Gelegenheit fehlt, ihn zu zeigen. Unter dieses Volk haben Sie sich ge­mengt: nicht, um es durch gewinnstlofe Betrachtungen von seiner Arbeit abzuziehen, sondern um es zu seiner Arbeit zu ermuntern und seine Arbeit zur Quelle ihm angemessener Begriffe und zugleich zur Quelle seines Vergnügens zu machen. Besonders athmen in Ansehnung der letz­teren die meisten von diesen Ihren Liedern das, was den alten Ao eisen ein so wiinschenswerthes, ehrenvolles Ding war, und was täglich mehr und mehr aus der Welt sich zu verlieren scheint: ich meine jene froh- licfie Armiith laeta paupertas, die dem Epikur und dem «eneca so wohl gefiel, und bei der es wenig darauf ankömmt, ob sie erzwungen ober freiwillig ist, wenn sie nur fröhlich ist.

An die Braut Eva König.

Wolfenbüttel, 26. Oktober 1772.

Sic wissen, meine Liebe, was ich Ihnen ost gestanden habe: daß ich es auf die Länge unmöglich hier aushalten kann. Ich werde in der Einsamkeit, in der ich hier leben muh, von Tag zu Tag bummer und schlimmer Ich muß wieder unter Menschen, von denen ich hier so gut als gänzlich abgesondert bin. Denn was Hilst es mir, daß ich hier und in Braunschweig Diesen und Jenen besuchen kann? Besuche sind kein Umgang; und ich fühle es, daß ich nothwendig Umgang, und Umgang mit Leuten haben muh, die mir nicht gleichgültig sind, wenn noch ein Funken Gutes an mir bleiben soll. Ohne Umgang schlafe ich ein und erwache blos bann und wann, um eine Sottise zu begehen.

An den Bruder Karl.

Wolfenbüttel, 12. Januar 1778.

3u was für einen traurigen Boten an meinen Stiefsohn muß ich Dich machen! Und gleichwohl weih ich, daß Dein^gutes Bruderherz selbst nöthig haben dürfte, vorbereitet zu werden. seine gute Mutter, meine Frau, ist tobt. Wenn Du Sie gekannt hättest! Aber man sagt, es fei nichts als Eigenlob, seine Frau zu rühmen. Nun gut, id) sage nichts weiter von ihr. Aber, wenn Du sic gekannt hattest! Du wirst mich, fürchte ich, nie wieder so sehen, als unser Freund Moses mich ge­funden hat: so ruhig, so zufrieden in meinen vier Wanden! Gieo den Einschluß nicht eher in die Hände des jungen Menschen, als dis Du ihn so gut vorbereitet hast, als Dir möglich. Laß ihn aua) nicht eher abreifen als bis er sich beruhigt hat. Er kann feine Mutter aua) tobt nicht mehr sehen, denn sie ist biesen Morgen schon begraben worben.

An Professor Eschen bürg.

Wolfenbüttel, 14. Januar 1778.

Gestern Morgen ist mir ber Rest von meiner Frau vollends aus bem Gesicht gekommen. Wenn ich noch mit ber einen Hülste meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Halste in Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern sollt ich es thun! 2lber das geht nicht, und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so fort zu duseln. Ein gutljer Borrath von Laudano literarischer und theologischer Zeestreu- ungen wird mir einen Tag nach dem andern schon ganz leidlich über­stehen helfen ...

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Oer Rangstreit der Tiere. Eine Fabel von G. E. Lessing. I.

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'.Aber hat er auch den Verstand dazu?" lieh sich ein Maulwurf hören. Er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckie Voll­kommenheiten zu erkennen."

Das war sehr weislich erinnert! sprach der Hamster.

Jawohl!" rief auch der Igel.Ich glaube es nimmermehr, dah der Mensch Scharfsichtigkeit genug besitzet."

.Schweigt ihr!" befahl das Pferd.Wir wifsen es schon: Wer sich auf'die Güte feiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am fertigsten, die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen."

II.

Der Mensch warb Richter.Roch ein Wort", rief ihm der maje­stätische Löwe zu,bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, willst du unfern Wert bestimmen?"

Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel , antwortete ber Mensch,in welchem ihr mir mehr ober weniger nützlich seid.

Vortrefflich!" versetzte der beleidigte Löwe.Wie wett wurde ich alsdenn unter dem Efel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter nicht (ein, Mensch! Verlaß die Versammlung!"

III.

Der Mensch entfernte sich.Nun", sprach der höhnische Maulwurf (und ihm stimmte ber Hamster und ber Igel wieder bei),siehst du, Pferd? der Löwe meint es auch,dah der Mensch unser Richter nicht fein kann. Der Löwe denkt wie wir.

Aber aus bessern Gründen als ihr!" sagte der Lowe und warf ihnen einen verächtlichen Blick zu.

Der Löwe fuhr weiter fort:Der Rangstreit, wenn ich es recht Über­lege, ist ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich für den vornehmsten ober für den Geringsten; es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich. Und so ging er aus ber Versammlung.

Ihm folgte der weise Elefant, der kühne .^iger, der ernsthafte Bar, der kluge Fuchs, das edle Pferd; kurz alle, die ihren ^Äert suhlten oder zu fühlen glaubten. , f ,

Die sich am letzten wegbegaben und über die zerrissene Versammlung am meisten murreten, waren ber Affe unb der Esel.

ein hitziger Rangstreit unter ben Tieren.Ihn zu schlichten", 'fpracb bas Pferd,lasset uns ben Menschen zu Rate Ziehen; er ist keiner von ben ftreitenben Teilen und kann desto unparteiischer

Oie Generation von 1899.

Von Axel Eggebrecht.

Ohne uns überheben zu wollen, können wir heute ziemlich klar fest- stellen: Das Jahrzehnt, das hinter uns liegt, war in vielem eine Zeck ber Schlagzeilen, ber Phrasen, ber großen Wörter, hinter benen oft herzlich wenig steckte. Mit dem Lächeln der allzu Erfahrenen blicken wir heute auf die schwülstigen Parolen des Krieges, auf die allzu lauten Aufschreie der Aufruhrjahre zurück; unb auf all die bunten, hastigen, grellen Spitzmarken, die in halbjährigem Wechsel uns immer wieder neue Ueberschristen liefern wollten zu unferm Leben, das doch immer wieder das eine, weiterlaufende Leden blieb unb sich in so vielen Jahren nicht gar so wesentlich geändert hat. Wir sind der hohlen Formeln müde. Wie immer die nächste Zukunst aussehen mag der Zweifel gegenüber der Phrase wirb wirksam werben. Schweres Erleben, schwere Ereignisse erwarten viele von uns; aber ben Unfug, bas Unheil, das durch bloße Wörter angerichtet werden kann, das haben wir nun endlich zu meiden gelernt.

Eins dieser Schlagwörter, das unendliche Unklarheit und mancherlei Unheil angerichtet hat, heißt: Generation. Zu einer Generation rechnete ich jeder. Auf feiten einer Generation nahm einer gegen den andern Stellung. Die Zugehörigkeit zu einer Generation galt als Mitgliedschaft bei einer praktischen Rückversicherung, die Fragen und Unvollkommen- heilen ersparen sollte. .

Generation das war mehr als ein Modewort. Das war eine der tödlichen, gedankenlos eingebürgerten Vokabeln eines ganzen Zeitalters. Offensichtlich hatte sich die Alltagsbedeutung dieses Wortes gegen früher gewandelt. Man hatte einmal darunter ein Menschenalter verstanden, eine Spanne also von etwa dreißig Jahren. Nun aber fanden auf em- . mal Menschen von nur sehr wenig verschiedenem Lebensalter, daß sie grundverschiedenen Generationen angehörten. Erst war bas nur eine Bequemlichkeit, ein sprachlicher Mißbrauch. Aber bahinter verbarg sich bie Tatsache, daß nach bem Krieg alle Altersunterschiebe eine viel größere Rolle spielten als früher.

Es war bie Zeit, ba das Wort Jugend ben Klang einer Zauber­formel bekam. Man erwartete soviel von den Jungen Politik Wirtschaft, Künste, Parteien, die Literatur alle führten sie ben Namen ber Jugend fortwährend unnütz im Munde. Alle nannten sie sich jung. Alle wollten sie bie Jugend einfangen, bestimmen, vorspannen. Jungsein an sich war ein Wert. Heute freilich Haden wir, besonders auch in der Literatur, einen deutlichen Rückschlag gegen diese Ueberbemertung Ichon erlebt. Es heißt nun, die Jugend habe versagt.

Was soll bas bebeuten? Um welche Jugenb hanbelt es sich ba eigentlich? Als bieGenerationen" ber Zwanzig-, ber Zweiunbzwanzig-, ber Achtunbzwanzig- unb ber Dreißigjährigen erfunden würben, steckte bas unklare Empfinbcn dahinter, irgendwo gäbe es doch einen wirk­lichen, r-inen bedeutsamen Unterschied, einen Bruch, eine Teilung. Wie die aussah, bas würbe selten klar ausgesprochen. Hinter ber Uebergenamg- teit unb bem Besonder-sein-Wollen ber Senerationsfpielerei versteckte sich viel Unklarheit. Heute können wir es aussprechen: Es gibt Zwar keine zehn verschiedenen Generationen. Aber es gibt auch nichtdie Jugend unddie Alten". Es gibt mindestens zwei Jugenden.

Die Trennung erfolgte im Krieg. Die Jahrgange 1899 und zum Teil noch 1900 tarnen gerade noch mit ins Feld. Die unmittelbar fol­genden nicht mehr. Hier entstand ein Ruck, ein Riß in der Kette der Altersfolgen. Merkwürdig, daß diese simple Tatsache m Vergessenheit geriet. Dadurch vor allem wurde die tiefe Verwirrung über den Be­griff Jugend geschaffen. Dadurch wurden unzählige Mißverständnisse "^Niir^fcheinbar wurde nach dem Krieg die Kette wieder angeschlossen. Ein paar Glieder waren ausgefallen. Ein paar Jahrgänge rourben über« Sprüngen. Unb diese Uebergangencn bilden im unablässig wetterschieben- ben Fluß ber Altersfolgen seitdem ein sprödes Stück für sich wirklich so etwas wie eine Generation. Wer das einfieht, der wird einen guten Teil der Problematik aller jungen Menschen nach dem Krieg, auch der um ein paar Jahre Jüngeren, viel deutlicher verstehen können.

Ueberfprungen, ausgefallen das sind durchaus nicht nur symbo­lische oder übertreibende Ausdrücke. Vielmehr haben einige Jahrgange oder doch ganz wesentliche Teile von ihnen niemals, bis heute nicht, ihren Platz in der stetigen Entwicklung wiedergefunden

Ich will ganz deutlich sein. Es sind die heute dreißig- bis brciund- dreißigjährigen Männer. Das ist jene Jugend, bie bet Kriegsbeginn noch in ber Lehre steckte ober die Bänke in ben oberen Klassen höherer Lehr­anstalten brückte und am Ende des Krieges im Schützengraben lag ober auf ben Lazarettbetten Für diese wenigen Jahrgange unö unter ihnen wieder ganz besonders für die achtzehn- und gar siebzehnjährigen Soldaten des letzten Kriegsjahres bedeutete das Erlebnis des Krieges etwas von Grund auf anderes als für alle andern Kämpfer. Sie tarnen aus den Kohlrübenwintern, ben ungeheizten Stuben. Sie _cmpfanben die Einberufung als erfreuliche, aufregenbe Abwechslung. Sie waren zu schwach, zu erfahrungsarm, zu jung, um die Größe einer ethischen, einer historischen Verantwortung zu spüren. Sie nahmen den Krieg als in­dividuelles Erlebnis, als gigantischen Jungenstreich. Sie haben ihn, wenn man so sagen will, vielfach überhaupt nicht erlebt, obwohl sie baran teilnahmen, darin verwandelt wurden, vielleicht zugrunde gingen. Unb das am meisten Bezeichnende: sie haben ihn nachher sehr schnell ver­gessen. Viele heute Dreißigjährige werden, wenn sie ehrlich finb, zu- aeben müssen, daß sie durch die Erinnerung an ihre schwersten Kncgs- erlebnisse niemals, selbst im Traum nicht, geplagt werden. Das bedeutet aber natürlich nicht, daß der Krieg spurlos an ihE - vorubergegangeu ist Im Gegenteil. Gerade weil sie nicht die ganze Wucht ihres Erlebens begrif en, gerade weil sie es nicht verarbeiten konnten, deshalb gerade wirkte es viel zerstörender, nachhaltiger in ihnen fort. Unzählige, die nie mehr an ben Krieg denken, finb bennoch burch ihn aus ber Bahn geworfen worben. ,, , , .

Natürlich sieht biefe Zerstörung sehr verschieben aus. Sie nahm bet