GietzenerKmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1931 Montag, den 12.Januar Nummer 4
Das Mühlrad.
Volksweise.
Dort droben auf dem hohen Berge
Da stehet ein prächtiges Haus, Da schauen drei schöne Jungfräulein Des Abends und Morgens heraus.
Die eine die heißt Sufanna,
Die andre Bernharte allein, Die dritte, die will ich mir nehmen. Die soll es mein eigen sein.
Dort drunten im tiefen Tale, Da treibet das Wasser das Rad, Da mahlt man nichts als wie Liebe, Da mahlt man früh und spat.
Das Mühlrad, das ist zerbrochen. So hat nun die Lieb ein End;
Und wenn sich zwei Herzlieb tun scheiden. So geben sich beide die Händ.
Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden, Wer hat sich das Scheiden erdacht? Es hat sich ein frisch junges Mädchen Das Scheiden mit Tränen erdacht.
Pole Poppenspäler.
Erzählung von Theodor Storm.
Ich hatte in meiner Jugend einige Fertigkeit im Drechseln und beschäftigte mich sogar wohl etwas mehr damit, als meinen gelehrten Studien zuträglich war; wenigstens geschah es, daß mich eines Tages der Subrektor bei Rückgabe eines nicht eben fehlerlosen Exerzitiums seltsamerweise fragte, ob ich vielleicht wieder eine Nähschraube zu meiner Schwester Geburtstag gedrechselt hätte. Solche kleine Nachteile wurden indessen mehr als ausgewogen durch die Bekanntschaft mit einem trefflichen Manne, die mir infolge jener Beschäftigung zuteil wurde. Dieser Mann war der Kunstdrechsler und Mechanikus Paul Paulsen, auch deputierter Bürger unserer Stadt. Auf die Bitte meines Vaters, der für alles, was er mich unternehmen sah, eine gewisse Gründlichkeit forderte, verstand er sich dazu, mir die für meine kleine Arbeiten erforderlichen Handgriffe beizubringen.
Paulsen besaß mannigfache Kenntnisse und war dabei nicht nur von anerkannter Tüchtigkeit in seinem eigenen Handwerk, sondern er hatte auch eine Einsicht in die künftige Entwicklung der Gewerke überhaupt, so daß bei manchem, was jetzt als neue Wahrheit verkündigt wird, mir plötzlich einfällt: das hat dein alter Paulsen ja schon vor vierzig Jahren gesagt. — Es gelang mir bald, seine Zuneigung zu erwerben, und er sah es gern, wenn ich noch außer den festgesetzten Stunden am Feierabend einmal zu ihm kam. Dann saßen wir entweder in der Werkstatt oder sommers — denn unser Verkehr hat jahrelang gedauert — aus der Bank unter der großen Linde seines Gärtchens. In den Gesprächen, die wir dabei führten, ober vielmehr welche mein älterer Freund dabei mit mir führte, lernte ich Dinge kennen und auf Dinge meine Gedanken richten, von denen, so wichtig sie im Leben sind, ich später selbst in meinen Primaner-Schulbüchern keine Spur gefunden habe.
Paulsen war seiner Abkunft nach ein Friese und der Charakter dieses Volksstammes aufs schönste in seinem Antlitz ausgeprägt; unter dem schlichten, blonden Haar die denkende Stirn und die blauen, sinnenden Augen; dabei hatte, vom Vater ererbt, seine Stimme noch etwas von dem weichen Gesang seiner Heimatsprache.
Die Frau dieses nordischen Mannes war braun und von zartem Gliederbau, ihre Sprache von unverkennbar süddeutschem Klange. Meine Mutter pflegte von ihr zu sagen, ihre schwarzen Augen könnten einen See ausbrennen, in ihrer Jugend aber fei sie von seltener Anmut gewesen. — Trotz der silbernen Fädchen, die schon ihr Haar durchzogen, war auch jetzt die Lieblichkeit dieser Züge noch nicht verschwunden, und das der Jugend angeborene Gefühl für Schönheit veranlaßte mich bald, ihr, wo ich immer konnte, mit kleinen Diensten und Gefälligkeiten an die Hand zu gehen.
„Da schau 'mir nur das Buberl", sagte sie dann wohl zu ihrem Mann; „wirst doch nit eifersüchtig werden, Paul?"
Dann lächelte Paul. Und aus ihren Scherzworten und aus feinem Lächeln sprach das Bewußtsein innigsten Zusammengehörens.
Sie hatten außer einem Sohne, der damals in der Fremde war, keine Kinder, und vielleicht war ich den beiden zuM Teil deshalb so willkommen, zumal Frau Paulsen mir wiederholt versicherte, ich habe grab’ ein so lustig's Raserl wie ihr Joseph. Nicht verschweigen will ich,
daß letztere auch eine mir sehr zusagende, in unserer Stadt aber sonst ganz unbekannte Mehlspeise zu bereiten verstand und auch nicht unter- ließ, mich dann und wann darauf zu Gaste zu bitten. — So waren denn dort der Anziehungskräfte für mich genug. Von meinem Vater aber wurde mein Verkehr in dem tüchtigen Bürgerhause gern gesehen. „Sorge nur, daß du nicht lästig fällst!" war das einzige, woran er in dieser Beziehung zuweilen mich erinnerte. Ich glaube indessen nicht, daß ich meinen Freunden je zu oft gekommen bin.
Da geschah es eines Tages, daß in meinem elterlichen Haufe einem alten Herrn aus unserer Stadt das neueste und wirklich ziemlich gelungene Werk meiner Hände vorgezeigt wurde.
Als dieser seine Bewunderung zu erkennen gab, bemerkte mein Vater dagegen, daß ich ja aber auch schon seit fast einem Jahre bei Meister Paulsen in der Lehre sei.
„So, so", erwiderte der alte Herr; „bei Pole Poppenspäler!"
Ich hatte nie gehört, daß mein Freund einen solchen Beinamen füljre, und fragte, vielleicht ein wenig naseweis, was das bedeuten solle.
Aber der alte Herr lächelte nur ganz hinterhältig und wollte kein« weitere Auskunft geben. —
Zum kommenden Sonntag war ich von den Paulfenfchen Eheleuten auf den Abend eingeladen, um ihnen ihren Hochzeitstag feiern zu helfen. Es war im Spätsommer, und da ich mich frühzeitig auf den Weg ge« macht und die Hausfrau noch in der Küche zu wirtschaften hatte, so ging Paulsen mit mir in den Garten, wo wir uns zusammen unter der großen Cinbe auf die Bank setzten. Mir war das „Pole Poppenspäler" wieder eingefallen, und es ging mir so im Kopf herum, daß ich kaum auf feine Reben Antwort gab; endlich, da er mich fast ein wenig ernst wegen meiner Zerstreuung zurcchtgewiesen hatte, fragte ich ihn geradezu, was jener Beiname zu bedeuten habe.
Er wurde sehr zornig. „Wer hat dich das dumme Wort gelehrt?" rief er, indem er von feinem Sitze aufsprang. Aber bevor ich noch zu antworten vermochte, saß er schon wieder neben mir. „Laß, laß!" sagte er sich besinnend; „es bedeutend ja eigentlich das beste, was das Leben mir gegeben hat. — Ich will es dir erzählen; wir haben wohl noch Zeit dazu. —
„In diesem Haus und Garten bin ich ausgewachsen, meine braven Eltern wohnten hier, und hoffentlich wird einst mein Sohn hier wohnen! — Daß ich ein Knabe war, ist nun schon lange her; aber gewisse Dinge aus jener Zeit stehen noch, wie mit farbigem Stift gezeichnet, vor meinen Augen.
Neben unserer Haustür stand damals eine kleine, weiße Bank mit grünen Stäben in den Rück- und Seitenlehnen, von der man nach der einen Seite die lange Straße hinab bis an die Kirche, nach der anderen aus der Stadt hinaus bis in die Felber sehen konnte. An Sommer- abenben saßen meine Eltern hier, ber Ruhe nach ber Arbeit pflegenb; in den Stunden vorher aber pflegte ich sie in Beschlag zu nehmen und hier in ber freien Lust unb unter erquidenbem Ausblick nach Ost unb West meine Schularbeit anzufertigen.
So saß ich auch eines Nachmittags — ich weiß noch gar wohl, es war im September, eben nach unserem Michaelis-Jahrmarkte — und schrieb für den Rechenmeister meine Algebra-Exempel auf die Tafel, als ich unten van der Straße ein seltsames Gefährt heraufkommen sah. Es war ein zweirädriger Starren, ber von einem kleinen, rauhen Pferde gezogen wurde. Zwischen zwei ziemlich hohen Kisten, mit denen er beladen war, saß eine große, blonde Frau mit steifen, hölzernen Gesichtszügen unb ein etwa neunjähriges Mädchen, bas sein schwarzhaariges Köpfchen lebhaft von einer Seite nach ber anberen drehte; nebenher ging, den Zügel in der Hand, ein kleiner, lustig blickender Mann, dem unter seiner grünen Schirmmütze die kurzen, schwarzen Haare wie Spieße vom Kopfe abstanden.
So, unter dem Gebimmel eines Glöckchens, das unter dem Halse des Pferdes hing, kamen heran. Als sie die Straße vor unserem Hause erreicht hatten, machte der Karren halt. ,Du Bub’, rief die Frau zu mir herüber; ,wo ist denn die Schneiderherberg’?"
Mein Griffel hatte schon lange geruht; nun sprang ich eilfertig auf unb trat an ben Wagen. ,Jhr feib grab’ davor’, sagte ich unb wies auf das alte Haus mit der viereckig geschorenen Linde, das, wie du weißt, noch jetzt hier gegenüber liegt.
Das feine Dirnchen war zwischen den Kisten aufgeftanben, streckte das Köpfchen aus ber Kapuze ihres verschossenen Mäntelchens unb sah mit ihren großen Augen auf mich herab; ber Mann aber, mit einem .Sitz ruhig, Dienbll' und .Schönen Dank, Bub!’ peitschte auf den kleinen Gaul unb fuhr vor die Tür des bezeichneten Hauses, aus dem auch schon der dicke Herdergswater in feiner grünen Schürze ihm entgegentrat.
Daß die Ankömmlinge nicht zu den zunstberechtigten Gästen des Hauses gehörten,, mußte mir freilich klar fein; aber es pflegten dort — was mir jetzt, wenn ich es bedenke, mit der Reputation des wohlehrfamen Handwerks sich keineswegs reimen will — auch andere, mir viel angenehmere Leute einzukehren. Droben im zweiten Stock, wo noch heute statt


