Ausgabe 
12.10.1931
 
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einen

Verkannte Genies.

Bon Dr. Max Kemmerich, München.

Der Kampf der Beharrung mit der Veränderung, des Alten mit dem Neuen ist eine nur allzu bekannte Erscheinung, die an sich nicht einmal zu verurteilen ist, da nur im Kamps sich das Tüchtige bewähren kann. Je neuartiger und umstürzlerischer nun aber die Gedanken und Erfindungen sind, desto erbitterter wehrt sich das Alt«, teils, weil es zu sehr in den althergebrachten Bahnen zu gehen gewohnt ist und es nicht wagt, sie zu verlassen, teils auch aus ehrlicher Ueberzeugung, etwas Besseres um des Schlechteren willen aufgeben zu müssen.

Gerade das Genie, das bisweilen weit über das Denken seiner Zeit hin­auseilt und ihm direkt ins Gesicht zu schlagen sich erkühnt, hat in seiner Existenz, mit Freiheit und Leben dafür zu büßen, daß es zum begnadeten Gefäß höherer Eingebung wurde. So wird in der Regel die Biographie des Genialen zum Trauerlied, sein Leben zum Drama. Das an einer Anzahl Beispiele nachzuweisen, sei der Zweck des Folgenden. Zugleich möge es kühnen Neuerern unter uns das Rückgrat stärken durch die

Ueberzeugung, daß die Nachwelt reichlich zu spenden pflegt, was die Mitwelt ihnen vorenthielt. .

Kopernikus hatte das Glück, daß fein kühnes Werk, das uie Erde zugunsten der Sonne entthronte, erst erschien, als er bereits auf dem Sterbebette lag, denn sonst wäre es ihm vermutlich schlecht ergangen, da nicht nur die katholische Kirche, sondern auch Luther und C a t d i n sein« Lehre als anstößig bezeichneten. Im Jahre 1616 wurde das helio­zentrische System aus Anlaß der um Galilei tobenden Kampfe auf den Index der verbotenen Bücher geseßt, von dem es dann 1757 wieder entfernt wurde. Aber erst im Jahre 1822 gestattete die 3nbejtomnn|(ion den Druck von Büchern, die die Bewegung der Erde lehren. Galilei, der das kopernikanische System eifrig verfocht, hatte mit den heftigsten An­feindungen zu kämpfen, wenn es ihm auch nicht so schlimm erging, wie die Tradition behauptet. Das kürzlich erschienene, auf genauen archwarl- schen Studien beruhende Buch von R. L ä m m e l,Galileo Galilei , räumt mit der Legende der Folterung und der berühmten trotzigen Be­hauptung:Und sie bewegt sich doch!" gründlich auf. Das hindert aoer nicht, daß die Richter den großen Gelehrten am 22. Juni 1633 zwangen, seiner Lehre abzuschwören. Er hatte keine Lust, sich bei lebendigem Leibe verbrennen zu lassen. ,, _ , _ .

Auch der große Kepler kam nicht ungeschoren durch. Sein erstes und zweites Gesetz (1609 und 1618) wurden verboten, weil beide dem kopernikanischen System als Stütze dienten. Zudem sand man «s nicht passend, irgend ein Gesetz anzuerkennen, das Gottes Allmacht einzuschran- ken schien. , , ,,

Giordano Bruno, der behauptet hatte, es gebe mehrere Welten wir würden richtiger sagen: mehrere Sonnensysteme , wurde am 16. Februar 1600 in Rom verbrannt.

Im Zusammenhang mit der Astronomie steht auch das tragikomische Ereignis, das sich 1752 in England zutrug, als die Königliche Gesellschaft den Gregorianischen Kalender einzuführen beschlossen hatte. Einige Mit­glieder der Gesellschaft wurden vom aufgehetzten Londoner Straßenpobel verfolgt, weil man ihm durch die Reform angeblich 11 Tage des Lebens geraubt hätte! . , 1cnc.

Tragisch ist dagegen das Schicksal des Jean Richer (gestorben 1696). Er wurde im Jahre 1671 von der Pariser Akademie nach Cayenne geschickt und kehrte nach zweijähriger Abwesenheit wieder heim. Das anfängliche Lob wegen seiner guten Beobachtungen verwandelte sich in allgemeinen Tadel, als er behauptete, seine Pendeluhr sei in Cayenne täglich um zwei Minuten nachgegangen, und er habe deshalb das Pendel um 1,25 Limen verkürzen müssen. Als er nun nach seiner Rückkehr das Pendel um die­selbe Zahl wieder verlängern mußte, um den richtigen Gang seiner guten Uhr zu erzielen, behauptete er mit Sicherheit die Veränderlichkeit des Sekundenpendels mit der geographischen Breite. Das war eine Beobach­tung von großer Bedeutung, man glaubte sie ihm aber nicht, so wenig wie die Schlußfolgerung, der Abplattung der Erde zu den Polen hin mit der Folge einer Steigerung der Schwere in gleicher Richtung. Da die Akademie den Glauben an die Abplattung verwarf, vielmehr die Ver­längerung des Pendels auf die Wärme zurückführte, diente Richers Be­obachtung in diesem Falle nur dazu, alle seine anderen zu entwerten. Er nahm sich dieses Mißtrauen so zu Herzen, daß er zu kränkeln begann und hinfort den Arbeiten der Akademie sich fernhielt.

Als Franklin den Blitzableiter erfunden hatte, weigerte sich die Königliche Gesellschaft in London, seine Schrift überhaupt im Titelver- zeichnis aufzufähren. Für diesen wissenschaftlichen Mißerfolg mag ihn seine glänzende staatsmännische Laufbahn entschädigt haben.

Newton können wir gewiß nicht unter die verkannten Genies rech­nen wohl aber traf gerade seine genialste Entdeckung das Los der Ver­kennung: denn statt anzuerkennen, dall alle Himmelskörper sich bewegen, als ob" sie seinem Gravitationsgesetz folgten, verneinten seine kartesischen Gegner rundweg Newtons große Entdeckung.

Die Zahl der verkannten Genies ist ungeheuer in meinenKultur- Kuriosa" führe ich deren noch sehr viel« an und auch die neuere Zell hat keinen Mangel daran. Ich sehe absichtlich von großen Malern, Mu­sikern ober Dichtern ab, weil deren Schaffen ja nicht am Maßstab der Wahrheit, sondern am wandelbaren des Geschmackes gemessen wird, und damit ein beweisbares Kriterium für das Groß« ihrer Leistungen zu

fehlen scheint. , m . .

Als Sadi Carnot, der 1824 erst 28,ahr>g den Nachweis lieferte, daß ein Perpetuum mobile unmöglich fei und damit Vater der neueren Wärmetheorie wurde, beachtete ihn niemand. Robert Mayer, der als Entdecker der Erhaltung der Energie über Carnots Entdeckung nach hinausging, wurde gar in die Zwangsjacke gesteckt und mußte seine Flucht aus dem Irrenhaus mit einem Beinbruch erkaufen.

Philipp Reis, der Erfinder des Telephons, fand so wenig Anerken­nung wie Thomas Gray, der den Plan von Eisenbahnen entwarf und dafür in die Zwangsjacke gesteckt werden sollte, ober Arago, als er für Vorschlag, über ben elektrischen Telegraphen in der Französischen mie ber Wissenschaften zu bisputieren nur Hohn erntete, ober Gras

Akabemie ber Wissenschaften zu bisputieren nur Hohn erntete, ober uuai Zeppelin, ber auf bem Deutschen Jngenieuriag in Kiel als harmloser Narr behandelt wurde, weil er die Idee seines lenkbaren Luftschiffes ver­focht. Mill, der in England ein Patent auf die Schreibmaschine nahm, sand keinerlei Beachtung, so wenig wie I. Madersperger, der Lr- finber ber Nähmdschine mit zwei Fäben. Allerbings barf man ficf> We Konstruktionen nicht vollkommen oorstellcn. Die Erfinbung bes Wev- stuhles hatte gar anberthalb Iahrhunberte gegen behördliche Verbote zu kämpfen gehabt, nicht, weil man ihre Tragweite verkannte, sondern um der Handarbeit keinen Wettbewerb zu machen.

Besonders tragisch ist das Los vieler genialen Aerzte gewesen. Mesmer mit seiner Lehre vom tierischen Magnetismus als Scharlatan verschrien wurde, ist bekannt. Erst fast ein halbes Jahrhundert nach feinem 1815 erfolgten Tode wurde die Bedeutung seiner Entdeckung allmayiim gewürdigt, um endlich 1880 durch das Wirken des Hypnotiseurs Hänfen allgemein in dgr Aerzteschaft Anerkennung zu finden.

Leopold Au enb ru g ge r (17221809), der die heut« ganz unen - behrliche Perkussionsmethode zur Untersuchung des Körpers erfand, erntet

D«nn nur wenn sie das glauben, einen Augenblick wenigstens glauben, nur bann atmen sie frei, wenn wir sie für einen Augenblick vergessen machen, daß sie vielleicht nicht mehr ganz jung fmb, baß es so etwas gibt wie Welkwerben unb Altern, unb baß nach ein paar Jahren ihr Sinn im Dasein eigentlich schon erloschen sein wirb Wenigs ens - wenigstens bei benen, bie nicht glückliche Mütter sinb oder sonst durch ihr großes Herz Geltung behalten, vielleicht in einer Kunst, auf ber Buhne vielleicht Aber wenn sie noch schön sinb unb reizvoll, ober es boch manchmal noch sinb, ober «s doch waren, oder wenn sie sich zum mindesten einreden köimen, baß sie es sind ober waren, dann ist ja attes gar ntdjt so schlimm, nicht wahr. Ader die Häßlichen, die hoffnungslos Häßlichen! .

Und sieh, an biefem Punkt glaubte ich immer meine Schuft, em wenig bezahlen zu können. Hier wollte ich mich bantbar erweisen für das Leben, das mir jo schön vorkam. Hier Freundliches zu tun uh dachte wirklich, bas sei etwas. Unb wenn es mir einmal so recht gut unb bankbar zu Mute war, bann ging ich an einem Samstagabenb ober einem Sonntag­nachmittag zu irgenbeinem Tanz unb sah mich da ein bißchen um unb suchte mir die Mäbchen heraus, bie mißmutig allem faßen, von benen niemanb etwas wißen wollte, unb bie engagierte ich und tanzte mit ihnen unb sagte freunblidje, respektvolle Sachen und blieb nachher noch eine Weile bei ihnen sitzen unb seufzte ein bißchen wenn ich wegging. Und nun, bu kannst es bir schon uorftellen, waren sie auf einmal ganz anbere Wesen geworben: sie gehörten auch mit bazu . tarnen sich nicht mehr ausgestoßen vor, sie waren auch wirklich hübscher geworben in ber halben Stunbe, hatten hellere Augen und bewegten sich freier unb lachten besser, mit einer schöneren Stimme, unb oft sah ich sie nachher von einem Arm in ben anderen gehen, und wenn sie an mir vorüber tarnen, so taten sie gar nicht mehr, als seien sie mit mir bekannt. Und bann war ich natürlich besonders zuftieben, benn bas ist das beste Zeichen.

Aber allerdings waren auch solche darunter, aus denen keine Freund­lichkeit, keine Huldigung etwas Hübsches machen konnte, und denen es auch nachher noch ebenso an Beachtung fehlt«. Aber die konnten doch wenigstens eine Weile davon zehren, daß sie an jenem Nachmittag jemand, wenn es auch nur einer gewesen war, so angenehm gefunden hatte. Und bu kannst bir benten, bah sie in ihrem Herzen dem einen recht gaben gegen alle übrigen, baß sie alle übrigen für btinb hielten. Denn so ist >a bas menschliche Herz eingerichtet, Gott sei Dank! ,

Ober manchmal ging ich auch einfach in ben Straßen spazieren, ohne Ziel und allein und redete nur so ein bißchen vor mich hm. Das heißt, ich fing an zu reden, wenn gerade Frauen und Mädchen vorüberkamen, die weder sehr hübsch noch sehr elegant waren, die unbeachtet, verlassen, vergessen ausfahen, und die vor Unlust und Mißmut schon gar nicht mehr bie Füßchen heben mochten. Dann blickte ich auf unb lächelte, aber ganz schüchtern, nicht etwa keck, unb brückte mich zur Seite unb schaute mich halb um unb murmelte etwas. Es war immer ziemlich bas gleiche, was ich sagte, wenn auch in verschiebenen Sprachen. Oh, sagte ich leise, wie lieb, wie entzückenb! ober: How awfully nice! ober Queis johs yeux! ober Como bonita, como bonita! Das trieb ich manchmal ganze Tage lang, denn Zeit war ja meistens vorhanden.

Wie sonderbar mir das alles nun vorkommt, lächerlich eigentlich. Als ob so etwas eine Rechtfertigung sein könnte! Wenn ich daran denke, wie stolz mich noch vor ein paar Monaten da drüben in unserem Variete ein gewisser Ausspruch machen konnte. Es war da eine kleine Sängerin, eine Französin, aus Clermont-Ferrand glaube ich. Sie hatte gar kein Talent und war mager und spitznäsig, nur die Augen waren sehr schön, aber bas konnte nicht genügen. Nun, die suchte ich auf meine Weise ein bißchen froh zu machen. Und eines Abends nach der Vorstellung, wie wir vor einem Cafe im Freien beieinander sitzen, legt sie mit einem Mal ihr Eislöffelchen hin unb sieht mich mit ihren großen Augen an unb sagt: Wie zart Sie zu mir sind, Herr Hildebrand, zu mir unb zu ber kleinen Ellen Blaker, an ber auch nichts bran ist, gerabe wie an mir. Eigentlich, Herr Hilbebranb, sollten S i e so heißen, wie unser ganzes Etablissement heißt: La Buena Sombra! Der gute Schatten.

Was meinst bu nur, wie froh ich bamals würbe von dem kleinen Wort. Als fei ich nun ein ganz großartiger Mann, an bem niemanb etwas ausfetzen bürfe. Und babei war boch in biefem Fall meine Methobe sogar sehlgefchlagen unb würbe burchfchaut. Was man sich einbilben kann, nicht wahr. Zu fonberbar. La Buena Sombra...!"

Dies waren an jenem Abend bi« letzten Worte, bie ich vernahm. Ich weiß nicht, ob Hilbebranb über ihnen einschlies ober ich. Am anbern Tag, auf einer Erkundung, ist er dann also gefallen, und es bleibt schon eigen­tümlich, daß er genau diesen letzten Abend wählte, um so viel über sich selbst zu erzählen. Gerade das tat er sonst niemals.

Unb doch wollt« ich eigentlich, ich hätte mehr dergleichen von ihm gehört. Er war ja gewiß kein solider Mensch, dieser Hildebrand, er war sogar ein ganz lebensuntüchtiger Mensch, so viel ist klar, er war niemand, den man sich als Beispiel nehmen könnte. Aber trotzdem...