Ausgabe 
12.1.1931
 
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Ltnier Tag.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

Wer ins Bergwerk einfahren will, der muß sich ganz umkleiden, ganz in Bergmannskleiber stecken; und gut wird es für ihn sein, wenn auch eine Seele in die Bergmannsseele sich wandeln kann!

Ein altes, verhutzeltes, aber sehr freundliches Weibchen, das, bevor es im Stollen verunglückte, selber ein rechter Bergmann war, bringt mir den Anzug, die Strümpfe, das blaue Taschentuch, die Stiefel, die lederne Mütze, die Lampe und den Stab.Glückauf, mein Herr!" ruft es mir zu.Glückauf, mein Herr!" rufe ich ihm zurück. Es grinst vor Freude und schlurft in feinen Holzpantoffeln in fein Kämmerchen.

Im Ankleideraum wimmelt es von Männern; sie hängen ihre Tag­kleider an Drähte, drücken auf ein Knöpfchen, und sogleich surren Jacken und Hofen pendelnd empor bis unter die Sparren des luftigen Daches, wo sie ausdünsten sollen und warten müssen, bis die Stunden der Schicht vorüber sind.

Wir schreiten allesamt unterm Seil, an dem die Körbe hängen; es kommt aus dem Mafchinenhaus, allwo auf einer Bank der Lenker fitzt. Ich kenne ihn, den Lenker: als ich gestern etwas von ihm wiffen wollte, hat er mir keine Antwort gegeben. Starr stand fein Auge auf dem Zeiger neben dem ungeheuren Rad, das vom Seil umwickelt ist!

Nun hänge ich am Seil! Gegen die gußeisernen Hände des Förder­korbes gelehnt, hocke ich mit sieben andern Männern und harre des Augenblicks der Abfahrt. Das Tageslicht flabbt zwischen den vielen Stangen des Gerüstes: auf Wiedersehn! Der Korb ruckt einmal, federt, sinkt*ins Schwarze. Man starrt ins Licht der Lampen, das wirr um- hergrellt wie auf einem schlecht gemalten Bild. Die Preßluft zischt manch­mal, wenn die Gußplatten für einen Augenblick zu rattern aufhören. Zwei Bergleute schreien sich Neuigkeiten in die Ohren. Ich denke an den Mann, der mir gestern keine Antwort gab, und freue mich feiner Unhöflichkeit! Sieben Körbe voller Menschen über mir sinken in die Tiefe. Ab und zu steigen wir? fallen wir? schießt ein heftiger Lichtklumpen neben uns empor: wir fallen! Ich beginne aus irgend- einenr Grund zu zählen, komme bis hundertneunundfünfzig, und da ver­zögert sich das Tempo plötzlich, und wir stoßen sachte auf den Grund.

Ein nächtlicher Güterbahnhof tut sich auf, über schmalspurige Gleise biege ich mit dem dicken Freund und dem Steiger in den dritten Stollen ein. Es ist kalt, ein Hüsteln überfällt einen! Die Preßluft tobt, ein Schimmel steht seitab und guckt einer winzigen Lokomotive nach, die sehr eilig um die Ecke biegt. Ein Bergmann schwingt sich auf des Pferdes Rücken: der Schimmel hebt die Ohren, wiehert vielleicht trug er dereinst einen stolzen Reiter.

Wir gehen selbdritt hochaufgerichtct einher, an den gemauerten Ge­wölben sprüht elektrisches Licht, doch gähnt hinten ein dunkler Gang. Wir schreiten hinein. Zwischen dem Grubenholz, das den Gang ein­stemmt, zirpt ein Heimchen; wie das heimelig zirpt! Gepeitschte Lust strömt warm. Ein Zug mit vierundzwanzig Wagen rollt daher; ruck­weise stößt er sich durch ein hölzernes Flügeltor, das immer wieder zu- klappeu möchte. Wir schlupfen nach, gehen gebückt. Die gespneßte Decke des Ganges senkt sich; obgleich das Gebirg hier vollkommen ruht, starren 3er,pellte Grubenbalken gegen unsere Laterne. Graues Gestein zeigt sich in breiten Schichten, und nur eine ganz dünne Kohlenader fließt hin­durch, so dünn, daß man sie nicht abbaute.

Der Weg gabelt sich; der Schießmeister steht da und erwartet uns, meint, wir müßten zusehen, wie auf Nummer 19 gesprengt wird! Und so streben wir auf Nummer 19 zu. Steiger und Schießmeister verstehen sehr, gebückt zu eilen und stoßen nirgends mit dem Kopf an. Wir schlüpfen durch Sacktüren, lehnen ein Weilchen wider einen Rollwagen und steigen nun über drei steile Leitern irgendwohin. Da werden volle Wagen in einen Teilschacht verstaut. Adam Hatzmann steht schon seit 17 Jahren an diesem Fleck und schiebt die Wagen aus und ein und ist nur mit einem Kniehöschen bekleidet. Es kommt vor, daß Adam sogar ein Liedchen pfeift:Male fährt gern Luftballon." Wird viel angefahren, so -schiebt Adam viel ein, und dann verdient er mehr und kann sich eins pfeifen! Seit 17 Jahren immer dasselbe Lied! Zu Hause hat er em Weib und vier Kinder, und käme das fünfte ... der Adam wüßte nicht, wohin er's legen sollte, die Windeln sind auch aufgebraucht! Aber eine feine Gesellschaft, feine Kinder, und in vier Stunden ist Schichtwechsel, dann geht gleich der Zug und in neunzig Minuten ist er mitten in seiner Fainile.

Wir wandern weiter, mein dicker Freund windet fchon sein Ta,chen turf) aus und stöhnt wie eine Dampfmaschine. Ueber Kohlenschollen fallen wir krabbeln, klettern, kriechen minutenlang auf den Bäuchen, winden uns durch Löcher, rutschen, halten uns an den Felsen, und der Grieß rieselt über uns und unter uns. Man hat Angst, jeden Augenblick müsse sich ein Kohlenfels lösen! Kaum, daß der Schießmeister seinen Pulverkasten durch die Löcher zwängen kann! Richtig: einmal bleibt mein dicker Freund stecken, aber das ist nicht schlimm; der Steiger stochert ein bißchen, und die Kohle gibt nach, und das menschliche Fett gibt nach, und alles ist wieder gut!

Jlad) etwa zwanzig Minuten solcher Wanderung Horen wir die ersten Schläge. Gleich um die Ecke stehen zwei nackte Männer auf die Pickel gestützt und erwarten uns. Der Steiger stochert am Gestein. Berg­mann Karowski hat den Krieg von A bis Z mitgemacht; an beiden Füßen fehlen ihm die großen Zehen, die eine hat er in Frankreich verloren, die andere in Serbien! Einen goldenen Hut will er zwar nicht auf dem Kopf tragen, aber er will es zu etwas bringen: nach der Schicht ein weißes Taschentuch für die Nase, ein grünfeibenes für die offene Brusttasche, und feine Kinder er hat noch keine! sollen es einmal besser haben als er! Sollen Steiger werden? Er schmunzelt: ja! Aber noch besser: überhaupt nicht unter die Erde! Grund und Boden! Aus einem kleinen Stück Eigentum! Wenn er nur nach der Schicht ein kleines Gärtchen bebauen könnte, wenn auch noch so klein, auf daß er nicht auf die Straße angewiesen wäre und auf den Alkohol! Gestern hat er mit seinem Schasshelser vierzehn volle Wagen geliefert.

Olymp herab als eine holde Göttin der Lust in sein Leben trat. Man nu.g nun Goethe beklagen, daß er den Segen der wahren Ehe nicht gekannt hat, nicht den Segen der Gemeinschaft,' in der Mann und Weib mit der Ganzheit ihres Seins ein Leben werden im Leib, im Geiste und in der Seele und so sich einander erst selber finden und erfüllen, um dem Strom des Lebens, der sie zufammenfügt, in ihren Kindern sich selbst erhöht zurückzugeben. Aber wie viele Menschen haben sie wohl in vollem Sinne gekannt? Wieviel Heuchelei ist mit dem heiligen Gedanken der Ehe getrieben! Ja, die frevelhafte Frage sei gewagt: hatte Goethe sie kennen lernen können? Wenn der Stall­meister vom Stein im Jahre 1780 gestorben wäre und Goethe bann, wie zu vermuten, Charlotte geheiratet hätte, kein größeres Unglück hätte ihm unb Deutschlanb begegnen können! Sie hat es ja bewiesen, wie sie bas Verhältnis zu ihm burchaus als das der Herrscherin über ihren Alleinbesitz betrachtete. Das ist die Todesgefahr der großen, der unbebingten Liebe, baß sie in ihrer Hingabe die Geliebte so weit über sich selbst erhöht, daß sie schließlich bas Augenmaß für das wirkliche Verhältnis zwischen ihr und dem Liebenden verliert. Nur die edelsten Seelen werden durch' ein solches Geschenk der Gnade zur Demut ge- st mmt unb geben dem Geliebten die Höhe, in bar er sie selber sieht; die geringeren werden zu leicht in der uns Menschen allen eigenen Selbstgefälligkeit bestärkt. Niemals hat Charlotte den Zug nach Italien verstehen wollen, nie die Heimlichkeit ohne Abschied vergessen, nie ver­geben. Sie hätte Goethes Leben unter einen unerträglichen Zwang gebracht, Zwang aber ist der Tod der Liebe. Goethe wahrte sich mit Christiane die volle Freiheit seiner Geistigkeit, fein Geist blieb frei, indem er das süße Glück der Natur voll genoß. Eine andere Liebe war damals für Goethe nicht möglich, denn diese Freiheit des Geistes war seine höchste Pflicht. Wer ihn beklagt, daß er das Verständnis der Gattin nie gekannt, wo war denn dies Verständnis bei Charlotte in der ersten Prüfung geblieben? Welche Frau hätte ihm, wie er jetzt geworden war, dies Verständnis in vollem Maße geben sollen? Unb wie sehr verkennt man bei solchem Urteil die Weiten und Möglichkeiten der Liebe! Das Verständnis, bas uns von ber geliebten Frau entgegen­strahlt, ist eine Schöpfung bes großen Liebenben selber. Man muh bas Lesen wenig verstehen, wenn man in den Briefen Goethes an Chri­stiane aus den ersten Jahren des Glücks, in denen er so viel von ihr getrennt war, nur die Stimme der Sinnlichkeit vernimmt. Es ist etwas ganz anderes ist tiefe, aus dem Innersten des Wesens aufsteigende Zärtlichkeit, ist urkräftiges, den ganzen Menschen durchdringendes Be­hagen, ist die Wonne am Zufammengehören. Dies ist die Liebe, nicht ohne einander leben zu können, nur miteinander das zu haben, was man eigentlich Geben nennt. Goethe schuf sich dies, indem er sich frei unb ungestört erhielt für das ungeheure Werk, das auf ihm lag. Es war die Größe feiner Lebenspflicht, die ihm die bürgerliche Ehe unmöglich machte. Deutschland sollte, anstatt Christiane zu schmähen, ihr danken. Sie war ihm die Geliebte, wurde aber alsbald für ihn das liebe Hausmütterchen, das ihm das Wohlfein im Haufe fchuf und an­spruchslos bescheiden, nie ihn behelligend, nie sich in seine Pläne und Entwürfe einrnischend, für ihn sorgte mit nie ermüdender Treue. Es war auch hier das Rechte für Goethes Leben gefunden.

Bei Goethe handelte es sich einzig und allein unreinen Verstoß gegen die Frau. Es läßt sich wohl begreifen, wie er dazu kam. Er, ber sich felber in feinem Wesen allein das Gesetz war für das gesamte Gebilde seines Lebens in Wort, Tat und Lebenssührung, er, der die unbedingte Pflicht seiner gottgegebenen Sendung nur dadurch erfüllte, daß er in solcher Selbstgesetzgebung feine ganze Welt zur Tat seines Geistes machte, er glaubte sich das Recht nehmen zu dürfen, auch in diesem innerlichsten Verhältnis seines Lebens, das niemanden etwas anging als nur ihn, allein unter dem eigenen Gesetze handeln zu dürfen. Er unterschätzte die Macht des Moloch, zu dem die Gesellschaft für den Menschen geworden ist. Nun kam allerdings eine ganz eigentümliche Verwicklung noch hinzu: daß er nämlich zugleich doch auch in einen Wider pruch mit dem eigenen Grundgedanken des Lebens trat. Denn ber (gebaute ber Orbnung war ja biefer Grundgedanke in all feinem Denken geworden. Die Welt ist die große Ordnung Gottes, in den Ord­nungen der Welt ehrfürchtig leben heißt nach Gottes Willen leben. Hier im innerlichsten Lebensverhalinis entzog er sich dem Orbnungs- gedanken Es konnte nicht anders fein, fein stilles Glück mußte ihm zugleich die Quelle beständiger Aergernisfe werden. Was ihm fein häus­liches Dasein ins Lot brachte, machte sein Leben im Verhastnis zur 'Außenwelt schief. Es ist schmerzlich, im Leben Goethes an soviel ge­häuftes Leiden im Grunde aus kleinlichen Anlässen, denken zu .nutzen, in dem er sich zerrieb. Es ist schmerzlich, erkennen zu müssen, da» er selber beitrug, seinem Volke und mehr noch der Welt es schwer zu machen, ihn^ unbefangen zu verstehen. Für ihn selber war, zum mindesten seit er die ganze Last ihres Lebenszubehors willig auf sich nahm, Christiane seine Frau in einer richtigen Ehe. So hat er sie ge­liebt, so alle Pflichten ihr gegenüber erfüllt; es trifft ihn auch an dieser Stelle kein Tadel. 'Tiber es gibt ein spates Wort des Kreises das viel verrät. Als fein junger Freund K. E. Schubarth sich bet ihm gleich- iam entschuldigte daß er die Geliebte heiraten wollte, es könne nicht jederlei.. Goethe fein, - antwortete ihm Goethe an. /.November 1821- , Zuvörderst will ich meinen Segen zu einer schleunigen Verehelichung geben, sobald Ihre Hütte einigermaßen gegründet und gebeett ist. Alles, was Sie barüber sagen, unterschreibe ich Wort für Wort, benn ich darf wohl aussprechen, bah jedes Schlimme, Schlimmste, was uns inner­halb des Gesetzes begegnet, es fei natürlich ober bürgerlich, körperlich ober ökonomisch, immer noch nicht den taufenbften Teil ber Unbilben aufwiegt, bie wir burchkämpfen muffen, wenn wir außer ober neben dem Gesetz, ober vielleicht gar Gesetz und Herkommen durchkreuzend, und doch zugleich mit uns selbst, mit andern und der moralischen Weltord­nung im Gleichgewicht, zu bleiben, die Notwendigkeit empfinden. Ist es die tiefe Ergriffenheit in der Erinnerung schmerzlichster Ersahiung die dem großen Meister der Sprache.sogar den: Satz m semem Gesuge schwer gemacht hat? Wieviel Demütigung, Verdruß, Kummer und Gram verhüllen unb verraten diese Worte!