an den Haken hängen? Alfanzerei! Er trieb sein Geschäft und es trieb ihn. Mehr denn je war er jetzt darauf angewiesen, zu verdienen, denn die Krankheit der Marie würde viel Geld verschlingen. Mühiggehen war nicht seine Sache. Es sollte nicht heißen, er sei auf den Wagen zu kurz und auf den Karren zu lang. Sein Plan war fertig. Die Aecker würde er verpachten. Die Kitzelmine blieb im Laden. Er warf sich auf den Butterhandel.
Entschlossen lieh er sich an seinem Schreibtisch nieder und nahm die Geschäftsbücher zur Hand. Seine Frau hatte die letzten Einträge gemacht. Er sah ihre gerade, feste Schrift, und es gab ihm einen Stich ins Herz. Er richtete sich auf. Nein, nicht simulieren. Die Last gefaßt, war halbe Last.
Er arbeitete bis in die Nacht hinein. Dann ging er zur Ruhe und sank in tiefen Schlaf. Am andern Tag trat er eine Geschäftsreise nach Hünfeld und Schlüchtern an. *
So oft der Meister Allerhand fortan draußen dem Vutterhandel nachging, war die Kitzelmine ermächtigt, ihn in seinem Spezereiladen zu vertreten. Sie erhielt eine kleine Vergütigung. Eines Tagelöhners Witfrau, hatte sie im Winter für die Bauern gewaschen, im Sommer hatte sie auf dem Feld und in den Gärten geschafft. Noch spürte sie nichts von Alter und Schwachheit. Wenn die Kräfte sie einmal verließen — daran dachte sie mit Grauen — blühte ihr der Reihetisch und das Armenhaus. Bei den Wohlhabenden ein- und ausgehend hatte sie viel Hartherzigkeit erfahren, sah, daß die Habsucht mit dem Vermögen wuchs, daß der Eigennutz der Mildtätigkeit den Garaus machte. Diese Protzen sprachen es offen aus: „Selber essen macht fett. Uns hat niemand etwas geschenkt, wir haben alles erwerben müssen. Wer nichts hat, der muß schanzen, so lang er noch kriechen kann, und wer keine Groschen verdient, soll mit Pfennigen zufrieden sein!" Den goldnen Eseln standen alle Türen offen und doch war keiner so reich, daß er der Armen Hände und Füße nicht brauchte. Eine große Erbitterung wurde in der Kitzelmine wach, aber sie verschloß ihre Gedanken in sich.
Wenn sie im Laden nicht beschäftigt war, schnupperte sie im Haus des Meisters herum. Die schön verzierten Schränke aus Eichenholz fand sie mit" Kleidungsstücken und Leinen gefüllt. In der Vorratskammer hingen Würste, Schinken und Seitenstücke handhohen Specks. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Man wurde von vielem satt, aber eins schmeckte besser wie das andre. Im Keller war ein Fäßchen Branntwein angesteckt. Rasch ein Kännchen durch die Gurgel gejagt. Gluck, gluck, gluck! Das fchmeckte nach mehr. Eine wohltuende Wärme durchströmte sie. Sie hatte Mut in allen Taschen. Die Welt war verdreht, die Vernünftigkeit lag unter der Bank. Was für eine Affenschande! Die einen saßen bei der vollen Schüssel, wühlten im Geld, die andern hatten nichts zu brocken und zu beißen, hingen sich den Bettelsack um. Einmal kam die große Teilung. Aber wann? Darüber konnte man sterben und verderben. Nehmen, wo's in Ueberfluß war und hintun, wo's fehlte, das war nicht mehr wie. recht und billig.
Sobald sie sich in ihrer neuen Stellung befestigt fühlte, begann sie ihre Ansicht über die Gütergemeinschaft der Menschen zweckdienlich zu verwerten. Heimlicherweise trug sie allerlei Waren in ihre Hütte am Breitwieserweg und ließ auch Gelb aus der Kasse verschwinden.
Des Meisters Butterhandel wuchs ins Große. Das war ihm eben recht. Sein ödes Haus war ihm verleidet. Rastlos hin- und herfahren, jeden Nerv anstrengen, das vertrieb die bösen Gedanken.
Häufig sprach er in der Anstalt vor, nach dem Ergehen seiner Frau zu fragen. Immer wieder wurde ihm gesagt, die Besserung lasse noch auf sich warten. Einmal war ihm verstattet worden, die Aermste zu sehen. Ueber ihr blasses, verhärmtes Gesicht war er zu Tode erschrocken. Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie beachtete ihn nicht, ging unter unverständlichem Gemurmel in ihrem Zimmer auf und ab.
Die Pflegerin erzählte ihm, die Kranke leide unter einer großen Mattigkeit, ihr Schlaf werde durch schreckhafte Träume unterbrochen. Mitunter sei sie nicht zu bewegen, Nahrung zu sich zu nehmen. Ganze Tage lang liege sie regungslos da. Ihrer, der Pflegerin, Ansicht nach fei die Genesung nicht unmöglich, aber in weite Ferne gerückt.
Der Meister sargte seine Hoffnung ein, gab die Marie verloren. Seinen Schmerz zu betäuben, trank er über den Durst. Doch gewann der Warner in ihm die Oberhand, er jagte den Saufteufel in die Hölle und gehorchte der Stimme der Pflicht.
Er hatte jetzt auch in Kassel Geschäftsverbindungen angeknüpft, hatte seinen Abnehmerkreis vermehrt und blieb weit öfter und länger wie früher der Heimat fern. Der Kitzelmine schenkte er volles Vertrauen und ahnte nicht, daß er bestohlen ward.
Eines Tages geschah es, daß er eher zurückkehrte, als er beabsichtigt hatte. Den Laden durchschreitend gewahrte er neben dem Strickstrumpf der Kitzelmine, die just hinausgegangen war, ein Halbpsundpaketchen gebrannten Kaffee.
Da die Alte wieder hereinkam, fragte er:
„Wer hat dann den Kaffee da liegen lassen?"
„Die Schustersuttel!" versetzte sie vollkommen ruhig und fuhr mit dem Handrücken über die Nase.
„So!" machte er, an nichts Arges, denkend.
Eine Stunde später begegnete er vor dem Hause seines Vetters und Schulkameraden, des Schwickertsadam, der Schustersfrau.
„Du hast deinen Kaffee liegen lassen!" rief er ihr zu.
Sie sah ihn verwundert an.
„Was für Kaffee?"
„Ei den du bei mir gekauft hast."
„Ich hab, feit mir’s gedenkt, keinen Kaffee bei dir gekauft."
„Das muß dann eine Verwechslung [ein", sagte er betreten, und plötzlich schoß es ihm durch den Kopf: „Da ist was im Spiel, die Kitzelmine
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot.
treibt ein Händelchen für sich!"
Gleich trug er den Fall dem Schwickertsadam vor.
Der äußerte sich:
„Ich schätz der Kitzelmine zu, daß sie dich beschwindelt. Ich trau ihr nicht weiter, als man mit einem Schlapphut wirft. Ich hatte sie die Zeit her schon auf dem Visier. Wann sie abends vorbeigeht, trägt sie was unter der Schürz! Jetzt mach nicht lang Griwwesgrawwes. Ehnder sie sich herauspulatscht, mußt du sie bei der Pinznas' fassen!"
Der Meister war noch ganz benommen.
„Sag mir nur, wie?"
„Das wirst du schon sehen. Komm mit!"
Selbander begaben sie sich auf den Breitwieserweg, wo die Hütte der Kitzelmine stand. Gewaltsam öffneten sie die Tür. Das alte Gekriech war schnell durchsucht. Unter dem Strohsack entdeckten sie einen Strumpf voll Geld. Eine Stiege führte zum Bodenraum. Dort war ein förmliches Warenlager untergebracht, nach den einzelnen Artikeln wohlassortiert.
„Himmelsterngranatenmordgewitterl" platzte der Schwickertsadam heraus. „Das geht doch übers Bohnenlied!"
Der Meister hatte die Sprache verloren.
„Meinem Bedunk nach," redete der Adam weiter, „verlierst du nicht viel. Da ist noch alles hübsch beisammen. Jetzt richten roir’s so: derweil ich die ganze Wichs hier fortschaff, nimmst du das Spitzbubenaas in die Kur!"
Schier durmelig eilte der Meister heim. Bei Licht betrachtet war die Sache für ihn eine große Blamage. Er hatte mit der Kitzelmine abgerechnet, doch hatte sie, da die Einnahmen schwankten, die Fehlbeträge zu verschleiern verstanden. Die Lagerbestände hatte er wenig ober gar nicht nachgeprüft. Nun fing das Backhausgeleier an. Krach auch! Die Ehrlichkeit war aus der Welt geflogen. Auf wen war noch Verlaß? Eine gewaltige Wut schwoll in ihm auf.
Als er in feinen Laden trat, faß die Kitzelmine hinter dem Ladentisch, den Graukopf über ihr Strickzeug gebeugt.
„Wer hat dann den Kaffee liegen lassen?" donnerte er sie an. „Die Schustersuttel? Du Lügenmaul! Wer hat mich bann verkohlt unb bestohlen? Alleweil bin ich auf beinern Boden gewesen. Du hast dich da hübsch eingerichtet mit meinem Werk, willst mir, scheint's, Konkurrenz machen auf dem Breitwieserweg. Du Satansknochen, du Gaunerin! Du gehörst ins Kittchen! 'S ist mir nur die Zeit zu lieb, wegen dir ans Gericht zu laufen. Du sollst in der Höll Läussupp' fressen. Enaus!"
Solch überzeugenden Beweisen gegenüber hielt es die Kitzelmine gor nicht der Mühe wert, ihre kleine Vorarbeit für die künftige große Teilung zu verteidigen. Gelassen stand sie auf, band ihr Kopftuch um und sagte auf den Ladentisch deutend:
„Daß du's weißt: das Fünfpfennigstück da hat dem Trittchesmacher sein Hannesche liegen lassen!"
Sprach's und ging mit festen Schritten hinaus.
Die Nachricht, daß die Kitzelmine Mein und Dein verwechselt hatte, verbreitete sich rasch im Dors, ohne daß man viel Aufhebens davon machte. Eine Zeitlang war sie wie vom Erdboden verschwunden. Plötzlich erschien sie wieder unter der Bauernschaft, trat mit der alten Sicherheit auf und verdiente auch, was sie für ihre Lebsucht brauchte.
Der Meister Allerhand war nun gezwungen, zu Hause zu bleiben. In seiner Verlegenheit schrieb er an seine Schwester nach Maulbach, sie möchte ihm ihren Sohn, den Anton, schicken. Der hatte das Schneider- Handwerk erlernt und war ein Jahr auf der Walze gewesen, wo er als ein ausgemachter Schürzenjäger mancherlei Abenteuer bestand. Jetzt suchte er eine passende Stelle. Wenn er der Bitte des Onkels willfahrte unb in besten Dienst trat, tat er's auf bie Vorstellungen ber Mutter hin, die ihm zu Gemllte führte, es fei im Grund nichts anderes als ein Stück Erbgut, das er in feine Obhut nehme. Klug und gewandt fand er sich bald in dem Kramlädchen zurecht. Der Meister, froh, daß feiner Schwester Sohn ihn so gut vertrat, lag mit doppeltem Eifer dem Butterhandel ob.Jöie nun der Wagen wunderschön lief, geriet der Anton in seinen alten Strudel von Liederlichkeit.
Im Dorf erhob sich ein großes Gelärm. Wo der Anton sich blicken ließ, flogen ihm Steine nach. Mehrmals ward er geprügelt, daß ihm die Schwarte krachte. Die Mäuler zu stopfen unb ber öffentlichen Meinung Genüge zu leisten, blieb bem Onkel Allerhanb nichts anbres übrig, als feinen Neffen an bie Luft zu fetzen.
Wieberum faß ber Meister in feinem Labenftübchen unb zerbrach sich ben Kopf, wie er aus der Bebrängnis tarne. Da rückte bie Gefreunb- schaft an, unb ber Schwickertsabam gab ben Wortführer ab.
„Vetter," sprach er mit Wichtigkeit, „wir wollen bir nicht um ben Bart herum kienfein, wir wollen auf ben Kloben schwätzen. Wir sinb so gesinnt, wir möchten bir helfen. Unb 's muh bir geholfen werben, sonst geht's mit bir ben Bach herunter. Du kannst mehr wie Birnen schälen, siehst dich in der Welt um, das wissen wir wohl. Aber wann die Katz nicht daheim ist, haben die Mäus' Kirmes. Das tut hier kein gut. Du hast deinen Brast, das ist wahr. Drei Jahr' ist deine Marie fort. Unferm Verstand nach wird sie nicht mehr gesund. Wann dir die Anstalt bas bescheinigt, schafst's bas Gericht in bie Reih: Du bist ein freier Mann unb fetzt hier eine Frau herein. Du mußt roieber heiraten. Du schrappst bas Gelb für lachende Erben zusammen. Du bist noch in deiner Kräftigkeit, kannst Kinder bekommen. Wer keine Kinder hat, weiß nicht, wofür er lebt. Du bist doch sonst nicht hingelig. Laß es nicht warm fort. Ein guter Rat ist drei Batzen wert und auf einem guten Weg geht man nicht um!"
So floß es von des Redners Lippen. Die andern nickten und dachten: „Das hat Hand unb Fuß!" Mitfammen zogen sie ab. Sie hatten ihre Schulbigkeit getan. Wie ber Vetter sich herauskrautete, bas war feine Sache.
(Fortsetzung folgt.)
— Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Vuch. und Stein druckerei. N. Lange, Gießen.


