Ausgabe 
11.9.1931
 
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SiehenerzamilieMätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang<931 Freitag, denU-September Nummerrij

September.

Von Günther Wendt.

Nach Grummet duftet süß die Luft

Und herbe nach Kartoffelkraut.

Di« letzten Haferstiegen sind

Im Felde draußen aufgebaut.

Die Dreschmaschine summt und brummt

Im Takt ein altes Erntelied.

Und vor der Peitsche scharfem Knoll

Ein Schwarm von dreisten Spatzen flieht.

Ermüdet fchafft noch ein Gespann

Vom Felde still der Ernte Rest.

Und mancher rüstet schon im Dorf

Sich dankerfüllt zum Erntefest.

I Mädchen und Burschen schmücken sich

Das Kleid zu frohem Spiel und Tanz, Die Alten flechten am Kamin

Erinnerung und Erntekranz.

Gänseeier im Gehirn.

Von Hans F a l l a d a.

> (Alle Rechte im Rowohlt-Verlag.)

Auf dem Lande hatte ich einmal einen Chef, dem saßen im Kopf mehr grappen als einem durchschnittlichen Hofhund im Fell Flohe. Zu diesen einen Grappen gehörte es auch, daß er auf seinem Hof keine Polizei ehen konnte. Nun ist ja auf dem Lande jo einiges an Dieberei gefällig, ia fehlt ein Sack Hafer, das Schrot schmilzt dahin wie Schnee im ipril, aber Hannes Tiedemann sagte:Das erledige ich schon selbst. Dazu braucht mir kein Grüner auf den Hof zu kommen."

Und er erledigte es selbst, der wackere Tiedemann, und wie er seine Keinen Hof-, Feld-, Wald- und Wiesendiebe erledigte! Das Beste dabei W, daß auch die Herren von der langen Hand nach dem anfänglichen terger selbst grinsten.Und sie gingen dahin und sündigten dergleichen l icht mehr."

Da wuchs uns auf unferm Hof ein junger sächsischer Knabe heran, klbin Fleischer hieß er, in den Zwanzigen, und er melkte die Küh. Das leiht genau so, er melkte sie nur, wenn ihm der Staat gerade Zeit dafür liefe, der schon früh durch eine ausgedehnte Fürsorgeerziehung in Albm Fleischer den Grund zu mancherlei Kenntnissen und Fertigkeiten gelegt lette. Und als die Bestätigung dieser Fertigkeiten Albin wieder einmal itne längere staatliche Pension eingetragen hatte, und als dann seine ,>eit um war und er wieder hinaus gelassen werden sollte, da sagten fe im Zentralgefängnis Altholm:Ja, wohin mit ihm? Lassen mir ihn : li laufen, dann klaut er doch gleich wieder." Und da Hannes Tiedemann trofeen Ruf im Lande Pommern genoß, so schrieben sie einfach auf den Entlassungsschein:Arbeit als Stallschweizer bei Herrn Gutsbesitzer Jo- iannes Tiedemann in Fern-Varnkewitz."

Da stand er nun an einem gänzlich verregneten Tage triefend naß lei uns im Bureau und erklärte uns im schönsten Sächsisch:Heern toe, Ith soll hier de Giehe malten".

I Tiedemann besah sich dieses Bündel Menschenwerk und sprach:Da hipp du man de Käuh!"

Und von Stund an war Albin Fleischer bei uns Stallschweizer.

Eine Weile ging es mit ihm gut, aber bann trat die Liebe dazu, zu <1 ner Kätnerstochter Mathilde im Dorf, und nun wurde es schlimm. Da lgte Hannes Tiedemann ...

Aber ich merke leider, mit Albin Fleischer habe ich das falsche Ende deiner Geschichte zu fassen bekommen, und ich muß noch einmal von vrne anfangen. , .

Frau Tiedemann war eine kleine fixe Frau. Sie flitzte in der Meiere, l"d im Geflügelstall herum wie ein Wiesel, l-des Huhn konnte sie und mußte, wann es dran war mit Eierlegen. Aber ihr Stolz waren ihr Wfe. Und über diese Gänse wurde sie eines Tages schwermütig denn <5 war Frühjahr und sie mußten eigentlich E,er legen. Und sie taten

Frau Tiedemann grübelte sich in einen tiefen Kummer hinein: was mar los mit ihren Gänsen? Sie legten und sie legten nufet $ßie|o Urnen i tune Gier? Lag es am Futter? Hatten sie zu wenig Kalk? Frau Tiede­mann blieb in einem Grübeln.

Und eines Tages sagte sie aufgeregt zu ihrem Hannes:2)u, Hannes, die Weihe mit dem grauen Stutz hat heute bestimmt gelegt. Und wie ich in den Stall komme, ist kein Ei da. Sie schimpft, einer hat es ihr ge­klaut. Daß so ein armes Biest keine Sprache hat! Diese Räuber ..."

Und sie sah drohend über den Hof.

Tiedemann bemerkte:Da bist du selbst dran schuld, mein Mitten. Hundertmal hab ich dir gejagt, mach deinen Hühnerstall dicht. Aber da steht ja alles offen."

Alles ist dicht", protestierte sie.

Alles ist offen", sagte Hannes Tiedemann.Vergangenen Donners­tag, als die Klütenjuppe angebrannt war, bin ich selber drin gewesen und hab vier Hühnereier ausgetrunken."

Du bist das gewesen!" schrie sie. Aber er ist schon weg.

Nun bekommt der Stellmacher zu tun, Drahtgeflecht wird gekauft, enges, engeres, ganz enges.Sie Hühner gehen in den Safe", sagte Tiedemann.

Aber es hUft alles nichts, es bleibt Baisse in Gänseeiern. Frau Tiede­mann lebt unter immer stärkerem Druck, sie schläft nicht mehr, sie fängt an, vom Fleisch zu fallen. Eines Tages explodiert sie, sie bestellt den Landjäger. Sie bestellt ganz einfach den Landjäger und sie sagt es Tiedemann.

Tiedemann ist paff. Aber ersammelt sich:So ein Grüner kommt mir nicht auf meinen Hof. Den bestell man wieder ab."

Sie protestiert:Was nimmst du ewig solch pollackisches Gesindel auf den Hof."

Pollacken sind augenblicklich grabe nicht ba. Alles gute Pommern", sagt er und wirb plötzlich nachdenksam und bricht ab. Nach einer Weile wieder:Also den Grünen bestellst du ab. Du kriegst deine Gänjeeier wieder."

Ader ..."

Aber Tiedemann ist schon weg.

Tiedemann zieht es in den Kuhstall, Tiedemann geht in den Kuhstall. Dort ist es vormittäglich still und friedlich. Die Schweizer sind nicht da, sind beim Futterholen, die Kühe stehen und liegen, wie es ihnen Spaß macht. Sie sehen dabei einander an, immer zehn Stück reife auf, reifeab schauen einander an, zwischen ihnen läuft der Futtergang. Der hinterste Futtergang an der Mauer ist nicht benutzt. Dort haben die Schweizer ein paar Ballen Streustroh liegen, alte Futterkrippen, der Rübenschneider steht dort, lauter Schnurr-Murr.

Tiedemann ist tiefsinnig. Er geht gangauf, gangab, manche Kühe sagen Muh, manche kauen nur. Tiedemann kommt auf den leeren Futtergang. Er raschelt durch das Stroh, nun ist der Futtergang beinahe zu Ende, Tiedemanns Fuß stößt im Stroh an was. Er bückt sich, er wühlt das Stroh ein bißchen auseinander: ein etwas starker Osterhase, was? Elf Gänseeier. Da soll der Donner ..."

Tiedemann steht und denkt. Das Garn ist leicht auszuheddern: ba ist einerseits Albin mit Vorkenntnissen, anberfeits Mathilde, die Kätnertochter aus dem Dorf. Einfache Vorgeschichte, man könnte die Gier nehmen und zur Frau bringen ...

Aber wie der Tiedemann so dosteht und auf die Gier glotzt, ba ist es, bafe sich die Grappen in seinem Kopf rühren, die dicken Brummer brummen durch fein Gehirn. Sachte wühlt er das Stroh wieder zu. Alles hat feine Zeit, auch Gänseeier. Tiedemann geht über den Hos zu­rück zum Gutshaus.

Auf dem Hof trifft er mich. Ich bin so eine Art Mädchen für alles auf diesem Hof, ich führe die Bücher und schreibe die Briese, ich löhne die Leute und gebe das Futter aus. Tiedemann bleibt vor mir stehen und sieht mich glupsch an.

Sie können ja wohl Englisch lesen?" fragt er mich.So getragen und weihevoll wie «in Pastor?"

Das kann angehen, Herr Tiedemann", sage ich.

Und Sie haben was Englisches zum Lorlesen?" fragt er mich.

3a", meine ich zögernd.Eigentlich nicht. Nur so englische Verse von einem Omar Khayyam."

Omar? Ist das Englisch?"

Das ist ein Perser", sage ich.Aber ein Engländer Fitzgerald ..."

Hören Sie lieber auf", winkt er ab.3ch habe heule morgen noch keinen Kognak getrunken. Das Leben ist schon kompliziert genug. Fünf Minuten vor Sechs gehen Sie mit Ihrem englischen Perser in den Kuh- stall und langen sich den Albin. Mit dem kommen Sie bann zu mir auf meine Stube."

Wird gemacht, Herr Tiedemann", sagte ich und er geht weiter, ins Gutshaus, zu seinem vormittäglichen Rührei mit Speck und einem Kognak.

Fünf Minuten vor Sechs bin ich im Kuhstall.

Albin, sollst zu Herrn Tiedemann kommen."

Um sechs Uhr abends im zeitigen Frühjahr muß man schon Licht brennen, auch Hannes Tiedemann brannte in seinem Zimmer Licht, aber wie sah es aus! Rot sah es aus, geheimnisvoll sah es aus, mystisch war