SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Ml Montag, den 13. Zutt Nummer 54
Oie Dankesschuld.
Von Walter Flex.
Ich trat vor ein Soldatengrab und sprach zur Erde tief hinab: „Mein stiller grauer Bruder du, das Danken läßt uns keine Ruh'. Ein Volk in toter Helden Schuld brennt tief in Dankes Ungeduld. Daß ich die Hand noch rühren kann, das dank' ich dir, du stiller Mann. Wie rühr' ich sie dir recht zum Preis? Gib Antwort, Bruder, daß ich's weiß' Willst du ein Bild von Erz und Stein? Willst einen grünen Helbenhain?"
Und alsobald aus Grabes Grund ward mir des Bruders Antwort kund: „Wir sanken hin für Deutschlands Glanz. Blüh', Deutschland, uns als Totenkranz'. Der Bruder, der den Acker pflügt, ist mir ein Denkmal, wohlgefügt. Die Mutter, die ihr Kindlein hegt. Ein Blümlein überm Grab mir pflegt. Die Büblein schlank, die Dirnlein rank blüh'n mir als Totengärtlein Dank. Blüh', Deutschland, überm Grabe mein jung, stark und schön als Heldenhain!"
Niemand hat größere Liebe ...!
(Eine Wallfahrt zum Grabe des Dichters Walter Flex auf der 3nfe( Oefel.
Von Frithj 0 f Meltzer.
Wie sollen wir Gottes Schicksalsfügungen fassen, wenn uns hier schon die Tatsache und die Erinnerung des Lebens und Sterbens eines einzigen winzigen Menschleins mit früher Vollendung im 30. Jahre erschüttert, hinreißt und ohKe Ueberlegung, ohne die Möglichkeit einer Rechenschaft in seinen Bann zwingt? Der Verstand beugt sich vor der Leidenschaft des leibeigenen Dienstes, vor dem Witten zum bereiten Opfer und vor der Allmacht des untrüglich ahnenden Gefühls.
Es ist nicht die Landschaft, die unendlich traurig und auch verzweiflungsvoll machen könnte. Der Stein in Trümmern und Blöcken beherrscht die Landschaft, dieser unzuverlässige und doch so zugängliche Ralk-Stem, der auf den zum größten Teil von unseren Leuten vor 13 Jahren angelegten Straßen unter den Rädern zu feinstem Pulver zermahlen wird, das im Staub der Sonne und des Windes den Menschen fein bis in die tiefste Pore einpudert und nach einem Regenguß nicht nur die Kleider durchdringt, sondern auch die Sohlen der Schuhe frißt. Was sollte den Menschen, die 62 000 Esten und die 1000 Deutschen, die auf den gut 2000 Quadratkilometern der Insel Oesel ihre Nahrung suchen erst auf den Gedanken bringen, die Steine zu beseitigen und eine sichere Ackerkrume zu schaffen. Wo sie zu dicht liegen, werden sie zusammengetragen werden statt der Zäune als Einfriedung in saubere Mauern gelegt: sonst türmt man allenfalls ein paar Steine, die sich an der Pflugschar gewetzt Haben, aiis einen der größeren Blöcke, als ob überall verstreut kleine Hünengräber lagen. Nicht einmal zum Hausbau, abgesehen von der Stadt Arensburg mit ihren 4000 Einwohnern, von Kirchen und alten Burgen ist er nützlich weil nur das Holz im harten Winter die Warme halt: 'st doch der Sund herüber zum Festland regelmäßig bis Ostern fest zugefroren, bi m der Zeit der Schmelze einen Monat lang überhaupt keine Verb ndung zum Festland möglich ist. Da haben deutsche Truppen 1918 im kühnen Ritt über das Eis den nur mit dem Zug des Großen Kurfürsten über das Haff vergleichbaren Handstreich zur Beseitigung der Bolschewisten: -uw Estland unternommen, wofür die antibolschewistifchen Esten sich hernach mit der Enteignung des deutschen Grundbesitzes bedankt haben ..
Im Nordwesten freilich ist es besser. Da steyen weite Kiefernwälder. Auch im Nordosten läßt es sich an; da lohnt es sich 14™, ^bw bereiten, wenn der Acker auch nicht unkrautre.n zu halten ist. Doch m Süden und Südosten bleibt die wenig ertragreiche' W»!e und Deid- ncben kümmerlichen Wirtschaftsgarten die einzige' Moll-'chkett. Und weithin ist auch das nicht zu schassen. Da ,st dann der Wacholder muppg stroüenden Büschen heimisch. Dazwischen allerdings — besonders um diese NrKt - 'tu buL Wechsel kleine versteckt-, aber emz.g -.ebreiche Blumen, wie sie mit ihrem fast verschämt herben und doch süßen Dust der mitteleuropäischen Flora fremd sind. ^. .. Inseln
Rings die Ostsee, soweit nicht Inseln und Trümmern von Inseln vorgelagert sind.
Die Tiere? Neben den nach der Familieneigenart teils frechen, teils schüchternen Wasservögeln in bunter Zusammensetzung nur Hasen, für deren Jagd edle Braken gehalten werden.
So bleiben nur die Menschen. — Ja! —--Und auch wieder Nein!
■ Auch wenn man nicht eigens zum Besuch eines Sterbehauses und eines Grabes eine besondere Fahrt mit dem Motorschiff „Preußen" des „Seedienstes Ostpreußen" mitgemacht hat, kann einem — so man überhaupt Gesicht und Gefühl hat, so man nicht ein Mafchinenrnenfch oder ein dünkelhafter Verstandsprotz ist — nicht die Tatsache entgegen, daß ein Toter dem Leben der Insel besondere Weihe gibt: Walter Fl ex. Vielleicht ist so eine besondere Umgebung erforderlich, um mit wachem Sinn fast beim ersten Eindruck die Wahrheit zu begreifen, daß Tote nicht fallen, damit Lebendige sterben, sondern damit Tote lebendig werden. Sonst erschließt sich dieses Wissen des ewigen Lebens nur im eigenen Ringen, im Ringen um das Liebste...
Was beklagen wir uns oft darüber, daß unsere Großen im Geiste und in der Kunst erst von einem späteren Geschlechte voll verstanden werden, daß sie die Früchte ihres Schaffens nicht mehr „erleben" können? Ach, wie haben wir Menschen der Moderne und des Fortschritts jeden Maßstab der Zeit verloren! Wer seine Früchte noch zu Lebzeiten zur letzten Vollendung kommen sieht, nun, dessen letzte Vollendung hat eben auch entfernt nicht an die Grenze der Reife herangereicht. Reif ist nur, wes Erbe erst nach ihm die volle Kraft und Pracht entfaltet. Sie haben das ewige Leben. Und sie leben nicht nur in der physischen Funktion, die uns allen, auch wider Willen, eignet, — so wir überhaupt die göttliche Gnade als Mutter oder Vater erleben — ein kleines winziges Glied in der Kette der Generationen aus Ewigkeit in Ewigkeit zu fein. Ein jeder von ihnen in dem ihm zugemeffenen Kreis, dessen scheinbare Begrenztheit durchaus nichts über den Ewigkeitswert besagt, weil wir vor Gott alle gleich sind und Gleichheit nicht alle gleich macht, sondern jedem das Seine gibt.
Gibt es überhaupt einen gewisseren Trost beim Verscheiden von Menschen, die wir aufrichtig lieben? Das Gesetz über die Erhaltung der Materie hat weit wichtigere Bedeutung im Geist. Wie wir es jetzt im Choral bei dem feierlichen Gottesdienst im schlichten gotischen Hause in Peude, einem estnischen Dorf im Nordosten der Insel Oesel, im Gedenken an Walter Flex gesungen haben:
„Was unser Gott geschaffen hat. Das wird Er auch erhalten!"
Bei der Eroberung der Insel Oesel ist der Leutnant Walter Flex am 16. Oktober 1917 im nahen Peudehof einer Verwundung erlegen. Damit hat sich der Dichter Walter Flex früh vollendet. Er hat sich selbst die Bewertung gesetzt, die nun auf dem Friedhof von Peude zwischen Wacholderbüschen und steinigen Aeckern das schlichte Grabkreuz mitteilt:
„Wer auf die preußische Fahne schwört, Hat nichts mehr, was ihm selber gehört."
Wer selbst den Krieg erlebt hat und nicht — aus fremder ober eigener Schuld — in dieser Probe zerrissen worden ist, ober wer von ber Jung- mannschast ben Sinn unb Inhalt bes Völkerringens ernsthaft gesucht hat, liebt unb verehrt ben Dichter. Mag bas schon baoon sprechen, daß Fleß die Erfüllung feiner Lebensweisheit „Rein bleiben unb reif werben gefunden hat, so zeugt ber Besuch auf Oesel baoon, wieviel prächtiger noch bie Reife ber Frucht ist.
In [einer „Dankesfchulb" fragt ber Dichter ben toten Helden: „Willst du ein Bild von Erz ober Stein?
Willst einen grünen Helbenhain?"
Unb bie Antwort:
„Der Bruber, ber ben Acker pflügt, Ist mir ein Denkmal, wohl gefügt. Die Mutter, bie ihr Kinblein hegt, Ein Blümlein überm Grad mir pflegt. Die Büblein schlank, bie Dirn [ein rank Blühn mir als Totengärtlein Dank."
Entspricht es nicht biesem Gebanken — unb bas ist ber Zusammenhang ber jetzigen Oeseifahrt —, daß aus Sammlungen der Jugend aus allen deutschen Gauen der Peudehof, das Sterbehaus, nach der Enteignung des letzten deutschen Besitzers durch die Esten verfallen unb vor dem Zusammenbruch stehend, zu einer deutschen Jugendherberge umgestal- tet werden soll? — Land und See machen besinnlich. Die Gedächtnisstätten führen auch den Gleichgültigen zu dem Sinn ber Worte bes Herrn:
„Niemanb hat größere Liebe benn die, baß er sein Leben [äffet für feine Brüber."
Unb sollte nicht hier auch ber Segen ber opfernben Liebe befonbers sinnvoll werden können? Werben hier boch auch noch anbere Tote aus längst entschwunbener beutscher unb germanischer Vergangenheit lebenbig. Die Bauernburgen, bie freilich erst unzulänglich erforscht finb, lassen bar- auf schließen, baß vor einer späteren Befieblung Germanen hier heimisch


