Seitlich steigen wir über die Trümmer des Abgehackten, kn denen wks Echisfspfähle die Grubenhölzer stecken, zwängen uns durch und gehen eine ganze Weile ausrecht unter den schwarzen Zähnen, die unsere Lichter verschmutzt von sich wegspiegeln. Auf „Zwei" liegen die nackten Männer auf den Rücken und hacken über sich die Kohlen los. (Michelangelo lag als er die Sixtinadecke malte, etliche Monate auf dem Rücken, aber dieser Vergleich ist sündhaft!) Gefahr, daß ein Brocken auf edle Teile des Körpers fällt, besteht immer, aber der Bergmann scheut keine Gefahr. Wie sie uns kommen sehen, richten sie sich auf: der Schweiß, der seither über die Lenden lief, rinnt schwarz über Hälse, Brüste, Bäuche und an den Schenkeln hinunter und sucht sich in der schwarzen Patina erst neue Furchen, zittert hin und her und schießt schließlich hinunter in die hölzernen Schuhe. Weiß leuchten die Flußbetten dieser Rinnen. Bergmann Peter Edelmarder hat gestern nur vier Wagen geliefert; daran war das Gebirge schuld, nun ist's endlich eingebrochen, und die quarzigen Gesteine müssen erst sortgeschasst werden. Heute gibt's nicht einmal vier Wagen und der Steiger wettert! Edelmarder ist aber dennoch eine lustige Haut! Ich leuchte unauffällig seinen Körper ab mit der Laterne, und ich kann euch sagen, kein Grieche ist schöner überliefert! Unter der Patina regt sich unter jedem handbreiten Stück ein überaus starkes Leben. — Ich muß überhaupt sagen, daß diese starken Männer da unten zumeist auch schön gebildet sind, schöner fast, als unsere planmäßig ausgebildeten Sportsleute, und es ist bestimmt so, daß der menschliche Körper die Fülle seiner Schönheit erst erreicht, wenn er unabsichtlich unter körperlicher Arbeit sich eigengesetzlich bilden darf! Die schönsten Körper finden sich unter den Bauernburschen, deren Muskeln allesamt gleichmäßig in Gottes freier Natur sich entfalten! •
Viele Schlagstellen suchten wir weiterhin heim, und auf „neunzehn" stand der Schießmeister, und sogleich begann die Bohrmaschine auf einer nackten Schulter zu rattern. Sprengstoff ward einen Meter tief oder mehr eingestochert. Wir gingen um die nächste Ecke, der Schießmeister schloß mit dünnem Draht den Kontakt, und der Schuß erschütterte dumpf und verhalten die Lust und verhallte dröhnend. Wir traten in die Staubwolke, die fast kaum zu durchdringen war. Die Laternen verfinsterten sich; man sah nur noch das Gewoge der Staubteilchen und stolperte fortgesetzt über die Brocken. Nun kamen rasch die kleinen Wagen, denn die Beute war groß.
Ich versuche, ausladen zu helfen, kann aber kaum eine Scholle heben, so müde bin ich von de» entsetzlichen Märschen allein. Wer als Wanderer oben auf der Zugspitze ankommt, der weiß auch, was er geleistet hat, aber die Müdigkeit, die man da oben empfindet, ist Freude und Jubel, daß man den Sternen näher ist ... nein, ich kann keine Scholle heben, auch mein Freund vermag es nicht, und der Steiger lächelt, und die Bergleute lächeln höhnisch, und es ist mir, als sagten sie: ruft doch die andern auch einmal hierher, sonderlich jene, die jahraus, jahrein, landaus, landein den Mund so voll nehmen gegen uns arme Bergleute! Holt sie von den feinen Sportplätzen einmal herunter zu uns, damit sie wenigstens einmal sehen, was wir zu schassen haben! Da ist mir's, ich könnte fortan kein Stückchen Kuchen mehr essen, kein Buch mehr lesen, ohne an diese Bergleute zu denken, und ich gehe erschüttert aus ihrer Hölle weg. Ich habe gestern Kesselschmiede gesehen, die standen an den Bessemer-Birnen, wo die Männer halbnackt und mit dicken farbigen Brillen bewaffnet, in höchster Gluthitze schaffen müssen (ich habe mich einmal gefragt, wieviel Stunden ununterbrochen), ich sah die Männer in den 'stinkigen Stuben hinter den Kokereien, wo die giftigen Gase brodeln, wo die neuesten Modefarben und die wichtigsten Arzneien hergestellt werden ... und ich möchte es weit in die Masse der Menschen schreien: „Wer's noch nicht gesehen hat, der schweige und beuge sich in Demut vor diesen Männern, gleich denen, die unten bei ihnen waren! Eins steht fest: wenn der Maulwurf in der Erde wühlt, so erfüllt er das göttliche Gesetz, das in ihm liegt! Doch diese Menschen sind für uns nur ein Stück des täglichen Brotes: wir können ohne sie nicht mehr leben! Sie sind keine Arbeiter, sie gehören in keinen Verband, sie sind ein besonderer Stand! Und wenn ich der Staat wäre, so ließe ich sie täglich nur fünf Stunden arbeiten und bis längstens zu ihrem vierzigsten Lebensjahre!
Heil, Heil! Sieben mit Kohlen beladene Wagen hängen über mir an dem starken Seil; oben in der Maschinenhalle sitzt der starre Mann, der mir gestern keine Antwort gab, als ich ihn fragte. Eingestaut atme ich erleichtert hinan; achthundertdreiundsiebzig Meter hinan, sieben volle Wagen über mir am selben Seil! Der Sonne heil; wenn die Sonne wieder sichtbar wird! Husch: es ist blau! Blau, was ist das? Wo stehen Blendlaternen? Der Tag ist's, der lebendige Tag, der blau zwischen den eisernen Stangen und Platten und Körben hängt, blau, azurblau, ob- gleich nirgends die Sonne zu sehen ist. Ich kriege hervor, mein Freund küßt mich auf die Stirn vor Freude: da hinten, jenseits des Maschüien- hauses hinter den sieben vollauf qualmenden Schloten steht sie, die Sonne, spielt Versteck mit mir, muschelt sich in die schwarzen Wolkenballen ein, blinzelt aus dem grüngelben Qualm, verbrämt den Gestank, urweltlich tollt sie hinter den verpuffenden Gasen ...
Tausend Männer, das Antlitz voller alltäglichen Griesgrams, schreiten müde und gesenkten Hauptes mit uns in deck großen Baderaum, entkleiden sich, drucken auf den Knopf, und die Tagkleider surren aus dem Gebälk herunter. Die Schafskleider werden drangehüngt und surren hinauf, und tausend Männer treten unter die warmen Dusche», und die Sonne bricht durch die hohen Fenster, und nun rennen sie umher, foppen sich, lachen und springen wie Kinder durch den Sprühregen.
Mein Weibchen, das ehedem auch einmal Bergmann war, hat mir im Badhaus des Herrn Betriebsleiters ein besonderes Bad gerichtet, und ich darf das Weibchen nicht vor den Kopf stoßen! Steige ins feine Bad, zwischen die weißen Plättchen, ziehe meine seinen Kleider wieder an, und es ist mir ein wenig zu Mut: ich dürfe mich in dem modischen Tand nicht vor den Bergleuten sehen lassen!
Nie perle in der Auster.. *
und andere juristische Komplikationen.
Von Dr. Fritz Balder.
In einem eleganten Restaurant sitzt ein Herr mit feiner Freundin bei einem üppigen Souper. Sie schlürfen Austern und Chablis lieber das frisch geschminkte Antlitz der jungen Same huscht ein Freudenschimmer. Sie zeigt mit spitzem Finger aus ihre Austernjchale: da sitzt eine große, schöngeformte Perle. Ein Herr vom Nebentisch, der den Vorgang beobachtet hat und sich als Fachmann suhlt, schätzt den Wert der Perle auf einige tausend Mark.
Sie Freundin will ihren Fund in ihrer Handtasche verschwinden lassen. „Nanu?" 'fragt der Kavalier. „Sie Perle gehört doch wohl mir? Ich habe die Austern bestellt und werde sie bezahlen. Ich bin der Eigentümer der Austern und der Perle, du bist schließlich nur mein Gast?"
„Und ich habe die Perle gesunden, das ist ein Schatzfund, mein Bester", gibt die Freundin etwas pikiert zurück.
Schließlich kam, vom Pikkolo herbeigeholt, der Wirt dazu. Ebenso höflich wie bestimmt, machte er die Herrschaften darauf aufmerksam, die Perle sei sein EiAntum. Sie Austernschalen, die seine Gäste nicht mit nach Hause zu nehmen pflegten, gehörten ihm, somit auch die Perle in der Austernschale.
Sie Auseinandersetzung wurde immer lebhafter. Das letzte Wort des Wirtes war, gäbe man ihm die Perle nicht heraus, so werde er die Gäste wegen Fundunterschlagung anzeigen. —
Juristisch macht der Fall erhebliche Schwierigkeiten. Ein Fund — darüber sind sich die Rechtsgelehrten einig — liegt nicht vor, denn die Perle war niemals verloren worden.
Es gibt Juristen, die behaupten, der Herr, der die Austern bestellt hat, sei Eigentümer der Perle geworden. Andere Autoritäten der Wissenschaft fagenr wer bei einem Essen, zu dem er eingeladen ist, sich Speisen nimmt, erwirbt daran das Eigentumsrecht, also gehöre die Perle dem Mädchen. (Deutsche Juristenzeitung, 10. Jahrgang, <5.395.)
Doch ist man mit diesen Lösungen noch keineswegs am Ende aller Wirrnisse. Sie Rechtsgeschäfte zwischen den Beteiligten können wegen Irrtums angefochten werden. Zur Anfechtung eines Vertrages berechtigt der Irrtum über solche Eigenschaften, der Sache, die im Verkehr als wesentlich erscheinen. Ser Gastgeber kann seiner Freundin gegenüber die Schenkung der Auster ansechten, der Wirt den Verlaus gegenüber dem Gast, der Austernlieserant gegenüber dem Wirt ufro. bis zum Austernfischer. Eine Kette von Prozessen steht in Aussicht. —
Im Bezirk des Landgerichts Münster hat einmal ein Preiskegeln stattgefunden, das fünf Tage gedauert und zu den unangenehmsten juristischen Weiterungen geführt hat.
Einer der Sieger war nämlich mit seinem Preis nicht zufrieden, weil ihm angeblich 12,50 Mark zu wenig ausbezahlt worden waren. Er zeigte schließlich den Wirt, in dessen Lokal das Kegeln stattgesunden hatte, wegen Betrugs an.
Einzelheiten interessieren hier nicht. Sie Sache kam aber schließlich ans höchste deutsche Gericht: das Reichsgericht mußte in letzter Instanz entscheiden und dessen Urteil, das in der offiziellen Sammlung (ERSt. 40,21) zwar gekürzt wiedergegeben ist, umfaßt immerhin noch 21 Druckseiten.
Das Reichsgerichtsurteil über das Kegelspiel schürft tief; ein Musterbeispiel historischer Rechtsfindung, geht es auf die ältesten deutschen Rechte zurück und kommt zu der Feststellung, daß bis zum 13. Jahrhundert Rechtsquellen über das topiet vollkommen fehlen.
In juristischer Präzisionsarbeit werden die Rechtsanschauungen des Sachsenspiegels, der zwischen 1198 und 1235 entstanden (ein mag, des Magdeburger Stadtrechts vom Jahre 1261 und des sächsischen Weichbilds unter die Lupe genommen.
lieber das römische Recht, die französische Praxis, die österreichische Gesetzgebung kommt das Urteil schließlich zu den Entwürfen und Motiven des Bürgerlichen Gesetzbuches und damit zu der Feststellung, daß die Laienansicht sich mit der historischen Rechtsentwicklung deckt: das Kegelspiel ist ein Geschicklichkeitsspiel, das keine klagbare Forderung begründet.
Als neulich Herr I. im Smoking zur Premiere gehen wollte, tummelten sich halbwüchsige Burschen mit lautem Gejohl vor seinem Haus und trieben einen Fußball durch den Schmutz der Straße. Knapp flog der Ball Herrn X. am Kopf vorbei, und seine tadellose weiße Hemdenbrust hätte fast einige häßliche Flecken abbekommen.
Herr X. ist ein aufrichtiger Verehrer des Fußballsportes. Dies war ihm aber doch zuviel und er hat einem der Jungen, der ihm eben in Reichweite war, eine ordentliche Ohrfeige gegeben. Durfte er das? Ist er dadurch mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen? Gibt es ein Züchtigungsrecht an fremden Kindern? Sie Rechtsprechung ist nicht einheitlich. Eine Reihe von Oberlandesgerichten geht von der pädagogischen Erwägung aus, daß eine müß'ge Züchtigung zur rechten Zeis vermutlich auch dem Willen.der Erziehungsberechtigten entspreche, ein Standpunkt, der mit dem Rechtsempfinden vieler Leute auch in Einklang stehen mag, — bis einmal ihr eigener Sprößling von einem mißliebigen Hausgenossen eine Ohrfeige bekommt. Das Reichsgericht und das Bayerische Oberste Landesgericht vertreten die entgegengesetzte Ansicht: ein allgemeines Recht, fremde Kinder irgendwelcher Ungezogenheit zu strafen, kennt das Gesetz nicht. Nur die Erziehungsberechtigten haben ein Züchtigungsrecht. Ser Vater des geohrfeigten Jungen kann wegen Körperverletzung klagen. Wenn er Prioatklage stellt und in diesem Verfahren Kläger und Beklagter durch Anwälte vertreten sind, so kommt die Ohrfeige, selbst wenn nur eine ganz geringe Strafe ausgesprochen wird, mit allen Kosten ungefähr auf 150 bis 200 Mark, vorausgesetzt, daß der Prozeß in erster Instanz erledigt wird.
DerantwvrtUch: Dr. Han« Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch« und Steindruckeres, A. Lange, Gießen.


