Ausgabe 
13.2.1931
 
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GiehenerKmilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <931__________________Freitag, den IZ.Hebruar Hummer (5

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Ich.

Von Gotthold Ephraim Lessing.

Ich habe nicht stets Lust zu lesen. Ich habe nicht stets Lust zu schreiben, Ich habe nicht stets Lust zu denken, Kurzum, nicht immer zu studieren.

Doch hab' ich allzeit Lust zu scherzen, Doch hab' ich allzeit Lust zu lieben, Doch hab' ich allzeit ßnft zu trinken, Kurz, allezeit vergnügt zu leben.

Verdenkt ihr mir's, ihr sauren Alten? Ihr habt ja allzeit Lust zu geizen;

Ihr habt ja allzeit Lust zu lehren;

Ihr habt ja allzeit Lust zu tadeln.

Was ihr tut, ist des Alters Folge; Was ich tu, will die Jugend haben. Ich gönn' euch eure Lust van Herzen; Wollt ihr mir nicht die meine gönnen?

Gotthold Ephraim Lessing.

Zu seinem 150. Todestage.

Von Geheimrat Prosessor Dr. Oskar Walzel, Bonn.

Als Lessing starb, schrieb Herder einem Freunde:Ich kann nicht sagen, wie mich sein Tod verödet hat; es ist, als ob dein Wanderer alle Sterne untergingen, rind der dunkele wolkige Himinel bliebe." Mit deni Ticfblick eines unvergleichlichen Erfühlers kennzeichnet Herder den ent- sckeidenden Zug von Lessings Wesen. Ein Lichtspender war er. Das Trübe, Dämmerige, vollends das Muffige und Sumpfe war ihm verhaßt. Dieser wirksamste Entdecker, Schützer und (Erneuerer deutschen Wesens, ein Erlöser deutscher Kunst aus den Fesseln des Auslands, war beseelt von antiker Freude an reinen Umrissen und an sonnendurchleuchteter klarer Luft. Es war seine Gröhe rind zugleich Ursache seiner Grenzen. Barockkunst war nur von seinem Standpunkt aus zu überwinden. Ihr Spiel mit dem Dunkel und dem Schatten war ihm so wesensfremd, daß er sogar Rembrandt ablehnte. Roch an öen Schöpfungen des klassischen Dranias der Franzosen störte ihn die lieb erfülle sich drängender und sich verschlingender Motive. Edle Einfalt und stille Gröhe, wie Winckelmanu sie forderte, war auch ihm rechtes Ziel aller Kunst. Die wenigen Worte, mit denen die Ilias die bezwingende Schönheit Helenas nndeutet, waren ihm lieber als der breite Worterguh einer Schilderung von Weibes- schönheit; mochte er selbst von einem Renaissaneekünstler wie Ariost stammen. Hätte sein Verstand ihm auch nicht verraten, marnm diese Stelle der Ilias uns mehr fugt als die Stanzenreihe Ariofts, fein Gefühl wäre schon zu gleicheii Werten gelangt.

Schlichtheit, wie sie für Lessing rechte Kunst bezeichnet, verträgt sich auch nicht mit ben stolzen Gebärden; fei's des Barocks, sei's der franzö­sischen Klassik. Lessings Menschen reden, je weiter er sich entwickelt, eine desto gedämpftere Sprache. Leidenschaftlicher Worterguh wird ihnen nur selten gewährt; es ist aber dann im Munde der Gräfin Orsina weit mehr ein Bohren und Tüfteln als ein rednerhafter Ausbruch tragi­schen Leids. Von Schiller scheidet sich Lessing scharf ab. Schillers Form- wollen war dem der Franzofen, ja des Barocks verwandter. Sogar Meliere, gewih fein Pathetiker, kann feierlichen Ton nicht ganz meiden, wenn imTartuffe" einer den König preist, der in feinem Lande Betrug nicht duldet. Wird im fünften Aufzug vonMinna von Barnhelm" das Handschreiben Friedrichs des Großen verlesen, das dem Major von Tell- hcim seine Ehre zurückgibt, so sagt Minna nur:... daß ihr König, der ein großer Mann ist, auri) ein guter Mann fein mag." Unserem Gefühl bedeutet das.mehr als die Worte Matteres.

Friedrich der Grohe hat Lessing nicht zu würdigen verstanden. Er ahnte auch nicht von fern, wieviel von dem altpreuhischen Geist, der durch ihn zu seiner echtesten und wirksamsten Ausprägung gelangte, in dem Sachsen Lessing geweckt worden war Lessings Kunst ist vollends aus den Lakonismus einer Welt abgestimmt, die in schwerster Zeit und unter dem Druck bittersten Kriegselends sich den befreienden RufBerlin fei Sparta!" obrang. Nur in den Anfängen (inMiß Sara Sampfon") und am Ende feiner Künstlertätigkeit (imNathan") ist Lessing minder sparsam mit dem Wort. Das hindert nicht den Eindruck, daß wir im Nathan" wie von Hellem Licht umgeben zu sein meinen. Schon die Worlgebunq hat dies Leuchtend-Klare, Erfrischende, Leben unb Lust am Leben Weckende. Wie wenn Lastendes, das uns länge gequält Hal, riuf= weife von uns absiele, dumpfem Sinnen nie wieder Raum in unserem Innern gewährt werden sollte.

Die Hohe ersteigt der Wortsparer Lessing in seinen Fabeln. Sie sind vielleicht seine eigenwilligste, sicherlich seine bezeichnendste Schöpfung. Sie sind gründlichst verschieden von den Gebilden, die kurz vorher ein begna­deter Fabelerzähler, Lafontaine, der Welt gefchenkt hatte. Sie sind Epi­gramme. Die Kunst epigrammatischer Zuspitzung des Gedankens hatte der junge Lessing früh geübt; sie entsprach seinem Bedürfnis, den viel­fachen Sinn eines Wortes aufzuspüren, aus den gegensätzlichen Bedeu- tungen eines Wortes Mittel zur Verhöhnung eines Gegners zu holen. Noch spät, in seinen Kämpfen gegen die religiöse Unduldsamkeit des Hamburger Hauptpastors Goeze, nutzt er diese Waffe. Solche Epigram­matik hätte feinem Dichten nur eine scharf zugespitzte Verstandessprache bereitet, wenn durch die Parabolik der Fabel nicht seiner Wortkunst das entscheidende Merkmal geschenkt worden wäre. Das Leben und Treiben der Menschen, ihr Lieden und Hassen, ihr Tun und ihr Leid in den Bildern der Fabelwelt, zunächst in den Vorgängen der Tierwelt zu sehen ist der Kernpunkt von Lessings Bildlichkeit. Weit umfangreicher ist das Gebiet, aus dem andere Dichter ihre Bilder holen. Doch selbst Goethe entgeht da der Gefahr nicht, Deutlichkeit des Gedankens zugunsten kunstvoll geschauter, aber dem Verstände zuweilen schwer faßbarer Meta­phorik preiszugeben. Je kühner die Phantasie das Bild formt, je mehr sie auf ein empfängliches und willig nacherlebendes Gefühl rechnet, desto leichter opfert sie den klaren Lerftandesumriß. Wenn helles Licht so blieb ist wie Lessing, ^der gibt unbedenklich einen guten Teil schöpferischer Bild- formung auf. etjmbolit, wie sie dem Gottesglauben eignet, lag ihm vollends fern. Folgerichtig wandelte sich ihm auch Religion ganz in Sitt­lichkeit um. Als Schleierniacher später der Religion neben der Sittlichkeit wieder volles Lebensrecht gewann, gelangte er zu einer Begrisfsftimmung von religisiem Gefühl, die für Lessing bedeutungslos gewesen wäre. Hätte Lessmg nicht Schleiermacher die Worte Nathans entgegengehalten, daß andächtig schwärmen leichter sei als gut handeln?

Herder schwelgt in tiefbewegten, grenzenlosen Gefühlen. Er ist da urverwandt mit Klopstock und wird mit Klopftock Erzieher einer neuen Jugend, der die Kunst vor allem Gefühlserlebnis und nicht verstandes­strenge Gestaltung ist. Sie spielen gegen Lessings Versuche, das Wesen der Künste und der Dichtungsgattungen begrifflich zu umscbreiben, ihre Andacht für das Gefühl ans, das den Künstler allein sicher leite.Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet s nicht erjagen", so heißt es imFaust". Dennoch konnte Herder dem toten Lessing die Worte nadjrufen, die ohne Rückhalt Lessing auch zu Herders Wegweiser erheben. Herder hatte oft mit Lessing die Waffen gekreuzt, Lessings Aufstellungen ergänzt, ein­geschränkt, weitergetrieben, widerlegt. Aber ihm entzog sich'nicht, daß solches Berichtigen und Verbessern off sein Bestes dem dankt, dessen Ansichten berichtigt und verbessert werden. Wirtlich war Herder lange Zeit den Wegen Lessings nachgegangen mit dem Willen, diese Wege noch erfolgreicher zu beschreiten als sein Führer; das glückte ihm vielfach, bewies indes nur, wie abhängig Herder von Lessings Denken war. Wie sehr er solcher Abhängigkeit sich bewußt geworden ist, bezeugen nach Lessings Hingang die bildhaften Worte von dem Wanderer, dem alle Sterne untergeaangen sind und dem nur der dunkle wolkige Himmel bleibt. So empfand noch lange ein guter Teil der Deutschen Le sinas Hingang.

Lessing und tmr.

Von Dr. Walter M i n d e.

1929 war das. Lessingjahr. Es war also genügend Zeit, das Ver­hältnis der Heutigen zu der großen Persönlichkeit Gotthold Ephraim Lessings nachzuprüfen. Es fragt sich, was uns das Lessingjahr nun für den Gedenktag dieses Jahres zu geben hat. Das eine kann man gleich vorausschicken: jede Kritik und selbst diejenige, die den Menschen Lessing, die Persönlichkeit, die starke Willenskraft und den feurigen Erkenntnis­drang des Dichters derMinna van Barnhelm" undNathans des Weifen" anerkennt, fein Werk aber, feine Weltanschauung, feine Leistung als Kritiker, als Wissenschaftler, als Dichter für die heutige Zeit als belanglos bezeichnen will, wie es leider oft geschehen ist, jede solche Kritik geht fehl. Lessing ist der Dichter eines der wenigen deutschen Lust­spiele von Format gewesen und geblieben, und Lessing ist der Schöpfer des Ideendramas, ohne dasFaust" kaum zu denken ist und von dem das muß einmal ausgesprochen sein sich die heutige literarische Produktion zum Unglück der deutschen Theaterkultur sehr weit ent­fernt hat.

Das Zeitalter der Aufklärung hat zwei große Dichter hervorgebracht: Voltaire und Lessing. Mit Recht hat Wilhelm Dilthei) in seinem Essai) über Lessing diese beiden miteinander verglichen. Die Aufgabe der dra­matischen Kunst in dieser Zeit, worin Friedrich der Große eine Philo­sophie der Menschlichkeit zur Allgemeingeltung bringen wollte, hat Vol­taire in seiner Widmung desMahomed" dem König gegenüber aus­gesprochen:Ich habe immer gedacht, daß die Tragödie nicht ein einfaches