nur an die Macht und an die einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen mit den Mitteln und an den Ausgaben dev Zeit. So ist er, und so paßt er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute, und wir die (einige. Dennoch ... lache mich aus, Morone ... etwas umhaucht mich: ich wittere Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug feiner Seele, kurz, ein unbekanntes Hindernis, das uns den $8eg vertritt und unsere genaue Rechnung fälscht und vereitelt."
„Aber", sagte Morone, nachdenklich werdend, „wenn er so ist, wie du ihn nimmst, und wenn die Tatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus welcher Geisterguelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?"
„Ich weiß es nicht! Nur — von diesem Pescara geht der Ruf, er verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen, um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht."
Ein Blitz flammte über dem Vatikan. Er stand in weißem Feuer und zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen, denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna.
Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen. Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem ehrgeizigen Traume getragen, als von dem aufziehenden Gewitter gejagt, mit bewegten Gewänden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über den Leichnam des Vaters, sondern über bie gemeuchelte Staatstreue; denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war eine Neapolitanerin und die Untertanin Karls des Fünften, des Königs von Neapel.
Die tönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so entartet diese fein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken — und wie hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert ihres Gatten sie zweifeln taffen an dem päpstlichen Rechte, auf das würdigste Haupt eine Krone zu fetzen? So konnte ihr die anmaßende Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch der Gottheit erscheinen.
Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die Engelsbrücke Übertritten und ging nun schon durch die „gerade Gaffe", wie sie hieß, im Gelärm der Menge. Diese gab der Colonna ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender wurde.
Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva. Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt. .
War es die grelle Gewitterbeleuchtung ober die gemessen feindselige Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Viktorias erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich halb über die Schulter auf die Romulussöhne' niedergleitenden Blicken und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel, und ein tödlicher chaß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte?
Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen Geschlechtes, das jahrhundertelang feinen Vorteil darin gesunden hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte.
Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras fei. Ader gerade in diesen kargen Zeilen fchien sich ein kümmerliches Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel, war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges gab. Obwohl felbft dem Himmel dankbar, schätzte Viktoria solche Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl gelassen halt--, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den Lorbeer Pescaras zu schmälern?
Während seines Aufenthaltes in Zürich verkehrte Richard Wagner mit Gottfried Keller. Dieser war in Cosina verliebt. Wagner wußte es und foppte den Dichter: „Heut abend bring ich (ins Wirtshaus) die Cosima mit!" Keller wurde rot bis unter die Stirn. — Balling besitzt Beethovens Notizen über dessen „Meeresstille und glückliche Fahrt". Langes Hin- und Hertasten, bis die unablässig wogenden Ideen Gestalt gewinnen. Beethovens Komponieren war ein schweres Ringen.
Balling war zu Bismarck nach Friedrichruhe geladen. Man hatte sofort das Gefühl, einer überragenden Persönlichkeit gegenüber zu stehen. Wunderbar war Bismarcks milder und doch durchdringender Blick. „Sie gehen nach Neuseeland", jagte Bismarck zu Balling. „Darum beneide ich Sie. Wer etwas lernen will, kann nichts Besseres tun, als sich in der Welt umfehen." — Als Hofkapellmeister in Karlsruhe plante Balling die Gründung einer geselligen Vereinigung, der unter anderen Hans Thoma, Trübner, Schönleber angehören sollten. Man kam denn auch einmal zusammen, indessen sprachen die Maler kein Wort miteinander. Unbefriedigt trennte man sich. Später sprach Thoma zu Balling: „Daß es so kommen würde, hätte ich Ihnen voraus sagen können!" — Als Ansänger hatte Thoma in Düsseldorf das Bild feiner Mutter und Schwester gemalt. Mit größter Mühe bewog er einen Kunsthändler, ihm einen Rahmen um das Bild machen zu lassen. Verkaufspreis des Bildes 30 Mark. Aber nicht einmal zu diesem Spottpreis wurde «s verkauft. Thoma nahm es wieder an sich. Später, da der Stern seines Ruhmes am Kunsthimmel strahlte, bot ihm ein Liebhaber für dasselbe Bild 60 000 Mark. Der Meister gab es nicht dafür her. — Im Teatro Costanzi zu Rom setzt es Balling trotz des allgemeinen Gebrülls „Luce, luce!“ durch, die Walküre in verdunkeltem Raum zu dirigieren, erntet schließlich tosenden Beifall. Ebendort dirigierte er vor den unruhigen Italienern zwei Sinfonien von Beethoven und hatte einen großen Erfolg.
Tee beim Großherzog von Baden. Balling trinkt den heißen Tee nicht. Der Großherzog läßt ihm eine Flasche kühlen Sekt bringen. Prinz Max kommt: „Aha, der Herr Balling!" „Ja", sagt der Grohherzog, „für ihn ist der Sekt, anderen noch Sekt zu geben, kann ich mir nicht leisten!" — Böllings Verehrung für Goethe war grenzenlos. „In feiner Größe und Tiefe", waren Ballings Worte, „steht Goethe mit beiden Füßen fest auf der Erde und weist auf das Metaphysische hin." — Balling war eine durchaus religiöse Natur. Gott galt ihm als die lebendig schöpferische Wahrheit, sein Glaube an ihn war ihm Halt und Trost. „Daß ich fehnsüchtig nach Gott verlange, gibt mir die Gewißheit, daß er existiert."
Hans Richter, erzählt Balling, fragte Richard Wagner, ob dieser ihm nicht den Genuß verschaffen könne, einmal Franz Liszt spielen zu hören. Wagner gab Richter einen Brief mit an Liszt, der sich gerade in München aufhielt, wo denn Richter gleich zu ihm ging. Liszt fragte, was Richter gern hören wolle? Der Kapellmeister antwortet: „Bach!" Daraus spielte Liszt „Das wohltemperierte Klavier" auswendig. Auch Balling hörte Liszt spielen. Die «spräche, sagte er, sei zu arm, dieses Spiel zu schildern. Der Meister saß wie festgewachsen am Klavier, auch feine Finger schienen sich kaum zu bewegen, obwohl sie die Klaviatur mit eminenter Technik beherrschten. — Eine junge, sehr schöne ungarische Komtesse spielte Liszt vor und zwar eine Etüde von Schumann, aber sehr schlecht. Liszt machte während des Vortrags den Flügel zu, nahm die Komteffe bei der Hand und sagte: „Wenn man so jung und so schön ist, braucht man nicht Klavier zu spielen!" — In Rom forderte Balling den 65jährigen Sgamdati auf, das Ls-Dur-Konzert von Beethoven gelegentlich eines Musikabends vor großem Publikum zu spielen. Sgam- bati, der feit Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten war, willigte ein, hielt sehr viele Proben mit dem Orchester ab. Das Konzert selbst brachte Sgambati einen großen Erfolg.
Wenn Michael Balling den Taktstock schwang, brach sein innerstes Wesen hervor. Er dirigierte mit edler Einfachheit, man spürte den eigentümlichen Reiz seiner Individualität. Ruhige Tiefe wechselte mit stürmischer Leidenschaftlichkeit. Elektrische Ströme (prangen auf das Orchester über. Die Sicherheit feiner Taktgebung war eminent. Mit überlegenem Geist drang er in die feinsten Züge der Kompositionen ein. Der „Fidelio" war's, den ich vor des Meisters Hinscheiden zum letztenmal unter feiner Leitung hörte. Unvergessen lebt der Abend im Landestheater zu Darmstadt in mir weiter.
Oie Versuchung des Pescara.
Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
Er hat noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitale stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du, Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich."
„Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler.
„Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig, mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!"
„An ihrem Herzen will ich sie packen!"
„Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige Florentiner. „Aber weißt du, Kanzler", — und Guicciardin kniff ihn kräftig in den Arm — „daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den unsere Unternehmung schlaslos macht. Auch ich habe in dieser Woche noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts: sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen: weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an feine feudale Ireue. Ipescara ist kein Eid Campeador, oder wie die Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt


