in -seine Fabriklanbschasten gehören, die konnte er nicht malerisch gestalten. Sein Pinsel war zu weich, zu gefühlvoll seine Malweise, als daß er mit ihm die Titanen der Bergwerke hätte erschossen können. Was Millet den Bauern gegeben, das war doch nur Vorbild aus einer anderen Welt, leitete tf)n aber zur eignen «Schöpfung. Die völlig neue Gebärde des Arbeiters, den Rhythmus und den Takt seines Ganges, feines Wesens hat Meunier in feinen Plastiken aufgefangen. Als Fünfundfünfzigjähriger schuf er den „Hammermeister", einen gelassenen, zum Schlag ausholenden Mann, in dessen mächtiger Silhouette die Wucht und erdenhafte Größe einer an ihre Tätigkeit hingegebenen Seele zumAusbruck kommt. Meunier gibt durchaus nicht einen reinen Naturausschnitt, nicht etwa einen einzig gut beobachteten Arbeiter, sondern in seinen Gestalten sind die Gebärden von Tausenden ausgespeichert; in ihnen gewinnt ein allen gemeinsames Merkmal, das vielleicht beim Einzelnen individuelle Züge verdecken, ein beherkschendes Leben. Ihre Geste ist wie eine Projektion unzähliger gehobener Hände, rufender Münder, vorgebeugter Nacken auf einen ewigen Hintergrund, an dem sie nun wie mächtige Schatten erscheinen, die den eigentlichen Inhalt des vielgestaltigen Lebens in sich aufgesogen haben. So haben seine Arbeitergestalten das Individuelle verloren und verschmelzen zu einem stolzen Hymnus an die Arbeit. Da ist eine von der Last niedergebugte Figur, in deren Rllckenlinie eine mühsame Anspannung liegt. Andere stemmen sich kraftvoll an, heben sich schwer empor, atmen erleichtert auf, schreiten keuchend einher, brüten stumpf vor sich hin, schreiten kraftvoll aus, schauen müde von der Arbeit empor, sitzen ausgestützt da oder wiegen sich stolz im Vollgefühl ihrer Kräfte in den Hüsten. In seinen kleinen Bronzestatuen, die unter den wenigen, eng anschließenden Kleidungsstücken die mächtigen Körper, die gespannten Sehnen, die eckigen Formen zeigen, ist das Eigentümliche eines ganzen Standes ausgedrückt, es sind die schweren, inhaltsreichen Bewegungen, die plumpen, dennoch ausdrucksvollen Gesten, es ist das Lässige und Eckige, Brutale und Mächtige, das den Konturen einen großen Zug gibt. Er vermag eigentlich nur die Ruhe, eine seelische gleichmütige Stimmung wiederzugeben; das Massige, breit Hingesetzte, das Animalische gelingt ihm etwa in seinem „Schmied" und der robusten Mutter der großen Gruppe „Maternita". Die fast versteinerte Stumpfheit des Alters, die durch das Leben eingegrabenen Linien des alten Bergmannes sind grandios ausgedrückt. Der Schmerz, den die vornüber geneigte Mutter vor der Leiche des verunglückten Sohnes ausdrückt, hat eine gewaltsam beherrschte, unterdrückte Linie, wie sie auch in der Spätgotik so ergreifend berührt, mit der Meunier manchmal zujammentrifft.
Diese geschlossene Monumentalität, die eine vollkommen einheitliche Silhouette gibt und vom realistischen Detail nur soviel aufnimmt, daß es die dominierende Geste nicht stört, bleibt als künstlerisch reine Aeuße- rung einer bestimmten Epoche von höchster Bedeutung. In Meunier wird jede Betrachtung des Naturalismus gipfeln, da er die machtvolleren Anregungen Millets in der einfachsten unb schlichtesten Form gestaltet bat. Die moralische Fülle und lebendige Kraft, die seine Puddler am Hochofen, seine ausziehenden Bergarbeiter beseelte und bei aller Wirrheit höchst lebendig machte, hat er in den Reliefs seines „Arbeitmonumentes" gebändigt und geläutert. In seinem Stil, der die Figuren bald plastisch herausarbeitet, bald nur andeutet, hat er die Industrie, den Bergbau, den Handel und Ackerbau dargestellt. Eine edle Ruhe, eine milde Ver- klärtheit liegt über dieser letzten Arbeit gebreitet. Hier hat der Meister in einem großen epischen Gedicht zusammengefaßt, was er an Schönem und Erhabenem sonst im Einzelnen vollbrachte, und als der plastische Epiker der Arbeit wird er fortleben.
Riga einst und jetzt.
Von Else Frobenius.
Riga — Stadt meiner Kindheit, Stadt alter Tradition und froher (Erinnerungen! Wir wohnten am Herderplatz und sahen aus unseren Fenstern hinab auf das Bronzestandbild Herders mit der Inschrift: Job Gottfried Herder, Collaborator der Domschule und Hilfsprediger der Vorstadtgemeinden 1764—69." Nahe dem Hause reckte der Dom seinen wuchtigen Backsteinturm auf, Sonntags durchbrauste sein Glockenruf unser Haus. „, , . . r.
Durch den Kreuzgang lief ich täglich zur Schule, immer in Angst von der Domuhr schon den 9-Uhr-Schlag zu vernehmen. Im Domfrledhos, der vom Kreuzganq umrahmt ist, saßen wir zuweilen aus der Bank vor den Rhododendronbüschen, schauten das alte steinerne Taufbecken mi Baptisterium an und blickten auf zum Standbild Bischof Adalberts von Bremen an der Kirchenwand. Besonders gern liefen wir vom Kreuzgang in den Kapitelsaal, dessen Tür offen stand, wenn dort Konfirmandenunterricht oder Aintshandliingen stattfanden. Die gotischen Gewölbe, das dämmernde Licht das durch die bunten Glasfenster fiel, übten einen besonderen Zauber auf uns aus. Meine Brüder ritten auch gern auf den Kanonen, die im Kreuzgang standen, und von denen man sagte, sie stammten aus der Schwedenzeit. „
Auf dem Glasfenster hinter der Kanzel sah man die Gestalt Gustav Abolss dem die Geistlichkeit der Stadt die Schlüssel des Doms überreicht. Die ritterliche Gestalt des Königs machte tiefen Eindruck auf uns Sie sagte uns mehr als das Steinmal unter dem Senfter, bas bte ©rabftatte bes letzten livländischen Erzbischofs aus dem Haufe Brandenburg deckt. Ringsum gab es alte Epitaphien. Die Gestuhle waren mit den Abzeichen der Schwarzen Häupter, der Gilden und Innungen 9^. Lebhaft interessierte uns ein Steinrelief nahe der Tur in etwa 1,50 TOeter Ejotje eine gekräuselte Wasserfläche darstellend — zum Zeichen daß das Wasser der Düna im 17. Jahrhundert die Kirche während des Eisgangs einmal
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Düua. Am fielen gab es ein buntes Geimmmeb Schiffe mit deM cher, englischer, amerikanischer Flagge läget, am Km. tIe^eibesacke M "< Ballen wurden verladen. Deutsch, Rustisch, Englisch.Lettisch,P olm ch Schwedisch und andere Sprachen umschwirrten einen. War der Hoen von Riga doch Umlabbplatz für die Waren, die aus dem Innern Rußlands
ins Ausland gingen. War doch im Frühjahr der ganze Strom von Strufhen — Holzflößen — bedeckt, die von blonden Russen in Schafspelzen aus dem Innern des Reichs stromab gefahren wurden. Abends brannten kleine Feuer auf den Flößen, unb ber schwermütige Gesang ber Russen scholl weit über ben Strom. In Riga verkauften sie bas Holz unb kehrten mit ber Bahn 'heim.
Vor bem Kai lag ber Markt, auf dem Deutsche, Russen, Letten mit chrillen Stimmen ihre Waren ausboten. Altersdunkle Bretterbuden äumten die Häuser an der Düna. In ihnen hingen Felle, Wirkwaren, Körbe, Bottiche, Schuhe aus. Viele trugen das Zeichen der alten Handwerkerinnungen und lagen am Ausgang der Straßen, die von diesen bewohnt gewesen waren. So die Seilerbuden an der Reeperstraße, die Häute an der Gerberstraße. Vor den Holzbuden standen ganze Wagenburgen von ländlichen Gefährten, die Fleisch, Molkereierzeugnisse, Beeren, Fische Holzwaren zur Stadt gebracht hatten. Grell leuchteten die bunten Wolltücher der Landfrauen. Man feilschte um jedes Stück; war mitten unter den Erzeugnissen eines ackerbautreibenden Küstenlandes, die so billig feilgeboten wurden, daß es einem heute unglaubhaft erscheint.
Im Hintergründe das Orbensschloh mit seinem wuchtigen Turm, damals Sitz des russischen Gouverneurs, lieber dem Stadtbild die Türme von St. Peter und St. Jakob, Wahrzeichen alter Backsteingotik. Um die Innenstadt mit den winkligen Gassen die „Anlagen", die mit gärtnerischer Kunst auf den Wällen der alten Festung errichtet waren. Davor die .Vorstädte" an deren Eingang eine Kathedrale mit blitzenden Kuppeln als Sinnbild der russischen Herrschaft stand. Breite Straßen. Ein behäbiges Sein im Schatten des russischen Adlers. Trotz provinzieller Entlegenheit geweitet durch hanseatischen Tatendrang, der Wohlstand unb Drbnung aufrecht erhielt-»
Nach vieljähriger Abwesenheit sah ich Riga mieber, heute bie Haupt- ftabt eines aufstrebenben Ranbstaates. Das Orbensschloß warb zur Re- sibenz bes Präsibenten ber Republik ßettlanb. Das Ritterhaus, in bem einst ber baltische Abel tagte, lettisches Parlament. Straßen, Banken, Gerichtsgebäube finb mit lettischen Aufschriften versehen. In ben Straßen lettisch rebenbe Menschen in ber Ueberzahl. Die Deutschen auf eine Minber- heit beschränkt, bie zwar eine Schulautonomie erkämpft hat unb ihre eigenen Bilbungsanstalten unterhält, vom staatlichen Wirken aber so gut wie ausgeschlossen ist.
Der Dom: ein Streitobjekt ber Nationen; uiweränbert zwar im Aeußeren; wohlerhalten bie alten Denkmäler. Aber doch schon Gaststätte für lettische Gemeinden, die seinen Besitz unb ben ber utpliegenben, sum Kirchenvermögen gehörenben Liegenschaften erstreben. Der Hafen viel stiller als ehebem; heute nicht mehr Durchgangsplatz eines großen Reiches, sonbern Ausgangspunkt eines kleinen Landes. Die altert schwarzgrauen Häuser am Kai abgetragen — in einem Feldzuge, bei dem es ein grausames Rattenmorden gegeben hat. Der Markt wurde in vier große Zeppelinhallen verlegt, die die Deutschen nach dem Kriege in Kurland zurückgelassen hatten, unb bie man zwischen Düna unb Hauptbahnhof aufstellte. Der Markt ist eine Sehenswürbigkeit mit seinen golb- unb silberglänzenben See- unb Flußfischen, seinen reichen Cerealien, seinem mannigfaltigen Backwerk unb bem Ueberfluß an Fleifchwaren, bie in ben schneeweißen Hallen von Marktfrauen in bunten Tüchern feilgehalten werden--Noch immer Symbol eines Agrarlandes, das reich an Nahrungsmitteln ist. r _ . ,
Jenseits der Düna der beginnende Bau großartiger Kaianlagen. Draußen am Griesenberg, in der ehemaligen „Moskauer Vorstadt" gleichfalls'weite Parkanlagen. Versuche, Riga zu modernisieren. Aber starker als der neue Geist, der aus ihnen spricht, ist doch der Geist der Vergangenheit. Im Aeußeren ist Riga noch immer bie alte Hansestadt, die sich Rostock, Lübeck. Stralsund unb Danzig an die Seite stellen kann. Jeder Gang durch die Straßen eine Erinnerung an geschichtliche Ereignisse. Jedes Zusammensein mit den zäh und still arbeitenden Deutschen ein Beweis, daß der Hanseatengeist hier noch nicht ausgestorben ist. Eine Stadt die heute mehr denn je fesselndes Reiseziel ist, weil man in ihr die Umschichtung der Kulturen so deutlich beobachten kann, wie an wenigen anderen Orten. Eine Stadt, die von Stettin in zweitägiger Seereise zu erreich-m ist die nur zwölf Stunden von Königsberg entfernt liegt, und in der der deutsche Gast mit Wärme ausgenommen wird. Die man besuchen sollte, damit ihre deutsche Vergangenheit und ihre kämpsende deutsche Minderheit nicht in Vergessenheit geraten.
Meister Martin der Küfner und seine Gesellen.
Erzählung von E. T. A. Hoffmann.
(Sortierung.)
„Eure holde Tochter", erwiderte Konrad gelassen, „Eure holde Tochter kenne ich gar wohl, lieber Meister Martin, aber ich sage Euch, daß sie das hochherrlichste Fräulein ist, das auf Erden wandelt, unb mag der Himmel verleihen, daß sie den edelsten Junker würdige, in treuer, ritterlicher Liebe ihr Paladin zu fein." Meister Martin hielt sich die Seiten, er wollte ersticken, bis er dem Lachen Luft gab durch Krächzen und Hüsteln. Kaum der Sprache mächtig, stotterte er bann: „Gut, sehr gut, mein allerliebster Junge, magst bu meine Rosa immerhin für ein hochablig Fräulein halten, ich gönn' es bir —- aber bem unoefchabet — fei fo gut unb gehe fein zurück an deine Fügbank! Konrab blieb eingewurzelt stehen mit niebergefchlagenem Blick, rieb sich bie Stirn, sprach leise: „Cs ist ja wahr!" unb tat bann, wie ihm geheißen. Rosa setzte sich, wie sie immer in der Werkstatt zu tun pflegte, auf ein klein Fühlern, das Reinhold forglidf abgestäubt und Friedrich herbei- geschoben hatte. Beide fingen, Meister Martin gebot es ihnen, nun aufs neue das schöne Lied an, in bem sie ber wilbe Konrab unterbrochen, ber nun still unb ganz in sich versunken an ber Fügbank fortarbeitete.
Als bas Sieb geendet, sprach Meister Martin: „Euch hat der Himmel eine schöne Gabe verliehen, ihr lieben Gesellen! — Ihr glaubt gar nicht, wie hoch ich die holdselige Singekunst achte. Wollt' ich doch auch einmal ein Meistersinger werden, aber bas ging nun ganz unb gar nicht, ich


