hübsche LeuteI"
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Junge Mägdlein pflegen wohl alle Lust des Festtages erst am anderen Morgen sich so recht durch Sinn und Gemüt gehen zu lassen, und diese Nachfeier dünkt ihnen dann beinahe noch schöner als das Fest selbst. So saß auch die holde Rosa am andern Morgen einsam in ihrem Gemach
D-rantwortltch: Or. Hans Th^ivt. - Druck und Berlag: Brühl',ch- Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.
mochte es auch anstellen, wie ich wollte. Mit aller meiner Muhe erntete ich nur Hohn und Spott «in. Beim Freismgen mach e ich bald salsche Anhänge (zur Bersfüllung angehängte unorganische Silben, z. B. „Tode statt Tod"), bald Klebsilben (Zusammenziehung rote „zum statt „zu dem" "oder Formen wie „gähn" statt „gehen") bald ein sal chees Gebilde (Verstoß gegen die Gesetze des Strophen- und Versbaues), bald falsche Blumen (ungeschickt gewählte Beiwörter), oder verfiel ganz und gar in falsche Melodei. - Nun, ihr werdet es besser machen, und es wird heißen, was der Meister nicht vermag das tun doch feine Gesellen Künftigen Sonntag ist zur gewöhnlichen Zeit nach der Mittagspredlgt ei Meistersingen in der St. Katharinenkirche, da bannet chr be,!^ Reinhold und Friedrich, Lob und Ehre erlangen mit eurer schonen Kunst, denn vor dem Hauptsingen wird ein Freisingen gehalten woran ihr sowie jeder Fremde, der der Singekunst mächtig, ungehindert teilnehmen könnet. Nun, Gesell Konrad", so ries Meister Martin herüber zur Fugbank, „nun. Gesell Konrad möchtet Ihr nicht auch den Slngstuhi besteigen und Euer schöne- Jagdlied Anstimmen?" - „Spottet nicht", erwiderte Konrad ohne aufzublicken, „spottet nicht, lieber Miester! >edes an seinem Platze. Während Ihr Euch an dem Meistersingen erbaut, werde ich auf der Allerwiese meinem Vergnügen nachgehn."
Es kam so, wie Meister Martin wohl vermutet. Reinhold bestteg den Singestuhl und sang Lieder in unterschiedlichen Weisen, die alle Meistersinger erfreuten, wiewohl sie meinten, daß dem Sanger zwar kein Fehler, aber eine gewisse ausländische Art, selbst könnten sie nicht sage^^worlN die eigentlich bestehe, oorzuroerfen sei. Bald darauf setzte fich Friedrich auf den Singestuhl, zog sein Barett ab und begann nachdem er einige Sekunden vor sich hingeschaut, dann aber einen Blick in di« Versammlung geworfen, der wie ein glühender Pfeil der holden Rosa m die Brust traf, daß sie tief aufseuszen mußte, ein solches herrliches Lied im zarten Ton Heinrichs Frauenlobs, daß alle Meister einmütig bekannten, keiner unter ihnen vermöge den jungen Gesellen zu ubertieflen.
Als der Abend herangekommen und die Singschule geendigt, begab sich Meister Martin, um den Tag recht zu gemeßen, in Heller Frohlichkest mit Rosa nach der Allerwiese. Die beiden Gesellen Reinhold und Friedrich dursten mitgchen. Rosa schritt in ihrer Mitte Friedrich, ganz verklart von dem Lobe der Meister, in seliger Trunkenheit, wagte manches kühne Wort das Rosa, die Augen verschämt niederschlagend, nicht vernehmen zu wollen schien. Sie wandte sich lieber zu Reinhold, der nach seiner Weise allerlei Lustiges schwatzte und sich nicht scheute seinen Arm um Rosas Arm zu schlingen. Schon in der Ferne horten sie das jauchzende Getöse auf der Allerwiese. An den Platz gekommen, wo die Junglinge sich in allerlei zum Teil ritterlichen Spielen ergötzten, vernahmen sie, wie das Volk einmal übers andere rief: „Gewonnen, gewonnen — er ist's wieder, der Starke! — ja, gegen den kommt niemand auf! — Meister Martin gewahrte, als er sich durchs Volk gedrängt hatte, daß alles Lob, alles Jauchzen des Volks niemandem anders galt als seinem Gesellen Konrad. Der hatte im Wettrennen, im Faustkamps, tm Wurfspießwerfen alle übrigen übertroffen. Als Martin herankam, rief Konrad eben ob es jemand mit ihm aufnehmen wolle im lustigen Kampfspiel mit 'stumpfen Schwertern. Mehrere wackere Patrizier-Jünglinge, solch ritterlichen Spiels gewohnt, ließen sich ein auf die Forderung. Nicht lange dauerte es aber, so hatte Konrad auch hier ohne alle große Muhe und Anstrengung sämtliche Gegner überwunden, so daß des Lobpreisens feiner Gewandtheit und Stärke gar kein Ende war. ...... . ..
Die Sonne war herabgesunken, das Abendrot erloschte, und tue Dämmerung stieg mit Macht herauf. Meister Martin, Rosa und die beiden Gesellen hatten sich an einem plätschernden Springquell gelagert. Reinhold erzählte viel Herrliches von dem fernen Italien, aber Friedrich schaute still und selig der holden Rosa in die Augen. Da kam Konrad heran leisen, zögernden Schrittes, wie mit sich selbst uneins, ob er sich zu den andern lagern solle oder nicht. Meister Martin rief ihm entgegen: ,;Nun, Konrad, kommt nur immer heran, Ihr habt Euch tapfer gehalten auf der Wiese, so kann ich's wohl leiden an meinen. Gesellen, so ziemt es ihnen auch. Scheut Euch nicht, Geselle! setzt Euch zu uns, ich erlaub es Euch!" Konrad warf einen durchbohrenden Blick auf den Meister, der ihm gnädig zunickte, und sprach dann mit dumpfer Stimme: „Vor Euch scheue ich mich nun ganz und gar nicht, hab' Euch auch noch gar nicht nach der Erlaubnis gefragt, ob ich -mich hier lagern darf oder nicht, komme überhaupt auch gar nicht zu Euch. Alle meine Gegner hab' ich in den Sand gestreckt im lustigen Ritterspiel, und da wollt' ich nur das holde Fräulein fragen, ob sie mir nicht auch wie zum Preis des luftigen Spiels den schönen Strauß verehren wollte, den sie an der Brust trägt. Damit ließ sich Konrad vor Rosa auf ein Knie nieder, schaute mit seinen klaren braunen Augen ihr recht ehrlich ins Antlitz und bat: „Gebt mir immer den schönen Strauß als Siegespreis, holde Rosa, Ihr dürft mir das nun durchaus nicht abschlagen!" Rosa nestelte auch gleich den Strauß los und gab ihn Konrad, indem sie lachend sprach: „Ei, ich weiß ja wohl, daß einem solchen tapfern Ritter, wie Ihr seid, solch ein Ehrenzeichen von einer Dame gebührt, und so nehmt immerhin meine welkgewordenen Blumen." Kottrad küßt« den ihm bargebotenen Strauß und steckte ihn dann an sein Barett, aber Meister Martin rief, indem er aufstand: „Nun seh' mir einer die tollen Possen! — Doch laßt uns nun nach Hause wandeln, die Nacht bricht ein!" Herr Martin schritt vorauf, Konrad ergriff mit sittigem, zierlichem Anstande Rosas Arm, Reinhold und Friedrich schritten ganz unmutig hinterher. Die Leute, denen sie begegneten, blieben stehn und schauten ihnen nach, indem sie sprachen: „Ei, seht nur, seht, das ist der reiche Küper Thomas Martin mit seinem holden Töchterlein und seinen wackern Gesellen! Das nenn' ich mir
und ließ die gefalteten Hände auf dem Schoß, das Köpfchen sinnend vor sich hingeneigt, Spindel und Näherei ruhen. Wohl macht es [ein, daß sie bald Reinholds und Friedrichs Lieder hörte, bald den gewandten Konrad sah, wie er seine Gegner besiegte, wie er sich von ihr den Preis des Siegers holte; denn bald summte sie ein paar Zeilen irgend eines Liedleins, bald lispelte sie: „Meinen Strauß wollt Ihr? Und bann leuchtete höheres Rot auf ihren Wangen, schimmerten Blitze durch die niebergesenkten Wimpern, stahlen sich leise Seufzer fort aus 6er innersten Brust. Da trat Frau Marthe hinein, und Rosa freute sich nun, recht umstänblich erzählen zu können, wie alles sich in der St. Katharinen, kirche und auf der Allerwiese begeben. Als Rosa geendet, sprach Frau Marthe lächelnd: „Nun, liebe Rosa, nun werdet Ihr wohl bald unter drei schmucken Freiern wählen können." — „Um Gott fuhr Slofa auf, ganz erschrocken und blutrot im Gesicht bis unter die Augen „um Gott, Frau Marthe, wie meint Ihr denn bas? — ich! — drei Freier.
„Tut nur nicht so", sprach Frau Marthe weiter, „tut nur nicht so. liebe Rosa, als ob Ihr gar nichts wissen, nichts ahnen konntet. Man mußt« ja wahrhaftig gar keine Augen haben, man mußte ganz Derbknb« sein, sollte man nicht schauen, daß unsere Gesellen Reinhold, Friedrich und Konrad, ja daß alle drei in der heftigsten Liede zu Euch sind.
.Was bildet Ihr Euch ein, Frau Marthe?" lispelte Rosa, indem sie bie Hand vor die Augen hielt. „Ei", suhr Frau Marthe fort indem ft« sich vor Rosa hinsetzte und sie mit einem Arm umschlang, „et, bu holdes, ver- schämtes Kind, die Hände weg, schau mir recht fest in die Augen, und dann leugne, daß bu es längst gut gemerkt hast, rote die Gesellen dich in Herz und Sinn tragen, leugne das! — Siehst du wohl, daß du das nicht kannst? — Nun, es wär' auch wirklich wunderbar, wenn «mes Mägdleins Augen nicht so was gleich erschauen sollten. -Wie die Blicke von der Arbeit weg dir zufliegen, wie ein rascherer Takt alles belebt wenn du in die Werkstatt trittst! Wie Reinhold und Friedrich ihre schönsten Lieder anstimmen, wie selbst der wilde Konrad fromm und freundlich wird, wie jeder sich müht, dir zu nahen, wie flammendes Feuer aufflackert im Antlitz dessen, den bu eines holden Blickes, eines freund- [täten Worts würdigst! Ei, mein Töchterchen, ist es denn nicht schon, daß solche schmucke Leute um dich buhlen? — Ob du Überhaupt einen und wen von den dreien du wählen wirst, das kann ich in der Tat gar nicht sagen, denn freundlich und gut bist du gegen alle wiewohl ich — doch still still davon! Kämst du nun zu mir und sprachst: „Ratet mir, Frau Marthe, wem von diesen Jünglingen, die sich um mich muhen, soll ich Herz und Hand zuwenden?' da würd' ich denn sreilich anworten: .Spricht dein Herz nicht ganz laut und vernehmlich: Der ist es, bann laß sie nur alle drei laufen. Sonst aber gefällt mir Reinhold sehr wohl, auch Friedrich, auch Konrad, und dann hab' ich gegen alle drei auch manches einzuwenden' — Ja, in der Tat, liebe Rosa, wenn ich die ,ungen Gesellen so tapfer arbeiten sehe, gedenke ich immer meines lieben armen Valentins, und da muß ich doch sagen, so wenig er vielleicht noch bessere Arbeit schasfen mochte, so war doch in allem, was er förderte, solch ein ganz anderer Schwung, eine andere Manier. Man merkte, daß er bei dem Dinge war mit ganzer Seele, aber bei den jungen Gesellen ist es mir immer, als täten sie nur so und hätten ganz andere Sachen im Kop^ als ihre Arbeit, ja als sei diese nur eine Bürde, die sie freiwillig sich aufgelastet und nun mit wackerem Mute trügen. Mit Friedrich kann ich mich nun am besten vertragen, das ist ein gar treues, herziges Gemüt. Es ist, als gehöre ber am mehrsten zu uns, ich verstehe alles, was er spricht, und daß er Euch so still, mit aller Schüchternheit eines frommen Kindes liebt, daß er kaum wagt. Euch anzublicken, daß er errötet, sowie Ihr ein Wort mit ihm redet, das ist's, was ich so sehr an dem lieben Jungen rühme." Es war, als trete eine Träne in Rosas Auge, als Frau Marthe dies sagte. Sie stand auf und sprach, zum Fenster acroenbet: „Friedrich ist mir auch recht lieb, aber daß du mir ja nicht den Reinhold verachtest." — „Wie könnt« ich denn das?" erwiderte Frau Marthe, „Reinhold ist nun offenbar ber schönste von allen. Was für Augen! Nein, wenn er einen so durch und durch blitzt mit den leuchtenden Blicken man kann es gar nicht ertragen! — Aber dabei ist in feinem ganzen Wesen so etwas Berwunderliches, das mir ordentlich Schauer erregt und mich von ihm zurückschreckt. Ich denke, Herr Martin mußte, wenn Reinhold in seiner Werkstatt arbeitet und er ihn dieses, jenes fördern heißt, so zu Mute sein, wie mir es sein würde, wenn jemand in meine Küche ein von Gold und Edelsteinen funkelndes Gerät hingestellt hätte und das solle ich nun brauchen wie gewöhnliches, schlechtes Haus- gerät da ich denn doch gar nicht wagen möchte, es nur anzuruhren. Er erzählt und spricht und spricht, und das alles klingt wie süße Musik, und man wird ganz hingerissen davon; aber wenn ich nun ernstlich daran denke was er gesprochen, so hab' ich am Ende kein Wörtlein davon verstanden. Und wenn er denn auch wohl einmal nach unserer Weise scherzt und ich denke, nun ist er denn doch so wie wir, so sieht er mit einem Mal so vornehm darein, daß ich ordentlich erschrecke. Und dabei kann ich gar nicht sagen, daß sein Aussehn ber Art gliche, wie mancher Junker, mancher Patrizier sich bläht, nein, es ist etwas ganz anderes. Mit einem Wort, es kommt mir, Gott weiß es. so vor, als habe er Umgang mit Höheren Geistern, als gehöre er überhaupt einer anderen Welt an Konrad ist ein wilder, übermütiger Geselle und hat dabei in feinem Willen fügt. Liber dabei ist Konrad wieder so gutmütig und jum Schurzfell nicht recht paffen will. Und dabei tut er so, als wenn nur er allein zu gebieten hätte und die andern ihm gehorchen müßten. Hat er es doch in ber kurzen Zeit seines Hierseins dahin gebracht, daß Meister Martin, von Konrads schallender Stimme angebonnert, sich seinem Willen fügt. Aber babei ist Konrad hieder so gutmütig und
grundehrlich, daß man ihm gar nicht gram werden kann. Vielmehr muß
ich sagen dah er mir trotz seiner Wildheit beinahe lieber ist als Reinhold, i denn zwar spricht er auch oft gewaltig hoch, aber man versteht's doch
• recht gut. Ich wette, der ist einmal, mag er sich auch stellen, wie er will,
ein Kriegsmann gewesen. Deshalb versteht er sich auf die Waffen und hat
, sogar was vom Ritterwesen angenommen.(Fortsetzung folgt.)


