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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang I93|
Montag, den l2. Oktober
Nummer 80
Türmerlied.
Von 3. W. von Goethe.
Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt. Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt.
Ich blick in die Ferne, Ich seh in der Näh Den Mond und die Sterne, Den Wald und das Reh.
So seh ich in allen
Die ewige Zier, Und wie mir's gefallen, Gefall ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn. Es fei, wie es wälle. Es war doch so schön!
Der letzte Abend.
Erzählung von Bruno Frani Copyright 1931 by I. L. A. Wien.
Franks „Sturm im Wasserglas" steht gegenwärtig auf dem Spielplan des Stadttheaters; wir geben hier eine Probe vom novellistischen Schaffen des Dichters.
„Mit solchen Kerlen wie ich wird der Krieg tüchtig aufräumen, das kann ich dir sagen, und ohne Größenwahn zu haben, glaube ich sogar, daß darin einer von seinen Zwecken besteht. Mit aller Bummelei wird aufgeräumt, mit aller Nichtsnutzigkeit, nicht bloß bei den einzelnen natürlich, sondern unter den Nationen. Strenger wird's aus der Erde, weniger komfortabel, weniger hübsch wahrscheinlich. Aber es soll eben gar nicht hübsch sein, unser Leben, offenbar sind andere Absichten vorhanden, tiefere. Mich braucht es jedenfalls nicht zu kümmern, wie es nachher aussehen wird, ich erlebe es doch nicht. Weißt du noch: der kleine Oswald? Morgen hat's mich, sagte er am Abend vorher. Nun, und mir sticht auch schon ein hübscher Schwefelgeruch in die Nase. Aber das kann man ja abwarten."
Hildebrand nahm seine Tschapka herunter und legte sich mit dem Kopf auf das flache Dach. So eine Tschapka ist wirklich unter Umständen kein schlechtes Kissen. Im Dorfe, das von den Russen zum Teil verbrannt worden war, gab es keine Quartiere für uns Ulanen. Aber es war ja Frühsommer, ein schöner Abend, ohne Mond zwar, aber von den Sternen ein wenig hell. Wir beide lagen ein Stückchen von der Eskadron entfernt auf etwas hergeschafftem Stroh, an einem kleinen Wasserlauf.
Hildebrand war an diesem Abend gesprächiger als sonst. Vielleicht war auch ich weniger müde und besonders aufmerksam. Oder ist meine Erinnerung darum so klar und vollständig geblieben, weil ich später wußte, daß dies sein letzter Abend gewesen wgr?
Eine hübsche dunkle Stimme hatte Hildebrand, man mußte ihm gerne zuhören. Ich lag ganz bequem auf meinem Stroh, hie und da öffnete ich die Augen und blickte zu den Sternen hinauf, die so hell am Himmel standen, und dachte, was für verschiedenartige Geschöpfe doch unter diesem hohen Himmel miteinander wohnen.
„Während meiner Herfahrt von drüben", sagte Hildebrand, „lag ich auch abends manchmal auf dem Verdeck, wie wir jetzt liegen, und sah so in die Höhe. Und da mußte ich mich wahrhaftig fragen, warum ich unter solchen Schwierigkeiten durchaus nach Deutschland zurück wollte, nur, um mit in diesen Krieg zu ziehen. Die Gefühle im menschlichen Herzen sind etwas Sonderbares. Es war natürlich Liebe, die mich trieb, einfach Liebe, wie bei euch anderen auch. Aber was liebte ich denn, was wollte ich denn beschützen helfen? Die Menschen hier? Aber die haben eigentlich nie etwas von mir wissen wollen, gewiß mit vollem Recht. Und mir selber ist es auch niemals sehr behaglich unter ihnen gewesen, gerade weil sie so ernst und sachlich sind. Das Land? Die Wiesen und der Wald in Deutschland sind freilich schöner als irgend etwas in der Welt, aber Heimweh habe ich doch eigentlich nicht danach gehabt. Und zudem: ist es möglich, daß jemand- für Gras und Blätter kämpfen will? Es wäre ja auch alles noch ebenso grün und ebenso schön, wenn wir besiegt würden. Die Sprache? Vielleicht, gewußt habe ich es jedenfalls nicht und habe drüben gerade so gern Spanisch gesprochen. Oder die Lebens- stewohnheiten in Deutschland? Ach, ganz gewiß nicht. Es war eben Liebe, Liede und Angst. Genaueres weiß ich selber nicht. Komischl
Weißt du, was ich in Buenos Aires zuletzt gewesen bin? 3ch habe gesagt, ich sei bei einer Bank gewesen. Nun, das war eine saubere Bank. Ich war etwas in einem Tingeltangel, der sogenannte ConfSren- eier, langer als ein Jahr schon. „La Buena Sombra" hieß das Institut, aber spanische und südamerikanische Kräfte traten wenig auf in diesem Schatten, mehr Französinnen und auch englische Girls und dann Griechinnen und dergleichen. Das ging dort so den ganzen Abend fort, ohne Pause, eine nach der anderen kam heraus und sang in die Orchestermusik hinein ihr Liedchen, und husch wieder weg. Ich aber hatte vor jeber Programm-Nummer aus der Kulisse zu treten und zur Einführung ein paar Worte zu sagen. Nur drei ober vier Sätze zur Charakteristik. Besonbers dezent brauchten sie nicht zu sein, meine Sätze, das wünschten weder di« Direktion noch die Damen selbst, aber ganz plump und banal durften sie auch nicht sein. Nun denke mal, mein Lieber, für diese Tätigkeit bekam ich achtzig Pesetas jeden Abend; soviel kriegt nicht einmal unser Divisionär, glaube ich. Alle waren auch zufrieden mit mir, denn ich wußte wirklich über jede der Damen etwas vorzubringen. Nicht etwa aus besonderem Talent, das muht du nicht glauben, nur einfach, mell ich sie alle miteinander so gern hatte. Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen. Na, groß waren meine freilich nicht.
Sieh mich nur an. Ich habe wahrhaftig niemals richtig arbeiten mögen, .ich konnte einfach nicht. Aber warum? Aus purer Faulheit? Ich weiß gewiß, daß es bas nicht war. Sonbern ich konnte einfach ben Gedanken nicht ertragen, daß ich da in einem Hörsaal ober in einem Büro oder m..einer Amtsstube säße, stunden- und stundenlang, und draußen wäre schönes Wetter und Leben, und die süßesten Frauenzimmer gingen m>t ihren Blüschen und Pelzchen und Hütchen spazieren und warteten auf mich, ohne es selber zu wissen, und ich wäre nicht da.
Ja, ja, ich habe schon dumme Sachen gemacht in meinem Leben, blöd- stnnige Sachen, es hatte schon seinen guten Grund, seinen ausgezeichneten Grund, daß ich aus meinem Elternhaus und schließlich aus Europa hin- ansflog. Aber es ist ja nun bald vorüber für mich, dieses Leben, und da muß ich sagen: es war schon herrlich. Und Frauen überall, neue, entzückende, unfaßbar liebenswerte Geschöpfe, in jedem Hotel, in jedem Bahncoupe, auf allen Promenaden. Hundert Hände, braune und weiße, keine der andern gleich in Gestalt und Druck, und hundert Stimmen, dunkle und sinnige, volle und reizend schwache, und alle anders, alte anders. Und süßer Duft aus hundertfältigem Haar.
Es ging mir bald gar nicht mehr glänzend, das. kannst du dir denken. Von daheim durfte ich nichts mehr erwarten, und das war auch wirklich nur in der Ordnung, ganz und gar. Ich war einmal Steward auf einem Dampfer und Kellner in einem ägyptischen Hotel, und in Brüssel war ich der Mensch mit dem Sprachrohr auf einem Cookschen Touristenwagen. Und auch außerdem war ich noch verschiedenes und kam in allerlei Kostümen und Livreen daher, schäbig ober elegant, und war jung und bürste atmen und blieb im Grunbe überall frei, unb überall gab es Mäbchen und Frauen,- das ist nicht zu vergessen.
Und wenn einmal ein Stück Geld kam, so oder so, dann ließ ich mein sogenanntes Metier gewöhnlich im Stich unb ließ mir einen schönen neuen blauen Anzug machen (ben Frack hatte ich ja), und zog ins Hotel unb war ein Herr ... aber nicht sehr lange. Manchmal fing ich es auch Dcrnünftiger an in solchen Fällen und lief nicht zum Schneiber, sonbern (ünbigte nur unb ging nun abends in die Theater, auf Galerieplätze, und am Tag in die Bibliothek, ober saß mit den entliehenen Büchern in öffentlichen Parks herum, wenn möglich an einem Wasser, benn Wasser ist etwas so Wunberschönes! Aber wahrscheinlich kam bann auf einmal mit einem kleinen Buben an ber Hand eine junge, schlanke, traurige Gouvernante zwischen den Bäumen hervor ...
Schön war es, schön, in guten und in armen Zeiten. 0 Leben, mußte ich immer denken, o Jugend, o junge, junge Frauen! Und weil es mir so gut ging, wurde ich selber auch gut ... oder wenigstens schien es mir manchmal so. Jetzt freilich, in diesen unerbittlichen Tagen, sieht sich alles anders an, und auch die vermeintlichen besseren Seiten kommen mir vor wie lauter dummes Zeug. Aus einmal ist es die natürlichste Sache von der Welt, unb eine ziemlich verächtliche noch dazu, daß Bummelanten und Lumpen gutmütig und sentimental fein können.
Aber gar zu arg will ich mich auch wieder nicht machen. Nein, soviel ist wahr: ich habe den Menschen niemals geflissentlich wehe getan. Meinem Baier freilich... Meine Mutter habe ich lange nicht mehr. Aber freilich, mein Vater, bas ist so ein Kapitel, ja.
Aber was ich nun wirklich nicht begriffen habe, sieh einmal, das sind Männer, die ihren Frauen, ihren Geliebten, wehtun können. Unb bas ist so häufig, glaube nur, bas ist bie Regel. Gar nicht so selten habe ich, sogar in bienenber Stellung, mit Streicheln und Trösten die Bosheiten gutmachen müssen, bie ben armen zarten Wesen zugefügt worden waren. Ach, weißt du, man muß so höflich sein, so freundlich gegen diese armen süßen Geschöpfe, man muß ihnen immer und immer wieder sagen, daß sie bezaubernd sind, jede von ihnen, jede einzelne der Sinn der Welt.


