Knecht säst ohne Unterbrechung bis zum Abend, infoches Nachtessen zubereitete. Aber es war ein
wo er sich selbst ein einfaches Nachtessen zubereitete. Aber es war ein Wunder, wie wohl er sich bei dieser Lebensweise suhlte, und wie gut sie ihm bekam. Seine Haut wurde kupserbraun wie bei einem Indianer, seine Bewegungen sicherer, der Blick ruhig und sest. ,,°u
wirst auf deine alten Tage ein schöner Mann", staunte die Schwester, „wirklich, alle Mädchen würden sich in dich verlieben, wenn sic dich nur
ganz ungemein. .... <
Es folgte ein Sommer, wie ihn Heinrich so arbeitsreich, aber auch so voll innerster Befriedigung noch nie erlebt hatte. Er stand früh auf unt) cirbcitcti? tüte ein nkn,i iiniörhrffhittiA hiA juhi zJhpn n.
nachqeben. , , . f .
, Ein eigenartiger Mensch", dachte er aus dem Heimweg, „sehr sgm- pathisch, aber er scheint sich eine ganz ungewöhnliche Kindlichkeit des Geistes bewahrt zu haben." Und er schüttelte den Kopf. Aber wie sollte ein alter «Pfarrer, der in so viele Menschenherzen hineingesehen hat, sich lange beim Kopfschütteln auf halten? Auch er kam keineswegs auf Den Verdacht, dah er dem Weihnachtsmann bei der Anlegung feines Gartens behilflich gewesen war. . „ , „
Heinrich aber dachte: „Es ist doch merkwürdig, wie weltensern allen anderen Menschen der Gedanke liegt, der mir doch so selbstverständlich und einleuchtend war!"
Und er schüttelte seinerseits den Kops über die anderen.
Etwas bänglich klapste sein Herz, als er nach langer Heimlichtuerei endlich seine Schwester und seinen Ressen vor das Häuschen führte. Aber die Schwester hatte es schon lange aufgegeben, sich über ihren Bruder zu wundern, und war dazu übergegangen, ihn einfach zu lieben. So sand sie auch das Häuschen mit allem Drum und Dran ganz herrlich und eines Eigentümers würdig und überschüttete ihn mit Lob.
Aber Rudi? Würde er seine eigene Geistesschopsung nicht wiedererkennen? — O bewahre, das Häuschen vom Weihnachtsmann war im Himmel, und dies hier gehörte seinem Onkel Heinrich. „Ganz blau! war das erste, was er anerkennend sagte, und bann betrachtete er sehr eingehend die Bilderwerke. Es wunderte ihn nicht einen Augenblick, dah sich hier ein erwachsener Mann sein Haus mit lauter Spielzeug und Süßigkeiten verzierte, — zwar die meisten Großen wußten nicht, was schön und erstrebenswert im Leben war, gaben sich tagaus, tagein mit Dingen ab, die wirklich niemand den geringsten Spaß machen konnten. Aber es mochte als Ausnahme ja auch einmal vernünftige Erwachsene geben. Sein Onkel war entschieden vernünftig, dies Häuschen gefiel ihm
zu sehen kriegten."
Ach, laß doch die Liebe!" brummte der Bruder, „es ist gerade so schon 1C* Er'liebte seine Einsamkeit, er brauchte die Menschen nicht und sah auch fast niemand. Nur Rudi kam oft klein und einsam zu ihm über den «Berg gewandert, ein Rucksäckchen auf dem Rücken, in welchem er allerhand trug, was er im Auftrage des Onkels in der Stadt besorgt hatte. Dadurch ersparte er ihm manchen zeitraubenden Weg. Und bann arbeiteten sie ftunbenlang miteinanber, Rubi mit seinen kleinen Gartengeräten, ber Onkel mit feinen großen, wortkarg, wie richtige Manner.
Wenn sie aber bann nach vollbrachtem Tagewerk frieblich kauend aus dem «Rand der jetzt in Stein gefaßten Quelle saßen, bann öffneten sie beibe weit bie Tore ihres Herzens, ließen frei und luft-g alle bunten Träume herausfliegen, und bie Phantasie bes Onkels stand, was Kindlichkeit und Kühnheit anbetraf, hinter ber bes Neffen duriyaus nicht zurück. Er gab sich keine Mühe, ihn zu verstehen, er ließ sich nicht herab, keineswegs, sondern bies war ganz einfach bie Art von Unterhaltung, bie ihm natürlich und gemäß war. Unb fast mit Beschämung dachte er an früh» e gesellige Unternehmungen zurück,, du lieber Gott, was hatte man da oft für dummes Zeug geredet, über Dinge, die einen auf ber weiten Welt nichts angingen, b«oß. weil eben geredet werden mußte. Hier aber herrschte Wahrheit und Wesenhaftigkeit.
Und wieder lauschte er den einfältig weifen Worten seines kleinen Neffen, beffen lautere Silberftimme sich fo glücklich mit den glucksenden Tönen ber Quelle vereinigte. Ernst sah er ihm in bie blauen Augen, bann wieder auf bie immer gleichgeschwungene, ferne, blaue Bergkette unb anroortete bem Kinde aus feinen innersten Herzenstiesen heraus.
(Fortsetzung folgt.)
©er Weihnachtsmann.
Erzählung von Marie Hensel.
(Fortsetzung.!
Das Schickfal war ihm günstig unb schenkte ihm noch im Winter ein Stückchen Lanb, wie er sich schöner keines hätte erbichten können. Es war eine Walbwiefe, eine kleine Stunde von der Stadt entfernt, und völlig weltabgefchieben, weshalb auch ber Besitzer feinen befenberen Wert daraus gelegt hatte. Sie war rings von dunklen Tannen umgeben (welch ein Glück, daß es gerade Tannen waren!) unb senkte sich etwas nach Süden. Auf dieser Seite sah man über bie Tannenspitzen hinweg aus eine wundervoll geschwungene Bergkette. Ein paar alte Obstbäume waren schon vorhanden und sogar eine Quelle.
Noch während des Winters besuchte er sortwährend sein Land, ging in Schmutz, Wind und Wetter daraus spazieren und verliebte sich in jegliches Ding: in die absonderlich geschwollenen Formen seiner schlecht gepflegten alten Apfelbäume, und vor allem in bas, was sich nicht greifen tiefe: die Stille, die Größe, das Weltverlorene, bas mit diesem Stückchen Land auch ihm gehörte, ober besser, bem er nun angehörte. Heimat, Heimat! tönte es'in ihm, währenb er langsam auf feinem Boden hin und her wanderte. Noch nie war er irgendwo zu Haufe gewesen, außer in ferner Kindheit, und da wußte er nicht, was es war. Nun hatte die Heimatlosigkeit ein Ende.
Im Frühling erwuchs dann mit überraschender Schnelligkeit sein Häuschen. Es war wirklich blau, ein prachtvolles, unerschrockenes Blau, wie ein Stückchen herabgefallener Sommerhimmel. Etwas dunkler blau waren die Balken des Fachwerkes, etwas heller bie Felder, in welche, wie in jener Gegend üblich, allerhand Bildwerke weiß eingekratzt waren. Bei der Oberflächlichkeit des burchfchnilllichen Beschauers brauchte er nicht zu fürchten, von diesen Bildern verraten zu werden. (Es kam ja auch so selten jemand vorbei.) Freilich, ein etwas nachdenklicher Spaziergänger hätte am Ende doch den Kops geschüttelt. Da war zu sehen: ein Weihnachtsbäumchen, ein Zweig mit Aepfeln, ein Stern, eine Rute, ein Ball, ein Hampelmann, ein Honigkuchen mit Mandeln — ja sogar ein {[einer Engel mit einem Palmzweig und einem unmöglich häßlich geratenen Gesichtchen war da, und über ber Tür hatte er sich nicht enthalten können, einen kleinen, langbärtigen Monn mit hoher Mütze unb Stock anbringen zu lassen. Ein bieberer Handwerker, übrigens aus einem entlegenen Dorf, hatte bies alles nach bestem Vermögen schlecht unb recht auf die Wände gekratzt, so wie man es ihn geheißen hatte. Er machte sich keinerlei Gedanken, — es gab ja so unendlich viel verrückte Städter!
Innen war ber Raum — denn bas Häuschen bestand nur aus einem .einzigen «Raum — bis zur Schulterhöhe mit Holz verkleidet, darüber waren die Wände ebenfalls blau, und auf das Blau hatte er in einer befonberen, von ihm erfundenen Schoblonierung allerhand nicht recht bestimmbare Formen unb Linien angebracht, alles in weiß. Man wußte nicht, waren es weiße Vögel ober Schmetterlinge oder große Schneeflocken. Immer glaubte man etwas zu erkennen und konnte doch nie eine bestimmte Form soffen. Unb fo blieb bie «Phantasie bes aufmerksamen Beschauers in reizvoller Spannung, und wer träumend hier verweilte, wurde durch nichts von den inneren Gesichten abgelenkt. Es war in solcher Stimmung nur ein allgemeines Flirren, Glänzen und Schweben, blau unb weiß, wie bie Wunder eines sonnigen Rauhreistages.
Im übrigen enthielt ber «Raum bas, was eben notwendig war, alles so einfach und sinnvoll wie möglich, fo daß der Eintretende sofort von wohltuender Ruhe und behaglicher Sicherheit erfüllt wurde. Den Mittelpunkt bildete ein gewaltiger grüner Kachelherd, bem man sofort bus beste Zutrauen entgegenbringen mußte: er war dem kältesten Wintertage gewachsen Auch der Ofensetzer hätte sich billig verwundern können, daß Heinrich, der doch sonst ein unverwöhnter Monn zu sein schien, eine Backvorrichtung verlangte wie für ein Schloß. Die Ofenröhre mußte übertrieben groß fein, vier Bleche mußten gleichzeitig darin backen können! Du lieber Gott, dachte ber Ofensetzer, will er sich benn an kleinen Kuchen zu Tobe essen? Hat er vielleicht barum die Stabt verlassen, um mitten in ber «Waldeinsamkeit bem Laster besser sröhnen zu können? — Doch erregten ihn diese Fragen nicht allzusehr, und da er ein wortkarger «Mann war, wie viele Ofensetzer, erfuhr niemand etwas von seinem |elt|amen ^Sonft stand da noch ein gewaltiger Tisch in ber Ecke, bahinier eine Bank mit Polstern belegt, auf ber er bes Nachts auch schlief, nut einem uralten Bärenfell zugebeckt, bas schon in seiner Kindheit eine hervorragende Rolle gespielt hotte. Der bumpfige tzellgeruch trug ihm vor bem Einschlafen allerhanb «Silber aus entlegenen Kinberzeiten zu und schaffte ihm gute Träume. ... ,
Ach, bie erste Nacht in seinem blauen Häuschen, bas erste wohlige Einschlafen unter bem brauneu Fell, bas erste märchenhafte allmähliche Erwachen, — wie seine Augen erst ein wenig stierten und irrten und es dann wie ein Blitz in sein Bewußtsein zündete: Ich bin bei mir!
Fast fieberhast zog er sich an, — nicht viel, er war ja so herrlich allein, — öffnete die Türe, unb nun, bie reine, unentbehrliche Morgenluft, bie ihn umspülte, bie blauen fernen Berge, die nahen Tannen mit den vielen braunen Zapfen unb die Aussicht, daß es so lag für Tag fein sollte, wenn er Lust hatte, bis an sein Lebensende! Immer dieser große stille Anblick, nur in immer wechselnden Verklärungen, — Frühling, Sommer, Herbst unb Winter, — seine «Brust hob sich in einem fast bebrängenbem Gefühl von Dankbarkeit, baß ihm fo viel Glück geschenkt würde, gerade ihm und gerade jetzt, wo so viel Leid auf anderen lastete. Lange stand er wie sest gewurzelt aus seiner Echivelle.
Dann kehrte er um, und es begann ein sehr arbeitsreicher, aber auch sehr reizvoller Tag, mit erstem Feuerwachen, erstem Haferbrei — bann Drbnen Räumen, Kramen, Hämmern, bis am Abend jedes Ding an een geeignetsten Platz gelangt war. 'Mit drei Schritten konnte er seine gesamte irdi che Habe erreichen, dies Zusammengedrangtsein aller Lebens- notwenbigkeiten befriebigte ihn tief. Kein Laufen, Türöffnen unb Treppensteigen, — nur wenn er in den Keller wollte, mußte er eine Kloppe
im Fußboden öffnen unb ein paar Stufen hinuntersteigen. Dort unten sollten neben Kartoffeln und Wintergemüfen feine Aepsel unb Nüsfe bem großen Fest entgegenfdjlafen. . , ..
Ja, es war gut in seinem Häuschen unb wurde immer noch besser werben. In langen, stillen Abenbstunben würde er freundliche Hausgeister bannen unb anfiebeln, würbe es ihnen heimisch machen, woraus er sich verstand, unb sie würben ihm dankbar sein unb ihrerseits wohltätig die Hütte durchgeistern. liefbefriebigt kroch er unter sein Varensell. Am nächsten Morgen sollte bie Arbeit im Freien beginnen.
Ein alter Pfarrer, der leidenschaftlicher Obstzüchter war, leitete seine ersten Schritte. Er hatte Freude an seinem Schüler, — Heinrich besaß viel Geschicklichkeit und praktischen Sinn, auch schon einige gelegentlich gesammelte Erfahrungen. Vor allem aber hatte er jene gefühlsmäßige, ahnungsvolle, sozusagen mütterliche Wesenheit, die immer gleich fpurt, was Mensch, Vieh oder Pflanze braucht, um zu gedeihen.
Eine ernstere Meinungsverschiedenheit gab es nur einmal ganz im Ansang, als man über die zu pflanzenden Obstsorten beriet. — Heinrich zeigte dabei ganz merkwürdige, fast kindliche Gesichtspunkte. Rote Aepsel wollte er haben, rote, möglichst blanke Aepsel, und war durch nichts von den Vorzügen der Grauen «Renette, des Grünen Richard zu überzeugen, bie ihm der «Pfarrer fo eindringlich anpries. Nein, rote, glänzende Slcpfel, allenfalls noch gelb mit roten Backen. Auch mit den Nüssen konnten sie sich nicht recht einigen. Es sei unrentabel, meinte ber Pfarrer, so entsetzlich viele Walnußdoume zu pflanzen unb überall Haselnußhecken anzulegen. Was er denn mit all ben Nüssen wollte?
„Ich esse sie leidenschaftlich gern", sagte Heinrich errötend, „und dann wissen sie, die Bauernkinder werden mir ja doch das meiste wegstehlen!
Zweifelnd sah der «Alle ihm ins Gesicht, mußte aber doch schließlich


