Ausgabe 
10.8.1931
 
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bilden. Man werde gegen sie spielen, ein reines Tertia- gegen ein reines Sekundaspieli

Die Sekunda nahm diese Botschaft mit einiger Verblüffung und danach mit viel Geringschätzung hin. Schließlich war man in der Untersekunda ein bis anderthalb Jahre älter als die Obertertia ...

Der Große Kurfürst hatte mit dieser Entscheidung wieder einmal eigenmächtig gehandelt. Es konnte ein geschicktes Manöver sein, es konnte aber auch zu seinem endgültigen Untergange führen. Augenscheinlich wollte er die Tertia immer weiter isolieren, sie alsdann unter seiner Häuptlingsstandarte sammeln und das letzte an Kräften und Fähigkeiten aus der Bande herausholen, was herauszuholen war. War sie erst ein­mal ganz auf sich selber gestellt, so war die Gefahr der Zwietracht über­wunden. Zeigte es sich jedoch schon bei den vorbereitenden Spielen zum Sportfest, daß die Tertia der Sekunda nicht gewachsen war und daß auch gar keine Aussicht bestehen würde, die Sekunda zum Feste zu schlagen, so war die ohnedies zermürbte Herrschaft des Großen Kurfürsten beendigt, und Daniela würde den Thron besteigen. Und hier war wieder einmal der Punkt, wo die besten Freunde des Häuptlings, also vor­nehmlich Lüders, Reppert und Hornbostel ihre Köpfe schüttelten und sich besorgt die Frage stellten, ob denn der Häuptling noch wie ehedem der alte sei! Sie sanden die Botschaft des Großen Kursürften an die Sekunda nicht staatsmännisch, sie fanden sie von Leidenschaft. diktiert und geradezu töricht.

Hauptsächlich Reppert war ein Gegner des reinen Tertiaspieles.

Er runzelte die Stirn, und seine grauen Schleswig-Holstein-Augen nahmen einen besonders strengen Ausdruck an.

Er stand mit nacktem Oberkörper am Dienstagnachmittag am Rande des Fußballplatzes. Den Sweater hatte er. sich mit den Aermeln um den Hals gebunden, er hing ihm wie ein blutroter Fetzen auf dem Rücken.

Reppert sprach zu Otto Kirchholtes, der auf der knorpeligen Krone eines niedrigen Weidenbaumes faß und das engelhaft schöne Haupt wetter­prüfend nach dem westlichen Himmel gerichtet hielt.

Bei uns geht jetzt seit einiger Zeit alles drunter und drüber. Hat der Kurfürst dich vielleicht gefragt, Otto, bevor er Borst zur Sekunda schickte?"

Reppert stellte diese Frage an Otto Kirchholtes höflich, als spräche er zu einem Wesen höherer Art. Ueberhaupt hatte jeder in der Tertia, der mit Otto Kirchholtes sprach, diesen ganz besonderen Ton, in dem auch die empfindungsloseste und rauheste Jugend mit der Schönheit spricht.

Otto schüttelte verneinend das Haupt. Während er dies tat, summte er die Melodie eine Violinsonate vor sich hin, die er neulich beim Schüler­konzert vorgespielt hatte. Es war Daniela von der Leitung befohlen worden, Otto zu begleiten. Sie hatte sich heftig dagegen gesträubt. Ihre Rache für den Zwang war eindeutig gewesen: sie hatte ihre Sonate hundemäßig gespielt. Sie beide sollten nun beim Sportfest vor den großen Ferien in Anwesenheit der Eltern und Gäste ihr Musikstück zum Vortrag bringen. Aber Daniela hatte laut erklärt, daß keine Macht der Welt sie zwingen werde, mit Otto Kirchholtes tagein tagaus zu üben und sich mit ihm wie in einem Zirkus zu produzieren. Sie spräche nun einmal mit keinem Tertianer, und es sei unmöglich, eine Sonate einzustudieren, ohne daß man miteinander spräche. Mit Kopfnicken allein und mimischen Zeichen ginge es nicht! Kurzum, sie werde eher der Anstalt den Rücken kehren, als sich mit einem ihrer Todfeinde vor denselben Wagen anspannen zu lassen.

Otto Kirchholtes ober schien dies alles Daniela nicht sehr überzunehmen. Und so sang er denn auch gleichmütig und freundlich mit seinem breiten, schön geschwungenen Munde seine und Danielas Mozart-Sonale vor sich hin!

Mich hat er auch nicht gefragt", sagte Reppert mißbilligend.Und nun ist doch meiner Ansicht nach der Kernpunkt der ganzen Frage der: was geschieht mit Daniela? Wie können wir gegen Knötzinger und seine wohlgenährte Horde anstehen, wenn wir Daniela nicht in unserer Mann- schnst haben?"

Otto Kirchholtes sang mit stärkerer Stimme, saft wie ein lob­preisender Engel erhob er den Mund, als Reppert den Namen Daniela genannt hatte. Oder sang er so laut, weil er den Namen nicht hören, weil er ihn übertönen wollte?

Daniela hält den Rekord bis einschließlich der Obersekunda über ein­hundert Meter. Die Primaner haben ihre eigenen Rekorde, gut. Aber Daniela ist nur eine Dreiviertelsekunde hinter dem Primanerrekord zurück­geblieben. Alle, die was davon verstehen, sagen, daß sie beim Fest über­haupt den ganzen Schulrekord drücken wird. Sie soll nämlich während der Zeit unseres Zwistes drüben auf der Aschenbahn enorm träniert haben. Königsmarck hat sie einmal mit der Stoppuhr kontrolliert, ohne daß sie es wußte. Da soll sie einhundert Meter 12,5 gelaufen sein. Das ist schon unter dem Primanerrekord. Und der Weltrekord für Damen ist 11,8. In ein bis zwei Jahren haut die womöglich noch Houben oder Körnig glatt hin. Und beim Fußball ist sie unser bester Stürmer! Wenn sie sich jetzt weigert, mitzuspielen, wie sie die ganze Zeit über nicht mitgespielt hat, was soll dann aus uns werden? Wir werden doch ohne Daniela mit Pauken und Trompeten geschlagen! Verstehst du das Ganze? Das geht doch geradeswegs auf Selbstmord des Häuptlings aus!"

Otto Kirchholtes lächelte freundlich und gleichmütig von feinem Weiden­baum herab.

Vielleicht will er das!"

Dann soll er sich gleich umbringen!" räsonierte Reppert.Dazu braucht er die ganze Bande nicht lächerlich zu machen und noch dazu unsere große Sache zu schädigen!"

Otto sang schon wieder seine Mozart-Sonate. Er senkte tief die Lider seiner Augen, so zärtlich schien er sich seiner Melodie oder einer Empfin­dung hinzugeben, die untrennbar mit dieser Melodie verbunden war.

Ich kann mir nur eines denken", sagte Reppert nachdenklich.Er ist doch schließlich nicht der Dümmste, sondern immer der Gescheiteste gewesen*

Er machte eine Pause. Er wollte von Otto Kirchholtes gefragt werden, was er sich für geheime Gedanken über die Angelegenheit gemacht hatte. Aber da Otto dort oben auf feinem Weidenstumpf bis auf weiteres musi- kalifch beschäftigt zu sein schien, so gab Reppert zum besten, was er sich dachte:

Ich kann mir nur noch denken, daß er sich bereits heimlich mit Daniela ausgesprochen hat. Das wäre dann allerdings ein Meisterstück!"

Otto lächelte zart.

Das werden wir ja gleich sehen. Dann muß ja Daniela jetzt hier auf dem Platz erscheinen."

Kaum hatte Otto das Wort ausgesprochen, als Daniela sichtbar wurde.

Sie kam langsam herangeschlendert, mit hochmütigen und nachlässig zerstreuten Seitenblicken, die Hände in den Taschen ihrer Sporthose. Sie kaute schon wieder etwas, sie hatte Wrigley-Kaubonbon im Munde.

Würdig und ernst, wie die Tiere der Heiligen in der Wüste, folgten ihr Meleager und Atalante. Am Rande des Spielfeldes legten sie sich mit breit ausgestreckten Vorderpfoten auf die Bäuche, denn sie wußten es wohl, daß sie den Platz nicht betreten durften. Wie Daniela noch bei der Bande gewesen war und am Fußballspiel teilgenommen hatte, da hatten es die Doggen in harten Lektionen lernen müssen, daß hier auf diesem Felde mit ihrer Herrin geschehen konnte, was nur immer geschehen mochte, sie konnte dahinrasen und wilde Jagdrufe ausstoßen, sie konnte sich stöhnend am Boden wälzen oder zerschunden über das Feld hinken, und wenn es einem auch in der Hundeseele bitter weh tat, das alles ansehen zu müssen, und man zuweilen kleine, tiefe Baßtöne des Jammers ausstieß, helfend durfte man zu keinem Zeitpunkte hier eingreifen! Man tat am besten, gar nicht hinzusehen, sondern sich zusammenzutrudeln und den Schlaf zu versuchen. Aber es wurde kaum je etwas daraus. Nach zwei Sekunden spitzte man schon wieder die Ohren und stöhnte dumpf in der Brust.

Reppert aber sah Daniela begeistert an, während Otto Kirchholtes vor sich hinlächelnd das Gesicht nach einer ganz andern Richtung gewendet hielt, zu einer Gruppe von Knaben hin, die ihn aus irgendwelchen Gründen zu interessieren schien.

Doch auch diese Knaben und all die andern Tertianer bekamen ein fast fiebrisches Rot auf den Wangen, wie sie nun Daniela langsam her- zuschreiten sahen. Es war kein Zweifel mehr, dem Häuptling war das Meisterstück aller Meisterstücke gelungen: er hatte Daniela gewonnen! Daniela, die sich niemals mehr hier beim Fußballspiel gezeigt hatte und die viel zu stolz gewesen war, um hier auch nur zuzusehen, Daniela, die, ohne je einen Blick auf das Feld zu werfen, mit ihren Hunden eilig norübergegangen war, wenn sie sich anschickte, drüben am andern User des Flusses auf der Aschenbahn zu trainieren, Daniela machte halt! Daniela kauerte sich am Rand des Platzes unter einer Weide nieder, sie hatte auch, wie alle gleich sahen, Fußballschuhe und. keine Spikes an. Es war kein Zweifel, Daniela gehörte zur Tertia-Mannschaft! Daniela spielte mit!

Stolz richteten die Knaben sich auf. Sie zeigten ihre Freude mit keinem Wort und mit keiner deutlichen Gebärde, aber sie segneten den Tag, an dem der Große Kurfürst die eigenmächtige Entscheidung getroffen hatte. Nun erst machte ihnen das Sportfest Vergnügen. Aber nicht das Fest war ihnen diesmal das Wichtigste. Ihre Augen begannen zu leuchten: die große Sache, der sie dienten, war so gut wie gewonnen! Daniela war versöhnt! Und mit frohem Enthusiasmus sahen sie zu ihrem klugen Häuptling auf.

Der aber hatte bis dahin ganz einsam und etwas verlassen auf der Tribüne gestanden, denn die Achtung der Massen ehrt und meidet das Unglück eines großen Mannes.

Otto Kirchholtes war von seiner Weidenkrone herabgesprungen. Ziel­los begann er sich in der Gegend des Sportplatzes herumzutreiben, immer lächelnd, immer singend. Er war keiner von den zarten, von den Botti- cellifchen Engeln, er war mit einem kräftigen Leibe, zumal mit einer kräftigen Brust begabt. Auch waren die Beine nicht besonders schmal und auch nicht hoch, sondern stark und fest, weder zu lang noch zu kurz. Er stellte überall seinen Mann, er war gewandt und muskulös, und dennoch hatte er eine leichte, fast mädchenhafte Grazie. Und engelshaft war sein Haupt, das ebenfalls breit war, mit einem breiten Munde im Gesicht. Die blauen Augen hatten immer ein verwöhntes, liebenswürdiges Lächeln in ihren Tiefen, und das blonde Haar loderte in feinen, leicht wehenden Locken raffaelifd) über feiner Stirn und an den Schläfen auf. Sein Ober­körper war jetzt zum Fußballspiel bis zum Gürtel nackt, wie die Ober­körper aller Mitspielenden. Das Fleisch dampfte rötlich, es war rötlich durchblutet.

Es hatte in diesen Tagen einen Temperatursturz gegeben. Das Wetter war mitten im Juni nach einem Gewitterregen eisig falt geworden. Und auf dem Boden lagen die kaum ergrünten Blätter der Laubwälder oder die farbig schimmernden Blätter der Rotbuchen, als sei ein frühzeitiger Herbst eingebrochen.

Otto Kirchholtes umfaßte einen Baumstamm mit der Hand, er schwang sich da wie im Karussel herum, er riß sich die Innenflächen der Hand blutig, so wild drehte er sich um den Stamm. Er sang dazu seine Sonate auf eine wilde und leidenschaftlich verhaltene Art.

In diesem Augenblick ertönte die Pfeife des Präfekten der Unter­sekunda, Knotzingers schrille und gehorsam-erheischende Pfeife! Das Signal, daß das Spiel beginnen sollte.

Die Tertianer erhoben sich am Rande des Spielplatzes, mit geröteten Gesichtern und glänzenden Augen. Sie schielten etwas unentschlossen zu Daniela hin. Wer von ihnen sollte aus der Mannschaft ausscheiden, uni Daniela Platz zu machen? Sie warteten auf einen Befehl ihres Präfekten.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. tzanSTHhrivt. Druck und Derlag: Drühl'sche Univerfitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.