Vor bei Ruine des Hotel de France hielt der Schwarze, kletterte über Balken, Bretter und Gestein, verschwand in einem Loch. Der Maat olgte ihm.
„Tranquille, Monsieur, quite.“
Leises Wimmern drang aus der Tiefe.
„Oh, das ist eine Katze ober ein Hund."
„Oh no“, abwehrend hob der Eingeborene die Hände. „Nix cat or dog, Baby Moodyl“ —
Nach einer Stunde harter Arbeit war man bis in den Weinkeller Dorgebrungen. In den erkalteten Händen des durch einen Balken erschlagenen Kinderfräuleins lag schwer atmend und wimmernd der kleine dreijährige Jack Moody.
Oer Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte beim Rowohlt Berlag, Berlin W 35.
(Fortsetzung.)
Der Große Kurfürst stand in derMitte, erhob sein imperatorisches Haupt und streckte den Arm hoch nach oben. In solchen Augenblicken konnte man recht deutlich sehen, was man an seinem Führer hatte. Da war kein organisierender Reppert mehr, kein mutjüchtiger Lüders und kein Zank noch Hader der Jungen, — da war nur er allein verantwortlich und gebietend. Nun war er nicht schläfrig, wie gewöhnlich, ober verdrießlicher Laune, sondern auf eine furchtbare Art und Weise wach.
„Otta Kirchholtes?"
„Steintor! — Deutsch!"
„Lüders?"
„Hauptstraße! — Englisch!"
„Hornbostel?"
„Wilhelmstraße! — Deutsch!"
„Nestor?"
„Bechermachergasse! — Spanisch!"
„Reppert?"
„Zuerst Reserve. Dann Bahnhosstraße! — Italienisch!"
„Hartwig?"
„Mederowstraße! — Deutsch!"
„La Roche?"
„Lindenauer Straße! — Französisch!"
„Van Taak?"
„Bismarckplatz! — Holländisch!"
„Prinzlein?"
„Kanalgraben! — Englisch!"
„Schabzieger?"
„Bezirksamt! — Deutsch!"
Hier entstand höhnisches Gelächter. Drohungen unb spucken.
„Ruhe! — Königsmarck?"
„Amtsgericht! — Deutsch!"
„Hauptquartier? Reserve?"
„Botanischer Garten! Am Käfig des Gnus!"
„Pipps?"
„Sein Adjutant!
„Bamberger?"
„Adjutant!" v ,
„Parole?" fragte der Große Kurfürst zum Schluß, und er meiste sich im Halbkreis.
Alle hoben die Hände zum Schwur.
„Es lebe der Hund! Es lebe die Katze!
„Feldruf?"
„Oberamtmann Knötzinger! Götz von Berlichingen!
In ihr jubelndes Gelächter sandte der aus östlichen Wolken vortretende Mond feinen ersten, feierlichen Strahl.
„Vorwärts!" , ...
Reppert und fein Trupp gaben ihren Handvorrat ab. Sie winkten einander zu.
„Macht's gut!"
„Wir machen es gut!"
Bald erklangen ihre Rufe aus größerer und immer größerer Waldestiefe bis die sechs dort unten die ersten Saaten der Ebene erreicht hatten. Wie' der Halbgesang der Schiffer, wenn sie die Nächte lang aus dem Wasser fischen, so klangen ihre Ruse:
„Macht's gut!" — „Wir machen es gut!
Der Große Kurfürst und die Seinen schritten weiter, und st« ruhten und rasteten nicht, bis sie die ersten Häuser von Maineweh erreicht hatten, von wo aus sie sich, immer zu zweit, in die schlafende Stadt einschlichen. Sie wollten erst einmal ihre Rucksackmunition an blutroter Farbe verfeuern, bis Reppert und die Seinen mit der gewaltigen Reserve noch- kämen. ,
In dieser Nacht wurde die Stadt von dem Polizisten Holzapfel bewacht. Er hatte seinen Standort am Bahnhof. Nicht etwa, daß nach Mitternacht noch ein Zug angekommen wäre: der Bahnhof wurde sozusagen um zwölf Uhr geschlossen, wie jede Wirtschaft in der Stadt. Aber vor dem Bahnhof befand sich der Kreuzungsplatz der zwei Landstraßen, und es geschah drei- bis viermal in der Nacht, daß hier Autos passierten. Dann war der große Augenblick gekommen, wo Holzapfel den Arm erhob und winkte! Wegfreiheit! Und es machte ihm nichts aus, daß die Großstädter am Steuer ihrer Wagen sich mit lachendem Dank vor ihm verbeugten. Er wußte, was sich gehörte, er hatte in der nächsten großen Stadt einen Kursus „Verkehrspolizei" mitgemacht.
Abgesehen von diesem nächtlichen Autoverkehr gab es in Mameweh nichts zu bewachen. Man stahl in Maineweh am Tage. Die Dienstmägde stahlen zwanzig Pfennige oder Unterröcke, die Lehrlinge liehen Fünfzehn- Vfennigmarken verschwinden ober etwas Kupserdraht ober was sonst sich in ihrer Branche darbot, und die Schüler bestahlen ihre Eltern ober Verwandten bis zu drei Mark. Einbrüche waren selten, sie wurden
»en die promenierenden Schönen, macksten sich über die Bangenden lustig mnd hatten bereits vergessen, daß sie am Vormittag selbst von der Panik ■ergriffen waren...
Als die zweite Morgenstunde von den Kirchtürmen der Stadt versandet wurde, waren die Straßen menschenleer, nur in den engen Gäßchen am Strande herrschte noch reges Leben. Matrosen und Unteroffiziere Ler Garnison vergnügten sich mit den Dirnlein der Hafenkneipen.
Unheimlich still tag das Meer. Das tausendjährige Rauschen der gewal- itigen Brandung an den Korallenrissen hatte säst aufgehört. Die Wachen Der auf der Reede liegenden Dampfer und Segelschiffe blickten beunruhigt <mf das ungewöhnliche Schauspiel. Manch einer weckte den Offizier vvm Dienst und machte Meldung.
Plötzlich, ohne daß der Mont Pelee ein Anzeichen gegeben, schoß eine zriefige Feuersäule aus dem Krater. Im gleichen Augenblick bedien Meer -und Erde. Ein Brausen ertönte aus den Lüften, orkanartig erhob sich «in Sturm, der die Flammensäule auf die berstenden, brechenden Häuser Der Stadt hinabdrückte, alle in Brand setzte.
Noch bevor die Menschen Gelegenheit hatten, aus den Betten zu kriechen, krachten Mauern und Wände über ihnen zusammen, waren die Trümmer in. loderndes Feuer gehüllt, wurde Saint-Pierre zu einem Massengrab für vierzigtaufend Menschen.
Von den auf der Reede vor Anker liegenden Schissen gingen die -meisten in Rauch auf, andere wurden gegen die Riffe geschleudert, barsten, sanken.
Tankschisse waren geplatzt, das Petroleum ergoß sich auf die Wellen, (geriet in Brand, verkohlte die ins Wasser gestürzten Seeleute.
Stadt und Hasen waren ein einziges Flammenmeer: Schwefelgase, die Dem Mont Pelee entfliegen, vergifteten alles noch übriggebliebene Leben.
Don dem weithin leuchtenden Schein angezogen, flatterten ungezählte "Nachtvögel herbei unb verkamen in der Glut.
Drei Schläge erklangen von dem Turm der Basilika, die wie durch «in Wunder von der Katastrophe verschont geblieben war.
In sechzig Minuten war eine blühende Stadt zerstört, das Leben der «Einwohner vernichtet. . .
Der Flammenkegel auf dem Mont Pelee erlosch, Millionen Tonnen Asche blies der Krater aus, bedeckte die tote Stadt mit einem grauen Beichentum.
L. Mai 1902.
Das Beben erschütterte die im Norden liegende Insel Dominica, und jur selben Stunde öffnete auch der Krater von Sousriere auf Sankt Vm- <ent, im Süden von Martinique, seine Schleusen.
Auf weit entfernt liegenden Inseln wankte die Erde, spaltete sich und spie Feuer und heiße Quellen aus. .
Das Seebeben erstreckte sich auf mehrere hundert Meilen im Umkreis des Vulkanherdes.
9. Mai 1902. Blutrot stieg im Osten des Karibischen Meeres die Sonne aus den Wellen, beschien das Grab der Einwohner von Samt,Pierre, durchdrang den schwarzen Rauchkegel des Mont Pelee, mischte ihre Strahlen mit den Flammen der noch brennenden Stadtteile und lohenden Wälder. ' „, , , r ,. .
Irrsinnig gewordene, von der Glut und den vchweselgasen verschont gebliebene Weiße und Farbige wankten stumm, oder Entsetzensschreie ausstohend, zwischen den Trümmern umher, lleberlebenbe gab es wenige. Einige Menschen, bie ein glücklicher Zufall in Keller unb Raume geworfen, wohin Flammen unb Giftschwaben nicht bringen konnten, hatten beim Anblick der grauenhaften Katastrophe den Verstand verloren. Zu Tausenden lagen die Leichen in den Straßen umher, waren zwischen Mauerwerk der zusammengestürzten Gebäude eingeklemmt ober barunter begraben. 3n den engen Passagen im Hafen und Eingeborenenviertel türmten sich Berge von Toten.
Fest ineinanderverkrallt hielten sich Männer umschlungen wollten mit Messern einen Ausweg erzwingen. Die giftigen Gase verhinderten .0 unb Totschlag: bevor die Waffe benutzt werden konnte, erstickten Schwefeldämpfe alle Kampflust. Der Geruch verbrannten Fleisches verpestete die Lust.
Einen glimmenden Holzscheit in der Hand, kletterte «>n weibhaar>ger Neger über kohlende Balken und Steintrummer. Em irres Lachen gluckst« von seinen Lippen, und als sein Hemdärmel Feuer fing, kreischte er b auf, sprang wie rasend umher, sachte die Flamme vn seinem .iarperz heller Lohe an. Sein Lachen ging in Weinen über, verstärkte s'ch Zu emem Gebrüll, bis der Arme unter stöhnenden Wimmertonen von seiner Qual Crl Su^unberten spien die Wellen ertrunkene Seeleute und vieles Getier an Land. Tausende von Fischen, Krabben Oktopussen und anderen Meeresbewohnern lagen am Ufergeftem Ste Schweseldamp e hatten s'ch mit den Wassern vermählt und Tod unb Verderben in die Tiefe getragen.
Aus allen Teilen der Insel, bie das gfbbeben nur (Purten aber Dom Verhängnis verschont geblieben waren, eilten beherzte Menschen färbet. Der Unterschieb der Hautfarbe war vergessen, Weiße und Schwarze wollten
Wis^ort^de^Fran/e'dampften zwei französische Kriegsfahrzeuge heran, ein amerikanischer Kreuzer, auf dem Weg« nach Portonco, gesellte s'ch 8U Wench zu retten gab es. Bon den vierzigtausend Einwohnern waren nur einige Dutzend am Leden geblieben. Darunter befanden sich Schwer- "“Sr Tagewaren^U der Unglücksnacht verstrichen, al--ein-Schwarzer mit verstörter Miene an den Kommandanten des amerikanischen Kreuzer. '"“Monsieur, entre les debris de l’Hötel, you know, between“, sein Englisch war erschöpft, er wies mit zitternder Hand nad) ber '
„Donelly, nehmen Sie ein paar Mann und 6eh°n^,e m,t dem Neger, soweit ich verstanden habe, glaubt er, daß irgendwo )
verschüttet liegt."


