Lippen und einem Stammeln und Schlafen der Zunge, das einem Korno- dienspieler Ehre gemacht hätte. Dann pflegte Degen totenbleich und mit völlig entstellten Zügen augenblicklich von ihm abzulassen und seiner Wege zu gehen. So gesährlichem Spiel sahen die Gefährten mit zwiespältiger Empfindung zu. Die vollendete Nachahmung, mochten sie es sich eingestehen oder nicht, bereitete ihnen heimlich unsägliches Vergnügen; dennoch hatte, als Degen vor wenigen Tagen rasend vor Zorn den Spötter niedergeschlagen und gezüchtigt hatte, keine Hand sich zu beffen Schutze erhoben. Seit dem Worfall war zwischen den beiden kein Wort mehr gewechselt worden.
Nun denn, nach dem mühseligsten Abstieg fand der Trupp dicht am User des Flusses, unweit einer kleinen Stadt einen windgeschützten Lagerplatz. Hier schien es säst warm gegen den nächtigen Wind auf der Höhe, auch brachen die Sterne wiederum hervor und verhießen «inen schönen Tag. So schlugen sie abermals das Zelt auf, erschöpft drängten sie sich aneinander und schliefen ein. Indessen erwachte Fiedel schon nach wenigen Stunden wieder. Er hörte deutlich die Amseln schlagen, auch meinte er durch die Bahnen des Zeltes hindurch die Morgenhelle wahrzunehmen. Die andern schliefen fest, als er aus dem Zelt schlüpfte.
Die Sonne war herrlich ausgegangen, aber sie wärmte noch nicht. Hart am Ufer des Flusses, vom Nebel, der den Anger deckte, bis zu den Knien umwogt, stand Degen im weißen Licht, nackend, die Arme aus- gebrettet. Jetzt hob er sie und schnellte in flachem Bogen in die Flut hinaus. Ans Ufer gelangt, sah Fiedel ihn schon weit unterhalb dahintreiben. Der Fluß, kaum einen Steinwurf breit, aber schwarz und reißend, rauchte vor Kälte. Erst bei der Biegung vor dem Wehr gewann Degen das jenseitige User; Brust und Schenkel mit den Fäusten schlagend, erstieg er den Damm, dann setzte er in hohen Sprüngen herauf, sich ein gutes Stück oberhalb der Stelle, von der ihm Fiedel zusah, aufs Neue in den Strom zu stürzen. Mit mächtigen Stößen, die Arme weit heraus- wersend, hielt er jchräg auf das Ufer mit dem Lager zu. Allein in der Mitte schnellte er sich plötzlich auf den Rücken; schon schoß er, den Hals rückwärts gebogen, an Fiedel vorbei, lautlos, ihn ruhigen, verächtlichen Blickes musternd; er hielt sich mit ermattenden Schlägen der Hände nur noch mühsam über Wasser. Fiedel stürzte ihm auf dem Damme nach, kam ihm zuvor, und das Wenige, was er von Kleidern auf dem Leibe trug, im Nu sich abreißend, sprang er mit einem verzweifelten Satz auf die Mitte des Flusses los. Bon Eiseskälte, die sich klirren- über ihm schloß, meinte er den Geist aufgeben zu müssen, allein emportauchend gewahrte er den Erstarrenden schon ganz in der Nähe, gewann, wußte nicht wie, die Mitt« der Bahn, noch früh genug, den Sinkenden im Genick zu packen, schob ihn vor sich her, spürte noch seine Knie von Klippen zer- fchnitten, Dörner und Weidlicht nach Brust und Leibe stechen, spürte es feliglich und hing mit ihm im Usergestrüpp. Lange lagen sie schwer atmend auf dem niederen Damm, rieben sich die Leiber, schlugen sich und wälzten sich im harten Gras. Endlich erhob sich Degen und ging schweigend auf das Lager zu. Nach ein paar Schritten jedoch stehen bleibend, stieß er, ohne den anderen anzublicken, gesenkten Kopfes hervor, daß er niemanden gerufen habe, und ihn durchaus nicht. Wandte sich und stapfte zum Zelt hinüber. Fiedel sucht seine Kleider, dann kroch er unter seine Decke. Die/Geführten lagen noch im Schlaf.
Es versteht sich, daß keiner von beiden ein Wort über die Vorfälle dieser Morgenfrühe verlor; doch schien es sehr bald, als sei ihre Feind- schast nun völlig zum Haß gediehen. Denn wenige Stunden später, da sich Degen eben, mit Spiegel und Pomade hantierend, zum Kirchgang in dem nahen Städtchen rüstete, ward beschlossen, daß zweie aus dem Trupp ihn begleiten sollten. Ihr Auftrag war, beim Krämer oder in einem Gasthaus eigenes zur Bereicherung des Mahles zu erstehen, das die Zurückblcibenden inzwischen bereiten wollten. Durch Zuruf, wie es bei ihnen der Brauch war, wurden Fiedel und der Jüngste der Horde dazu bestimmt. Indessen weigerte sich Degen augenblicklich auf das Entschiedenste, Fiedel mitzunehmen. Keineswegs, erklärte er mit einem Blick auf die verhaßte Jacke und die weißen Zwickelstrümpfe, die jener, den Tag zu feiern, angelegt hatte, — keineswegs gehe er am heiligen Oster- tag mit einem Kasper unter Christenmenschen.
Fiedel erbleichte. Tränen schossen ihm in die Augen, er kehrte sich ab, als füge er sich; aber gleich danach wandte er sich zurück und gab mit vollendeter Nachahmung der Redeweise des anderen zur Antwort, daß über Geschmack sich streiten lasse, nicht jeder fei gesonnen, ein Rekrutenspind auf dem Rücken zu tragen. In das Gelächter der andern hinein machte Degen, „mutz ich dich schon wieder überlegen, Bürschchen!?" zischend, ein paar Schritte auf ihn zu. Ohne Zweifel wäre es bei dieser Drohung geblieben, wenn nicht Fiedel, mit einem jähen Satz nach [einer Kehle springend, ihn niedergeworsen hätte. Allein über ihm kniend, die Hand zum Schlage erhoben, sand er sich durch eine mächtige Bewegung des Ueberraschten hochgewirbelt wie ein Scheit Holz, stürzte, lag schon unter seinen Fäusten. Vollends außer sich, vor Wut mit den Zähnen knirschend, riß er, die Züchtigung von sich abzuwenden, das kurze, breite Messer hervor, das er wie alle andern am Leibriemen in einer Horn- scheide trug. „Kujon!" brüllte Degen, ihm das Handgelenk zusammenpressend, das Messer blitzte im Gras, er packte es und schleuderte es im Bogen in den Fluß. Während nun. die Gefährten, die nicht einmal zum Versuche sich einzumischen gekommen waren, bestürzt und regungslos das Strafgericht erwarteten, das ihnen jetzt allerdings verdient erscheinen mußte, senkte Degen mit einem verlegenen Auflachen die Fäuste, wischte sich das Blut, das ihm aus der Nase lief, von den Lippen, hob sich von seinem Gegner fort und ging langsam zu feinem Gerät zurück. Er säuberte sich umständlich, machte sich schweigend fertig und verließ nicht lange danach den Lagerplatz mit dem Bemerken, er gehe also wie vorgehabt zur Kirche und werde übrigens besorgen, was zu besorgen sei.
Die Gefährten verbrachten den Morgen in der düstersten Stimmung. Fiedel lag abseits im Gras, wo «r liegen geblieben war, unbeweglich, das Gesicht auf den Armen. Es mochte ihn keiner anreden, doch sprachen sie auch untereinander nicht von dem ungeheuerlichen Geschehnis. Sie' zogen jchweigend einen Kochgraben, sammelten Reisig und Holz, machten es klein und rückten die Töpfe ans Feuer. Gegen Mittag, es war herrlich
warm geworden und über dem Anger zitterte wohlige Luft, kehrte Degen mit dem heitersten Gesicht zurück. Er nannte sie schöne Christenmenschen und wünschte ihnen aufgeräumt so gute und scharfe Predigt, wie er sie eben angehört, und bot aus einer großen Düte, die er auf dem Arm trug, buntes Zuckerzeug herum. Als fei nichts geschehen, ging er auch zu Fiedel hinüber, schlug ihn auf bi.e Schulter und bot ihm die Düte dar. Dieser, sich ausrichtend, errötete über und über, dann griff er wortlos hinein. Indessen war es nun an Degen, zu erröten, denn während die Gefährten sich mit hellen Gesichtern um die beiden versammelten, hatte er, mit der stammelnd vargebrachten Erklärung, hier sei für ihn noch etwas Besonderes, ein Messer hervorgezogen, und bat ihn, es für das ertränkte anzunehmen. Es war ein erlesenes Stück, fast eine Waffe, und es zeigte sich, daß in das polierte Holz ziemlich roh, aber unverkennbar, ein Degen und eine Geige geschnitzt waren, die sich kreuzten. Auf die fröhliche Frage des Führers, ob er am Ende die österliche Betbank zu einer Schnitzbank gemacht habe, gab er unter Gelächter zu, daß es sich so verhalte. Indessen habe ihn solche Beschäftigung in der geziemenden Andacht nur bestärkt. An diesem Tage begann die Freundschaft zwischen Degen und Fiedel, die unverbrüchlich bis zu ihrem Tode währte; denn sie sind wenige Jahre danach vor englischen Gräben.geblieben.
persönliche Erinnerungen an Generalmusikdirektor Michael Balling.
Von Alfred Bock.
Immer war es ein Festtag für mich, wenn Michael Balling bei mir Einkehr hielt. Ich schätzte den genialen Dirigenten nach seinem vollen Wert. Er war nicht nur Musiker, er war auch Philosoph. Ein Schein von Kälte, mit dem er sich umgab, konnte die, di« ihn genau kannten, nicht darüber täuschen, das Gefühlssinnigkeit der Grundzug seiner Wesenheit war. lieber die Verworrenheiten des Weltlaufs trug ihn metaphysischer Optimismus hinaus. Er gehörte zu den Schönheitsgläubigen, die auf die Entwicklungsfähigkeit der Ideale bauen. In hohem Maße war ihm die Kunst des Erzählens zu eigen. Er trug mit schlichten natürlichen Worten so ausgezeichnet vor, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer festgehalten, ja mehr und mehr gesteigert wurde. Ost geschah's, daß sein Gespräch an die letzten Fragen der Menschheit rührte; stets hatte man die Empsindung, daß alles bei ihm aus hochgestimmter Seele strömte. Was ich hier wieder- gebe, habe ich nach Stunden anregender Unterhaltung mit ihm gedächtnistreu niedergeschrieben.
In Spanien hatte Balling in großen Städten die „Meistersinger mit starkem Erfolg dirigiert. In Sevilla wurde die Prügelszene da capo verlangt. Ein Engländer von Distinktion wohnte der Auf- sührung der „Meistersinger" bei, besuchte Balling und nahm ihn mit in die Alhambra, wo sie beim Kastellan nächtigten, unendlich tiefe Eindrücke erlebten. Balling ersteigt den Mont Senat. In der Kirche wird er von einem Knabenchor empfangen, der wie „Poesie der Luft" aus zauberhaften Fernen klang. Die schönsten Menschen begegneten Balling in Katalonien, wo noch die gotische Rasse in den blauen Augen und blonden Haaren erkennbar ist. — Balling erzählte von seiner Tätigkeit in England. In Manchester wirst er dem Bürgermeister an den Kops: „Ihr Engländer habt nur Hirn für Sport!" Er fetzt sechs Konzerte für Arbeiter durch, dirigierte in Leeds, wo die vor Schmutz starrenden Kohlenarbeiter dicht gedrängt bis ans Orchester vorgeschoben standen und lauschten.
Die betagte Prinzessin Alexandrina von Mecklenburg, die Balling in Windsor traf, erzählte ihm von ihrem Besuch bei Goethe, der damals hoher Siebziger war, Die Herrschaften harren [einer im Empfangszimmer, erwarten einen Mann von imponierender Gestalt. Statt dessen erscheint der Dichter als ein Mann von nur mittlerer Große. Die Augen aber mit ihrem wunderbaren Glanz formieren dermaßen, daß man wie berückt, wie geblendet stand. Mit einem Male wuchs Goethe da er zu sprechen begann, in die Hohe. Die Frankfurter Mundart verleugnete sich nicht. — Balling erzählt von seinem Freund Professor Schweninger. Dieser, zu Bismarck gerufen, traf den Fürsten, der nicht mehr schlafen konnte, in Verzweiflung. Schweninger verordnete dem Kanzler abends Sekt und Bier, heißt ihn sich niederlegen, unterhält sich mit ihm, streift unaufhörlich über Bismarcks Hand. Der Fürst fchläft ein, schläft volle sieben Stunden. Schweninger wurde, während er Bismarcks Leibarzt war, vom Sultan nach Konstantinopel berufen, heilte diesen von beschwerlichem Nierenleiden. Der Sultan ließ Schweninger durch seinen Grotzvezier fragen, welches Honorar er sich ausbedinge. Schweninger antwortete, er wolle nicht zu viel und nicht zu wenig fordern, darum ziehe er es vor, keine Summe zu bestimmen. Darauf telegraphierte der Sultan an Bismarck, was er Schweninger anbieten und welche Auszeichnung man ihm gehen solle. Bismarck antwortete, für einen Arzt von Schweningers Bedeutung fei kein Honorar und keine Auszeichnung groß genug. Nun gibt ihm der Sultan eine halbe Million Mark und verleiht ihm den höchsten türkischen Orden mit Brillanten.
Richard Wagner, erzählte Balling, war auf dem Klavier so ungeschult, daß er die Tasten verwechselte, er spielte nie selbst ein Instrument. Während Schumann, Brahms und andere am Klavier komponierten, konnte bei Wagner davon keine Rede (ein. Cosima Wagner berichtete Balling, wie groß ihres Mannes Anteil an Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" gewesen sei. Wagner besprach mit Nietzsche das Werk, arbeitete es mit ihm durch. Lu S a l o mö saß in Luzern auf einer Bank am See neben Nietzsche. Dieser begann zu meinen. „Hier habe ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht!" (mit Richard Wagner) preßte er hervor. In den Gesellschaften im Haus Wahn- fried, soviel bedeutende Persönlichkeiten auch anwesend sein mochten, war Cosima Wagner stets die, die alle an Gewandtheit überragte, eine anregende Unterhaltung zu führen. Richard Wagner blieb den geselligen Zusammenkünften fern. Ein vornehmer Engländer, von Lord Hamilton an Balling empfohlen, besucht den Parsival. Nach dem ersten Akt trifft ihn Balling in Tränen aufgelöst, aufs tiefste ergriffen. Derselbe Engländer, der am Hydepark in London ein schlohartiges Anwesen besaß, reifte Balling nach, wenn dieser Konzerte gab.


