Ausgabe 
11.9.1931
 
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Ueberanstrengung ober bas feuchte Klima West-Virginias schuld war, rczitiv geworden und wir mußten zuruck in die Zivilisation. Nun reichten aber unsere Mittel gerade noch für die Bahnfahrt, weiter nicht. Wohin also? Da siel mir Freund Clifton ein, und wir dampften nach Louisville. Mein erster Weg war zu ihm. Und nun muß ich gestehen, daß ich mich damals sehr wenig taktvoll benommen habe. Aber das Schrecklichste daran ist, daß ich so verworfen bin, diese Affäre bis heute noch nicht bereut zu haben. Kein halbes Prozent davon!

Also ich ging zu Clif, stellte ihm unsere mißliche Lage äußerst drastisch vor und bat ihn um fünfzig Dollar, die ich später von Neuyork aus zurückzuzahlen versprach. Und was tat Clifton?

Zuerst fuhr er sich bedächtig über seine Igelfrisur, dann rückte er seinen Krawatt^nglasscherben zurecht und sprach also:

Mein lieber Freund, ich habe es mir zum Prinzip gemacht, keinerlei jugendliche Torheiten zu unterstützen. Darlehen, speziell zinsensreie Dar­lehen, sind der Grabstein jeder ehrlichen Freundschaft!"

Und jetzt komme ich auf meine Taktlosigkeit zu sprechen. Hätte er nämlich nichts weiter gesagt, gut, ich hätte ihm wortlos den Rücken gekehrt und wäre gegangen. Aber er hatte sich bemüßigt gesehen, zum Abschluß seiner fchönen Rede mahnend einen seiner Wurstelfinger zu erheben und mir «in salbungsvolles:Spare in der Zeit, so hast du in der Not", entgegenzusäuseln.

Nun, und da habe ich ihm eine gelangt, die für zwei Generationen gereicht hätte...

Spanische Schenke.

Von H. R o e s e l, Madrid.

Jedesmal, wenn ich Don Joss treffe, kommt er, nach einer sehr herz­lichen freudigen Begrüßungsszene, die nichts an Lebhaftigkeit einbüßt, wenngleich wir uns erst vor kaum ein paar Stunden getrennt haben, mit dem Vorschlag,ein wenig in den Schatten zu gehen", was so viel heißen soll als:Gehen wir einen Kleinen heben". Das ist ihm nun nicht abzuschlagen, um so weniger, wenn der Tag sehr heiß ist, wir beide wenig zu tun haben und Jose meistens mehr zu erzählen hat, als eigentlich ein gewöhnlicher Sterblicher allein erleben kann.

" Ob Klein- oder Großstadt, in Spanien sind dieseTabernas so dicht gesät, daß auf Straßen, und hätten sie nur fünf Hausnummern, immer noch drei solcher Schenken kommen. Sie variieren nur zuweilen etwas, je nachdem sie ihre Wände gekalkt, mit Tapeten beklebt ober mit Kristall- jpicgeln verkleidet haben; ob sie nur wenige Sorten billiger Weine in Gläsern zu 10 Centimes ausschenken, ober ob sie schon diverse Schnäpse sühren, ober gar sich mehr aus ben Kaffeebetrieb verlegen. Aber auch noch in ben besten Cafes in ben vornehmsten Straßen wirb man burch bie Monbere Art ber Bebienung unb bas allgemeine Bebürfnis, alles auf den Boben zu werfen (Aschenbecher, eine Seltenheit übrigens, werben, (obalb sie voll finb, einfach auf ben Boben entleert) an den Urtyp dieser Schankbetriebe, an dieTaberna erinnert.

Don Jose meint aber, wenn er von einemSchatten"-Platz spricht, "nur diese meist ein paar Stufen unter ber Erbe liegenden Tavernen. Cr fchob [einen Arm unter ben meinen unb zog mich um bie Ecke. Ein paar Schritte weiter blieb er an einer buntlen Desfnung stehen,louden , rief cr noch, es nützte aber nichts mehr, ich war bereits mit dem Kopf gegen den niebrigen Türrahmen gerannt unb wäre auch noch bie brei Stufen chinuntergesallen, hätte Jose mich nicht aufgefangen. Ich ftanb wie mit Wlinbheit geschlagen; ber Uebergang aus bem blenbenben, schmerzenben Sonnenlicht ber Straße in ben bämmerigen Raum ber Schenke kam zu Plötzlich. Einige Augenblicke lang konnte ich nichts wahrnehmen als ein xaar Gestalten, bie sich im Nebel bewegten. Allmählich gewohnten sich t)ie Augen an bas Zwielicht, ber Bartisch und der dahinter beichastigte Mann gewannen Form und Umriß.

Der Raum, kaum vier Meter breit, sechs tief unb gerabe so hoch, daß ein aufrecht stehenber Mensch nicht mit dem Kopf gegen bie Decke stößt, hat keine weitere Einrichtung als ben Bartisch, sechs an ber Wand vufgestellte Weinfässer, eine Bank und zwei Tische mit Hockern für beson­ders hartnäckige Zecher. Das Wichtigste ist die Bar, der Schenktisch, immer in ber Nähe des Einganges, sozusagen von ber Straße aus erreich­bar. Ein Kasten, ber aus unbegreiflichen Grünben gerne so hoch gebaut wirb, baß ein etwas klein gewachsener Spanier gerabe noch darüber hmwegsehen kann. In ber Mitte ist ein kleines Wasserbecken emgelaffen, links stehen ein paar Gläser, rechts einige 2-Liter-Flaschen mit verschie­denen Weinen, bamit berBarkeeper" nicht genötigt ist, febes Glas einzeln von ben Fässern zu holen.

Der Mann hinter ber Theke kennt seine Kunben er roeif) genau, roer einen Roten nimmt und wer nur einen Weißen trinkt. Noch che die Begrüßung vorbei ist, hat er schon ein ®.as im Wasserbecken oesch unb aus ber entsprechenden Flasche vollgegossen. Ein paar Leute standen chon um ben Tisch, bie ihrerseits ben Neuankömmling begrüßten, b I fi­ten, erzählten. Jeder ist begierig, seine Neuigkeiten loszuwerben unb rrembe zu erfahren. Die kleine Kneipe ist der Umschlaghafen für alle Nachrichten unb Vorfälle. Die Atmosphäre bulbet keine Absonberung, m wenigen Minuten ift jeher mit jebem bekannt. Jrgenbwer irgendwen schon einmal irgendwo getroffen; nützt dieser direkte Weg nichts, l s u>h bestimmt ein gemeinsamer Bekannter als SBtnbegheb ber S ' chaft. Don Jose ist in seinem Element. Er hat mich ^men Bekannten oorgestellt, bie mich morgen schon, wenn ich treffen foüte

wie einen jahrelangen Freunb .begrüßen werben. Schatten Wem unb ein Paar Freunbe, Gründe genug, um hier eine falbe ®tunbcine ganze unb noch länger zu stehen. Unb biefe leichte ^t der Geschäftigkeit wiederholt sich am Tage ein paarmal in anderen Schenken ober a Kaffeetischen. Aber zur ^Ehre biefer lebhaft gestikulierenden Sjeunbe fet gesagt, baß hier vor ein paar Gläsern Wein ober cor: einer Alse Kaffee °st Geschäfte abgeschlossen werben, in einem Ufnfang, wie ste vielleicht Mischen ben nüchternen Bürowänben nicht zustande rammen waren. D,e Tavernen unb bie Cafes ersetzen manchem einen ^cr

Danblungsraum. Hatten hoch vor kurzem alle Gaste eines Cafes, bas

beabsichtigte, eine Musikkapelle anzustellen, dagegen protestiert, mit der Begrünbung, baß biefer Lärm sie recht empfinblich in ihren Gesprächen stören würbe.

Die sechs Fässer hinten an ber Wand enthalten bencorriente blanco und tinto, ben gewöhnlichen weißen und roten Landwein. Dann darf der etwas mildereValdepenas und ber herbeManzanilla nicht fehlen. Ist gerabe bie Zeit bazu, wirb auch ein FaßMoscatel lagern. DemJerez barf man in einer solchen Umgebung nicht zu sehr auf ben Zahn fühlen; man trinkt ihn besser hort, wo ber Wirt es nicht nötig hat, seine Reinheit burch bie Anrufung aller Heiligen zu bestätigen. Don Jvsch ber in solchen Dingen bestimmt «in Kenner ist, verriet mir, baß man ben Wein vorziehen soll, ber längere Zeit in Schläuchen lagerte; er gewänne burch bie Verharzung biefer Schläuche einen angenehmen, her­ben Geschmack. In ben Vorstädten und auf dem Lande sind diese Schläuche aus Ziegen- und Schafhäuten noch in allen Kneipen zu finden. Es ist ein etwas merkwürdiger Anblick, diese Behälter, wenn sie noch voll sind, in einer dunklen Ecke liegen zu sehen, wo sie dickbäuchig alle- vier Beine, sauber vernäht unb verharzt, von sich strecken. Nur eines ist zum Abzapfen nur mit einem Strick umwickelt unb wirb burch eine Seine, bie mit einem Gewicht an ber Wand verbunden ist, etwas hochgehalten. Der Wirt bindet auf, zieht das Bein etwas herunter unb gießt ben Krug voll. Sv war es wahrscheinlich schon zu Abrahams Zeiten, so hat es Don Quijote erlebt, und so ist es heute noch.

Don Jose ist nicht locker zu kriegen. Die fünf Leute um den Schenk­tisch debattieren schon seit einer Stunde über bas Währungsproblem, unb obwohl fünf Lvfungen vvrliegen, können sie sich genau so wenig ent- scheiben wie ber Finanzminister selbst. Seher hat seine Meinung schon mit einer Runbe bekräftigt, unb sie finb im Begriffe, eine zweite anzu­fangen, ber sich Don Jose, sei es, um feine Meinung zu oerteibigen, fei es aus Höflichkeit nicht entziehen kann. Inzwischen haben sogar bie Ge­sichter an ben Tischen im Hintergrund gewechselt. Jetzt sitzen ein Kutscher und ein Straßenbahnschaffner zusammen, bie aus ihren Taschen Käse unb Brot ziehen, um bei einem Glas Roten zu vespern. Dicke Rauchschwaben ziehen burch ben Raum, ber Boben ist mit Zigarettenstummeln übersät, von draußen bringt ber Lärm ber Straßenbahnen, bas Hupen ber Autos, bas Geschrei ber Zeitungsjungen herein. Eilige Passanten werfen ein 10-Cent-Stück auf ben Tisch und trinken ihr Glas Weißen. Der Mann hinter dem Bartisch, in seiner blauen Schürze, bie Aermel hvchgekrempelt, klappert mit ben Gläsern, füllt unb leert bie Flaschen, hat für sehen ein paar Neuigkeiten unb finbet noch Zeit genug, unzählige Zigaretten bazwi- fchen zu rauchen. So geht bas von morgens neun Uhr bis nachts 1 Uhr, zwei Uhr ober noch länger, wie es ben Gästen gefällt. Die Polizei respek­tiert bas Unterljaltungsbebürfnis ber Bürger.

In ben ärmeren Stabtteilen, an ben ßanbftrafjen unb in Dörfern und kleinen Städten, wo diesetabernas undfondas gleichzeitig das Re­staurant ober bie Volksküchen ersetzen müssen, wird man zu jeder Tages­zeit einen Teller mit weißen Bohnen und Stockfisch bereit finden, die Universalnahrung aller, deren Tagesverdienst 7 Pesetas nicht übersteigt (und das ist bie Mehrzahl ber spanischen Arbeiter). Hier gibt es «in Menu", bestehen!) aus weißen Bohnen, Brot unb Wein für Centimes. Der Preis erhöht sich aber, wenn mehr als zwei Fettaugen ober gar eine Speckschwarte auf ber Suppe schwimmt. Ein Stück eingetrockneter Schaf­käse wehrt sich verzweifelt gegen bie vielen Fliegen; hinter einem Tuch hängen ein halber Schinken unb einige verschimmelte Würste, bie schon Generationen überlebt zu haben scheinen. Hat ber Wirt aber schon höhere Prätentionen, so steht schon neben bem Bartisch ein Rost, auf bem im Handumdrehen ein paar Hammelkvteletten gebraten werben können. Ober er hält ftänbig eine Pfanne mit fiebenbem Del unter Feuer, in der alles, was bas Hunberte von Kilometern entfernte Meer an Eßbarem liefert, schmort: kleine Fische unb Fragmente größerer Krabben, Krebse, Tintenfische, Schnecken unb Aale. Für ein paar Centimes erhält man auf einem Stück Papier einen gehäuften Berg biefer Meerwunber. Befvnbere Hinweise auf solche Garküchen-Schenkbetriebe finb meist überflüffig, man wird sie finden, wenn man den über ber ganzen Straße lagernben schlechten Oelgerüchen nachspürt.

Die Sonne steht schon sehr tief, als Don Jose sich enblich verabschiebet. Nun, seid ihr einig geworden?" fragte ich ihn.Heute noch nicht", meinte er,aber so ein Problem läßt sich auch nicht in einer Sitzung lösen." Nun, davon bin auch ich überzeugt; denn wie ich bie Spanier kenne, weiß ich, baß es ihnen nicht so sehr um bie Lösung einer Sache zu tun ist, als um die Debatte barüber.

Lorenz Gcheibenhart.

Erzählung von Wilhelm Raabe.

Mit Genehmigung ber G. Grvte'schen Verlagsbuchhanblung in Berlin.

(Fortsetzung.)

(Nachbruck verboten.)

Zwei Sinben beschatteten bas Haus zum (pringenben Roß und viel schattig Gebüsch wuchs hie und da im Gärtlein und luftige Bänke und Tische waren ausgestellt. Da sangen und jauchzten bie Trinker unb Spieler, ba rollten bie Kugeln über ben Boben, unb von Zeit zu Zeit schaute Jungfer Sufanna, bes Wirts Walter Roben Töchterlein, hinter dem Weinstock vor, ber ihr Fenster verspann. Unb Jungfrau Su­fanna war ber halbe Schatz, ben ich mir zu meinem Weh unb tommenber großer Not auserwählt hatte! Wirb mir heute noch ganz seltsam zu­mute, wenn ich an bie Stunb gebend, wo ich ihr zum erstenmal ben blauen Steinkrug mit bem weißen Roß reicht' unb sagte:Mit Verlaub, Jungfrau Sufanna, wollt' Ihr wohl nicht so gut fein, mit Euren roten Lippen mir vorzukvsten? Euere Äuglein haben mich schier oerblenbet. Ihr tätet mir wahrlich einen großen Gefallen, wenn Eure Sippen biefes Kruges Ranb berühren wollten. Gesegne's Euch Gott!"

Da trat ber alte Wachtmeister Ranbolf lachenb herzu, schlug mich auf bie Schulter, baß ich fast in bie Knie sank und sagte:Ei, Schwarz- rödlein, hat's auch getroffen? hat's eingeschlagen?s ist wahr, Jungfer Susann', Eure schwarzen Augen sind gefährliche Singer! Seine Fürstliche