Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniverlitätS-Vuch- und Steindruckerei. Jt. Lange, Gießen.
Später nahm Viktoria den wohtgebildeten und feurigen Knaben, der in seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara geftiftet und dem die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann Viktoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann, aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu zucken, anzünden und in Flammen ausgehen ließ.
Doch Viktoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu gleiten. Er glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit beteuern irt die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der Kampf bevor. „Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des günstigen Augenblickes. Aber" — er trat «inen Schritt zurück — „etwas anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise durch TZittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen. In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf den Plätzen. Freilich reifte ich unter fremdem Namen und mit nur einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in Monddämmerung kriechenden Hinterhalt.
„Redet, Don Juan," flüsterte Viktoria.
„Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückgekehrt, gibt es kein Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher, ein kaum unterdrückter italienischer Jubel, eine allgemein patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe, den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie ich meine".
Viktoria erbleichte. „Was wird geflüstert", fragte sie beklommen, „und über wen? doch nicht über Pescara?"
„Von ihm. Er ist überall. Sie sagen", — er dämpfte die Stimme — „der Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und den italienischen Mächten."
Viktoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines Gesichtes. „Und Pescara ..." sagte sie undeutlich.
„Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. „Welche Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme ... er wird sie liebkosen, unterjochen und wegwersen ... oh, er wird mit ihr spielen wie die Katze mit der Maus!" und er machte mit der Rechten eine haschende Gebärde.
Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. „Verworfener , rief sie, „habe ich dich gefragt, wie Pescara tun würde? Bist du der Mensch, es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten? ... Wie die Katze mit der Maus ... abscheulich! So hast du mit Julien gespielt, Ehrloser!"
Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein römisches Kloster geflohen und halt« die mächtige Colonna auf den Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen.
Da ihn Viktoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan auf die Lippe. „Sachte, Herrin", sagte er, „wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser, sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer Dau, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene, sondern eine Unschuldig« zur «raut geziemt."
Viktorias menschliches Herz empörte sich. „Du bist es, der die Aermste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht? Kannst du es leugnen?"
Er erwiderte: „Ich leugne es nicht, aber es war mein Knegsrech-, denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen unt> der weiblichen Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und daß id) sie jetzt verachte und verschmähe?"
Viktoria erstarrte vor Entsetzen. „Ruchloser!" stöhnte sie. ,
„Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, „das ist eine peinliche Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schiage Euch ein Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr, der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben, denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen Hauptes.
(Fortsetzung folgt.)
Darum mußte der Himmel alles getan haben. Dikior!a war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres Gatten. Und wie ungroßmutig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei armselig« italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so kleinen Meistchen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens von ihm abfallen und ihn fahren lassen.
Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler und Guicciardin unter di« Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in «in noch früheres Altertum zurück, dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit. , . _ , r.
Jene tugendhaften Sucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern vor das altertumstrunken« Aug«, trug sie doch zwei Namen, die beide so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren. Sie betrat den Tempel und warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden Wölbung, rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über ihr donnerte, zu alle dem, rote da rettet und Macht hat, mit der wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der Uebergangszeiien.
Da sie das Pantheon verließ — wie lange sie auf den Knien gelegen, wußte sie nicht —, heiterte sich der italienische Himmel eben wieder auf, und in ihrem gewöhnlichen Wcpidel, leicht und gemessen, beendigte sie den Weg nach ihrem Paläste.
Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es, welcher in jeder der (einigen einen Sieg hielt, wenn sie und die Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie solche Gewalt über ihn? Und Viktoria mußte sich sagen, daß sie trotz ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie wußte sein Angesicht, seine Gebärde, di« kleinste seiner Gewohnheiten auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als höchstes Gut mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und verehrungsooll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie, die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft — und wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten — zur Verherrlichung Viktorias einen „Triumph der Liebe" gedichtet.
Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gegenwärtig, seinem Weide niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinst« des Lebens, und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt, und fein Weib dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf tauchen.
So gestand sich Viktoria, daß ihr der alles untäuschbar durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben verschlossen fei.
War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des Feld- hcrrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig, aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in fein Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem kämpfenden Herzen, nicht speisen mit einer Liebkosung oder einem Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie "ihm nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heut« eine Krone? Ob er diese zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt, setze, hier wallte sie seine Mitschuldige oder seine Miientlagende sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon bei Pescara! Herz und L-ohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling entgegentrat, der unter dem Tor auf sie gewartet hatte.
„Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, „da Eure Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind. Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen bargebotenen Arm sich lehnend.
Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto — so hieß der Jüngling — war der Neff« Pescaras und wie er ein Avalos. Der fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Viktoria hatten den Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater Viktorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblähtes Kind, zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und Gestalten sich einander erblicken zu lassen.


