Ausgabe 
11.9.1931
 
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Gnaden sollten Euch auf einen Wagen setzen lassen und mit sich führen gen Braunschweig, da wollten wir das großmäulige Bürgergesindel bald ausräuchern. Jungfrau Susann', Eure Aeuglein könnten die grausam dunkeln Gewölb' im Krokodilenberg warm und hell erleuchten. Sie bren­nen Lederkoller durch und Eisenküraß!"

Lange Zeit war ich um die schöne Maid herumgeschlichen, wie der Kater um den heißen Brei, war wohl eine böse Stund', in welcher mir erlaubt wurde weiß nit von wem: war kein menschlich Wesen! sie anzureden und ihr den Krug zu bieten, denn viel Jammer hat es mir nachher gebracht, und haben all die Kriegsjahre die Erinnerung an ihre Untreue und an ihren Tod nicht in mir verwischen können.

Weiß nicht, wie es kam, aber an die ersten Wörllein und Blicke, die wir gegeneinander taten, hing sich eine ganze Kette von andern, die von Tag zu Tag, von Woche zu Woche immer zutraulicher und heimlicher wurden, bis zuletzt

O Jungfrau Susanna, Jungfrau Susanna, wie habt Ihr an mir gehandelt? ...

Auf dem hohen Wall der Dammfestung stehen drei Linden und unter ihnen lag auf einem Gestell das große Geschütz, dereiserne wilde Mann" genannt. Da haben wir oft an den schönen Frühlings- und Sommer­abenden gelehnet und gesessen, Hand in Hand und uns vor dem auf­gehenden Mond und den silbernen Sternelein viel süße Heimlichkeiten anvertrauet und uns Treue geschworen, bis an das kühle Grab und drüber hinaus, und die Nachtigall, die in der Linde allnächtlich sang, hat ostmalen geschwiegen, als wolle sie unfern Schwuren horchen. Aber die Nachtigall hätt' auch bald viel anderes erhorchen können, wenn sie nicht einer von des Herzogs Leibpagen erschossen hält' mit der Armbrust. Als der Herbstwind die Blätter von den Linden riß, da ahnete ich der schönen, losen Jungfrau Untreue schon, und als die ersten weißen Flocken herab­fielen, da waren ihre Schwüre verweht und Verblasen da sagte sie mir, daß sie einen andern lieber hätt' als mich.

Die schönste Blum' im Garten mein. Die hat der Sturm zerbrochen;

Das schönste Wort im Herzen dein. Ist in den Wind gesprochen!

D falsche Lieb, o böse Lieb!

Was von der Welt noch übrig blieb. Ist eitel Trauer und Grämen!

War im Sommer ein Reiter eingeritten in das Neuetor und hatte vorher an der Schenk' zum springenden Roß angehalten und sich einen Trunk reichen lassen aufs Pferd, der hieß mit Namen Levin Sander und war damals ein schmucker Bursch und ein landfahrender Abenteurer, der Dienste nehmen wollt' bei dem Herzog. Ist später aber ein kaiser­licher Rittmeister und berufener Parteigänger worden. Der kriegt die Susanna zu sehen, und der hat mich armen Schreiber ausgestochen. Kunnt' mein schwarz Gewand nicht bestehen vor seinem spanisch geschlitz­ten Wams und seinem Federhut, und wenn ich auch ein wenig den Horatius lesen könnt', so verstand er doch ausländisch zu parlieren wie ein Welscher o Jungfer Susanna! Jungfer Susanna!

Laß ab, laß ab, Kindl" sagt' mir mein fromm Mütterlein, die damals aus ihr letztes Schmerzenslager, auf ihr Totenbett zu liegen kam, wenn ich mit Tränen in den Augen und geballten Händen kam, ihr mein Leid zu klagen.Tröst' dich, tröst' dich! Geh' wie Gold aus dem Feuer! Es mag sich eine andere Treuere finden, es mag sich eine andere Schö­nere finden."

Sie hatte gut reden: wo ist der Plattner, der gegen einen solchen Schmerz einen Harnisch schlage? Herr Franciscus Algermann könnt' mir auch keinen Rat geben, und wenn er mir auch Tag und Nacht, um mich zu mir selbst zu bringen, die bittersten Episteln und Proklamationen gegen die Stadt abzuschreiben gab, und ich darauf loskritzelle, daß es mir schwarz und blau vor den Augen wurde, und ich den Schreibkrampf in alle Finger kriegte; so konnte mir das doch nicht den Pfahl aus dem Fleische ziehen. Wie ein Sinnloser, Bitterkeit, Haß, Zorn, Wut im Herzen, rannte ich um die Wälle der Festung und hätte mir fast den Kopf verstoßen mögen an den Bäumen und Mauern, oder mich hinabstürzen mögen in den Wassergraben, um meinem Dasein ein Ende zu machen. In der Neujahrsnacht, als das Jahr nach der Geburt unfers Herrn eintausendsechshundertundzwölf in die Welt eintrat, ist meine Mut­ter seliglich entschlafen und hinweggeschieden aus diesem Jammertal. Das gab mir zuerst wieder ein wenig Ruhe, und aus der hellen Verzweif­lung geriet ich in ein dumpfes, gleichgültiges Hinbrüten; bis ich das Leben wieder ertragen [ernt'.

Ging ich gegen End' des Januarii trübselig das Haupt gesenkt im tiefen Schnee auf dem Wall des Philippsberges einher und dachte: O wie schad' ist's doch, daß es nicht mehr an der Zeit ist, ein Haren Gewand anzutun und hinzuziehen in eine thebaijche Wüste und sein Hüttlein zu bauen, fern von den Menschen, bei den Tieren der Wildnis ...

Da fingen auf einmal die Glocken in der Stadt dumpf an zu klingen, und auch in allen Dörfern ringsumher läuteten sie. Verwundert horcht' ich auf und fragt die nächste Wacht, die sich vor dem schneidenden Nord­wind in einem Winkel gedrückt, das Feuerrohr an die Brüstung gelehnet und die Hand in den Mantel gewickelt hatte:

Was bedeutet das? Wer ist gestorben? Ist Jungfrau Susanna Rodin tot?"

Da sah mich der Mann verwundert an und lochte, dann aber sagte er:

Ihr wisset nicht, weshalb sie läuten? Des römischen Reiches Stuhl ist leer das sind die Totenglocken des großmächtigen Kaisers Rudolsus des andern"

Es schneiete und die Wolken zogen niedrig über die Erde hin; es war, als wäre die ganze Welt gestorben, als wollte sich der Himmel wie

ein Leichentuch darüber hinlegen. Die Tränen stürzten mir plötzlich aus den Augen, ich drehete mich um und eilte schnell davon, damit der Söld­ner mein bitterlich Weinen nicht sähe. Dann schrieb ich mit Roterde an eine Ausfallstür in der Mauer zwei Verse, die ich hierhersetzen will, sinte­mal ich vielerlei im Leben vergessen Hobe, sie aber nicht. Sie lauteten:

Was läuten die Glocken im Lande?

Der Kaiser ist gestorben!

Was läutet mein Herz im Leide?

Die Liebe ist verdorbenl

Die Glocken dumpf erklingen, Zu Grab sie den Kaiser bringen: O du toter Rudolsus, bitt Nimm doch meine Liebe mit!

Dieselben Verslein schrieb ich aber auch zwei Stunden später, als ich wieder auf der Kanzlei dem Meister Algermann gegenüber saß, und er mir eine Avisation an den Abt zu Riddagshausen, Ehrn Peter Wind- ruven, in die Feder diktierete. Das gab eine gewaltige Verwunderung, als der alte Franciscus die Schrift in di« Händ bekam.

Söhnlein, Söhnlein?" rief er, zwischen Aerger und Lachen mit der Gejchrift hin und her in der Stub an feinem Krückstock wackelnd,Söhn­lein, das gehet nit mehr! Hei, hei, was würden feine Ehrwürden dazu gefaget haben? Söhnlein, ich fehe es ein, die Schreibstub' paßt nicht mehr für dich laß dir den Wind draußen um die Nase wehen, schlag dir das Weibsbild aus dem Kopf bedenk', ein hölzerner Bock ist immer noch besser als eine silberne Ziege! Ha, ha, ha! Nimm ein ander Blatt Papier Schad' um den schönen Bogen! Saget der weise Sirach: Wie aus den Kleidern die Motten kommen, also aus den Weibern viel Böses! Ha, ha, ha!"

Ich kam dem Gebote nach und brachte die Relation fehlerlos zustande, obgleich ich auch diesmal andere Gedanken dabei hatte, als eigentlich dazu gehörten.Laß dir den Wmd um die Nase wehen!" dachte ich.Ja, ich will fort! fort! fort! Ach wenn doch nur erst dieser Winter zu End' wär!"

Das verdorbene Blatt mit den Reimen faltete ich zusammen und steckte es in die Brusttasche, ohne zu wissen, zu welchem Gebrauch. Und es regnete und schneiete und fror, und regnete wieder, und die Tage wurden länger und die Sonnenstrahlen wurden wärmer, das Rotbrüstlein, das ich hinter dem Rücken Herrn Algermonns vor dem Fenster unserer Schreibstub' mit Oblaten fütterte, kam immer seltener und blieb zuletzt ganz weg. Auf einmal waren die Büsche grün, blühten die Blumen, sangen die Vögel, war es Frühling worden, ohne daß ich es bemerkt hatte Ade! Ade! Ade!

Am ersten Pfingsttage des Jahres 1612 pflückte ich ein vierblätterig Kleeblatt von meiner Mutter Grab, hing mein Bündel über den Wander- stad und eilte schnell durch die Gassen aus dem Tor. lieber den Zaun des Gärtleins zum weißen Roß lehnte höhnisch lachend der böse Geist Levin Sander und summte ein Spottlied auf die Schreiber in den Bart, als ich vorbei schritt: ich hätt' einen Mord an ihm begehen können; aber ich bezähmte mich und schritt so schnell als möglich weiter.

Von der Ecke des Holzes schaut' ich nochmalen zurück auf Wolsen- büttel drunten und die weite Gegend.

In der Ferne schimmerten die stolzen Türme von Braunschweig meiner mir verschlossenen Vaterstadt; dort zog sich der Weg herüber, den ich als ein klein Büblein an der Hand meiner weinenden Mutter gekom­men war! dort hinter jenem Walle drunten schlief das treue Mutterherz im kühlen Grab! dort ragte der Giebel des Hofgerichts, wo ich so manche Seite beschrieben hatte unter den Augen Herrn Franz Algermanns, des Landesfiskals. Dort auf der Bastion standen die drei Linden, wo

Aus dem Schornstein desSpringenden Roffes" wirbelte ein weißer Rauch in den Himmel. Fast wäre ich zurückgelaufen da tat ich einen herzhaften Sprung über den Graden, der sich an dem Walde herzieht, der grüne Schatten hatte mich aufgenommen! Was hatte ich in diesem Sprunge alles hinter mich gelegt?--

Aufatmend schritt ich meines Weges weiter (ort, durch den singenden, klingenden Wald.

Da ist oberhalb Adersheim und Jmmendorf mitten im Holz ein Springquell, heilsam und gut wider viel Gebrechen. Das Volk nennt ihn den Plunneckenborn. Wer daraus getrunken hat, der muß ein Denk­zeichen an den Büschen zurücklaffen, sonsten hilft ihm das Wasser nicht, schadet ihm vielmehr; und weil meistens immer arme Leut' dahin kom­men und von dem guten Wasser trinken, so hängen alle Büsche und Ge- sträucher umher voll Lappen, welche sie zurückgelafsen haben. An diesen Born kam ich, als sich die Sonne zum Abend neigte, denn ich hott', mir bas Blut durch die Adern zu treiben, manch tollen Kreuz- und Quer» sprung gemacht. Kein Menschenwesen war rings zu sehen, kein Lüftlein regele sich, nur die Vögel ließen vor dem Schlafengehen noch einmal Gottes Loblied laut und hell erklingen. Da beugte ich mich nieder zu der klaren Flut, schöpfete mit der hohlen Hand und trank; trank als könne bas Wasser auch bas, woran ich krank war, fortspülen; unb zum An- gebenten hab' ich da an einem Flieberbusch den großen Bogen Papier mit den Versen, den ich im vorigen Winter in des Herzogs Kanzlei ver­dorben hatte, aufgetjänget!

Wie ich mich nun in der grünen Wildnis so allein fand, da über­kamen mich wieder viel alte Einsiedelträume und ein Grauen faßte mich bei dem Gedanken, daß ich mir bald ein Nachtlager unter den Menschen suchen müsse, wenn das noch bei Tage geschehen sollte. Schon begannen die Vöglein ihre Nester zu fachen, und düsterer Schatten hüllte den Wald.

Hei", dachte ich,ist es denn nötig, daß du dich wieder zwischen vier Wände sperrst? Mach es doch wie die Vögel di« Nacht ist warm bald wird der Mond ausgehen da lugt schon der Abendstern hervor1 bleib im Wald!"

(Fortsetzung folgt)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriok. Druck und Verlag: Brühl'fche UniversitätS-Buch- und Steindruckerei. JL Lange, Gießen.