Ausgabe 
13.2.1931
 
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Hiernach« aber rathe ich Dir sehr, weniger zu schreiben das ist, weniger drucken zu lassen und desto mehr sur Dich zu studiren. Ich versichere Dich, daß ich diesen Rath für meinen Tyeil selbst weit mehr befolgen würde, wenn mich meine Umstände weniger nothigten, zu schreiben Da ich mit meinem ordentlichen Gehalte nur eben auskommen kann so habe ich schlechterdings kein andres Mittel, mich nach und nach aus meinen Schulden zu setzen, als zu schreiben. Ich habe es, Gott weiß, nie nöthiger gehabt, um Äeld zu schreiben, als letzt; und diese Rolh- wenigkeit hat natürlicher Weise sogar Einsluß aus die Materie, wovon ich chreibe. Was eine besondere Heiterkeit des Geistes, was eine be­sondere Anstrengung erfordert, was ich mehr aus mir selbst ziehen mutz als aus Büchern, damit kann ich mich jetzt nicht abgeben. Ich mutz das Breit bohren wo es am Dünnsten ist, und wenn ich mich von außen weniger geplagt fühle, will ich das dicke Ende wieder vornehmen.

An Moses Mendelssohn.

Wolfenbüttel, 9. Januar 1771.

Doch ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich gewisse Borurtheile weggeworsen, ich ein Wrnig zu viel mit weggeworfen habe, was ich werde wiederholen müssen. Daß ich, es zum Theil nicht schon qethan, daran hat mich nur die Furcht verhindert, nach und nach den ganzen Unrath wieder in das Haus zu schleppen. Es ist unendlich schwer, zu wissen wann und wo man bleiben soll, und Tausenden von Emen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wo sie des Nachdenkens muds- geworden. Zwar ist Ihre Anmerkung sehr gegründet, daß man bei Be­urteilung gewisser Charaktere und Handlungen das Maß der Einsicht und des moralischen Gesiihls mit in Betrachtung ziehen müsse, welches den Zeiten zukomme, in die sie fallen. Allein doch wohl nur bei solchen Charakteren und Handlungen, die weiter nichts sein sollen als Charaktere und Handlungen bloßer Menschen? Aber sind Patriarchen und Propheten Leute zu denen wir uns herablassen sollen? Sie sollen vielmehr die erhab'endsten Muster der Tugend sein, und die geringste ihrer Hand­lungen soll in Absicht auf eine gewisse göttliche Oekonomie sur uns ausgezeichnet sein. Wenn also an Dingen, die sich nur kaum entschuldigen (aj en der Pöbel mit Gewalt etwas Göttliches finden soll und will, o thut denke ich, der Weise Unrecht, wenn er diese Dinge blos ent­schuldigt Er muß vielmehr mit aller Verachtung von ihnen sprechen, die sie in unfern bessern Zeiten verdienen mürben, mit aller der Ver- I achtung, die sie in noch bessern, noch aufgeklärtem Zeiten nur immer I verdienen können.

Jin den Dichter I.W.L.Gleim.

Wolfenbüttel, 22. März 1772.

I Sich zum Volke herablassen, hat man geglaubt, heiße: gewisse Wahr- I Heiken (unb meistens Wahrheiten der Religion) so leicht und sohlich vortragen, daß sie der Blödsinnigste aus dem Volke verstehe. Diese Her­ablassung also hat man lediglich auf den Verstand gezogen und darüber

I an Mne weitere Herablassung zu dem Stande gedacht, welche in einer täuschenden Versetzung in die Mancherlei Umstände des Volkes besteht.

I Gleichwohl ist die letztere Herablassung von der Beschaffenheit, daß jene elftere von selbst daraus folgt; dahingegen jene erstere ohne diese letztere

I nichts als ein schales Gewäsch ist, dem alle individuelle Application fehlt.

Ihre Vorgänger, meine Freunde, haben das Volk blos und allein für den schwachdenkendsten Theil des Geschlechts genommen und daher für das vornehme und für das gemeinde Volk gesungen. Sie nur haben das Volk eigentlich verstanden und den mit seinem Körper thätigen Theil im Auge gehabt, dem es nicht sowohl an Verstände als an Der

Schaustück fein darf, welches das Herz rührt, ohne es zu bessern. Was neben das menschliche Geschlecht die Leidenschaften und Schicksale eines Sn 6er alte . Wett an wenn sie nicht dienen, uns zu unterrichten? Äber Voltaire der Franzose, löst die Aufgabe auch m> einem inneren Nationalismus mit einer nicht zu übertreffenden religiösen Verständnis­losigkeit, die ganz ungeheuer weit entfernt ist von der pietätvollen inneren Freche« zu der sich Lessing sein Leben lang hindurchzurlngen luchte

Alle'Helden Lessings sind Träger der moralischen Energie. Und aus dem Widerspruch, in den sie mit anders gerichteten Kräften des Lebens geraten erwachsen die dramatischen Konflikte, formt sich aber SUgleich ffessings Lebensideal. Und immer ist darin auch etwas von dem per- "IC ri'.. e-MMM I" Lessing auf Lessings Soldatentum hingewiesen, das ihn zwar keine wirk­lichen ^Gefechte mit Flinte und Säbel, aber doch seine heftigen Fehden mit Voltaire und Gottsched und manchen anderen wacker durchzufechlen zwang. Unglücklicherweise hinderte aber gerade der Zusammenstoh mit Voltaire, daß er von Friedrich dem Großen in die Stellung der Leitung der Königlichen Bibliothek nach Berlin berufen wurde. Wenn I Goethe^ inWahrheit und Dichtung" die Erneuerung der deutschen Lite- I ratur gerade auf die Wirkung Friedrichs des Großen und des Sieben- I jährigen Krieges zurückgeleitet hat, so geschah dies bewußt "" Hmbltck auf Lessing und auf den großen Einfluß derMinna von Barnhelm . I Lessing der Scharfblickende, hat wohl auch erkannt, welcher Zusammen­hang hier waltete und mit dem herben Witz, der ihm eigen war, gefag. er wolle sich nicht wundern, wenn man dies deutsche Zeitalter nach Friedrich benenne, obwohl er nichts davon verstanden habe und nichts Dafür getan. Dem Wesen nach von allen deutschen Geistern des Jahr­hunderts dem König am meisten verwandt, mehr noch als Kant, hat er doch am selbstbewußtesten neben ihm Stellung genommen, s^s unab- hängiger Mann und als einer der männlichsten Geister, die die deutsche Dichtung in ihren Reihen zahlt. So ist »Minna von Barnhelm cius der Situation nach 1763 entstanden und so fünfzehn Jahre spater aus ganz der gleichen, nur weltanschaulich, an Ideengehalt noch vertieften geistigen Ca86eUe,177905 sah LZsing^in der stillen Bibliothekarstube von Wolfen- büllel von wo aus er die Wellen seiner genialen Kritik und hinau'ssandte in das deutsche, in das europäische Geistesleben. Ein Kamp­fer wie er mutzte Gegensätze, Widersacher finden, sagt er doch selbst er hätte sie sich sonst geschassen. Gerade hatte er das Liebste, was er auf Erden hatte, seinen Sohn und dann seine Frau, verloren, der Emsluß feiner Gegner suchte ihn beim Herzog von Braunschweig munbtot zu machen, da schrieb er am 9. August 1778: »Ich dm zu stolz, mch un­glücklich zu denken »knirsche eins mit den Zahnen und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen, - genug daß ich ihn nicht selbst Umstürzen will!" ... und schon in der folgenden Nacht faßte er den Entschluß den Entwurf desNathan" auszusühren. Es gehörte die Ent- fchlossenheit des ganz Einsamen, der Mut, der Eigenwilligkeit des Allein- gangers dazu, die Parabel von den drei Ringen, die einander gleich von Denen aber nur einer echt ist, in Den Mittelpunkt eines gewaltigen Welt­anschauungsdramas hineinzustellen. Wie leuchtet hier der glänzendste Witz in der feinstgeschliffenen Sprache, ganz würdig und ebenbürtig Des gewaltigen Stoffes, den der Dichter sich zum Vorwurf genommen hat Lessing hatte danach nichts mehr zu bieten, er ist am 15 tJebruar 1781 auf der Reise nach Braunschweig gestorben. Jean Paul stellt ihn neben Herder, Wieland und Goethe und huldigt ihm als dem Trager des Ideals weltbürgerlicher Vielseitigkeit, die sich als Kunst bezeugt:Mitten unter diesen drei Männern im genialen Feuer stand als der werte, rote jener Engel, Lessing, der sie alle übertraf, und Der zugleich Sternes Werke JacobisAllroill", HippelsLebensläufe", Calderon, Hans Sachs und Klopftock, wie die Römer alle Götter fremder Völker verehrten.

Lessing in seinen Briefen.

Eltern daran nehmen sähe. Warum sollen Traurige einander ihre Traurigkeit mittheilen und sie vorsätzlich dadurch verstärken? Die einzige wahre Pflicht die mir der Tod meines Bruders auslegen kann, ist biese, daß ich mein 'übriges Geschwister desto inniger liebe und die Äun<ugstng, di? ich gegen den Todten nicht mehr zeigen kann, auf die Lebendigen übertrage Viele betauren tm Tode, was sie im Leden nicht Stiebt habe . Ich will im Leben lieben, was mir die Natur zu heben befiehlt, und nach dem Tode so wenig als möglich zu betauren suchen.

*

Breslau, 13. Juni 1764.

Meine Verwirrung wird durch den Zufall, daß der General von Tauentzien gefährlich krank liegt, noch großer. Es mag aber diese Krank feit ausschlagen, wie sie will, so ist die totale Veränderung meiner itzigen Situation immer gewiß. Es sollte mir leid ttjun, wenn sich meine liebsten Eltern durch unrichtig eingezogene Nachrichten von meinen bis­herigen Umständen einen falschen Begriff sollten gemacht haben Ja) habe9 meines Theils gewiß keine Gelegenheit dazu gegeben, vielmehr mich mehr als einmal geäußert, daß mein itziges Engagement von keiner Dauer fein könne, daß ich meinen alten Plan zu ^ben nicht auf- gegeben, und daß ich mehr wie jemals entschloßen, von auer fBebienung die' nicht vollkommen nach meinem Sinne ist, 8« abftraljiren. 3d)i I n über die Hülste meines Lebens, und ich wußte nicht, was mich notgigen könnte, mich auf den kürzern Rest desselben noch zum Sclaven zu ma^en. Ich schreibe Ihnen dieses, liebster Vater, und mutz »hnen dieses schreiben, damit es Ihnen nicht befremde, wenn Sie nua;i in Jumpern wiederum von allen Hosfnungen und Ansprüchen au, ern stes Gluck, wie man es nennt, weit entjernet sehen sollten. Ich brauche nur noch einige Zeit, mich aus allen den Rechnungen und Verwirrungen in Die ich herwickelt gewesen, herauszusetzen, und alsdann verlaße ich Breslau ganz gewiß. Wie es weiter werden wird, ist mein geringster Kummer. Wer gesund ist und arbeiten will, hat in Der Welt nichts zu furchten Sich langwierige Krankheiten, und ich weiß nicht was für Umftanbe befürchten, bie Einem außer Stanb zu arbeiten setzen können zeigt em schlechtes Vertrauen auf bie Vorsicht. Ich habe em bessres und habe

I Freunde. _

A n den Bruder Karl.

Wolsenbüttel, 11. November 1770.

An den Vater.

Breslau, 30. November 1763.

So ungern ich selbst jederzeit von anderen Leuten sogenannten guten Rath angenommen habe, so zurückhaltend bin ich mit meinem eigenen, und ich will lieber jedem, der es bedarf, meinen letzten Groschen geben als ihm tagen:Thue das, thue jenes!" Wer seine Jahre hat muh selbst ! wissen, was er thun kann, was er thun muh; unb wer erst Horen will was anbere Leute zu seinen Anschlägen sagen, der hat blos Luft, Zeit zu gewinnen unb indeh andere zu fassen.

Ich hoffe ohnedem nicht, dah Sie mir Zutrauen werden, als hatte ich mein Studiren am Nagel gehangen und wolle mich blos elenden Be- fchäjtigungen de pane lucrando widmen. Ich habe mit diesen Nichts­würdigkeiten nun schon mehr als drei Jahr verloren. Es ist Zeit, daß ich wieder in mein Gleis komme. Alles, was ich durch meine itzige Lebens­art intenbirt habe, bas habe ich erreicht, ich habe meine Gesunbheit so ziemlich wieberhergestellt; ich habe ausgeruhet unb mir von bem We­nigen was ich ersparen können, eine treffliche Bibliothek angeschafst. Die ich mir nicht umsonst angeschafst Haden will. Ob ich sonst noch einige Hundert Thaler übrig behalten werde, weih ich selbst noch nicht. Wenig­stens werden sie mir nebst bem Wenigen, was ich aus meinem ge­wonnenen Processe erhalte, sehr wohl zu Statten kommen, bamit ich ein paar Jahre mit bestomehr Gemächlichkeit studieren kann.

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Breslau, 9. Februar 1764.

Ich schmeichle mir, dah Sie von meiner aufrichtigen Siebe gegen meine Geschwister zu wohl überzeugt sind, als daß Sie in der That von meinem bisherigen Stillschweigen auf bie betrübte Nachricht von bem Tobe meines Brubers Gottsrieb eine üble Auslegung machen sollten. 3d) habe seinen Tod empfunden, als man nur immer einen solchen Zu­fall empfinden kann, unb mehr vielleicht, als man ihn empfinden sollte. Die Betrübnih ward durch den Antheil vermehret, den ick) meine werthe-