zum Raubtierzelte ein: entschlossen ging er — vorbei an den Zwinyern, in denen es dumpf fauchte — auf den Gitterraum zu, der den Aufruhrer aus dem Urwaldgestrüpp umschloß. o .. ...
Ruhelos strich der geschmeidige, kurz und glatt behaarte Leib hinter den Stäben. Mit langen gleitenden Schritten, die fast unhörbar den Bretterboden berührten, kreiste er die klägliche Runde, die ihm die Cnge des Vierecks zur Verfügung gab. In gleichbleibendem Takt klappten ine Krallen auf: ohne Rast schoben die schlanken Muskeln und Sehnen das leuchtend gestreifte Fell auf seiner endlosen Wanderung weiter. Em Fetzen Sonnenglast flirrte verspielt auf dem Samt der gelben Grundfärbung — unbeachtet lag im Winkel eine getrocknete Pferderippe, die man zur Fütterungszeit hingeworsen hatte.
Eine Falte kroch zwischen Rotts spärliche Brauen. Die teilnahmslose Unbeirrbarkeit dieses huschenden Gleitens ärgerte ihn. Fast heftig sagte er daß der Tiger das Fleisch schon nehmen werde. Wenn nicht heute, so morgen! Der Wärter zuckte die Achseln: „Tiger nicht krank — Die Stäbe ...1" Marcell Rott pfiff leise und verächtlich durch die Fahne. Aber das Murmeln des Tamulen riß nicht ab; seine Unterlippe zitterte unter einer wilden Spannung: „Tiger suchen ... suchen den Wald ... Rotts Kehle schnürte sich zu. Das dumme Flüstern schien drohend irgendwo in der trägen Lust zu schaukeln.
Wirr und abgerissen schwirrten die zischenden Worte: „Großer scbwarzer Wald ... Bäume dick ... Tiger suchen ... groß, weit ... fettes Gras, Wasser, Fluß ... Tiger suchen ... rotes Fleisch ... sehr rot ... groß Blut ... Tiger suchen ... immer suchen, bis das finden ... Eine trostlose Verzweiflung schwankte über Marcell Rotts siebergeschuttcltes Gesicht. Er sah grüne und blaue und braune Ringe tanzen und spurte, daß eine rasende Angst von seinem Gehirn und von seinem Herzen Besitz ergriff. „Das verfluchte Fieber ist das ...", versuchte er sich selbst zu besänftigen. Aber er glaubte dem eigenen Einfall nicht mehr.
Mit letzter Anspannung warf sich sein Wille in den Stahlzwinger hinein; er klammerte sich voll unbändiger Wut an den ungerührt streifenden Katzenleib, um ihn zum Stillstehen und Auflauschen zu zwingen: machtlos aber glitt jeder Versuch an dem stillen Hohn des gewaltigen stummen Schreitens ab. In plötzlichem Ingrimm brüllte Marcell Rott auf: „Dies Vieh...! So ein Vieh...! Verrückt kann es einen machen!!" Mit sinnlosem Ausbruch ballte er die Hand und schlug hämmernd und haßvoll gegen die Gitterstäbe: zusammenbrechend fühlte er, daß jemand nach ihm griff. Dunkel glaubte er — der Tiger!!
Als am Abend die Scheinwerfer im äußeren Zirkusring aufzuglühen begannen, lag Marcell Rott keuchend auf dem niedern Bett seines Wohnwagens. Raffelnd jagte der Atem; denn ein Schüttelfrost schleifte den Oberkörper unerbittlich umher. Ein wundes Rot unterlief fahl die aufgerissenen Augen, während sich die Gedanken darum bemühten, wer heute abend die Nummer der Raubtiergruppe ersetzen könnte: sie müßten die rollschuhlaufenden Kragenbären einspringen lassen; man müßte ... Marcell Rott gewahrte, daß er nicht einmal das Ende denken mochte. Der Tiger — (dachte er wieder) — der Tiger!!
Er richtete sich zu dreiviertel Höhe auf und horchte: durch die gehetzten Bilder des Halbtraums raste ein dumpfer brüllender Laut; aus brodelnder Luftschwade.stieg eine Woge hoch, spaltete sich wirbelnd, rann wieder zusammen und war unversehens ein brandig brauner Leib, aus dessen vorspringendem Haupt zwei glühende Kreise flammten. Marcell Rott atmete angstvoll; mächtig und unaushaltsam drängte der Schatten näher; aus den Nüstern blies zorniger Dampf; es bäumte empor ... es packte ... es griff zu —: Rotts Finger öffneten den Würgegriff — feine Hand • jagte, umsonst gespreizt, in den leeren Raum...
Die vom Grauen vereisten Glieder lösten sich aus ihrer Starre. Vorsichtig suchte der Fuß den Boden; torkelnd schob sich der Körper zur Tür. Marcell Rott hörte die dröhnende Blechmusik, die (mit Lachen und Klatschen gemischt) herüberbrauste. Den Arm gegen den Türpfosten gestemmt, sah er hoch. Er erschrak: vom Himmel, den der Widerschein der unzählig vielen Glühbirnen schwach erhellte, flimmerten über seiner Stirn zwei einsame Sterne. Lauernd und tückisch lagen sie auf der Wacht — sie glichen boshaften Tieraugen, deren rotgelbe Iris sich zu einem schmalen Spalt ziisammengezogen hatte.
Zusammenfahrend duckte Rott den Nacken; sein Blick irrte scheu gegen die sandige Fläche vor dem Wagen. Deutlich prägten sich dort ausgetretene Fußspuren ab — sie liefen hinüber zum Raubtierzelt. Vorgezeichnet stand jeder Schritt im Boden ... ein unbarmherziger Zwang trieb den Fiebernden vorwärts; steif mühten sich die Beine der Bahn zu folgen — unendlich schien sich die Reihe der Tapfen zu dehnen. Rotts Blick fand eine Laterne, die am Zeltgang im Winde schlenkerte ... ihre Scheibe glomm aus dem Dunkel der Stallungen, als verschlösse und verbärge sie eine geheimnisvolle Brunst...
Ein polternder Trompetenton grollte auf. Die massigen Schädel mit roten und weihen Zeichen bedeckt, stampften die indischen Elefanten heran, die zur Vorstellung gebracht wurden. Ihre wippenden Schatten rannten mit pendelnden Rüsseln und fächelnden Ohren vorüber. Schlanke braune Männer in Turban und Faltengewand begleiteten jedes Tier neben den Stoßzähnen; in ihren Fäusten blinkten vernickelte Widerhaken. Marcell stiert sie an, als ob er sie zum ersten Male gewahrte: als der letzte Mahaut des Zuges sich näherte, hastete er zu ihm; er riß ihn ins Licht und sprach lallend auf ihn ein.
Erstaunt betrachtete der Inder die verstörte Gestalt. Er schüttelte den Kopf und entblößte seine Zähne zu einem verständnislosen Lächeln t Rett jedoch sah dabei den Kantenstachel, den der Führer zwischen den Fingern drehte. Unvermutet faßte er das matt blinkende Metall. „Aufpasfen muß man —! Aufpassen ... aufpaffen auf so ein Vieh, hörst du?! Großer schwarzer Wald ... du verstehst! Aufpassen ... vor dem — Dschungel!" Er hob den Haken gegen den zurückweichenden braunen Mann, der ihm erschreckt das Eisen entwinden wollte. Mit einem Heisern Auflachen lief der Tierbändiger Marcell Rott davon.
Aus dem Halbdunkel des Zwingergangs ragten die Umrisse des Tigerkäfigs; ein letzter schwacher Schimmer der Laterne flockte auf das Gestänge. Marcell Rott tappte darauf zu. „Schwarzer großer Wad ... Dschungel —!", flüsterte er, als er taumelnd an den Zwinger trat.
Der Tiger erhob sich. Er zog den schmiegsamen schwarzgestreisten Rücken mit gestreckten Vorderpranken lang. In gelassener Ruhe näherte er sich dem trennenden Metall der Stäbe. Rotts Hand tastete am Eisen- schloß; kreischend bewegte sich die Gitterluke in ihren Angeln. Der Tiger QU8mit,Cehtbeni Ruck schwang sich Rott in die Oeffnung ... groß und glühend begegnete ihm der Blick der großen schwarzen dichten Dschungel.
Als der Tamule des Morgens in den Schlauchgang kam, gewahrte er den verstümmelten Leib Marcell Rotts — er lag halbquer unter dem Leib des Dschungeltigers, in dessen Halsader gerötet der blinkende Stachel- ^Der°Tamule hielt es für gut, die Nachricht zunächst zu den indischen Mahauts zu bringen — sie flüsterten und raunten lange miteinander, bevor sie sich dazu entschlossen, den Vorfall im Raubtierzwinger weiter- zumelden. , , .„
Als man sie verhören wollte, sagten sie scheu: „Dschungel...!
Constantin Meunier, der Bildner der Arbeit.
Zu seinem 100. Geburtslage.
Von Dr. Paul Landau.
Bieter Hugo hat in einer [einer Iahrhundertlegenden ein grandioses Bild kommender Zeiten gemalt: die seligen Götter im hohen Olymp hören in ihrer homerischen Ruhe ein dumpfes Dröhnen und tiefes Rauschen. Die Erde birst auseinander; die Titanen, die finsteren Söhne der Tiefe, recken sich aus ihren Abgründen auf und mitten in die sonnige Heiterkeit und bas ewige Lachen der alten Götter droht eine sehnige Riesensaust hinein, die einen Hammer emporschwingt. Wie ein Symbol Meunierscher Kunst ist dieses Bild, aber es verliert alle Schauer des Gegensatzes. Denn Meunier hat die Titanen mit den Olympiern versöhnt, er hat aus den Arbeitern Gestalten einer stolzen Ruhe und Harmonie geformt.
Seine künstlerische Entwicklung spiegelt sich deutlich wieder in dem äußeren Gang feines Lebens. Mag sie uns heute als eine weisheitsvoll gerundete, von glücklichen Mächten vorherbestimmte erscheinen — ihm selbst war sein Leben ein trüber und ernster Kampf und fein Alter nur die Erfüllung dunkel geahnter Träume. Es wird von dem Knaben, der bei feinem älteren Bruder, dem Kupferstecher I. B. Meunier, den ersten Zeichenunterricht erhielt, berichtet, er habe in glühender Bewunderung vor den Werken der Antike gestanden. Schon früh lag ihm in der Seele die Mast, Gestalten zu bilden, und als Bildhauer besuchte er die Brüsseler Kunstakademie, um sich an dem hohen Vorbild der Antike zu bilden. Gern wollte er die Möglichkeit solchen Studiums mit Hunger, Not und Demütigung erlaufen. So wurde er bei dem damals sehr geschätzten, akademisch-schwächlichen Bildhauer F r a-i t i n Atelierdiener und errang sich durch solche niedere Dienste die Unterweisung des Meisters, der ihm die Geheimnisse der Gewanddrapierung und der gewöhnlichen Kornpo- sitionsschemata enthüllte. In einer so ernsten, tief innerlichen Natur wie der Menniers mußte aber di« flache Glattheit der Pseudoantike, die süßliche Anmut koketter Formen Abscheu erregen, und wie er gewohnt war, alles ganz zu tun, bis zum letzten Ziel zu gehen, so mußte ein Bruch mit all den antikisierenden Elementen erfolgen; gewaltsam drängte er die stillen Bilder harmonischer Schönheit zurück und warf sich dem Naturalismus, dem neuen Geiste des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in die Arme. Vis ins Tiefste erschütterte ihn die Not der Arbeiter in den belgischen Bergwerksdistrikten. Das Gefühl des Mitleidens mit dem unendlichen Menschenweh, die qualvolle Erkenntnis alles Elendes trieb ihn dann in das Trappistenkloster la Campine bei Antwerpen, wo er in tiefem Schweigen Ruhe und Einsamkeit suchte.
Und mit dem Wandel seiner Weltanschauung schien auch sein künstlerisches Ausdrucksvermögen gewandelt. Wie konnte er das rauchende Meer der Schornsteine, die Raume der Krankheit, des Todes, die arbeitenden und revoltierenden Massen, alle die Szenen, die nun seine Seele erfüllten, in plastischer Form gestalten? Er mußte versuchen, sie malerisch zu bewältigen, und so wandte er sich unter dem Einflüsse des genialen d e Groux der Malerei zu. Sein erstes Bild „Ein Saal im Rochus- krankenhause" war glatt und kreidig, zeigte wenig farbige Wirkung. Auch aus dem Trappistenleben nahm er vielfach seine Stoffe. In Deutschland erregte zuerst 1863 auf der Münchener Ausstellung ein „Trappisten- begrabnis" nur peinliches Aufsehen. Deine Bilder waren dunkel und in schmutzigen Tönen vielfach verwischt, sie verrieten in Zeichnung und Kolorit ein unsicheres Tasten, ein schwaches Können, aber etwas Seelisches, innerlich Belebtes drang in weichen zitternden Klängen hervor; ein Hauch verstehenden Mitleides'und tiefen Gefühls war über sie gebreitet. Und dieses lyrisch-musikalische Empfinden fand einen künstlerisch reinen und mächtigen Ausdruck in seinen Landschaften aus dem Industriegebiet. Den geheimnisvollen, schwermütigen Zauber der schwarzen Rauchschleier, die sich über melancholisch öde dunkle Weiten dehnen, der auffteigenben Schornstein-Wälder und der düster schwelenden, auflodernden Feuers- ghiten hat Meunier in manchen Werken großartig gestaltet. Eine starke Helligkeit hat er diesen aus Nebel und Glanz gewobenen Visionen geliehen; die seinen Silhouetten der schlanken Schlote gegen den Himmel heben sich in einem leichten strebenden Drang wie die Türme einer gotischen Kirche; in Licht getaucht verlieren die Dunstmassen ihre Schwere, der traurig lastende Himmel spannt sich wie eine elastische Kuppel. Uno aus dem Meer des Qualmes und der Enge, des Aechzens der Maschinen und der Menschen bringt ein Ewigkeitslaut zu uns auf ben Schwingen der Natur, ber von Frieben, von Schönheit, von Harmonie und Ruhe auch in diesem Reiche der Arbeit und des Schweißes kündet.
Später hat der reif gewordene Künstler, der sich zur Meisterschaft aus einem ihm fremden Gebiete durchgerungen, den Traum seiner zur Wirklichkeit seines Greifenalters umbilden können. Die Menschen, Die


