Ausgabe 
13.2.1931
 
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jedem einen andern 23 erlauf, je nach Unlage, persönlicher Kraft, nach sozialer Lags und nach seiner Widerstandsfähigkeit. Aber sie ist eigent­lich bei allen, die heute anfangs der Dreissig stehen, nachzuweisen. Sie alle wir alle haben uns schwer, mancher gar nicht in den üblichen normalen Ablauf des Lebens einfügen können. Wir schwankten zwischen wütiger Ablehnung jeglicher Autorität und blinder, ebenso wütender Hingabe an allzu rasch gewühlte Idole. So wurden gerade diese Alters­klassen die eigentlichen Träger all der fanatischen und mystischen, literari­schen und politischen Versuche, die das ganze erste Jahrzehnt nach dem Krieg erfüllt haben. Und heute noch sind sie so etwas wie Außenseiter. Aber erst jetzt haben sie selber begonnen, sich als solche zu suhlen. Merkwürdigerweise haben sie es sich klargemacht, nicht etwa durch die Einsicht ihrer besonderen Lage gegenüber den Aelteren, sondern am Gegenbeispiel derer, die nach ihnen kamen, an den Jüngern am vielbesprochenen Jahrgang 1902 also und den noch Spätern.

Hierin aber steckt das entscheidende Geheimnis, besser: die offenbare und nicht auszugleichende Ursache der ganzen Generationsproblematik. Zu tief und bleibend ist der Einschnitt zwischen den heute Dreißigjährigen und denen in den zwanziger Jahren. Während jene die große Ernüchte­rung und den Zusammenbruch am eigenen Leibe erlebt haben, traten die Jüngern erst nach dem Zusammenbruch ins Leben ein. So bekam ein Abstand von wenigen Jahren hier wirklich unb wörtlich die Be­deutung eines Generationsabstandes.

Für den Jahrgang 1903 etwa sah die Welt im Jahre 1919 ganz anders aus als für uns. Es gab nichts Festes mehr. Diese Jugend wurde in einen Wirbel ohne Ziel und Richtung geworfen. Was uns zu verzweifelten Bemühungen nötigte, schien ihr em gegebener Zustand. Mit einem beinahe kindlichen Vergnügen hörte sie die Salven des Bürgerkrieges und ergriff dann selbst die Masse. Und schließlich fielen ihr, das ist psychologisch ungeheuer wichtig, alle die Konzessionen mühelos in den Schoß, die als Folge der allgemeinen Auflockerung gewährt wurden. Als wir noch kämpften, uns wehrten, warteten, fielen diese Jungen hastig auf alle möglichen halbverstandenen Parolen, auf Bluff, Verführung und endlich auf jenen intellektuellen Rückschritt herein, der sich immer als letzten Schrei der revolutionären Mode ausgibt.

Wie offen ist das literarische Bekenntnis der bürgerlichen Jugend zur Vergangenheit? Sie hat eine negative Bilanz der letzten Jahre ziehen zu können geglaubt und kehrt nun entschlossen zu früheren Vorbildern zurück. Wir erleben eine teilweise Auferstehung der Neuronrantik, dann wieder des plattesten Naturalismus. Wir erfahren von hymnischen Be­kenntnissen zu Thomas Mann oder Hermann Bang; und alle Versuche, alle Wagnisse werden gerade von den Jüngsten energisch abgelehnt.

Gegenüber diesen beruhigten, mit sich und der Welt einigen Jüngsten wünschen wir Jungen uns endlich deutlich abzugrenzen. Wir sind durch ihr Gegenbeispiel endlich zur Besinnung gekommen. Wir erkennen, daß es höchste Zelt ist, aus unsrer gleichgültigen Zurückhaltung herauszu­treten, da wir beobachten können, mit welchem organisatorischen Talent diese Jüngsten ihr zahlenmäßiges Alter nutzen, um ihre greisenhaften, ihre rückschrittlichen Anschaum:gen aus allein jugendlich zur Geltung zu bringen. Wir wollen unsre Meinung, daß der Fünfziger Alfred Döblin hundertmal junger ist als der Fünfundzwanziger Klaus Mann, nicht länger als stille Privatmeinung hegen. Wir wehren uns endlich dagegen, als übersprungen betrachtet zu werden.

Diese Selbstbesinnung wird seit ungefähr einem Jahr Überall sicht­bar, nicht nur in der Literatur, deren bedeutendste letztjährige Erfolge gerade diesem Alterstreis entstammen. Es rührt sich in den poli- iischen Parteien, sogar in der Wirtschaft, in den verschiedensten Be­wegungen, in Zeitungen und Zeitschriften. Hans Thomas, ein Dreißiger, hat in derTat" die Jüngsten vernichtend kritisiert:Sind das die Träger einer neuen Wirklichkeit? Rein, es sind die Ausläufer einer alten Epoche. Sie schlagen alle nach dem Großvater ... Ihr Gehirn ist ausgezeichnet, aber sie haben nicht einen Funken jener Menschlichkeit, die uns bisher nicht zur Entscheidung kommen ließ."

Jetzt endlich fühlt die Schicht der Dreißigjährigen die Kraft und die Berufung, zu handeln. Sie erlebt eine zweite, eine tiefere Jugend. Vielleicht werden die liebersprungenen die Lücke ausfüllen. Vielleicht werden sie ein letztes, spates Ergebnis des Krieges den verwirrten, ermatteten Kräften der Zeit Stetigkeit und Wert roiebergeben können.

Oer Fall Baldock.

Kriminalnovelle von Ludwig v. W o h 1.

(Schluß.

Wer soll ihn denn sonst ermordet haben! Die kleine Campbell gibt selbst zu, daß, nachdem ihr Vetter den Krach mit dem Alten hatte, nie­mand das Zimmer betreten haben kann bis sie selbst cintrat und den Alten tot sand. Kommt also nicht einmal der sonst so beliebte große Unbekannte in Frage! Weiß wirklich nicht, wofür Sie sich da noch abrackern."

Stuart sah nachdenklich zu Boden.

Ich eigentlich auch nicht", gestand er, und das war die Wahrheit. Inspektor Price lachte, gab ihm die Hand und 'Angus Stuart ging. Price hatte recht.

Mit dem besten Willen war diese eindeutige Geschichte nicht mehr­deutig zu bekommen.

Er hatte Tom Beckett im Untersuchungsgesängnis besucht: ein Häuf­chen heulendes Elends.

Hatte nie Mumm in den Knochen gehabt, der Junge, unbegreiflich, was das Möbel an ihm fand.

Aber dann biß Angus Stuart die Zähne aufeinander.

Er hatte sich ertappt, und er war der einzige, der es konnte.

Sich, Angus Stuart bei dem Hintergedanken: gib es auf, sollen sie das Häufchen Unglück hängen was hat Jane schon damit ver­loren ...

Verbissen setzte er sich in seinen Wagen und fuhr nach Chiswick hinaus, wo er zuerst die Apotheke aufsuchte.

Jane traf er gleich darauf im Begriff auszugehen.

Ich muß nach London mit dem Pferd."

Mit dem Reitpferd von Onkel Augustus? Er hat im Testament ungeordnet, daß es verkauft werden soll."

So. Das ist merkwürdig. Ich kam hierher, um Sie zu fragen, ob Ihr Onkel ein Pferd hatte."

Sie starrte ihn an.

Er gab sich einen Ruck.

Wir fahren zusammen nach London", sagte er.Alle drei: Sie, ich und der Gaul. Einer von uns dreien muß Tom im Gefängnis besuchen und ihm sagen, daß er in genau vierzehn Tagen frei ist."

Angus!!"

Das werden Sie fein. I ch habe es behauptet. Und der Gaul wird es beweisen. Nein, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, ich spreche im Ernst, und ich bin auch nicht verrückt."

*

Vierzehn Tage später standen Angus Stuart und Jane Campbell vor Inspektor Price.

Man hatte Tom Beckett hereingesührt, er saß bleich und verwirrt zwischen zwei Konstablern.

Der kleine Raum war voll von Kriminalbeamten aller Grade.

Angus Stuart hatte darum gebeten.

Sie werden etwas Seltenes sehen", hatte er verkündet.Eins der großen Geheimnisse, vor die die Natur uns gestellt hat wie ein Baby vor den Pythagoreischen Lehrsatz."

Schießen Sie los, Mr. Stuart", sagte Inspektor Price.

Angus Stuart verbeugte sich und öffnete einen mittelgroßen Koffer, den er mitgebracht hatte.

Er zog ein lebendes Kaninchen hervor und setzte es vor Price auf den Tisch.

Alles lachte, aber Price wurde wütend.

Das ist eine ernsthafte Verhandlung hier", schrie er.Lassen Sie gefälligst den Unsinn."

Angus streichelte das Kaninchen zärtlich.

Don Unsinn ist keine Rede, Price. Dies ist ein kerngesundes männ­liches Kaninchen, dem ich vor genau vierzehn Tagen eine Injektion ge­macht habe mit dieser Spritze"

Was fürne Injektion?"

Etwas völlig Unschuldiges eine minimale Quantität Pferde­blut. Vom Reitpferd des alten Mr. Baldock. Ich hätte übrigens ebensogut ein anderes nehmen können. Das Pferd ist auch kerngesund. Bitte, folgen Sie mir nun alle in den Hof"

Was wollen Sie denn da?"

'Angus Stuart war schon an der Tür.

Ich will Ihnen den Mörder des alten Baldock zeigen", sagte er freundlich.

Ganz verrückt", knurrte Price.

Im Hof stand ein großer Brauner, und scharrte nervös.

Ein Beamter hielt ihn.

2tngus Stuart zog eine Injektionsspritze aus der Tasche, deren Spitze ' sorgfältig in Watte gehüllt war.

Ich wiederhole jetzt die Injektion", sagte er ruhig.

'Mit einer schnellen Bewegung stieß er _bem Pferd die Nadelspitze in den Rücken zog an und wies die Spritze vor.

Sie war etwa zehntelooll, und er leerte sie aus auf den Boden.

So der Rest genügt vollständig ich brauche nur eine minimale Quantität."

Und er injizierte nun dem Kaninchen den Rest es war nicht cin- mal ein Tropfen.

Das Tier zuckte zusammen schnappte ein paarmal nach Luft und lag dann mit steifen 'Seinen da.

Verendet.

Kein 'Mensch sprach ein 'Wort.

Es war ungeheuerlich.

Anaphylaxie", sagte Angus Stuart.Schutzlosigkeit des Bluts. Das Tier war durch die erste Injektion schutzlos gegen das frembraffige Blut geworden. Wenn ich es mit Ihnen mache, Price, bauert es auch höch­stens brei, vier Sekunden. Nun werden Sie wissen wollen, wie Baldock gestorben ist. Er war Morphinist und halb verrückt. Ein paar Wochen vor seinem Tod gab er im Rausch dem Gaul eine MorphiuminjelUon, und bekam dabei Blut in die Spritze. Zu faul ober zu berauscht, sie auszuwaschen, machte er sich selbst eine Injektion und wurde gegen das Blut dieses Tieres hypersensibiliert. Die nächste Injektion mit der un­gereinigten Spritze machte er wenige 'Minuten nach dem Streit mit Tom Beckett wahrscheinlich, um seine Erregung abzureagieren. Er hatte gerade noch Zeit, die Spritze in die Schreibtischschublade 311 legen bann fiel er um, erstickt."

'Noch immer schwieg alles.

'Angus Stuart legte bas tote Kaninchen zu Loben

Wie sind Sie bloß darauf gekommen, Mr. Stuart", fragte Inspek­tor Price hesier.

An der Spritze war Blut ich habe es untersuchen lassen rein gefühlsmäßig. Als der Befuttd lautete:Pferdeblut", bekam ich den ersten Verdacht, und fragte alle Leute aus. Das Weitere ergab sich von selbst."

Well, ich denke, das ändert die Sache", meinte Price und sah Tom Beckett an, der in fassungsloses Schluchzen ausbrach.

Jane stürzte auf ihn zu unö sprach beruhigend auf ihn ein.

Das denke ich auch", sagte Angus Stuart und sah nachdenklich und ohne Fröhlichkeit auf das Pferd, das ahnungslos an dem winzigen Körper des Kaninchens schnupperte.

verantwortlich: Or. HansThyriot. Druck unbBerlagtBrühl'fcheAniverfiräts-lLuch- und Steindruckerei, 'N. Lange, Gießen.