GietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
)rhrgang!93I Freitag, den y. Dezember Nummer 97
Es war mal im Dezember ...
Schlesisches Volkslied.
Es war mal im Dezember, da spielten einmal fein
Zwei Brüder und ein Schwesterlein in ihrem Stübchen klein.
Und wie sie also spielen, da klopft es draußen an, Und in das Stüblein poltert ein Ungetüm von Mann.
Der war auf seinem Leibe rauh wie «in wilder Bär, Auch brummte er so grimmig, als ob er einer wär'.
„Nun Kinder, laßt mich hören: Seid ihr auch fromm und gut?
So betet her ein Sprüchlein, sonst schlag' ich mit der Nut'."
Die Kinder aber beten, so fromm, wie sich's gebührt, Und haben mit ihrem Sprüchlein den rauhen Mann gerührt.
Dann plötzlich hagelt's Nüsse und Aepfel um sie her. Den Brummbär aber sahen die Kinderchen nicht mehr.
Wunschzettel zu Weihnachten.
Von Polly T i e ck.
(Nachdruck verboten.)
Haben Sie auch, als Sie noch ein kleines Mädchen, gegebenenfalls ein kleiner Junge waren, stets einen Wunschzettel zu Weihnachten ge- gtrieben, einen Wunschzettel, auf dem alle Träume, alle Sehnsüchte, alle comente jähen Verlangens, schön untereinander und mit Stummem versehen, ausgeschrieben waren? Ich schreibe Wunschzettel, seit ich überhaupt schreiben kann, vorher habe ich sie unserem Mädchen diktiert, unserer, guten, mütterlichen Luise, die wir immer „Isa" nannten — aber seitdem ich einmal — ich muß 5 Jahre gewesen sein —, gemerkt habe, daß Isa die Wünsche, die ihr zu teuer, zu töricht, zu unpraktisch erschienen, einfach wcgiieß oder durch schlichtere Wünsche ersetzte, seither wurde ich mißtrauisch und bemühte m.ch, möglichst schnell selbst schreiben zu lernen. Denn wenn man sich ein Karussell für die großen Puppen wünscht und bekommt statt dessen wollene Söckchen, so ist das gemeiner und unüberwindlicher Verrat. Seit ich selbst schreiben konnte, hielt ich streng darauf, daß ich die numerierte Anzahl meiner Wünsche von Jahr zu Jahr vermehrte, niemals aber kleiner wurde. Hatte ich vorigen Weihnachten 15 Wünsche zusammen und war in diesigem mein gieriges Herz schon beim 12. Wunsche stille, so ruhte ich nicht, bis ich, Federhalter kauend und meine Sehnsüchte grübelnd, die Zahl 15 zum mindesten erreicht, besser aber überschritten hatte.
Sagen Sie bitte, finden Sie, daß zwischen dem Wunschzettel dieses kleinen Mädchens und dem, was der erwachsene Mensch vor Weihnachten fühlt hofft begehrt, irgendein Unterschied ist? Mir geht es wenigstens so daß eine ziemlich kindliche Unruhe mich ergreift, wenn die erste Dezemberwoche verstrichen ist und wenn ich den ersten verfrühten Weih- nachtsbaum auf dein Platz vor meinem Hause stehen sehe, werde ich vollends toll. Es wird Weihnachten, denke ich mit einem Gefühl sanftesten Glückes das heißt, daß ein Ast vom Baume anbrennt und die ganze Stube mit unfäg'ich zärtlichem Duft erfüllt, daß man plötzlich an Süßigkeiten Gefallen f.ndet, die man sonst das ganze Jahr nicht anruhren würde daß man mit der schweren und brennenden Frage: „Karpfen oder ©ans’" sich schlaflos wälzt und daß Wünsche nach allen möglichen Dingen, die man bisher niemals vermißte, in einem erwachen und zu brennendster Aktualität wachsen.
Kommen Sie her, und lassen Sie uns unseren Wunschzettel schreiben, wie wir es, Federhalter kauend, als Kinder am Arbeitspult getan haben. Ach wir sind auch heute noch nicht vernünftiger geworden, wir wünschen uns' immer noch keine wollenen Söckchen, und vielleicht ist das Puppenkarussell immer noch unser höchster Wunsch. Wir machten diefts Jahr so gerne einmal etwas ganz, ganz anderes Haden, etwas gar nicht praktisches etwas göttlich Unnötiges, etwas, wovon mir uor fünf Minuten noch nicht ahnten, wie dringend wir es brauchen! Wir mochten einmal keine Handschuhe, keine seidenen Strümpfe, kein Konfekt unö (eine Taschentücher haben, und wir bitten unteren Mann unseren Gefährten, unseren Freund so recht von Herzen, seine Phantasie dieses ^ahr e>n wenig mehr anzustrengen, als er es sonst zu tun gewohnt ist Wir möchten zum Beispiel einen ganz riesigen Flakon Eau de Cologne d’Orsay haben und dazu eine Flasche „Narcisse noire , um jenen rein
lichen und diesen komplizierten Duft aufs anziehendste für uns zu mischen. Wir möchten einmal ein ganz unsinnig großes Blumenarrangement be- komtnen und möchten einmal nicht hören, baß man das viele Geld nicht für die Blumen auegegeben, sondern uns dafür eine neue, eine geradezu überraschend neue Einführung in die Philosophie zugedacht habe. Wir sind sehr für Philosophie, aber wir denken an die gestickten roten Pantöffelchen in dem alten Japangeschäft und schlucken tapfer eine Träne herunter. Wir wollen nicht die Anspruchsvolle spielen, denn schließlich ist es ziemlich gleichgültig, ob wir btefe Dinge besitzen ober nicht. Wir sind ja doch nie so angezogen, daß wir wirklich wunschlos wären. Nur ein» möchte ich dem Manne sagen, der eine Frau zu beschenken hat, ich möchte ihn bitten: Versetze dich für die Stunden deiner Weihnachtseinkäufe einmal in das Gehirn einer Frau! Es sieht dort nicht sehr ordentlich aus, aber wenn du sie liebst, wirst du dich schon zurecht finben! Vor allem schenke ich bas nicht, was du dir wünschst! Bringe ihr keinen Radioapparat, weil du auf das Hören versessen bist, und schenke ihr keine Stehlampe, weil du beim abendlichen Zusammensein die gemütliche Beleuchtung vermißt! Schenke ihr keine „guten" Bücher, wenn sie Kriminalromane lesen will, denn durch Geschenke sollst du nicht erziehen, sondern erfreuen. Eine kleine Frau erzählte mir einmal von den ersten Weih» nachtsgeschenken, die ihr Freund, damals noch ein armer, kleiner Geiger, ihr brachte, als er nur noch 10 Mark in der Tasche hatte: Er brachte ihr einen alten Familienring seiner Großmutter, eine Kokosnuß und die letzte Nummer eine Modezeitschrift und ein kleines Notizbuch, in dem alle Daten aufgezeichnet waren, die sie zusammen verbanden. Lieder Mann, lieber Gatte, Gefährte oder Freund, schenke nach den krausen Wünschen, die die Frau beherrschen, und glaube mir, daß nur blindes Gefühl, nie aber die lleberlegung, was „nützlich" fei, und was sie „brauche , dich' das Richtige wählen läßt.
Aber ich will nicht vergessen, daß Weihnachten nicht nur heißt: „bekommen", sondern auch „schenken" und daß, wenn wir verlangen, daß der Mann sich für uns den Kopf zerbreche, wir damit die brennende Verpflichtung übernehmen, ihn nicht zu enttäuschen, feine Erwartungen zu übertreffen. Wir haben es ja eigentlich kinderleicht, dieses große Kind, das unser Mann immer, vor allem aber um Weihnachten herum ist, glücklich zu machen. Wir haben einen herrlichen, ewig reizvollen und vor allen billigen Ausweg: die Handarbeit. Denn sei unser zu beschenkender Mann ein mit aller 'Nüchternheit dieser Jahre Ausgestatteter — auf den holden und sentimentalen Schwindel der Handarbeit fällt er immer herein. Schenke ihm, sei er Portier eines Kinos ober Direktor einer Aktiengesellschaft — schenke ihm, liebe Schwester, eine Hcmbarbett! Keinen Pyjama von Braun, keine noch so bizarre Krawatte, keinen antiken Schreibtischstuhl und kein Abonnement auf feine Fachzeitschrift werden diesen Ausdruck glücklichster Versunkenheit auf sein Gesicht bringen, wie zum Beispiel eine recht abscheuliche, aus Seide gehäkelte Krawatte ober gar ein gestrickter Schal für den Wintersport mit dazu gehörigen Stutzen. Dein Mann, dein Gefährt, dein Freund wird mit Begeisterung alles enlgegennehmen, wovon er glaubt, daß deine Hände es für ihn machten, daß du in deinem rasenden, unaufhörlich dich beanspruchenden Tag Zeit für ihn sandest. Denn diese Zeit, dieses uns allen verlorengegangene, unersetzliche Gut ist es, was ihn an der Handarbeit so rührt und so glücklich macht. Du hattest Zeit, an ihn zu denken, du mußtest ein paar Stunden stillsitzen, ohne Telephon, ohne Schreibmaschine, ohne Auto — ganz still mußtest du sitzen und sticken, stricken, häkeln und nähen, wie es die Frau seit ewigen Zeiten macht, wenn sie ihren Freund beglücken will. Glaube mir, die Perle für die Krawatte und der Kroyon mit dem Saphir verblassen vor der unmodernen, ewigen Einfalt eines gestickten Sofakissens.
Ja, es ist nicht so ganz einfach mit dem Schenken, und wenn man von den „Geschenkartikeln" lieft, die, nach Preiskategorien geordnet, und aus den Katalogen entgegenleuchten, dann kommt man sich in die dunkelsten Zeiten der Jahre nach 1870 verfetzt, in die Zeit, da unsere Großeltern an« fingen, an Stelle ihrer herrlichen Biedermeiermöbel die Geschmacklosigkeiten eines schnellen Parvenütums zu setzen. Wie finden Sie zum Beispiel die Ankündigung eines „Hundes als Nadelkissen mit Zentimetermaß" oder eines „kompletten Geschenkkartons" mit einem Paar Hosenträgern, einem Paar Sockenhaltern und einem Paar Armringen für das Oberhemd?
Es läßt sich wohl nicht gut raten, was man in diesem ober jenem Falls schenken soll — aber^ vielleicht läßt sich ber kategorische Imperativ des Schenkens aufstellen: Schenke so, daß du — einmal im Jahr — den Uederkluß vor dem Bedarf, die Sehnsucht vor der praktischen Forderung, befriedigt! Weihnachten ist ein Märchen und im Märchen geschieht auch nicht immer nur, was vernünftig ist. Wir wünschen uns manchmal ein Puppenkarussell, auch wenn wir nicht e i n Paar wollene Söckchen zum Anziehen haben!


