Ausgabe 
12.6.1931
 
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GiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <951 Hreitag, den 12. Juni Nummer 45

Schienenarbeit bei Nacht.

Von Theodor Kramer. , a .

Die Häuser hüllen sich in Schatten, die Straßenbahn verkehrt nicht mehr; null geht das Schweißen leicht vonstatten, leicht fährt der Hobel hin und her.

Sacht zischen die verdeckten Lampen.

die Barrenampel schaukelt sacht;

das Knirschen der geklemmten Krampen im Kies verliert sich in der Nacht.

Das Grundgestein, das aufgeworfen den Schienen seicht zur Seite ruht, scheint mit der Zeit sich zu verschorfen, und aus der Tiefe weht es gut.

Der Grund ist feucht und riecht nach Ampfer, die Nacht ist kühl und doch noch heiß; längst baumeln Rock und Hut am Stampfer und aus den Achseln bricht der Schweiß.

Der Hobel gleitet zwischen Zweien die stummen Schienen ab und auf; es ist wie draußen fast im Freien ... den Fahrdamm steigt der Tag herauf.

Oer Untergang -erSwerdrup".

Von Boris P i l n j a k.

Am 30. August gerietSwerdrup" in Eis. Am Morgen sah man den Eishimmel und zur Mitternacht wuchsen ringsum Eisfelder und Eisberge empor. Den nächsten Tag bahnte sichSwerdrup" mühsam den Weg durch die Eishllll«. Der Kapitän stand auf der Brücke. Die Windrose zeigte Nord. Kremnew saß am Schornstein. Im Zwischendeck ging das Gerücht um, der Kapitän hätte in der Nacht ein Gespräch mit Kremnew gehabt, dem er erklärte, er habe nicht das Recht, Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Wenn das EisSwerdrup" einfchließen werde, könne es ihn wohl zum Pohl tragen, alle aber jedenfalls in den Tod doch zeigte die Rose weiter Nord.

Man war in herbstlichem Regen und Nässe schlafen gegangen und im Winter im Schneesturm erwacht. Am Morgen zeigte die Windrose Ost, und im Zwischendeck erzählte man, daß der Kapitän die Verantwortung abgelehnt und daß der Kommandeur der Expedition, Professor Kremnew, sie aus sich genommen habe. Nach den Seegesetzen steht jenseits des Polar­kreises jedem täglich ein halbes Glas Schnaps zu. Was für Gespräche der Kapitän und der Kommandeur gehabt hatten, wußte niemand genau, aber am Morgen saß der Kapitän, der alle diese Tage nicht geschlafen hatte, in seiner Kajüte und trank schweigend den Schnaps. Schweigend saß Kremnew vor ihm. Alle Matrosen waren betrunken.

Swerdrup" krachte unter dem Eisdruck in allen Fugen. Niemand von den wissenschaftlichen Mitarbeitern wußte, daß diese Tage im Eis die gefährlichsten waren. Vier Matrosen, der Bootsmann, der Tischler, der Mechaniker, der erste Steuermann, der Kapitän und der Kommandeur krochen wie Schiffsratten ohne Ablösung, ohne Schlaf mit elektrischen Lampen in dem Kielraum zwischen den Gerippen umher, die Maschine pumpte jeden Tropfen Wasser heraus, damit sofort alle Fugen, alle Löcher zugeschlagen, gedichtet würden. Auf allen Vieren kriechend, auf dem Bauch, auf dem Rücken liegend, wurde gerettet, gerettet, gerettet aber niemand sprach davon. Kremnew und der Kapitän hatten wieder ein langes Gespräch. Der Kapitän hatte gesagt: Zurück. Kremnew antwortete: Vorwärts. Er blickte zur Seite und sagte leise:Das sind alles Kleinig­keiten. Das Schiff ist in Ordnung. Wir werden Ost halten, werden aus dem Eis hinauskommen, werden dann Nord halten, am Rande des Eises. Das Eis kann nicht undurchdringlich sein."

Diese Hunderte von Kilometern Eis, die in den Ozean geglitten waren, um zu töten und zu sterben, sind hinten geblieben. Wieder gab es Stürme. Der Sextant war machtlos gegen Wolken und Nebel, und da». Schiff steuerte nur noch auf gut Glück nach Logg und Kompaß durch einen Nebel, so dicht, daß man von der Kommandobrücke aus weder Mast noch Back sah. Schon sollte Anker geworfen werden. Da erzitterte plötzlich der Nebel, und mit einem Male sah man, wie es schien, direkt neben uns, Umrisse, riesige finstere Berge über dem Nebel. Der Nebel kroch und eine Viertelstunde später zeigte sich Erde, Berge, Eis, Gletscher, kalt, finster, leer, tot. Und wieder Nebel oder waren es Wolken? Und wieder Schnee... ~ , ,, .

Bis zum Ufer waren es nur sieben Meilen. Der Schnee hatte auf­gehört.Swerdrup" gab Dampf und drang in diesen furchtbaren grauen

Riß zwischen den Wolken und dem bleiernen grünen Wasser hinein. Es war die erst« Erde nach Archangelsk, das Franz-Joseph-Land. Aber welche Insel des Archipels, welches Kap? Vielleicht noch von niemand erforscht, von niemand gesehen, noch nie von einem Menschenfuß betre­ten?!...Swerdrup" ließ die Anker fallen.

So könnte man sich eine erkaltete Hölle vorstellen: verbrannte, ruß- bedeckte Riesenbrüche aus Basalt, die sich wie mittelalterliche Festungs­mauern türmten. Ein Boot wurde hinuntergelassen, der Steuermann und ein Matrose und der Zoologe sollten auf die Insel zur Rekognoszierung. Di« Wellen nahmen das Boot auf, schaukelten es, trugen es, bald war es ein winziges Pünktchen und da krochen wieder Nebel heran, ver­schlangen langsam Wasser, Gipfel, die ganze Insel. Die Sirene begann zu heulen, um dem Boot die Sage des Schiffes zu zeigen. Plötzlich fielen durch den Nebel hindurch Schneeflocken von Fauftgröhe und dann kam der Sturm, heulte, pfiff, drehte. Der Nebel kroch nicht mehr er lief, tanzte, sprang, es blieb nur noch der Sturmwind. Wir sahen, wie das Boot aufSwerdrup" zusteuerte, aber es mußte den Wind schneiden. Alle drei legten sich gegen den Wind mit übermenschlicher Anstrengung in die Riemen. Zum erstenmal in der ganzen Zeit wurde der Kapitän unruhig. Alle waren auf Deck, sahen, wie die drei in dem Boot sich krümmten, mit Wellen und Wind rangen, sahen, wie das Boot auf die Wellen hinaufflog, fiel... Die Anker wurden hochgezogen,Swerdrup" suchte ihren Weg zu schneiden da machten die im Boot einen unver­besserlichen Fehler. Der Zoolog« ließ die Ruder und begann das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Im nächsten Augenblick hatte der Wind es gefaßt, trieb es hin. Der Steuermann drehte sich um, wollte etwas sagen, aber es war schon zu spät. Ganz dicht vorSwerdrup" kam es vorbei.... Das Folgende war das Werk weniger Augenblicke.Swerdrup" wendete, wollte dem Boot nachfahren, aber es war schon weit, nur ein Punkt. Man sah durch das Glas nur noch einen Menschen im Boot und bann nichts mehr.

Der Kapitän drehte sich um und kommandierte ernst:Volldampf! Südwest!" UndSwerdrup" ging in das Meer hinaus, um nicht selber zu zerschellen.

*

Diese Erde war di« letzte, dieSwerdrup" erreichen sollte. Die Kultur­menschheit wußte nichts von ihr einem Splitter der Widge-Jnsekn.

Swerdrup" ging heran, um Süßwasser zu holen. Dreizehn Stunden hintereinander ruhte und schlief niemand arbeitete, eilte, um wieder nach Europa zu kommen. Der Telegraphist fing ein unbekanntes Radio auf, schwach, unverständlich. Dann unbekannte, zerrissene Radios in nor­wegischer Sprache, dann plötzlich ein klares deutsches:Ein unbekanntes russisches Schiff im Polargebiet sendet Telegramme. Lage des Schisses unbekannt. Inhalt nicht festzustellen."

Es war wieder Mitternacht, vom Meere heulte der Wind auf, fing sich in der Takelung. An dem Ufer schrie die Wache, winkte mit Rudern, Eimern. Auf dem Schiff knarrten die Ankerketten, die Anker wurden durch Sturmesgewalt auf dem Meeresboden mitgeschleift ...Swerdrup" kroch an das Ufer. Man gab Gegendampf, arbeitete, der Wind heulte. Ein Stoß, das Schiff senkte sich es war an einem Felsen unter Wasser gestrandet. Das Steuer und die Schrauben waren abgeschlagen. Es drehte sich um seine eigen« Achse und kroch nun ohne Widerstand mit zerrissenen Ketten leicht auf das Ufer.

Dann kippte es dicht am Ufer um, und die Menschen merkten jetzt erst, daß ihnen die Haut auf den Händen zerfetzt ist, baß alle naß sind, daß der Sturm vorbei ist und daß die Uhr schon längst Mittag zeigt. Der Kapitän lehnte sich an bas Wellboot an unb begann zu meinen. Professor Kremnew erschien, naß, in Unterhosen, mit zerschlagenem Gesicht, zündete sich eine Zigarette an unb sagte langsam, als wäre nichts geschehen:

Ja, wissen Sie, eigentlich eine Kleinigkeit. Wir übernachten ein Jahr hier unb, wissen Sie", wandte er sich an ben Kapitän,ich übernehme bas Kommando, alles Kleinigkeit."

Nach einer Stunde war Ebbe,Swerdrup" lag am Ufer, die Menschen schleppten vom Schiff alles hinunter, was herauszuholen war. Kremnew trug vorsichtig, wie bei sich im Laboratorium, Instrumente, Material, Glaser aufs Land. Alle arbeiteten sehr schnell, übermäßig munter. Nach einer Woche war von dem Schiff nur noch das Gerippe übrig unb auf bem Ufer stauben zwei festgebaute Hütten. Die «ine mit Kolben, Gläsern, Instrumenten: bas Laboratorium. In ber anberen wohnten alle. Nach der zweiten Woche würbe alles klar unb gewiß. Rabio konnte nicht auf­gestellt werben. Man war von ber Welt abgeschnitten. Die Taggleichen brachten die Sonne immer schneller zum Niedergehen, im Zenith strahlte der Polarstern, das Eis in der Bucht wurde fest, die Wasser froren ganz zu und die Erde und das Eis schienen Mondsplitter zu sein. Da ver­sammelte der Leiter der Expedition, Professor Kremnew, alle und sagte:

Sie alle wissen, daß wir dem Tode geweiht sind. Diese Insel ist vor uns nie entdeckt worden und es ist möglich, daß noch Jahrzehnte keir