feuerung (Eine moderne Schnellzugslokornotioe fuhr wahrscheinlich nicht einmal in ihren Träumen. Sie wußten sich den Betrieb eines Riesenhotels nicht vorzustellen, hatten keine Ahnung von Hoch- und Glashäusern. Premieren in Theatern und Lichtspielhäusern waren ihnen unbekannte Genüsse. Zu ihnen waren nicht die Namen der internationalen Sportgrößen gedrungen. Doch besaßen sie ein Columbia-Reisegrammophon mit neuen Schlagern, gaben also den Zeitgenossen hierin nichts nach. Immerhin lebten sie glücklich, und wenn sie Gäste bei sich hatten, trug die sanfte, großäugige Frau Marlene ihr schönes schwarzes Seidenkleid nach neuestem Pariser Geschmack.
Zu ihnen also sollte ich gehen, dahinten in den Bergen, wo die alten Wälder kühn abwärtsstelzen und der mehr als dreißig Meter hohe Wasserfall niederdonnerte. Aber abends umzog sich der Himmel wieder, ferne Blitze langten traumhaft über die Höhen. Nach Einbruch der frühen Dunkelheit, gegen 18 Uhr, machte ich mich rasch aus den Weg. Nicht zu Fuß, ich ließ mich nach Landessitte tragen. Das Traggerät in der Wildnis ist die Filanzana, eine Art Stuhl auf zwei Tragstangen mit einer an Lederriemen befestigten Fußstütze. Wollte man die Wege zu Fuß zurücklegen, bräche man sich nachts Hals und Bein; bei Tage, in der Hitze, würde man bald an Ermüdung erkranken, und Fieber wäre unausbleiblich.
Die vier Träger, braunschwarze, halbnackte Burschen, nahmen die Tragstangen aus die Schultern und schoben los. Der Pfad zog steilab, die Füße krachten auf den am Boden liegenden Blättern der zusammengehauenen Bananenstauden. Unten zog sich der Weg hin, dem Fluß folgend. Aber wo waren in der ebenholzschwarzen Finsternis Fluß und Weg? Ich gewahrte nur die schattenhaften Umrisse meiner zwei vorderen Träger, kaum ihre Füße, die mit wunderbarer Sicherheit dahinschritten. Ein langer Blitz zischte über den Himmel: oben strudelnde Wolkenmassen, von unten sprangen mir, der hoch über den Schultern der baumlangen Männer schwebte, Landschaft, Büsche, Weg, Fluß grellblau entgegen.
„Vorwärts!" Ich trieb sie, die eine gemächliche Gangart angesch'agen hatten, zur Eile. Unheimliche Stimmung. Hoffentlich erreichte ich mein Ziel, ehe das Wetter losbrach. Die Träger strebten rascher vorwärts, sie rissen Witze und ihr Gelächter schallte in dick lauernde Nacht. Ich versprach ihnen, um sie noch schnellfüßiger zu machen, eine Sonderration Reis. Sie lachten. War es Zustimmung? Ablehnung? Es donnerte und krachte. Bengalisch giühten die Bäume und das Zuckerrohr stand wie ein Schwertergarten von blaugrünem Metall. Nun die Brücke. Sie bestand aus wackeligen Balken, die über eine Schlucht gelegt waren. Zwei Träger schalteten aus, vier kräftige Arme hielten mch in der Schwebe, zwei vorne, zwei hinten ... Schritt für Schritt, tastend, fühlend. Atemlose Spannung wie beim Höhepunkt des equlibristischen Kunststückes im Variete. Da hieb wieder ein Blitz mitten durch die Finsternis, ich vermeinte im Feuer zu schweben. Es war ungeheuer hell, an meinem Gesicht flammte sinnlich wahrnehmbare Glut, lieber den schwarzen Rücken des mit gespannter Willenskraft mich hochstemmenden Einzelträgers lief der Widerschein; unter mir in der Tiefe, wir befanden uns auf halber Brücke, glänzte der Bach, eine sich windende Glanzschlange. Mir kam vor, als bemächtigte sich des Trägers eine momentane Unsicherheit... Blitze, Donner.
„Hel Oder wollt ihr lieber fünf Franken zusammen?" rief ich schnell.
Das wollten sie. Der Träger hatte im Augenblick seine Sicherheit zurückgewonnen. Da waren wir auch schon hinüber, und die beiden anderen nachkommenden Burschen sprangen wieder ein.
„Gut! Vorwärts!"
Sie legten sich ins Zeug. Geld wirkte: jedem, der täglich zwei Franken fünfzig verdiente, ein halber Tageslohn. Knallend raffelten die Regentropfen in die Brotfruchtbäume. Gespenstische Baumgestalten zuckten auf. Das Wetter bracht los. Auf meinen Tropenhelm prasselten Eimer voll Wasser. Wasserfälle rollten mir über den Rücken. Durch sekundenkurze Helle, sekundenkurze Dunkelheit eilten die Träger. Sie schnoben und stöhnten. Der Weg lief auf und ab. Neue Brücken, neue Bäche, neue Blitze. Dann und wann enthüllte die Berglandschaft die gewaltigen Linien ihres der Finsternis entrissenen fremdartigen Antlitzes. Der Donner verübte einen Höllenlärm. Dämonen schienen in den Affenwäldern zu heulen. Ich reiste in einer sausenden Regenwoge.
Endlich, nach langem Marsch, schimmerte das Licht des Bungalows vor mir. Gleich einem triefenden Taucher trat ich in die Veranda, wo die elektrische Lampe ihren freundlichen Schein auf nüch niedergoß, und die junge Geburtstagsfrau im schwarzen kleinen Abendkleid lächelnd mich erwartete. Hinter mir kreuzten die Blitze ihre Flammenschwerter. Ich war geborgen.
Oie Schatten des Fräuleins von Gournay.
Ein Histörchen aus dem 17. Jahrhundert.
Von Karl Federn.
In der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts lebte in Paris eine gelehrte alte adelige Dame, Marie von Jars, Fräulein von Gournay. Sie nannte sich die Adoptivtochter Montaignes; sie hatte ihn einst in Paris tennengelernt, !hn besucht, an ihn geschrieben und für ihn geschrieben und nach seinem Tode seine Werke herausgegeben. Sie schrieb selbst, Epigramme und gelehrte Bücher; das bekannteste davon, ein Sammelsurium non Gedichten und Abhandlungen, nannte sie den „Schatten oder die Gaben des Fräuleins von Gournay". Sie war eine überzeugte Frauenrechtlerin, wie es deren im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert in der vornehmen Gesellschaft viele gab, dabei eine Verehererin alles Alken, — die neuern Schriftsteller waren sämtlich Schmierer für sie, — und in jeder Hinsicht ein Driginial. Sie wohnte ziemlich armselig im obersten Stock eines alten Hauses in der Rue de l'Ärbre sec, einer engen Gasse, die heute noch von der Rue St. Honore zum Quai du Louvre verläuft. Metel von Boisrobert, ein kleiner AbbS, witzig und gutherzig und der bevorzugte Spaßmacher Richelleus, wollte ihr helfen und verschaffte ihr eine Audienz beim Kardinal. Der furchtbare, überbefchästigte, leidende
Mann hätte seine gutmütigen Stunden, aber selbst sein Scherz tat nie wohl. Er begiüßte die alte Dame mit einer Ansprache, die aus möglichst geschraubten Stellen ihres Buches zusammengesetzt war. Bestürzt und wieder schnell gefaßt, antwortete sie: „Sie spotten der armen Alten, gnädiger Herr, aber lachen Sie nur, ein so großes Genie darf spotten, und wenn ich Ihnen zur Unterhaltung diene, bin ich glücklich." Betroffen von dieser Antwort und entwaffnet, fragte der Kardinal nach ihrer Lage und sagte bann zu Boisrobert: „Wir müssen etwas für Fräulein von Gournay tun: ich gebe ihr eine Pension von zweihundert Talern." Während sie strahlte und dankte, sagte der Abbe: „Ja, und ihre Dienerschaft, Eminenz?" — „Was hat sie denn für. Dienerschaft?" — „Nun, das Fräulein von Samin, die Tochter von Amadis Jamin, dem Pagen des berühmten Ronsard!" — „Also dann soll sie noch 50 Livres haben." — „Ja, da ist auch noch Piaillon, ihre Katze!" — „Also noch 20 Livres mit der Bedingung, daß sie Därme bekommt." — „Aber, gnädiger Herr, die Katze hat doch gejungt!" Und der Kardinal bewilligte eine Zulage von weiteren 20 Livres für die Kätzchen.
Die jungen Herren am Hose spielten dem alten Fräulein manchen Streich. Sie hatte ihr Buch einem damals sehr geschätzten Lyriker, dem Herrn von Racan, geschickt, und der Chevalier von Bueil und der junge Porande erfuhren, daß Racan ihr eines Nachmittags um 3 Uhr einen Dankbefuch machen wollte. Bald nach zwei Uhr erschien der Chevalier an ihrer Türe. Abweisend sagte ihm Jamin, das Fräulein dichte. Aber do diese hörte, daß ein junger Edelmann sie sprechen wolle, sagte sie: „Der Gedanke war schon, aber er kann wiederkommen, und der junge Herr kommt vielleicht nicht wieder." Dieser stellte sich vor: „Ich bin Racan" sagte er, „und komme, Ihnen für Ihr Buch zu danken." Sie kannte jenen noch nicht persönlich und war entzückt. Er sagte ihr die libenswürdigsten Schmeicheleien und erzählte ihr luftige Geschichten; sie ließ die Katze, die gelangweilt oder Ijungiig zu miauen begann, aus dem Zimmer schaffen.
Kaum war der Chevalier gegangen, die Türe stand noch offen, so drängte sich Pvrande herein und sagte: „Ich nehme mir viel Freiheit heraus, mein Fräulein, ober dem berühmten Fräulein von Gournay gegenüber handelt man eben anders als bei gewöhnlichen Menschen ..."
„Nett gesagt", bemerkte die alte Dame, „geben Sie mir die Schreibtafel, Jamin, ich muß das aufschreiben."
„Ich komme, Ihnen zu danken, mein gnädiges Fräulein, für die große Ehre, daß Sie mir Ihr Buch geschickt haben."
„Ich, mein Herr? Ich habe es Ihnen nicht geschickt, aber ich hätte es schicken sollen. Jamin, einen .Schatten' für diesen Herrn ...
„Ich habe es schon, mein Fräulein, und zum Beweis will ich Ihnen Stellen daraus aufsagen." Er tat es und entzückte die alte Dame damit. „Ich bringe Ihnen zum Dank hier meine eigenen Verse", fuhr er fort. „Wollen Sie mir die Ehre erweisen, darin zu lesen?"
Sie las: „Das ist recht hübsch, was Sie da schreiben. Hier freilich ahmen Sie Malherbe nach und hier Colomby. Aber das macht nichts, es ist doch hübsch. Darf ich Ihren Namen erfahren?"
„Mein gnädiges Fräulein, ich heiße Racan."
„Jetzt wollen Sie sich über mich lustig machen..."
„Ich, mein gnädiges Fräulein, über eine Heldin wie Sie, die Adoptivtochter des großen Montaigne, das berühmte Mädchen ... mich luftig machen!"
„Schön, schön, dann hat der andere mich zum Besten gehalten; ober vielleicht doch Sie. Aber das macht nichts, die Jugend darf sich mit dem Alter einen.Spaß machen. Jedenfalls freue ich mich, zwei so reizende und geistreiche junge Kavaliere tennengelernt zu haben."
Pvrande geht. Wenige Minuten später kommt der wirkliche Racan. Dick, asthmatisch, war ihm das Steigen auf der engen Wendeltreppe, wobei man sich an einem schlechten Seil festhalten mußte, schwer gefallen. „Ent... ent... entschuldigen Sie, mein Fräulein", begann er, denn er stotterte ein wenig, „a... aber, i... ich muß mich setzen."
„Was will der lächerliche Mensch, Jamin?" rief Fräulein von Gournay.
„Mein Fräulein, in einer Vi... Bi... Viertelstunde, wenn ich zu Atem komme, tue... werde ich Ihnen sagen, wa... was ich will. Wo... warum, wo... wohnen Sie so hoch. Herrgott, ist das hoch!" Und keuchend sagte er: „Ich wi... will Ihnen für den Scha... Schatten danken, den Sie mir ge... geschenkt haben Es war wi... wirklich liebenswürdig von Ihnen.
Sie maß ihn mit den Blicken. „Klären Sie den Herrn auf. Jamin. Ick) habe meinen Schatten nur dem und dem und noch Herrn von Mal- hcrde und Herrn von Racan geschenkt, sonst niemandem."
„Nun, mein Fräulein, das bin ich."
„Jamin, schauen Sie sich den Menschen an! Die andern zwei waren wenigstens liebenswürdig; aber der da ist ein unangenehmer Narr."
„Mein Fräu... Fräulein, ich bi... bin Racan!"
„Ich weiß nicht, wer Sie sind; ich will cs auch nicht wissen. Jedenfalls sind Sie der dümmste von den Dreien!" Und damit kam ihr die Galle. „Ich erlaube nicht, daß man sich über mich luftig macht!" schrie sie „ich lasse mir das nicht gefallen! Es ist eine Unverschämtheit!" Sie tobte.
„Mein Fräulein, ne... nehmen Sie das Bu.. Buch: ich sa... sage Ihnen mei... meine Ge ... Gedichte auf, jedes, we... welches Sie wollen."
„Nichts da! Ich will Sie los fein! Werden Sie gehn, sonst rufe ich um Hilfe!" und sie schrie bereits so, daß unten die Leute aus den Wohnungstüren traten und Racan, so schnell er konnte, die Treppe hinunter- und davonlief.
Noch am selben Tage erfuhr sie die Wahrheit und war verzweifelt. Sie nahm sogleich einen Wagen und fuhr zu ihm. Aber sowie er sie kommen sah, floh er erschreckt aus seiner Wohnung; und erst nach vielen Versuchen ihrerseits faßte er Mut, ihr standzuhalten; und sie wurden dann gute Freunde. Boisrobert aber unterhielt den Kardinal und alle Gesellschaften, wenn er diese Gesch chte wieder und wieder erzählte und mimisch darstellte. Racan selbst lachte bis zu Tränen und stotterte: „Es wa... war wi... wirklich so! Ge... genau so!"
Derantwortlich: 1)r. HanLTHyriot. — Druck und Der lag: Brühl'jche Univ erfitäts-Buch» und Steindrucker ei.'R. Lange, Gießen.


