GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
) ihrgang <951 Freitag, den <3. März Nummer 2[
Drohung.
Von Carl Spitteler.
Wenn du dich noch einmal unterstehst Und mir im Kops herumgehst, Hol ich gleich nebenbei Die Stadtpolizei.
Die hängt dir jedenfalls
Einen Schandbrief um den Hals, Damit jeder es liest. Was für ein Spitzbub du bist.
Wenn du mir das noch einmal machst Und mich im Traum anlachst. Guckt aus der Münstertür Der Kapuziner herfür.
Der malefizt dich mit seinem Latein Bon Schwarzkunst so rein, Daß von dir Hexenweib Bloß das Apfelhäuschen bleibt.
Wenn du mir nur noch einmal kommst Und nicht gleich zu mir kommst. Hetz ich mein Hündlein nach dir.
Das beißt dich zu mir.
Dann sperr ich dich, Gott sei Dank, In einen gläsernen Schrank, Ein Schlüssel hängt dran, Daß ich auch hineinkann.
Die Königin von Saba.
Erzählung von Knut Hamsun.
Copyright 1931 by I. L. A. Wien.
Ich bekam in meiner Jugend eines Tages Geld zu einem Ausflug irgendwohin. Ich fuhr nach Schweden hinüber und wanderte frohen Mutes an der Eisenbahn entlang, während Zug auf Zug jeden Tag an mir vorbeijagte. Bereits bevor ich nach Göteborg kam, trat das Ereignis ein, von dem ich berichten will.
Ich war bis zur Karriolstation Bärby gekommen. Es war spät am Abend, und ich war vom frühen Morgen an gewandert, so daß ich beschloß, hier für heute Raft zu machen. Ich ging in die Stube hinein und verlangte Essen und Unterkunft.
Ja, Essen könnte ich bekommen, aber Unterkunft hätte man nicht mehr.
Es war ein junges Mädchen, mit dem ich sprach, die Tochter des Hofes. Ich sehe sie an und tue, als wenn ich sie nicht verstehe.
Was für eine Menge Wagen hier stehen! sage ich gleichgültig.
Ja, das sind Marktleute, die hier übernachten, erwidert sie. Daher haben wir keiki leeres Bett mehr übrig.
9iun begann mir halbwegs Angst zu werden.
Aber Herrgott, sehen Sie denn nicht, daß auf dem Marsche meine Stiefel zerrissen sind? rief ich. Sie jagen doch wohl nicht Menschen mit solchem Schuhzeug hinaus?
Nein, aber die Schuhe werden doch auch bis morgen nicht besser, bemerkte sie lächelnd.
In demselben Augenblick geht die Tür auf und es stürmt wieder ein junges Mädchen herein.
Was gibt's, Lotta?
Und Lotta antwortet ihr etwas, was ich nicht höre, aber ich verstehe, daß sie von mir flüstern. Die zuletzt hercingekommene Dame schüttelt den Kopf und ist im Begriff, wieder hinauszugehen.
Als sie zur Tür gekommen war, wandte sie sich plötzlich um und sagte:
Aber ich kann ja heute Nacht mit dir zusammen schlafen, Lotta, dann kann er mein Zimmer bekommen.
Pause. Lotta denkt nach.
Ja, wenn Sie wollen, Fräulein. Und dann, zu mir gewandt, führt Lotta fort: Die Dame will ihnen also ihr Zimmer überlassen.
Ich springe auf, schlage die Haken zusammen und sage der Dame, sie hätte mir eine Liebenswürdigkeit erwiesen, die in meinem Leben einzig dastände. Und schließlich erklärte ich, daß ihr Herz ebenso gut wäre, wie ihre Augen schön.
Sie errötete und lief mit lautem Lachen auf die Tür zu. Lotta eilte ihr nach.
Ich blieb zurück und dachte nach. Es stand sehr gut; sie hatte gelacht, war errötet und hatte wieder gelacht, es konnte nicht besser anfangen. Herrgott, wie jung sie war, kaum achtzehn Jahre, mit Grübchen in den । Wangen und einer Vertiefung im Kinn. Und dazu einen schweren, dunklen I Blick im süßen Gesicht. I
Eine Stunde später sehe ich sie draußen auf dem Hofplatz; sie hat sich in einen der leeren Wagen gesetzt und sitzt dort und knallt mit der Peitsche. Wie jung und lustig sie ist, sie sitzt ganz allein da und summt und knallt mit der Peitsche, als sei angespannt. Ich nähere mich, mir schwebt etwas vor von Pferde ausspannen und Wagen ziehen. Ich lüfte den Hut und bereite mich vor, etwas zu sagen...
Da erhebt sie sich plötzlich, hoch und stolz, wie eine regierende Fürstin, sieht mich einen Augenblick an und steigt aus dem Wagen. Ich werde das niemals vergessen; obschon sie keinen Grund hatte, die Sache so schlimm aufzufassen, war sie wirklich großartig als sie sich erhob und ausstieg. Ich setzte den Hut auf und schlich mich verlegen und bedrückt fort. Der Teufel soll den Einfall holen, den Wagen zu ziehen!
Ich setzte mich auf die Treppe und zündete mein Pfeifchen an. Die einzige Lektüre, die ich mit hatte, war eine Karte von Schweden. Ich sitze da und rauche und ärgere mich, schließlich nehme ich meine Karte aus der Tasche und beginne zu studieren. Es vergehen so einige Minuten, Lotta erscheint in der Tür, sie will mir mein Zimmer zeigen, wenn ich es wünsche. Es ist zehn Uhr geworden, ich erhebe mich und gehe mit. Im Flur treffen wir das Fräulein. Das Paneel im Flur ist frisch gestrichen; aber davon weiß ich nichts, ich trete also vor dem Fräulein beiseite, als wir ihr begegnen, und da ist das Unglück geschehen.
Das Fräulein schreit atemlos auf:
Die Farbe...!
Aber es ist zu spät, ich habe schon meine ganze linke Schulter an das Paneel gelegt.
Sie blickt mich ganz bestürzt an, sieht dann Lotta an und sagt:
Was machen wir nun damit?
Und Lotta antwortet:
Das reiben wir mit etwas ab! Worauf sie beide in Lachen aus- brechen.
Nun gehen wir wieder alle drei auf die Treppe hinaus, und Lotta holt etwas, um mich damit abzureiben.
Und ich fetze mich!
Dann beginnen wir zu plaudern ...
Du magst es mir glauben ober nicht, ich sage dir, als ich mich an diesem Abend von dem Fräulein trennte, hatte ich die besten Hoffnungen. Wir hatten geplaudert und geschwatzt und über alles mögliche gelacht, und ich bin überzeugt, daß wir eine gute Viertelstunde dort auf der Treppe saßen und schwatzten. Als wir uns endlich trennten, sagte sie obendrein zweimal gute Nacht; schließlich öffnete sie sogar noch die Tür ein wenig, sagte langsam noch ein drittes Mal gute Nacht und warf dann die Tür zu. Darauf hörte ich, daß sie und Lotta drinnen auf das lustigste zu lachen anfingen. Ja, wir waren alle bei bester Laune.
Ich begebe mich also in mein Zimmer — in ihr Zimmer.
Es war leer, ein ganz gewöhnliches Gastzimmer mit kahlen, blaugemalten Wänden und einem schmalen, niedrigen Bett. Auf dem Tische lag eine Uebersetzung von Jngrahams: Der Frust aus Davids Haus. Ich begann im Buche zu lesen. Noch höre ich das Kichern und Lachen aus dem Zimmer der jungen Mädchen. Welch ein hübsches, lustiges Mädel; dieser dunkle Blick in dem jungen Gesicht. Wie ausgelassen sie lachen konnte, obschon sie so stolz aussah!
Ich versank in Gedanken; die Erinnerung an sie glühte stumm und mächtig in meinem Herzen.
Am Morgen erwachte ich darüber, daß mich etwas Hartes in die Seite drückte — es zeigte sich, daß ich mit dem Fürsten aus Davids Haus zusammen geschlafen hatte.
Ich auf und in die Kleider, es war neun Uhr.
Ich komme in die Stube hinunter und bekomme mein Frühstück; von dem Fräulein sehe ich nichts. Ich frage endlich Lotta, wo die junge Dame geblieben ist.
Ja, antwortete Lotta, das Fräulein ist abgereist.
Abgereist? Gehörte das Fräulein nicht zum Hause?
Nein, es war das Fräulein oben vom Herrenyof. Sie ist früh am Morgen mit dem Zug abgereist; sie wollte nach Stockholm.
Ich wurde so verzagt, daß ich mich nicht einmal nach ihrem Namen erkundigte. Alles war mir gleichgültig. Nein, auf Weibertreue sollte man niemals bauen.
Ich wandere schlaffen Blicks und wunden Herzens nach Göteborg. Wer hätte sich das auch denken können; sie, die so ehrlich und stolz aussah! Aber es war gut, ich wollte es wie ein Mann tragen; niemand im Hotel sollte sehen, was ich litt...
Es war gerade um die Zeit, da Julius Kronberg fein großes Gemälde, die Königin von Saba in Göteborg ausgestellt hatte. Wie alle andern ging denn auch ich hin, um dieses Bild anzuschauen, und als ich es sah, wurde ich ordentlich davon ergriffen. Das Merkwürdigste war, daß die Königin selbst äußerst meinem Herrenhoffräulein zu ähneln schien — nicht, wenn sie lachte und scherzte, sondern in dem Augenblick, als sie in


