ein Schritt in der Stadt oder wurden in fernen Straßen der Gesang eines Berauschten laut, so warfen die Patrouillen der Tertia sich auf die Bäuche oder sie blieben stehen und wurden zu Stein hinter dem Stein, zu Holz hinter dem Zaun, zu Eisen hinter dem Laternenpfahl.
Dann aber begannen sie ihre Arbeit.
Sie schreiben ihre vier oder fünf Worte an die Hausmauern, je nach der ihnen zugeteilten Sprache. Sie hatten sich das so ausgedacht: in frembcn Sprachen zu schreiben, obwohl doch kaum irgendeiner in der Stadt eine andere Sprache als Deutsch verstand.
Zuerst einmal wollten sie gerade hiermit die Phantasie anregen. Die aus den fremdsprachigen Bezirken sollten zu den andern kommen und fragen: „Könnt ihr das lesen? Was steht bei euch?" Gerade das Unentzifferbare sollte sie ausregen!
Dann aber sollten sie eben durch jene fremden Sprachen wissen, wer eigentlich des Nachts in ihre Stadt eingebrochen war. Wer schrieb französisch, englisch, spanisch, italienisch und holländisch an die Wände der Häuser? Doch nur die Schüler des Schulstaates!
Endlich aber leitete die Tertia noch ein Gedanke, der zwar nicht vollkommen klar von ihnen erfaßt und kaum je zum Worte gediehen war, der aber dennoch feine Macht über ihr Gemüt ausübte, zumal über einige der Führer wie den Großen Kurfürsten. Mit ihnen nämlich sollte ein Stück Europa in die schlechte, faule und barbarische Stadt bringen. Eine letzte Warnung Europas sollte in der Nacht über sie kommen, bevor der Krieg begann.
So nahmen sie denn ihren Farbpinsel zur Hand und in großen Lettern schrieben sie:
SEID GUT ZU DEN TIEREN!
SOYEZ BONS POUR LES ANIMAUX!
BE KIND TO ANIMALS!
SIATE BUONI COOLI ANIMALI! SED BUENO CON LOS ANIMALES! BEHANDEL DE DIEREN MET ZACHTHEID!
Es war ihnen nicht genug, ihr Menetekel unten an die Fassaden der Häuser zu malen. Hornbostel, der Zweitkleinste, der wie eine Katze klettern konnte, holte mit seinem Gehilfen eine Leiter von einem Neubau in der Wilhelmstraße. Er stieg auf ihren Sprossen hoch hinauf. Er war nicht der Junge, der Schwindelgefühle kannte. Er wollte Flieger werden, er wollte wie Lindbergh die Ozeane überqueren. Ost träumte er davon: auf einem einsamen kleinen Stuhl aus Rohrgeflecht zu fitzen, wie Lind- berghs Stuhl im „Spirit of St. Louis", und ganz, ganz einsam die Ozeane zu überfliegen, die nördlichen und die südlichen Eismeere wohl gar, und dort Rekorde auszuftellen. Umsonst erklärte ihm der vernünftige Reppert, daß die ganze Rekordfliegerei keinen Pfifferling wert sei, man müsse, wie Hornbostels Bruder, zusehen, bei der Deutschen Lufthansa anzukommen und den Berkehrsdienft systematisch auszubauen. Die Lufthansa sei die zuverlässigste internationale Linie, sie erstrebe keinen Glanz, sondern Sicherheit und Behagen der Reisenden. Hornbostel wollte von der Sicherheit und dem Behagen der Reisenden nichts wissen. Er wollte Taten verrichten, die noch nie zuvor getan waren. Er wollte in seiner Kabine sitzen und unten die kleinen Eisbären wie Kinderspielzeug sehen und die Transatlantischen Steamer, die nicht größer sein würden als die Segelschiffe der Tertia, die sie in ihren Fluß dahingleiten ließen. Und dann sollte man in allen Hauptstädten des Erdkreises ausrufen: „Ein Deutscher, Hornbostel, hat mit seinem Begleiter, ohne zu landen, den Erdkreis umslogen!"
So stellte Hornbostel in dieser Nacht, um einen Anfang mit seiner Karriere zu machen, einen Höhenrekord mittelst seiner Leiter auf. Er fürchtete sich nicht davor, von der dritten Etage eines Wohnhauses her- uvterzustürzen, er vertraute seinem Genius und dem Kameraden da unten, der mit verzweifelter Anstrengung die Leiter hielt, — aber einen Augenblick ergriff ihn doch ein Schauder, wie er in ein fremdes Zimmer blickte, das von dem auf- und niederflutenden Straßenlichte geisterhaft erleuchtet war. Er sah Stühle, einen Teppich, ein Plüschsofa, eine noch gedeckte Tafel mit Weinflaschen und ein herzbeklemmend ödes Büfett ans altdeutscher Eiche, fürchterlich geschnitzt. Der Anblick dieses Büfetts und dieser Weinflaschn aber machte ihn auch wütend! Und mit Wut malte er in die schwindelnde Höhe hinein:
SEID GUT ZU DEN TIEREN!
Die Menschen, die solch ein Biifeck besaßen und solche Weinflaschen ausgetrunken hatten, — das waren die Katzen- und die Hundevertilger! Diese da haßten alle Wesen auf Erden, die nicht ihrer Art waren!
Wie das Haus, von dessen Fassade er herriederstieg, so mit Blut bemalt war Hornbostels Gesicht. Er hatte feine Rache an denjenigen Bürgern vorweggenommen, die ihm dereinst den neuen „Spirit of Saint- Louis" nicht bauen würden.
Er verfügte nun über keine Farbe mehr. Er mußte in den Botanislh, Garten, zurück in die Reserve und in das Hauptquartier zum Gro^ Kurfürsten, und dort zusehen, ob Reppert und die Seinen bereits nit neuer Munition eingetroffen wären.
Auf feinem Weg begegnete er andern Tertianern, die ebenfalls ih, Munition verschossen hatten. Obwohl sie sich im Mondlicht recht gj erkannten, so blieben sie doch voreinander in Kampfstellung stehen, i3 Hand anj Dolch oder am Holzschwert.
„Parole?"
„Es lebe der Hund! Es lebe die Katze! — Feldruf?"
„Oberamtmann Knötzinger ...!"
Hornbostel sprang dem Jungen an die Kehle.
„Ein Verräterl" Er schrie dumpf. „Er kennt den Feldruf nicht!"
Es war Königsmarck, — vom Amtsgericht! — mit dem er hach gemein wurde. Die Jungen umschlangen sich. Ihre lachenden Gesicht, preßten sich einen Augenblick so nah aneinander, daß ihre Nasen con Nahkampf plattgedrückt - wurden.
„Wie heißt es?"
„Götz von Berlichingen!"
Da hakten sie sich friedlich unter, und sie schlichen in den Garten m den Käfig des Gnus.
Aber sie fluchten nicht wenig, als es sich hier zeigt«, daß Reppert tnl feiner Reserve noch nicht eingetroffen war. Und mit ihnen fluchten tu andern, die bereits im Hauptquartier warteten. Wütend warfen sie ftij auf den Rasen. Sie bildeten in Hockerstellung einen Kreis um den Groß«, Kurfürsten, der sich gemütlich ausgestreckt hatte.
„Sie werden uns noch alles verderben!" murrten die Tertianer. „$<i
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alles. Er befühlt auch die Farbe. Wie er sieht, daß er Not an der f)an)
hat, bekommt er einen gräßlichen Schreck und verschwindet wie ein Geiss' „Ja", sagte Königsmarcks Patrouillenbegleiter. „Er hatte auch noj lange Licht in feinem Haus. Wir haben es gesehen, als wir durch dieseib Straße zurückgeschlichen sind. Ich glaube, c- hat das ganze Haus gemedi ‘
„Seht ihr!" riefen andere und sie sahen den Großen Äurfürft® empört an, „so werden sie uns noch das ganze Nest wecken, wenn jett
jetzt ging es gut, aber wer weiß, wie es weiter gehen wird?"
„Auf mich sind sie schon aufmerksam geworden", sagte Königsmcwl. „Kaum war ich fertig mit der Wirtschaft .Zur Eisernen Jungfrau', in her Bleistraße beim Amtsgericht, da geht gegenüber die Haustür auf, uni es kommt ein Mann in Hemd, Hose und Pantoffeln und beschaut H
nicht bald neuer Schießoorrat kommt!"
Der Große Kurfrüst aber zeigte nun wieder feine antike Gefoßthat in den kritischen Augenblicken der Schlacht. Er kannte seinen Wellingi« und seinen Napoleon. Hatten die vielleicht hysterische Anfälle betomnw,
als Blücher und Grouchy erwartet wurden? Sie konnten nichts anbrsi tun als die Adjutanten im Galopp zu den Detachements zu schicken um! der eigenen Truppe «in ruhiges Gesicht zu zeigen.
7,Jhr seid immer viel zu hastig!" sagte der Große Kurfürst. „Ich mafc mir wirklich Sorgen, was einmal im Leben aus euch werden soll!" |
Hiermit ahmte er Dr. Wunder nach, der sich stets Sorgen niadjiu was noch einmal aus den Tertianern werden sollte.
Aber niemand sand, es angebracht, jetzt Späße zu machen.
Aergerlich standen die Knaben aus. Sie gingen zu den Käfigen, ®o> ihnen die Tiere, des nächtlichen Besuches ungewohnt, mit weiß schiMs mernben Augen unb schwermütiger Verwunberung entgegentrahn. Bau; Gnu kam bicht zu ihnen heran unb ließ sich bi« zottige Stirn ftreidjsrr.' Das Reh steckte die zart witternde Nase zwischen die Stäbe seines KäsiW Unb bann trat auch ber mächtige Wolfshunb herzu, ber Stolz des ®ai' tuns, ein Geschöpf wie aus der Fingalsfage, mit seinem grauscheckig« - drahthaarigen Fell. Er schnupperte an den Kleibern der Knaben, er res den guten Hundegeruch, ber an ihren Kleidern unb Leibern haftete, bei Geruch ber Lama unb ihren Kinbern, von Josua, Peggy unb der schwär zen Dogge unb sogar den von Karlemann. Und die Tertianer luurbt t fast traurig wie diese nächtlichen Tiere vor ihnen in den Käsigen, bei» es macht jeden Jungen auf ber Erde traurig, warten zu müssen.
Der Grunb, weshalb bis Schlacht nicht vorwärts ging, lag natürMl wieder einmal an Borst.
Im ersten Abschnitt war bei Reppert alles auf bas beste verlaufen. Sie holten mit Hacke unb Spaten tue angesammelten Farbvorräte am- ber Kiesgrube, unb sie schafften ben von Falk am Abenb bereilgeftedtm. Handwagen herbei. Sie kamen sogar auf den glücklichen Gedanken, dii Räder dieses Wagens mit Rupsen zu bespannen. Denn es gab feinst: Punkt ber Stabt, von bem aus Holzapfel sie nicht hätte hören müffem Dazu war bas Pflaster zu holprig.
Zuerst einmal verlief alles geschwinb unb in ber benfbar besten Orde nung. Sie hatten nicht umsonst ben großen Organisator zum 2tnfüljr®
Balb jedoch blieben sie stehen. Die Labung rollte nicht weiter. Dt< Kübel, ben sie ins Hauptquartier schleppen sollten, hatte sein hübsch-- Gewicht.
„Mensch! Der ganze Rupfen ist an ben Räbern burchgescheuert ■ ■ na sauber!" rief einer vom Nachwuchs aus. Der Nachwuchs liebte efc bie alte Garde in ihren Maßnahmen zu kritisieren und zu beschämen.
In ber Tat, Reppert mußte es mit unwillig hochgezogenen Augem brauen eingestehen: es gab ein Höllengepolter, von bem bie Führer b» ber Beratung des Felbzugsplanes baheirn nichts geahnt hatten. Bekannu sich können auch bie größten Strategen nicht alle Zwischenfälle otr Schlacht voraussehen. Das meiste muh bem Genie bes einfachen Soldan» überlaffen bleiben.
Das wußte Borst, unb er beschloß im geheimen, solch ein Snldatem genie zu beweisen. Er träumte bauen, burch eine obyssäische List ber ‘ unb Erretter ber gefährdeten Tertia zu werden. In seinem Geiste sah ' es, wie man ihn mit Tränen in ben Augen umarmen unb ihm all:-- Unrecht abbitten mürbe, bas man ihm angetan hatte, zum Beispiel Vorwürfe wegen seiner Wafsenübungen mit bem Beil unb <*•’ gleichen mehr. (Fortsetzung folgt !
Echristleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Steinbruderei, R. Lange in Gießen


