Nummer 29
Montag, den 13. April
Jahrgang (931
er, „schönes vielleicht
Weiß des Augapfels schwankten, tanzte das gleiche ungewisse Zucken, das sich eben aus dem Tigerzwinger mit schwelenden Flammen gegen ihn erhoben hatte. Marcell Rott faßte verwirrt seine Riemenpeitsche fester und gab es auf, etwas zu sagen. Er schritt, jeden Muskel beherrscht angespannt, in das Manegerund, wo ihn ein ermunternder, anhaltender Beifall begrüßte. Er dankte mit einem Lächeln, das ein bißchen zerstreut und ein wenig übertrieben schien.
Auch am nächsten Morgen, der Marcell Rott wie immer bei der Arbeitsprobe fand, schien die rätselhafte Hemmung noch nicht ganz behoben. Erst nach einer wiederholten Aufforderung kletterten die beiden abessinischen Löwinnen über ihre Kugeln: und die kleine Tigerin aus Sumatra verirrte sich sogar so weit, daß. sie mit gereiztem Gefauch durch den Sand trabte und nur nach einem blindgefeuerten Schuß ihre Aufgabe erfüllte, zum Sprung durch die Reifen anzusetzen. Ein Hieb mit dem Gabelholz trieb sie endlich an ihren vorgeschriebenen Platz; doch man sah, daß sie eine Ausbruchslucke suchte.
In müder Verdrossenheit nahm Marcell Rott dieses Treiben wahr; er spürte erstaunt, wie das in einem straffen Jahrfünft Anerzogene plötzlich eine gefährliche Lockerung erfuhr und einer boshaften Geschmeidigkeit wich, die in all ihrer Offensichtlichkeit unfaßbar blieb und sicy drohend steigerte, je weiter die morgendliche Probe vorschritt. Gleichwohl bemühte er sich, allen Mihlichkeiten zum Trotz feinen Willen durchzusetzen und zum wenigsten die große Tierpyramide auszubauen, die zum Beschluß der Vorführung die gesamte Gruppe vereinte. Unwillig trotteten die Katzenleiber zum Gestell.
Da aber — gerade als Marcell Rott das Zeichen zum Aufsprung geben wollte — da brach das Unvermutete los...: weit herüber aus dem Schlauchgang des Seitenzeltes keuchte wieder der heisere gedehnte Brüllschrei, der den Dunst der Manege messerscharf zu durchschneiden schien; rauh aufsteigend wandelte er sich zum düsteren Ausbruch eines wilden Drohrufs, der sich nur ganz allmählich in einem matten und doch schrillen Winseln verlor. In unwillkürlicher Abwehr riß Marcell Rott die Nilpferdpeitsche hoch: die Tiere vor ihm verschwammen; rot und fleischig sperrten sich die weiten Rachen auf...
... ein schräg reißender Schmerz fraß an seinem Schenkel. Zwischen dem feuchten gelben Gebiß der jungen Tigerin lappte ein mehr als faustgroßer Tuchfetzen. Marcell Rott wurde mit einem Schlag sehr wach und knallte, während eine Helle blutige Strähne zu den schwarzen Lackstulpen niederrieselte, schwer und nachdrücklich^mit der Gabelzinke auf den verschreckt zurückschnellenden Tigerkopf. Stalldiener liefen herzu; böhmische Zirkusarbeiter: Marcell Rott überließ es ihnen, die Tier« aus der Manege zu treiben und so vorläufig eine Ordnung zu schaffen, die im Grund eine Unordnung blieb.
Mit schwerfällig vornübergeneigten Schultern ging er, ohne auf eine der bestürzten Fragen zu antworten, zu seinem Wohnwagen hinüber, um den blutigen Flecken am Hüftknochen auszuwaschen und einen Leinewandstreifen darüber zu legen. Mitten im Gehen aber hielt er plötzlich an: ein hartnäckiger wüster Druck preßte auf die Schläfen seines übernächtigen Gesichts. Breit zog er den Mund auf und trank die Luft in hastigen Zügen ein. Seine' Augen standen groß und leer gegen den Himmel, wo eine matte Sonne im Schoß dichter Wolken hing. Durch sein Gehirn wühlten schwankende taumelnde Bildfetzen:
— — durch grünes Zwielicht und dumpfen Schatten (an Schlingpflanze, Stamm und ungeheurer Blüte vorbei) schlich — rostgelb und dunkeler gerippt — ein lautlos huschender Leib, der lauernd und grimmig näher und näher kam... Marcell Rott wischte einen fahlen Taumel von der Stirn: er knurrte sich selbst erbittert an, daß er in feinem Leben mit manchem Tiger fertig geworden fei und daß kein Anlaß zum Zweifeln bestehe, weshalb er nicht auch mit dieser Bestie fertig werden sollte, die mit ihrem Dschungeischrei in die Ordnungen einer gezähmten Raub- tiergruppe brechen und Verwirrung stiften wollte.
Schrei aus dem Dschungel.
Von Harry Schreck.
Als der Tierbändiger Marcell Rott am Abend den zeltbespannten Schlauchgang betrat, in den man die Wagenzwinger seiner Raubkatzen geschoben hatte, liefen die beiden abessinischen Löwinnen und die junge iigerin aus Sumatra erwartungsvoll an die Gitterstäbe heran, um die gewohnte spielerische Liebkosung eines freundschaftlichen Tätschelns entgegenzunehmen. Zu ihrer Verwunderung schlenderte Rott indessen ohne den üblichen Aufenthalt vorbei, um erst am letzten Standplatz des Stalls zu verweilen, wo man feit einigen lagen den Eifenfäfig des neu ein- getroffenen Tigers aufgeschlagen hatte.
Mit einem unentschlossenen Wiegen des Kopfes blinzelte Rott in das vergitterte schmale Rechteck hinein, das den ihm nunmelyr unterstellten Zögling beherbergte. Obwohl das Licht im Seitenraum schon in eine undeutliche wolkige Dämmerung überging, nahm er den Schattenriß des schlank, aber ungemein kräftig geformten Leibes, die leicht geschwungene Kurve des Rückens, den auf di« flammigen Tatzen gestützten massigen Schädel wahr: es ließ sich nicht leugnen, daß sich das dumpf kauernde Tier um keinen Zoll von der Ecke entfernt hatte, in der ihm vor Mittag sein Bändiger zuletzt begegnet war.
Marcell Rott schob sich noch ein tcemg naher an den Stahlzaun heran und begann mit den weich gedämpften Gaumenlauten, deren dunkle Eindringlichkeit jede aufsässige Angst feiner Raubkatzen zu glätten pflegte, auf das einsame Gegenüber einzusprechen. Er sand jedoch rcych, daß das störrische Geschöpf hinter dem blanken Metall nichts zu bemerken schien: unbeweglich verharrte der gestreckte Tierkörper in (einer fteinernen Versteifung : und nur die Augen, in deren gelblichbraunen Jiunöjternen ein ungewisses Zucken spielte, hoben sich, um verachtend und groß an dem Sprechenden vorüberzuschauen.
Es blieb still im Raum. Nach einer geraumen Zeit näherten sich Schritte vom Zirkuseingang. Es war der tamulische Wärter, der bet der Raubtiergruppe den Stalldienst versah. Er reichte Marcell Rott schweigend seine Holzgabel und die Nilpserdpeilsche zu. RotO nahm sie und knöpfte die tressenbesetzte Schnürjacke zurecht; aber er blieb stehen und betrachtete stirnrunzelnd den stummen Tierleib, der unnahbar und bösartig in seinem Verließ lauerte. Der Tamule flüsterte etwas und gab ZU verstehen, daß Rotts Nummer an der Reihe sei. Rott Nickte leicht und wandte sich zur Richtung des Hauptzelles.
Als er schon beinah den Schlauchgang durchmessen hatte, r,ß ihn ein eigenartiger Laut herum: gedehnt und scharf, gemischt mit einem knurrend fauchenden Kehlton, röchelte ein gepreßter Schrei herüber der m e n grollendes Stöhnen überging und endlich ,n einem zitternden Wehlaut starb. In den Zwingern tobte es auf; die bengalischen Iiger prallten im Anlauf gegen ihre Gitter, liefen in irrem Sturzen an das Gestänge, dröhnten mit den Pranken in die Bodenhölzer. Der Tamule senkt erschreckt das Haupt und horchte in das taumelnde Lärmen der hochgescheuchten Tiere, die durchs Dunkel rasten.
Der Tierbändiger lachte ärgerlich auf. Aber er bra$»abals er bas verfärbte Tamulengeficht sah: in den geweiteten Pupillen, die hilflos im
Am Nachmittag klopfte es scheu an der Wohnwagentür. Marcell Rott drehte sich, aus fiebrig dämmerndem Halbschlaf geholt, mit einem Fluch dem einströmenden Tageslicht zu. Unschlüssig stand der Tamule auf der Schwelle. Seine Augen hatten einen fischigen Glanz: er trat von einem Fuß auf den anderen, um schließlich zögernd zu berichten, daß der neue Tiger .. der Dschungeltiger ... (Der Tiger!, dachte Marcell Rott.) Der Tamule nickte, ohne äufzusehen: „Gutes Fleisch...", flüsterte Fleisch — Tiger nicbts ... Tiger gar nichts ... Zauber großer Zauber aus Dschungel ... sehr groß!"
Marcell Rott lächelte mühsam und versuchte sich zu erheben; das Wundfieber hetzte sein Blut in unregelmäßigem Stoß durch die Adern. Als er endlich aufrecht stand, mußte er sich einen Augenblick auf die Bettkante stützen. Langsam erst ließ das Schwindelgesuhl nach. Der Tamule murmelte unablässig. Mit einer verdrießlichen Bewegung schnitt ihm Rott die Rede ab; er warf den Kopf ins Genick und schlug den Weg
Oer Vagabund.
Von Edmund Finke.
Nicht weil der Frühling flüstert im Baum, und der Südwind duftet wie Erde schwer, trägt mich die Ferne wie Schaum vor sich her; nein: ich selbst bin der Ferne tieftieffter Traum, bin Straße und Lied durch den dämmernden Raum ... Straße und Lied, keines weiß mehr etwas von Heimat und Wiederkehr.
Bettler bin ich am Straßenrand, und mein Herz vergaß in der Zeit zu sein, ferneher hör' ich den Kuckuck schrei'n ... tausend Jahre gingen ins Land: ein Käfer lief mir über die Hand und eine Wolke im Sonnenschein sank tiefer ins Blau des Mittags hinein ... Zwischen den Birken fällt die Zeit duftverauscht in den Thymian, aus dem Kornfeld lockt träge ein Wachtelhahn, und mein Herz fühlt sich traurig zur Nähe bereit ... O Nähe: Heimat, Enge und Leid!
Leicht löst sich das Herz aus dem lockenden Bann und die Füße wandern die Straße hinan zur Ewigkeit!
Siebener Saiiiilictiblätfct
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger


