Menkh herkommt. Das ist natürlich alles eine Kleinigkeit. Sie verstehen. Wenn wir alle bis zum Frühjahr hier bleiben, müssen wir Hungers sterben. Ich kann von hier nicht weggehen, weil die Sammlungen und Beobachtungen, die wir gemacht haben, die einzigen in der Welt sind und ich sie um jeben Preis erhalten muh. Ich schlage darum dem größeren Teil der Expedition vor, über Eis nach Spitzbergen zu gehen. Es wird eine riesige wissenschaftliche Bedeutung haben. Diejenigen, die dabei Menschen erreichen werden, werden ein Radiotelegramm geben und in den nächsten zwei Jahren wird ein Schiss uns hier abholen. Wir werden hier unsere wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzen. Der Weg nach Spitzbergen ist sehr schwer. Meines Wissens haben bisher nur drei Menschen die Bergeskette von Spitzbergen überstiegen... Trotzdem, in drei Wochen werden Schlitten und alles Dazugehörige fertig fein, und dann können sie im November ausbrechen. Sie werden über das Eis gehen...
Am 4. November um 12 Uhr mittags, es war dichte Nacht, war eine Abteilung von 22 Menschen nach Spitzbergen aufgebrochen, Sagowski und Laeinow sollten sie später auf direktem Wege über die Ku^e der Insel einholen. Auf der Insel blieben dreizehn Menschen, zwölf Manner und eine Frau. Beim Abschied sagte Professor Kremnew: .
, Wenn Sie zuerst in Moskau sein werden, grüßen Sie die Universität.
,',Wenn Sie vor uns sein werden, grüßen Sie nicht , antwortete Sagowski, „es wird dpnn keinen Sinn Haden." .
Die Berge türmten sich vor den Wanderern; Granit, Basalt, Eis und Schnee Sagowski und Laeinow beschlossen den Gletscher hinaufzusteigen. Zuerst war das Steigen leicht, sie waren schnell, wie sie meinten, bis zum halben Berg, in Wirklichkeit bis zu einem Fünftel gelangt. Dann kletterten sie nach einer kurzen Rast weiter, und dann wußte Laeinow nur noch von sich selber. Unter der Schneedecke war Eis und beides rollte unter den Füßen weg. Bald begann es ihm zu scheinen, daß Oben und Unten dasselbe sei. Die Hände zitterten ihm, die Berge wurden immer schroffer. Die Steine brökelten, die Stöcke in den Händen hinderten beim Klettern. Das Gewehr rutschte vom Rücken unter die Füße... Jetzt sah man die andern. Weit vorn, oben. Sie schüttelten die Arme, schrien etwas. Man konnte nichts verstehen. Man merkte nur, daß die oben sich sehr ausregten, kletterte weiter, der Abhang wurde immer steiler^ Die Kräfte waren bei beiden längst verbraucht. Sie krochen in einen topalt hinein, tarnen wieder heraus und sahen einen nahezu senkrechten Abhang. Jetzt hörte man, daß die von oben schrien, sie sollten umkehren — und die Menschen oben schienen so groß wie Hummeln zu sein. Sagowski kletterte zurück. Laeinow versteht, daß er nie den Abstieg machen wird, er wird abstürzen, zerschellen. Er muß diesen Abhang hinaus!... Er hatte nie wieder dieses Gefühl erlebt. Er fühlte, daß nicht er, sondern ein jemanb in ihm, ein Instinkt, geschickt wie eine Katze, pünktlich wie eine Maschine zu wirken begann. Er kletterte, Steine stürzten, er rutschte meterweise hinab, hielt sich an anderen Steinen fest, kroch zur Seite, wieder vorwärts Wie er hinaufgekommen war, wußte er nicht, daß die von oben ihn das letzte ganz senkrechte Stück Felsen hinaufgeseilt hatten. Oben empfing sie der Wind, durcheiste sie, verklammte die Hande, daß sie nichts faßten. Der Polarstern glänzte im Zenith, die Sternbilder standen alle verkehrt — es war Mittag. Und entsetzliche Einsamkeit von Erde und Ozean war unter den Sternen...
... Die Expedition hatte ein tuschbeschriebenes Pergament m ein Glasgesäß gelegt, 'es verlötet und vor den Hütten aufgestellt. Darauf
Die russische Polexpedition, bestehend aus ..., die am 11. August 192 .. von Archangelsk ausging, gelangte nm 27. September an dieses Land, das nach astronomischer Feststellung auf keiner Karte eingetragen und also der Welt unbekannt war. Es wurde „Insel Nikolai Kremnew genannt. Ihre astronomische Lage ist 79° 30' N., 34° 27' W. Das Schiss warf Anker in der Bucht, um Trinkwasser aufzunehmen und wurde in der Nacht wom 29 bis 30 September durch einen furchtbaren Sturm am Ufer zerschellt. Der größere Teil der Expedition ging unter Führung von ... nach Spitzbergen." Wie die Nachforschungen ergaben, hat nur der Maler Lacuiow den bewohnten Teil von Spitzbergen erreicht. Die Zurückgebliebenen mußten zwei Winter überwintern. Bon ihnen sind nur der Führer der Expedition Professor Kremnew, und sein Mitarbeiter Professor Scheme- tow am Leben geblieben. Das Rettungsschiff ist am 11. September 192.. angelangt und hat am 15. September mit den Uebertebenben und dem gesamten wissenschaftlichen Material die Insel verlassen.
(Uebertragen von M. Charo 1.)
Oie letzten Nomaden Europas.
Das aussterbende Volk der Lappen.
Von Dr. Erwin 6 t r a n i t.
Politisch unter Norwegen, Schweden und Finnland aufgeteilt, erstreckt sich Lappland zwischen Skandinavien, der Halbinsel Kola und dem sinni- scben Festlande flach und ohne hervorragende landschaftlichen Reize. Im Westen, wo das Gebiet der Lappen bis gegen das norwegische Tromso vorstößt, ist der Boden mooriges Fjälld, immer wieder versumpft und unwegsam, im Osten, gegen das weiße Meer hin Tundra, bloß in den Tälern findet sich Wald. Im Norden vom Eismeer, im Süden vom schwedischen Norrland begrenzt, schiebt sich das ganze Land, dessen Boden aus Gneis, Granit, alten Eruptivgesteinen, metamorphischen Schiefern und frühen Gletfcherablagerungen besteht, in einer durchschnittlichen Hohe von 400 bis 500 Meter dahin, um bloß in feiner höchsten Kuppe bis 723 Nieter emporzuwachsen. Die Einförmigkeit der Landschaft unterbrechen zahlreiche Seen, von denen der 125 Meter hoch gelegene Enaresee und der etwas kleinere Jmandrafee vor allem Erwähnung verdienen, und einige Flüsse, deren bedeutendster, der Tulonia, gegen die murrnannische Küste seinen Laus nimmt, während der Kemi in den baltischen Meerbusen mündet. Das Klima ist ausgesprochen kalt, im Januar verzeichnet man — 15 bis —20 Grad, im Juli etwa —12 Grad, die Extreme aber bewegen sich zwischen 27 Grad Wärme und nicht weniger als —47 Grad Kälte, fo daß man als Durchfchnittstemperatur für gewöhnlich — 3 Grad Celsius annimmt.
Das ganze „Sam"-Land, wie es die Einheimischen selber nennen (denn die bei uns gebräuchliche Bezeichnung „Lappen" gilt hier als Schimpfwort), umfaßt 130 000 Quadratkilometer, wovon der größte Teil (115 778 Quadratkilometer) auf Schweden entfällt. Die Ureinwohner sind die Samen" (Lappen), denen sich in früher Zeit ungefähr 10 000 Kolonisten zugesellten. Die Lappen find die kleinsten Menschen Europas, von noch gedrückterem Körperbau als die Finnen und wachsen kaum über 1 6 Meter hinaus, ja man behauptet sogar, daß die Küstenlappen, die vielfach als Lotfen ihr Leben fristen oder Fischfang betreiben, durcy das ständige Sitzen in ihren Kähnen stets noch ihre Beine verkürzen, wahrend sich die immer getätigte Armmuskulatur in einer Vergrößerung und Verstärkung der Arme kundgibt. Das Gesicht eines Samen zeigt breite Stirne großen Mund, vorstehende Backenknochen, starke Nase, aber fast ausnahmslos ein spitzes Kinn. Die Augen, geschlitzt wie die der gelben Rasse stehen im Gegensatz zu dieser horizontal. Auch ihre Gesichtsfarbe spielt'ins Gelbliche, das Haar ist ungekräuselt und dunkelbraun.
Die Lappen sind von Natur aus ein überaus gutmütiges Volk und jene ungünstigen Veränderungen, die die letzten Jahrzehnte in ihrem Charakter hervorbrachten, zumal das immer starker auftretende Mißtrauen gegen die herrschende Rasse und die Auswirkung größerer Trägheit darf man nicht aus ihr Schuldkonto setzen. Von, minderer geistiger Begabung, zeigten sie sich der andrängenden europäischen Zivil, atton einfach nicht gewachsen und die Annahme des Christentums bedeutete für fie ohnedies bereits einen erheblichen intellektuellen Fortschritt. Ursprünglich heidnischen Glaubens, opferten fk auf Bergspitzen^ abgelegenen Inseln oder in Berghöhlen ihren Göttern, verehrten ihre Wahrsager und Zauberer gleich Priestern, ohne aber Priester selber zu kennen. Die Christianisierung führte die skandinavischen und finnischen Samen dem evangelischen, die Bewohner Kolas dem griechisch-orthodoxen Glaubensbekenmms zu Ihre einzige Beschäftigung bilden im Innern des Landes die Züchtung von Renntierherden, mit denen fie von Weideplatz zu Weideplatz ziehen, an den Ufern beschäftigen sie sich mit Fischere,. Arbeiten, die sich notwendigerweise aus ihrer Abgeschiedenheit von der übrigen Welt ergeben, sind ihnen natürlich auch nicht fremd So verstehen sie das ©erben von Häuten, stricken Handschuhe, drehen sich seloer Zwirn und können das nötige Material aus Holz, wie Schlitten, Kahne, Wohnungsgera e ge ch'ckt und nicht ohne Kunstgeschmack verfertigen. In ihrer Tracht unterschieden sich früher die beiden Geschlechter nicht sehr. Pelz, Beinkleid, Schuhe, trugen Mann und Frau der Jahreszeit nach aus Renntierfellen, Filz ^Ömlid), dieses naiurhafte Leben der Lappen blieb nicht ungestört. Began erst Norwegen mit durchgreifenden Reformen in das Land der Lappen vorzudringen, so folgte ihm Schweden bald nach, um ine Errungenschaften moderner Zivilisation auch in nördlichsten Gebiete Europas zu tragen. Heute leben auf schwedischem Gebiete im ganzen etwa noch 7000 Lappen, deren Siedlungsordnungen auf Befehl der schwedischen Regierung „neuorganisiert" wurde. Unwillkürlich erinnert man sich an das Schicksal der Indianer; in deren Gebiete die weiße Rasse eindrang. Auch die Samen beherrschten einst das ganze nördliche Skandinavien. Aber immer mehr und mehr wurden sie aus dem fruchtbaren Teil des Landes verdrängt, in die unwirtlichsten Gegenden abgeschoben und seit Jahrhunderten besteht der Gegensatz, ja Kampf zwischen bem natur- haften Nomadenvolk und den zivil,fierten Ansässigen. Die größten Veränderungen im Lande der Nomaden riefen die Eisenbahnen und die Damofschisse hervor, ihnen folgte der Schulzwang, den man unter geradezu unmöglichen Voraussetzungen den Lappen auferlegte Wahrend man nämlich früher die Gewohnheit befolgte, Lehrer in die Lappensiedlungen zu beordern, um dort den Unterricht in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen zu erteilen, wozu auch Sachverständigenkurse über Renntierzucht und Hausindustrie tarnen, wobei die Lehrer der nomadisierenden Grundtendenz des Volkes entsprechend mit den Lappen von Ort zu Ortz bjro. durch das ganze Land zogen, werden die Lappen nach der neuen schwedischen Schulordnung dazu angehalten, den Unterricht m bestimmten Schulen (meist in den „Kirchdörfern') zu gemeßen so daß ihnen faktisch ihr Hauptlebensmoment: das Nomadendafein zur Unmöglichkeit wird.
Obwohl eine Reihe ausgezeichneter Lappenvdgte sich bemühen, d,e alte Stammesart ihres Volkes aufrechtzuerhalten und schon besonders wegen der äußerst wertvollen Renntierzucht das Nomadendafein nicht unterbinden wollen, dürften ihre Bestrebungen doch von wenig Erfolg oekrönt fein. Die zahlreichen Ge- und Verbote der Regierung bringe es mit sich daß die Lappen entweder gänzlich aus dem schwedischen Gebiete abwandern und noch weiter nach Norden ziehen oder doch wenigstens ihr Nomadendasein aufgeben und sich als Bauern ,n den ehemaligen Durchzugsgegenden niederlaffen, ein Umstand, der natürlich das allmähliche Ausfterben der Lappenkultur geradezu bedingt. Verstärkt wird bie; noch dadurch, daß der moderne Unterricht mcht in der Lappensprache, sondern schwedisch erfolgt, oft sogar von Lehrern besorgt wird, die fam- ländisch gar nicht zu sprechen vermögen, fo daß auch die Lappenfprache . dem Untergange ausgefetzt wird. Auch die Einführung der schwedischen Kleidung, die durch das immer onschwellende Reiseinteressen von Touristen in die lappländischen Gebiete bedingt wurde, sowie die schon vielfach an Stelle der alten Katen (Lappenzelte) festerbauten Hutten und «chuppen verändern unwiderbringlich das alte Bild der Sarnen.
Der Zustrom der Fremden brachte neben der Kultur übrigens aucy viele Krankheiten mit sich: Lungen- und Geschlechtskrankheiten, alkoholische Vergiftungen, früher den Lappen fremd, werden jetzt immer häufiger. Die ursprünglich stets bereite Gastlichkeit läßt nach, das Mißtrauen ficig gegen jeden Nichteingeborenen. Die wundervolle Sitte, den Gast, der nicyl der Sprache der Lappen mächtig ist, schweigend zu empfangen, ihn aber trotzdem wie einen Bruder zu bewirten und keinerlei Entgelt dafür zu nehmen ihn selbst im wildesten Urwald auf das Peinlichste zu fcyutzen und ihm jede Gefahr ferne zu halten, stirbt aus. Das Gebot der modernen Zivilisation „Hilf dir selbst", wird auch ihre Norm, ja es verstärkt fie? zu dem Gebot „Schütze dich felbft". So kämpfen die Sappen um den letzten Rest chrer Selbständigkeit. Aber es wird ihnen schwerlich ein Sieg beschicken fein.


