zunächst Spott, dann Vergessenheit. Erst 47 Jahre nach der Veröffentlichung seiner Schrift wurde die außerordentliche Bedeutung dieses Diagnostizierungsmittels durch C o r o i s a r t der Aerztewelt dargelegt und nunmehr auch allgemein anerkannt.
Aehnlich erging es der von dem französischen Mediziner L a e n n e c (1781—1826) erfundenen Auskultation und dem Stethoskop. Man eiferte gegen die „Cylindromanen". Endlich brauchte es etwa 40 Jahre, bis Jenners Schutzpockenimpfung sich durchsetzen konnte.
Schließen wir mit dem Schicksal eines der größten Wohltäter der Frauenwelt, des genialen Semmel weis. Durch seine Methode wurde das Kindbettfieber, dem ehedem zahllose Wöchnerinnen erlegen waren, nahezu völlig verhütet. Verkannt starb er im Irrenhaus. Möge den Genies in unserer Zeit ein besseres Los zuteil werden.
Amsterdamer Bilder.
Von unserem ständigen ^.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
A m st e r d a m, Oktober 1931.
Allmählich hält in diesen Tagen auch in Holland der Herbst seinen Einzug: nicht in der rauhen Weise allerdings wie z. B. in Südbayern mit seinen diesjährigen frühen Schneefällen; die ersten Nachtfröste haben sich aber auch in diesem Seeklima gemeldet. Der diesjährige Herbst löst einen Sommer ab, der mit Fug und Recht den Beinahmen eines Sommers des Mißvergnügens verdient. Oder wie soll man ihn anders bezeichnen, wenn — wie z. B. in Scheveningen — in den Monaten Juni bis August nur zehn gute Tage, an denen die Sonne den ganzen Tag über schien, gezählt wurden? Ein Grund mehr zum Klagen für die Nutznießer des internationalen Badelebens, die bereits die Auswirkungen der Juli- ercignisse in Deutschland zu spüren bekommen hatten. Für dieses ungünstige Sommerwetter wollte nun anscheinend der September wenigstens etwas entschädigen mit seiner unerwartet großen Zahl von Tagen voller Licht und Wärme, Tagen, an denen man sich geradezu in den Sommer versetzt glaubte.
Herrlich in diesen Tagen ein Gang längs der von zahlreichen Bäumen umsäumten Grachten Amsterdams. Leise fallen die goldgelben Blätter und bedecken das Wasser stellenweise wie mit einem Teppich. Die Blumenkähne am Singel müssen zwar allmählich den Kohlenkähnen Platz machen, neue Schönheiten aber tun sich jetzt dem Auge des Beschauers auf. Anders ist die Beleuchtung, in der sich die langen Häuserzeilen präsentieren, diese alten Bauten 'mit ihren feinen Farbenabstusungen, die jelbst auch in weniger schönen Umgebung, dort nämlich, wo der Zahn der Zeit bereits allzu sichtbare Spuren hinterlassen hat, noch genug des Anziehenden und Reizvollen bieten und von vielen Malern ausgesucht werden.
Eine Besonderheit, die diese Häuser, wie Überhaupt wohl die meisten Häust.- in Holland, aufzuweisen haben, sei erwähnt. Es sind dies kurze Balken von etwa Über ein Meter Länge, die unter den Dächern der Häuser hervorragen und dem Stadtbild so ein besonderes Gepräge geben. Diese, Galgen nicht unähnlich sehenden Balken, haben eine wichtige Rolle zu erfüllen: sie dienen bei der Enge der Treppenhäuser als Kräne, an denen beim Beziehen einer Wohnung die Möbel hinaufgewunden werden s und durch die Fenster hineinbugsiert werden, was oft die Ursache zu Straßenansammlungen vieler Neugieriger ist.
Kaum schönere Tage als diesen Septembersommer hätte sich Königin Wilhelmina für ihren alljährlichen siebentägigen Besuch in der Hauptstadt ihres Landes aussuchen können. Dieser Besuch fetzte schon geraume Zeit vorher ein ganzes Heer von Scheuerfrauen in Tätigkeit, die das alte Schloß am Dam wieder in einen wohnlichen Zustand versetzen sollten, dieses Palais, in dessen für das Hosperfonal bestimmten Zimmern zum Teil noch nicht gerade moderne Sitzbadewannen zu sehen sind. Ursprünglich Stadthaus, wurde es später vom Staate übernommen. Nun möchte es der Staat oder vielmehr die Krone gern wieder los fein, seine Renovierung würde jedoch so große Kosten verursachen, daß die Gemeinde Amsterdam nicht sehr viel Lust verspürt, dieses Gebäude wieder zu übernehmen. So schläft es denn 51 Wochen im Jahr einen tiefen Dornröschenschlaf — die Zahl der Besichtigenden ist nicht sehr bedeutend —, um nur für eine Woche zu erwachen.
Dann entfaltete sich auf dem Schloßplatz, dem Dam, der auch sonst einen lebhaften Verkehr aufzuweisen hat, ein Leben, „mie man es sonst wohl nur noch von dem eigentlichen „Konninginnedag", dem Geburtstag der Königin am 31. August, kennt. Während an jenem Tage aber fliegende Händler hier ihre Stände auffchlagen, um die Menge njit Faschingsartikeln, Erfrischungen ufro. zu versorgen (noch stundenlang nach Ablauf des Festes lag ein scharfer Heringsgeruch über dem Platz) und die schulpflichtige Jugend in Schlangen ober untergefaßt unter Ho!-Ho!-Rufen im Laufschritt „hassend" die Kalverstraat durchzieht, bietet sich jetzt ein ganz anderes Bild. Vom nahen Bahnhof bis zum Schloß drängt sich eine dichte Menschenmenge, darunter viele mit orangefarbenen Kokarden oder j Schleifen. Recht boshaft sagen die Amsterdamer zwar „die Königin kommt sich ihr Geld holen", sie grüßen sie aber ehrerbietig und jubeln ihr, dem Prinzen Heinrich und Prinzessin Juliana, wenn auch gedämpft, zu, wenn sie sich auf dem Balkon des Schlosses zeigen oder ein- bis zweimal täglich ihre Aus ährten durch Amsterdam zwischen lebenden Mauern machen. Ganz ohne Mißton ging es aber nicht ab, insofern als sich mehrfach Kommunisten in größerer Zahl vor dem Schloß versammelten und die Internationale fangen, bis sie von der Polizei zerstreut mürben.
Angesichts des Ernstes der Zeit waren die sonst üblichen Hoffeftlich- keiten diesmal sämtlich abgesagt worden, ganz ohne Höhepunkt blieb aber auch der diesjährige Besuch der königlichen Familie in Amsterdam nicht. Diesen Höhepunkt bildete die Luftflotten schau vor der Königin auf dem Flugplatz Schiphol. Sie galt der Eröffnung des regelmäßigen chöchentlichen Luftoerkehrsdienstes nach Niedertänbifch-Jndien, der vor einigen Tagen aufgenommen wurde, nachdem bis bafjin nur eine unregel= mäßige Luftverbinbung bestauben hatte. Fürwahr ein Ereignis, wert des
Feierns; befliegt die königliche Luftfahrtgefellfchast doch damit als einzige Gesellschaft in regelmäßigem Verkehr eine Strecke von etwa 14 000 Kilometer. Die Flugdauer beträgt planmäßig zehn läge, ist aber bereits mehrfach unterboten worden, so wurde im Mai dieses Jahres mit einer Flugbauer von sieben Tagen ber letzte Rekorb aufgestellt. Für den Verkehr werden dreimotorige Fokkerflugzeuge vom Typ F XII benutzt, die eine Bemannung von vier Personen haben und außer einer bedeutenden Menge Post und Fracht vier Passagiere mitführen können. Die Flugzeuge, die wie fämtliche Maschinen ber königlichen Luslfahrtgesellfchaft neuerdings Namen von Vögeln tragen, sind allen Erfordernissen einer so langen Reise entsprechend eingerichtet und bieten den Fluggästen alle Bequemlichkeiten, die sich auf engem Raum ermöglichen lassen. An der Schau nahmen insgesamt etwa 35 Flugzeuge teil, darunter je ein Geschwader der Heeres- und Marineslieger, die Uebungs-, Kunst- und Schauslüge vorführten.'Uebrigens gab es da einen netten Zwischenfall: Königin und Prinzessin fuhren überraschend' und programmwidrig noch einmal für kurze Zeit nach dem Schloß in Amsterdam, wo inzwischen aber die Ehrenkompanie schon abgerückt war ... und die Scheuerfrauen bereits ihr Regiment angetreten hatten!
Nur wenige Minuten vom Schloß entfernt findet sich ein Fleckchen Erde, das sich würdig der Schönheit der Amsterdamer Grachten zur Seite stellen kann. Es ist dies einer ber alten „H ö f e", bie Amslerbam in großer Zahl aufzuweisen hat unb die als Zufluchtsstätten für alte Leute verschiedener Glaubensgemeinschaften dienen. Auf eine zum Teil längere Zeit des Bestehens zurückblickend, sind viele dieser Höfe bereits stark in Verfall geraten: eine kürzlich herausgegebene Uebersicht besagt, daß die Tage für viele von ihnen gezählt fein dürften. Dies gilt aber in keiner Weife für den Beghinenhof, der der katholischen Gemeinde Amsterdams gehört. Ein unscheinbares/ von vielen Fremden übersehenes Pförtchen führt Dom Spui aus nach diesem, mitten in der Großstadt gelegenen Idyll. Selten nur bringt ein Laut ber Außenwelt in biefe Welt- abgeschiebenheit, wo in etwa 30 Häusern alte Frauen einen schönen geruhsamen Lebensabend verbringen. Nur bie Vögel zwitschern in den Bäumen rings um bie englische reformierte Kirche, bie, mitten in der katholischen Umwelt, ein Symbol für die großzügige Toleranz in Glaubensdingen ist.
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Welch krafser Gegensatz, besonders an einem Sonntag, zwischen diesem Idyll und dem Leben und Treiben in dem nur etwa zehn bis fünfzehn Minuten weit entfernten Judenviertel Amsterdams. Die in Holland in Sachen des Glaubens geübte Toleranz erlaubt es den Juden nämlich, am Sonntag Handel zu treiben. Alle nur erdenklichen Waren werden da unter freiem Himmel in einigen Straßen dieses Stadtteils feilgeboten. Man macht sich kaum einen Begriff davon, womit man noch Geschäfte machen kann. Da sieht man alte Kleidungsstücke aller Art, Geschirr, Spielwaren, Möbel, Fahrradgestelle und Räder, ja selbst einen alten verrosteten Motor hofft man noch an den Mann zu bringen. Es scheint, als wären alle Rumpelkammern Amsterdams ausgeräumt unb ihr Inhalt hier zusammengetragen worden. Eine dichte Menschenmenge schiebt sich langsam zwischen den Ständen vorwärts; Chinesen unb Inder sieht man unter ber Menge, mit einem Wort das reinste Tohuwabohu. Und dazwischen die Stände mit Erfrischungen und Imbissen, wie sie übrigens ' auch in allen anderen Stadtteilen zu sehen sind. In nicht sehr sauberen Waschschüsseln gekochte Eier, daneben Einmachgläser mit sauren Gurken, Zwiebeln und Leberwurst in Essig und den unvermeidlichen Heringen, die an Ort unb Stelle verzehrt werben, nachdem die Heringsstückchen vorher noch in eine Schale mit geschnittener Zwiebel gestippt worden sind ...
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Das ist Amsterdam, Stadt der Schönheiten, Idylle, aber auch der krassesten Gegensätze. Oder ist etwa ein größerer Gegensatz denkbar als der zwischen dem Trubel des sonntäglichen Marktes und der am Rande des Jubenviertels gelegenen katholischen Kirche bes Heiligen Antonius von Pabua, im Volksmund als Moses- und Aronskirche bekannt? Draußen, nur einige hundert Schritt entfernt, ein buntbewegtes Bild des Marktes, in der Kirchenhalle der feierliche Gesang des Priesters, Gebet und fromme Versunkenheit der Gläubigen, wenn das Glöckchen des Ministranten ertönt und die Menge das Knie vor dem Allerheiligsten beugt ...
Alte Liebe.
Novelle von Alfred Bock.
(Fortsetzung.)
Zweimal war er in der Anstatt gewesen, zweimal hatte er den Bescheid erhalten, der Zustand seiner Frau sei unverändert, er müße sich gedulden, er dürfe bie Kranke roeber sehen noch sprechen. Vergeistert war er fortgegangen. Das war ihm klar: wer einmal in ber Zwingburg faß, ber kam fo leicht nicht roieber heraus.
Gleiches suchte sich, gleiches fand sich. Achtzehn Jahre hatten feine i Frau und er einmütig miteinander gelebt. Daß es bann unb wann in ber Küche rauchte, konnte ben ehelichen Frieben nicht stören. Es kam überall einmal etwas vor. Der Marie war Kappeln und Sticheln fremd, sie kannte feine Art und schwieg, wenn ihm das Töpfchen überkochte. Sie hatte trotzdem das Heft in ber Hand, aber er spürte es nicht, denn sie war klug. Er hatte sich an sie gewöhnt, sie war ihm unentbehrlich geworden. Nachts machte er jetzt kein Auge zu. Am Tag lief er aus dem Laden in die Wohnstube, aus der Wohnstube in den Laden. Immer meinte er, die Marie müßte ihm entgegentreten. Das war so eine Einbildung. Er hatte eine Hitze im Körper, ein Zucken und Hämmern, als wenn er einen Zufall kriegte.
Er erhob sich unb trat ans Fenster, das auf ben Hof hinausging. Die Nachbarinnen klopften bie Betten aus. Sie rackerten sich für ihn ab, hatten baheim alles stehen unb liegen taffen. Soviel Treuheit oerbiente das größte Lob. Im Laben half bie Kitzelmine. Sie gab acht wie ein Hechelmann unb arbeitete sich rasch ein. Die Woche über hatte er sich nicht gerückt und gerührt. Freilich der Handel tief weiter. Sollte er ihn


