gewesen finb. Sieht tuan sich bie blonben unb blauäugigen Esten an, bie meist auch einen schmalen Schübel haben, konnte man an unmittelbare Zusammenhänge glauben, wenn bas nicht von ben später gekommenen Schweben unb von ber beutschen Zuwanberung seit bem 13. Jahrhunbert herrührt, Heute bekennt sich bie Insel auch wieder zu bem Kulturanschluß, ben sie mit ber umliegcnben Ostseeküste bamals an Europa burch bie Schwertritter unb bann burch bie Hanse gefunben hat. Die Orbensburgen auf Oesel sind zersallen, wie es balb bie ehemaligen Gutshäuser sein werben; aber bas altehrwllrbige Bischossschloh in Arensburg wirb wieber sorgfältig gepflegt.
Wenn aber bie Esten auf Oesel allgemein sich mit ben Deutschen gut zu stehen trachten, wie sie bas in ber Beslaggung ber Straßen bei unserem Besuch zum Ausdruck brachten, so rührt auch bas von bem Segen der großen Liebe bes Opfertodes. Die Bevölkerung besinnt sich noch auf die im Gegensatz zu den Russen der Kerenski-Zeit frischen unb offenen deutschen Soldaten; sie bewahrt die Erinnerung an bas, was Mannschaften unb Kameraden nach bem Tobe von Flex über ihren Helden- dichter gesprochen haben. Sie suchen in jebem beutschen Gast bie Jbeal- gestalt, bie inzwischen Walter Flex geworben ist, zumal auch bie Schul- kinber im Unterricht von ihm hören unb Proben seines Werkes kennen- leriien. Die Deutschen in Oesel stehen in der Pflege seines Erbes natürlich voran. Aber auch bem einfachen estnischen Bauern strahlen bie Augen, wenn er seinen Namen ausspricht. So vollenbet sich vor unseren Äugen in ber Berbinbung zwischen bem Mittelalter unb junger Vergangenheit über Heimat, Vaterland unb Volk hinaus bie Wahrheit bes Fallens ber Toten, bamit Tote lebenbig werben.
Oer Gewitiervogel.
Erzählung von Heinz Steguweit.
Die Tage waren heiß geworben, also zogen sich die Menschen Strohhüte unb bünne Kleiber an. Auch Meister Borromäus, ber hoch oben in drei hellen Kammern wohnte, wo bie Sonne ben ganzen Tag aufs Asphaltbach brannte, lief mit aufgeroUten Hembärmeln umher unb sagte zu seiner Frau, man müsse jetzt für Luft unb Kühlung sorgen. Sofort manberte der Buttcrnapf unter die Wasserleitung, Meister Borromäus ließ sich den Kopf bis auf bie Haut scheren, seine Frau zog lose Sanbalen an, unb ber Vogelkäfig würbe vor bas Fensterkreuz gehängt — warum sollte Honst keine Sommerferien haben? — Kam bann gegen Mittag Petrine aus ber Schule, bie Schürze voll frisch gepflückter Kresse, würbe sich bas gelbe Kanarientierchen gierig auf biefes Futter stürzen, benn so etwas gab es nur selten, unb Rübsamen konnte man im Winter immer noch fressen.
Aber Meister Borromäus steckte plötzlich ben Kopf burchs Fenster unb schnupperte mit ber Nase nach bem Winb, als sei irgenbetmas nicht geheuer. Er fragte, ob Petrine auch einen Schirm habe, ber Himmel sähe nach Gewitter aus, auf ber Straße würbe ber Staub in bie Höhe gewirbelt unb hinter bem Kirchturm hingen bie Wolken wie Blei. Da suchte bie Meisterin ängstlich ben Schirm, um ihrem Kinde entgegenzugehen. Weil aber bie Meisterin ben Schirm nicht finben. konnte, schimpfte Herr Borromäus ob biefer Unorbnung unb half tnurrenb beim Suchen. Und während jetzt beide im Schlafzimmer waren, mit den Händen bald in den Schränken und bald in den Truhen, hörten sie nicht das ängstliche Flattern und Flöten Hansis, der feit einer Stunde vor dem Küchenfenster hing. Als aber ein gewaltiger Blitz in die Kammer zuckte, und als diesem Blitz sofort ein krachender Donner folgte, so laut und wild, als würden tausend Pauken angeschlagen, da zuckten Meister Borromäus und seine Frau zusammen. Vom Himmel schoß der Regen in fetten Säulen, man mußte die Fenster schleunigst schließen, man mußte auch schnell den Vogelkäfig in die Küche holen; aber Meister Borromäus blieb gelähmt in der Türe stehen, fein Mund stand offen vor Schreck, feine Kniekehlen zitterten: auf Hansis Käfig saß hackend und flatternd ein gewaltiger Vogel! Dieses Tier war grau wie bie Wolken des Gewitters, sein langer Schnabel unb seine ungefügen Krallen bearbeiteten bie kleinen Gitter, währenb sich Hansi gelb und winzig auf dem Boden zusammenkrümmte. Die Meisterin tat einen Schrei, so grell unb entsetzt, baß ber Meister wieber mutig würbe unb auf ber Stelle zeigen mußte, baß er immer noch ein Kerl fei. Also sprang Herr Borromäus ans Küchenfenster, packte sich mit feinen Männerfäusten ben Raubvogel, der blind war vor Wut und Gier. Jetzt mußte der Meister den Zorn des Tieres spüren, scharf wie ein« Sichel war der Schnabel, die Krallen griffen wie eiserne Zangen ins Fleisch und die Augen glühten und rollten so wild, als habe sich der Teufel selber in dieses Zimmer verirrt. Herr Borromäus sah, wie seine Finger und Arme bluteten, er schrie, seine Frau sollte einen Sack holen, aber die Meisterin holte statt eines Sackes einen leeren Papageienkäfig, der seit Jahren schon unbenutzt auf bem Schranke ftanb. Nun würbe bas riesige Tier eingekerkert, eine halbe Stunbe lang flatterte und ächzte es noch hinter den Stangen, dann ergab es sich keuchend in sein Schicksal. —
Ein Geier, sagte die Meisterin. Ein Adler, widersprach der Meister. Dann holte man Hansi endlich aus dem Fenster, und dieses Vögelchen hockte immer noch gelähmt auf bem Boben, sein Gefieber war zerzaust, sein Herz klopfte jad) hinter ber kleinen Brust. Und naß war bas kleine Körperchen, noch vom Gewitterregen — welches Abenteuer für diese friedliche Kreatur.
Als Herr Borromäus sich vom Schreck erholt hakte, lachte er feine Frau so triumphierend an, als sei er ein Held, den man bewundern müsse. Doch die Meisterin hatte andere Sorgen; denn sie holte eine Schüssel voll Wasser und wusch ihrem Mann« den blutigen 2lrm aus, den der Raubvogel zu seinem Schlachtfeld gemacht hatte. Diese Wunden waren nicht klein, und die Finger sahen aus, als seien sie in das Getriebe einer Maschine geraten. Da verging auch dem Meister das Lachen, er fluchte unb wetterte jetzt, er werbe dem Satan noch einen Denkzettel geben!
Aber was schwören brave Männer nicht alles im ersten Zorn? Die Frau, bie eine Mutter war, hatte schon Mitleib mit dem großen Räuber,
der kaum wehrloser und zerzauster in seinem Gefängnis zitterte als der bange Hansi.
Mittlerweile war das Gewitter vorübergezogen, von der Dachkandel tropfte noch Master, in den ©offen ber Straße ftanb noch schmutziger Schaum; aber am Himmel triumphierte ein Regenbogen in fiebenmalfieben Farben! Nun würbe Petrine keinen Schirm mehr brauchen, unb Meister Borromäus horchte auf: das Kind trappelt« schon singend über bie Treppe. Unb bie Tür ging auf, ein Gruß, ein Küsten, dann klatschte Petrine mit bem ganzen Staunen eines glückseligen Kinbes in bie Hänbe: Ein Habicht? Ein richtiger, lebenber Habicht?
Der Lehrer hatte neulich von biesem Vogel gesprochen, aUerbmgs konnte er ben Kinbern bamals nur ein gebrücktes Bilb von ihm zeigen. Und Petrine, die den mühsam gefudjten Schirm in ber Hand trug, fetzte sich still und nachdenklid) vor den Käfig, den stolzen Gesungenen zu bewundern. Sie erzählte, daß dieser Bogel «in Räuber und Tunichtgut sei — da wetzte Vater Borromäus schon fein Mester. Sie erzählte, daß ein Habicht nur Fleisch und andere Tiere fresse —, da schnitt Meisterin ein Stück vom rohen Braten ab, und der Raubvogel fiel ausgehungert über ben Happen her. Er hackte mit bem Schnabel und zerrte mit den Krallen, so lange und so gründlich, bis ber letzte Nest verschlungen war. Petrine erzählte weiter, bah dieser Vogel der kühnste und stolzeste der Heimat fei, wenn er auch als Räuber über den Aeckern unb Wälbern lebe. Der Lehrer habe von ber Natur bes Blutes gesprochen, solch ein gewaltiger Habicht sei ein Kinb b«r himmelhohen Freiheit, so stolz unb abelig, baß er in ber Gefangenschaft balb jebe Nahrung verweigere, um lieber aus Groll und Verachtung wider seine Unterdrücker zu sterben. Da klappte Borromäus fein Messer wieder ein und steckte es in die Tasche.
Als es Mittagszeit geworden war, tischte die Meisterin bas Essen auf. Aber ber Braten schmeckte nicht, Herr Borromäus war stumm geworben, er hing mit ben Augen immer am Käfig, wo ber Räuber still unb unversöhnlich auf ber Stange hockte. Und der Meister stand auf, ging hin und her in der Küche, den verwundeten Arm in der Binde und die Zähne immer in kauender Bewegung, als habe seine Seele etwas schweres auszukämpfen. Dann blieb er plötzlich stehen, ballte feine Faust und knurrte, er könne das Tier auf der Stelle umbringen, wenn er nur wolle, er sei stark genug, aber: sollen wir ihn wieder fliegen lasten?
Während er diese Worte sprach, atmete seine Frau erleichtert auf, und auch Petrine sprang vom Stuhl, dem Vater um ben Hals zu fallen. Da bückte sich Herr Borromäus unb hob ben Käfig auf. Der Habicht zuckte nicht, in feinem Blick nistete Haß unb Verachtung. Als aber bas kleine Gefängnis am offenen Fenster ftanb, fo baß ber Vogel ben Himmel unb bie Wolken sehen konnte, schloß bas stolze Tier feine Augen, als wollte es feiner Wehrlosigkeit nicht spotten lassen. Jetzt öffnete ber Meister bi« kleine (Sittertür unb klemmte sie fest. Petrine unb bie Mutter mußten zur Seite treten, Herr Borromäus aber wartete, bis der Habicht die Stunbe feiner Freiheit begriffen hatte: ba kam ber Raubvogel aus feinem Kerker, langsam unb mißtrauisch; zuerst mit bem spitzen Kopf, bann mit ber linken Klaue unb enblich mit ber rechten. Seine Flügel hingen noch lahm unb mübe, fein Herz klopfte noch so jach, baß bie graue Brust sich auf unb niederhob. Herr Borromäus schnalzte, als sei biefer Habicht ein Kücken, Petrine mußte lachen und während sie lachte, klatschte sie wieder entzückt in bie Hänbe. Dieses Geräusch jagte den Vogel auf; breimal schlug er bie mächtigen Flügel aus, so baß bie Geranien auf bem Fenster geknickt würben unb ihre roten Blumen verloren. Dann aber ächzte bas Tier, als krähten hunbert Raden, unb im Nu schoß ber Habicht burchs Fenster hinauf in bie Freiheit. Lange noch zog ber Vogel seine königlichen Kreise Über dem Haus, und einmal kam er so nahe ans Fenster, als wollte er wieder zurück in die Küche des Meisters Borromäus. Petrine und ihre Eltern standen da, schauten und reckten sich die Hälse klamm. Vater Borromäus sagte, seine Augen seien schon ganz naß vom Stieren. Und als sie bas Fenster verließen, sang auch Hansi wieber, der kleine, gelbe Vogelknirps, ber seine grünen Kresse ebenso gierig vertilgte, wie ber Habicht [ein rohes Ochsenfleisch.
Erdbeben auf Martinique.
Dem im Verlag von Otto Janke, Leipzig, erschienenen neuen Roman „Srbbeben" von Joseph Belmont entnehmen wir die folgenbe außerorbentlich plastische Darstellung jenes Erb- bebens von 1902, bas beinahe vierzigtausend Menschenopfer forderte.
Drückend lag die heiße Tropenluft über der Insel Martinique. Keine Wolke stand am Firmament, trotzdem sah das Himmelsgewölbe bleigrau aus.
Ein seltsames Phänomen beobachteten bie Einwohner Saint-Pierres, unb Furcht bemächtigte sich bejonbers ber Schwarzen.
Tausenbe ber nieblichen Sigutis, bie die Insel bevölkern, zogen eiligst nach bem Silben, krochen bie Berge hinan, liefen ber Küste zu — unb Schrecken erfüllte bie Abergläubischen, als am Morgen bes 7. Mai 1902 viele ber kleinen Tiere sich ins Meer, in bie Branbung, stürzten und darin umkamen.
In Grauen wandelte fid) der Schrecken ber Eingeborenen unb Weißen, als bie Millionen ber lästigen Ameisen bie Häuser unb Hütten verließen, bie quälenben Moskitos sich nicht mehr zeigten. Der Haustiere bemächtigte sich große Unruhe. Pferbe, Esel unb Maultiere, bie sonst bie leiseste Berührung ber Hanb in Bewegung setzte, hielten alle Augenblicke bie Ohren steif, rührten sich trotz Stockschlägen unb Peitschenhieben nicht vom Fleck. Entsetzen lag in ben Augen der klugen Tiere. Auch die Kühe, Kälber, Ziegen unb bas Geflügel erfüllte Unbehagen, Angstgefühl. Ratten unb Mäuse kamen im Tageslicht aus ihren Löchern unb zogen in Scharen mir Tausenben von Schilbkröten zum Wasser hinab...
Am Spätnachmittag blaute der Himmel auf, die Sonne brannte vom Firmament hernieder, und langsam schlug ber Einwohner Stimmung um, beruhigten sich bie Gemüter...
Der Platz de la Viktoire war am Abend von Menschen besät. Die Militärkapelle ließ lustige Weisen erklingen, und die Flaneure umschwärm-


