• Die Zeit verging im Straßauf-, Straßablaufen, im Spähen nach Vermtetungsschildern, die sehr spärlich an Fenstern und in Vorgärten hingen. Dabei fühlte Gertie immer mehr, daß ihr jede Uebung zu diesem einfachsten aller Lebensvorgänge fehlte, zu diesem Mieten eines Zimmers. Sie wußte sich im Hotel zu benehmen, sie konnte mit dem Kellner verhandeln, gewiß, aber wenn sie einer Vermieterin gegenüberstand, wurde sie rot, als ob sie etwas Unrechtes tun wollte. „Wie falsch bin ich doch erzogen", dachte sie, als sie in ihr Hotel zurückkehrte. Sie K sich einsam, verlassen. Sie setzte sich in ihr Zimmer, starrte in
»ämmerung und hatte Sehnsucht nach einer Hilse, nach Führung. Sie überlegte: soll ich an Queis telephonieren? — soll ich Peter nach Jena drahten? Sie wußte: der eine würde kommen, wie der andere.
Aber dann stand sie plötzlich auf, schaltete das Licht ein, daß es ganz hell im Zimmer war. „Quatsch!" sagte sie laut zu sich selbst, „allein will tch's schassen." Sie fühlte plötzlich, daß sie Hunger hatte, und begriff: Die ganze innere und äußere Schlappheit kam nur aus dem leeren Magen.
So zog sie sich um, ging hinunter in das Hotelrestaurant, studierte mit Sicherheit Speise- und Weinkarte, bestellte und wußte nach dem ersten Bissen und dem ersten Glas Wein: morgen bekommst du deine Wohnung und deine Rolle. Man muß nur wollen: was gehen mich die schlechte Laune vom Direktor und die bleichen Gesichter dieses Herrn Querholz und dieses Fräulein Markert an?
Richtig, es glückte. Um elf Uhr am nächsten Morgen hatte Gertie ihr Zimmer, sogar ein sehr nettes in einer Villa am rechten Jlmufer, Jenaer Straße. Allerdings hatte sie sich hinter den Portier des Prinzenhofs gesteckt, ihn gefragt, ob er etwas wüßte. Er hatte ihr die Adresse genannt: eine Osfizierswitwe, früher sehr wohlhabend, in der Inflation aber hatte sie alles verloren und das Haus war ihr letztes: und um es zu halten, mußte sie vermieten. Das alte Lied.
Als Gertie sagte: „Der Portier vom Prinzenhof hat mir Ihren Namen genannt, gnädige Frau", war die alte Dame sofort bereit, fragte auch gar nicht weiter nach dem Zweck von Gerties Aufenthalt.
Während der Hausdiener des Hotels ihr Gepäck über die Ilm schaffte, ging Gertie wieder ins Goethe-Theater. Diesmal sicherer. Sie drückte die Klinke zum Sekretariat energisch herunter und forderte: „Mein Buch bitte, Herr Querholz, und bann möchte ich eine Karte für heute abend haben."
„Karten müssen schriftlich beantragt werden, Fräulein Rose." „Dann geben Sie mir einen Zettel, damit ich es aufschreiben kann!" Gertie sagte das ziemlich laut denn ihr kam es heute plötzlich töricht vor, daß sie nicht einmal einen Platz in dem Theater haben konnte, an dem sie engagiert war. Und das Laute wirkte: Querholz stand auf: „Ich kann ja ausnahmsweise so fragen", und verschwand hinter der Tapetentür.
So bekam sie nicht nur ihren Platz, sondern Fleischmann ließ sie auch zu sich hineinrufen. Er begrüßte sie lächelnd. „Sie scheinen ja eine energische, kleine Dame zu sein", sagte er, „aber das schadet nichts. Duckmäuser haben es noch nie. vorwärtsgebracht. Also heute abend kommen Sie ins Theater und in der Pause auf die Bühne. Da kann ich Sie gleich mit ein paar Kollegen bekanntmachen. Passen Sie gut auf. Ich will spater ein Urteil über die Vorstellung von Ihnen. Aber ein ungeschminktes, ehrliches, verstehen Sie?"
Gertie nickte.
„Gut denn", fuhr der Dicke fort, „werden Sie sich bis Donnerstag ein Bild der Bebs gemacht haben? Ja? Dann kommen Sie um drei hierher. Ich will vor der Arrangierprobe die Rolle erst einmal mit Ihnen allein durchgehen."
*
Geheimrat Dannegger machte einen feiner Jnfpektionsgänge. Diesmal durch das Motorenwerk. Eigentlich sollten diese Chefbesuche die Abteilungen überraschend treffen. Aber diese Ueberraschung bestand nur in der Ueberjeugung des Herrn Geheimrat selbst, und auch da stand nicht fest, ob er wirklich an sie glaubte, ob er nicht wußte, baß alle seine Ausgänge und Ausfahrten sofort vom Verwaltungsgebäude oder von der Garage telephonisch weiterberichtet wurden.
So stand Werkmeister Krüger bereits empfangsbereit in der Nähe des Eingangs der Halle HI, nachdem er vorher den Arbeitern zugerufen hatte: „Der Alte kommt".
Den meisten war dieser Zuruf höchst gleichgültig. So arbeiteten sie ihren Strich weiter: einer werkte dem anderen zu, tat seinen Griss, seinen Schlag, seine Lötung, seine Drehung wieder und immer wieder, um bann das Werkstück weiterzuschieben zum Nächsten, der den nächsten Griff oder Schlag, die nächste Lötung ober Drehung tat: Arbeit am taufenben Band.
Unb in biefer Arbeitskette stand Peter Weiher, stand» dort feit vierzehn Tagen, Tag um Tag acht Stunden, und setzte, wie seine Arbeltskameraden um ihn her, Schraubenmuttern aus bestimmte Schraubenköpfe unb zog sie fest. Er mußte in ber Stunbe einhunbertunbachzig Schraubenmuttern aufsetzen und festziehen: das war die geforderte Mindestleistung. Er hatte 14 Tage lang täglich achtmal einhunbertachtzig Schraubenmuttern durch seine Hände gehen lassen. Anfangs war das ewige Gleichmaß bitter gewesen, dann hatte ihn eine unendliche Ermüdung gepackt, die einer Gleichgültigkeit gewichen war: jetzt war der Wunsch in ihm: weg von diesen Schrauben hier und nur zehn Schritte weiter nach rechts zu den Leuten, die die Kolben in die Buchsen schoben, ober zehn Schritte nach links, wo bie Zünberkerzen eingepaßt würben.
2(ber zehn schritte links unb zehn Schritte rechts standen gelernte Arbeiter, und er wußte wohl: er war ein ungelernter Arbeiter. Doch er sagte sich: noch ein ungelernter Arbeiter. Denn er lernte, lernte gründlich, bei jeder Schraubenmutter, lernte bie Arbeit ehren: bas war bas eine. Lernte sich selbst beherrschen, bas war bas anbere. Und sah lernend mit offenen Augen durch die Halle. Er hatte jenen rechts unb links schon längst ihre Griffe abgesehen unb nicht nur biefen. Auch benen, bie vor unb hinter ihm arbeiteten. Unb dem Werkmeister unb bem Borarbeiter.
Er wußte: wer hier zum Hanbwerklichen noch ben Kopf mitbringt, ber kann weiterkommen. Nur wollen muß er.
Und Peter Weiher wollte.
An Gertie Rose nach Weimar hatte er geschrieben: „Die erste Lohntüte hat noch nicht dreißig Mark enthalten, denn an der vollen Woche fehlten anderthalb Tage. Aber das Geld hat mir mehr Freude gemacht, als die vierhundert Mark, die ich einstecken konnte, als ich einmal einen Autoverkauf vermittelte. Die paar Kröten in der Tüte, die habe ich mir wirklich selbst verdient, unb nicht leicht verbient, bas können Sie mir glauben. Ich habe manchmal seh an Sie unb Ihre Mahnung denken müssen, damit ich den Krempel nicht hinwarf. Hier hat mir keiner geholfen, unb bas war nur gut so. Allein beißt man sich am besten burch. Sie werben es in Weimar auch noch kennenlernen..."
Peter Weiher war einer von ben wenigen, die auf ben Ruf „Der Alte kommtl" aufhorchten. Ob sich Dannegger wohl noch seiner entsann? Ein paarmal roanbte er ben Kopf, blickte nach bem Eingang. Aber ba kam schon bie Mahnung seines Nachbarn: „Was wachste denn heute? Denkste, ich will auf dich warten?"
Hundertachtzig Schraubenmuttern in der Stunde. Da blieb keine Zeit, an Dannegger zu denken und nach dem Eingang zu sehen.
Dann schob sich eine Gruppe an seinem Blickfeld vorbei: Der Geheimrat, begleitet vorn leitenden Ingenieur und von noch zwei Herren, gefolgt vom Werkmeister Krüger. Ganz langsam ging die Gruppe: nach allen Seiten sah der Chef, blieb hier stehen und dort, sprach mit diesem Arbeiter und mit jenem. Einmal glaubte Peter: jetzt kommt er auf mich zu, aber es war ein Irrtum. Nur daß ber Nachbar wieder schalt: „Laß dich doch nicht burch ben Ollen stören.
Am Hallenausgang aber blieb Dannegger stehen unb winkte sich den Werkmeister heran. „Hören Sie mal, Krüger, ich habe Ihnen ba boch neulich einen Arbeiter zugeschickt, Weiher heißt er unb arbeitet in ber Schraubenabteilung; brüben am Band 6 im Gang D. Ich habe ihn da eben gesehen. Wie macht der sich denn?"
Der Meister mußte einen Augenblick nachdenken, er sah in die Halle zurück, hinüber zum Gang D unb zum Band 6. Dann nickte er plötzlich: „Ach ben Peter meinen Herr Geheimrat. Das ist ein orbentlicher Kerl. Ein bißchen feine Finger hat er anfangs gehabt, aber bas hat sich schon gegeben. Und so seine eigenen Jbeen hat er manchmal, als ob er ben Betrieb verbessern will."
Dannegger stutzte: „Was heißt das? Will er etwa politisch..."
Sofort fiel der Meister ein: „Nein doch, Herr Geheimrat: nicht doch politisch. Hier im Betrieb, technisch, möchf ich fast sagen. Bringt er sich am dritten Tag zum Beispiel ein Stück blaues Zeugs mit und näht sich vor Arbeitsbeginn eine Tasche vorn auf feine Arbeitsschürze unb stopft bie voll Schraubenmuttern. Na, bie Muttern lagen bisher boch auch ganz bequem, aber er erklärt mir: .Ein Griff weniger, Meister? Na, dagegen konnte ich nichts sagen. Aber der Erfolg ist, daß alle am Band 6 solche Taschen auf die Schürze haben wollten. Bloß nähten sie sich's nicht selber."
„So!" sagte Dannegger unb sah nun auch auf Gang D zurück. „Hat er noch etwas gewollt?"
„Gewiß, Herr Geheimrat. Er behauptet, bie Laufbahn müßte mindestens fünf Zentimeter hoher gelegt werden: sie ständen alle piel zu krumm in der Schraubenabteilung. Aber das ist natürlich Unfinn? mir arbeiten doch überall an neunzig Zentimeter Tischhöhe: das ist doch das erprobte Maß."
Jetzt geschah etwas Merkwürdiges, was in den Werken sehr selten vorkam: Der Chef kehrt« noch einmal um unb ging zum Gang D zurück. Dort ftanb er eine ganze Weile still beobachtenb, währenb vor ihm bie Arbeit lief. Schließlich winkte er sich ben leitenben Ingenieur heran. „Wissen Sie, baß biefer neue Arbeiter recht hat? Recht mit seinen Taschen und recht mit seiner Arbeitshöhe? Machen Sie morgen einen Vorschlag, wie wir, ohne bie Arbeit zu unterbrechen, hier bie Laufbahn heben können." .
Er nickte bem Werkmeister zu unb verließ bie Halle.
Ein paar Tage später lag ein neuer Antrag bes Motorenwerkes auf bem breiten Schreibtisch Sanneggers. Diesmal hcmbelte es sich um Verbesserungen ber Beleuchtungsanlagen. Der Geheimrat las ihn burch, los ihn noch einmal, schüttelte den Kopf: fünf Jahre hatte bie Beleuchtung im Motorenwerk boch genügt, warum jetzt plötzlich dieser Antrag, ber viel Geld verschlang. Er hob den Hörer vom Fernsprecher und bestellte sich den leitenden Ingenieur. Der konnte nicht viel hinzusügen: der Wunsch sei von der Belegschaft ausgegangen, der Werkmeister hätte ihn unterstützt, und bie Prüfung hätte ergeben, baß bie Anlage wirklich verbesserungsfähig sei.
„Der Antrag enthält ganz bestimmte Vorschläge', sagte Dannegger. „Haben Sie diese ausgearbeitet?"
„Rein, Herr Geheimrat, biese Vorschläge sinb von ber Belegschaft über ben Betriebsrat vorgelegt worben."
„Rachbem fünf Jahre sich keiner barum gekümmert hat? Merkwürbig.
„Ich habe mich auch gerounbert, Herr Geheichrat." —
Nun ließ sich Dannegger ben Werkmeister kommen. Der Alte war über fünsundfünfzlg Jahre in ber Firma, aber ben Weg ins Verwol- tungsgebäube machie er nicht gern. So stieg er auch biesma!_bcforgt bie breiten Treppen hinauf, machte mit Brägels erst noch ein «chwätzchen, ehe er sich melden ließ, wollte wissen, was für Laune her Geheimrat habe, wer schon im Vortragszimmer gewesen sei unb ob Brägels nicht wisse, um was es sich heute bei ihm handeln könne. Es tat ihm wohl, das Ungewisse noch ein wenig hinausschieben zu können, und war es auch nur für Minuten.
Aber bann ftanb er boch, bie Mütze in ben Händen brehend, vor seinem Chef und hörte dessen Frage: „Was ist das mit dem neuen Antrag aus Halle III, unb wie ist er zustanbe gekommen?"
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Brühl'sche Univ ersitätS-'Luch» und Steindruckekei.R. Lange. Gießen.


