Es gibt wohl keine Wissenschaft, in welcher nicht Außenseiter und Laien onderliche Theorien und Meinungen aufgestellt hätten. Der Professor
Oer Kampf der Tertia.
Erzählung von Wilhelm Speyer.
Alle Rechte beim Rowohlt Verlag, Berlin W 35.
(Fortsetzung.)
Die Lehrere nämlich erteilten in diesen Tagen häufig Befehl und Gegenbefehl. Von einigen unter ihnen, und zwar von den älteren, wurde die Bande in diesen denkwürdigen Zeiten unausgesetzt beschäftigt. Sie sollte, so schien cs, kaum je eine freie Minute zur Beratung oder zur Vollendung ihres Zwingers gewinnen. Da in den Unterrichtsstunden wieder einmal nichts auszusetzen war, — denn die Tertia hatte auf Befehl des klugen Häuptlings ihren Studienfleiß in diesen Tagen verdoppelt, —< so kam jeden Augenblick ein Befehl zu irgendeiner landwirtschaftlichen Verrichtung im Gutshof oder an den äußersten Grenzen des Schulgutes, oder es wurden Abteilungen in die Werkstätten der Schneider, Schreiner und Schuster geschickt oder zu den Gärtnern in die Gemüse- und Blumengärten. Kaum aber waren sie an ihrem Bestimmungsort angelangt, so traten jüngere, viel geliebte und viel geehrte Lehrer zu ihnen heran, lächelten über ihre Arbeit, gesellten sich kameradschaftlich ihnen zu und beschwichtigten eher ihren Eifer, als daß sie ihn anspornten. Auch ließen sie sich in allerlei verfängliche Gespräche mit ihnen ein, ohne freilich den alles bewegenden Gegenstand dieser Tage geradezu beim Namen zu nennen. Doch zeigte sich in jedem ihrer Worte ein höfliches Bestreben zur Kameradschaft, zu stiller Unterstützung und zur Kräftigung des Mutes und der Zuversicht. Der eine unter ihnen, Dr. Frey, ihr bester Fußballkamerad und Liebling unter den Lehrern, sagte sogar einmal beim Fortgehen ohne weitere Umstände: „Ihr habt gute Freunde hier, die euch nicht fallen lassen werden, wenn ihr etwas Vernünftiges unternehmt!"
Dieses Wort machte die Runde in der ganzen Schule. Die Sekundaner zogen streng tadelnde, bedenkliche und finstere Gesichter, wie sie es hörten. Freilich hatten sie mit den jungen Lehrern niemals besonders gut gestanden, und die jungen Lehrer wiederum gaben nur ungern in der Untersekunda Unterricht. Sie bevorzugten die Obersekunda, die Prima und die Obertertia. ,
All diese Stimmungen zeigten sich am deutlichsten in dem Fußballmatch, das am Dienstag ausgefocktcn wurde. Es war ein Vorbereitungsmatch für das Sportfest, das vor Beginn der großen Ferien in Anwesen- heit vieler Eltern und Gäste veranstaltet werden sollte.
Gewöhnlich wurde dreimal in der Woche Fußball gespielt Die erste Halbzeit sand von fünf bis fünf Uhr fünfundvierzig statt, die zweite von sechs bis sechs Uhr fünfundvierzig. Die Primaner, diese Halbgötter und Heroen, spielten getrennt von den andern, sie nahmen jedoch auch einige von den fähigsten Obersekundanern, beispielsweise den älteren Kirchholtes, in ihre Mannschaft auf. Auch junge Lehrer beteiligten sich an diesen Kämpfen.
Die andern Klassen spiellen unter sich. Doch die Obertertia hatte sich, wie in allen andern Leibesübungen, so auch im Fußball derart hoch emporgezüchtet, daß sie mit den Untersekundanern spielen dursten, und zwar gemischt, so daß sich ungefähr gleichviel Untersekundaner aus beiden Seiten befanden. An diesen Kämpfen nahmen mit Vorliebe auch diejenigen jungen Lehrer teil, die das Fußballspiel erlernen wollten. Denn die jungen Lehrer hatten es gern in jeder Hinsicht mit den Tertianern zu tun.
Nach der Kriegserklärung der Untersekunda schickte der Große Kurfürst in seiner ironischen Gemütsstimmung dieser Klasse Borst, den Unwürdigsten, als Botschafter zu, und er ließ ihr sagen, daß man darauf verzichte, zum Sportfest mit der Sekunda gemischte Mannschaften zu
Astronomische Kuriosa.
Don Graf Karl von Klinckowstroem.
absonderliche Theorien und Meinungen aufgestellt hätten. Der Professor Samuel Simon Witte wurde zu seiner Zeit allerdings ebensowenig r ernst genommen, als er 1789 behauptete, die ägyptischen Pyramiden seien Naturprodukte vulkanischen Ursprungs, wie neuerdings Silvio Gesell und Jens Jürgens, die den alten Moses zum Erfinder des Pulvers und gar des Dynamits machten, oder P l a u s o n , der auf Grund ziemlich des gleichen biblischen Beweismaterials in Moses einen hervorragenden
Mondes vorbeizog, genau wie etwa der Merkur manchmal als Pünktchent vor der Sonne vorüberzieht. Vor 30 und etlichen Jahren hat sich ins- besondere der Hamburger Privatastronom Dr. Georg Waltemath darum bemüht, Beweismaterial für die Existenz eines oder zweier solcher Erdmonde zusammenzubringen. Er hatte alte Chroniken und astronomische Werke auf dahingehende Beobachtungen durchforscht und glaubte den Vor- Übergang eines kleinen Satelliten vor der Sonne für den Zeitraum 1700 bis 1879 in mindestens zehn Fällen mit solcher Genauigkeit nachgewiesen zu haben, daß er die Bahn dieses hypothetischen Erdtrabanten berechnete und seinen nächsten Vorübergang vor der Sonne annähernd voraus- bestimmte: um den 3. Februar und den 30. Juli 1898 sollte nach Waltemath dieser Vorübergang stattfinden. Da die Fachgelehrten von seiner Entdeckung nichts wissen wollten,'wandte er sich durch die Tagespresse an das große Publikum. Tatsächlich gingen auch für die beiden kritischen Tage mehrere Mitteilungen von Laien ein, die mit freiem Auge den Vorübergang eines dunklen Körpers vor der Sonnenscheibe beobachtet hatten. Die Fachastronomen aber hatten nichts gesehen — leider waren die Witterungsverhältnisse sehr wenig günstig — und erklärten die Laienbeobachtungen durch meteorologische Erscheinungen. Möglicherweise kann es sich gelegentlich auch um einen Kinderballon gehandelt haben, der in großer Höhe für das Auge des Beobachters die Sonnenscheibe kreuzte.
Dr. Waltemath ist nicht durchgedrungen, aber der Gedanke ist deshalb doch nicht in Vergessenheit geraten. Im Jahre 1928 will der Amateurastronom Crew in St. Louis (USA.) im Fernrohr einen zweiten Erdmond beobachtet haben. Er hat sogar schon einen Namen erhalten: Lilith hat ihn der holländische Astronom Leuwenbrook getauft, der ihn auch gesehen hat. Allerdings hat dieser Name in der Wissenschaft noch kein Bürgerrecht, da das Vorhandensein dieses zweiten Mondes eben noch umstritten ist. Obwohl immer wieder Beobachter auftauchen, die ihn beim Vorübergang vor der Scheibe der Sonne oder des Mondes gesehen haben wollen, so ist es doch noch niemals gelungen, zweifelsfreie Angaben Über derartige Beobachtungen zu machen oder diesen Satelliten durch ein Teleskop zu photographieren. Ein von dem reichen Engländer Lewis dafür ausgesetzter Preis von 500 Pfund ist noch zu haben. Unmöglich wäre es ja nicht, daß unsere Erde noch von einem zweiten, sehr kleinen Monde umkreist wird, aber vorläufig verhält sich die Wissenschaft in dieser Hinsicht noch skeptisch.
Elektrotechniker sieht.
Die Astronomie hat nun eine besonders ansehnliche Literatur derartiger Phantasien gezeitigt. So ist das Problem der Planetenbewohner 1 immer wieder behandelt worden, von Huygens und Fontenelle bis auf Flarnmarion und seine Nachfolger, und es hat auch einen dankbaren Stoff für utopistisch-technische Romane geliefert. Das geozentrische Weltsystem, das den Umlauf der Sonne und aller Gestirne um die :'Erde annimmt, findet vereinzelt noch heute Verteidiger (z. B. in Johannes Schlaf), und wenn ich nicht irre, gibt es heute auch noch Leute, die die Erde für eine Hohlkugel halten.
Die Rätsel, die der Mond uns aufgibt, haben viele Laienastronornen gereizt. Ist er wirklich tot, lüft- und wasserlos, unbewohnbar, eine steinerne Wüste? Da hat man z. B. die Beobachtungen gemacht, daß die Mondflächen weiß aus der vierzehntägigen Nacht auftauchen, bei steigender Sonne immer grauer werden und beim Höchststand des Tagesgestirns einen grünlichen Schimmer annehmen. Schon der Münchener Astronom G r u i t - Huis en hat 1824 daraus geschlossen, daß sich während des zweiwöchentlichen Mondtages Pflanzenwuchs entwickle, daß mithin die Vorbedingungen für organisches Leben auf dem Monde gegeben sein müßten. Und der Astronom W. H. Pickering in Cambridge (Mass.) hat dasselbe vor wenigen Jahren neu entdeckt. Während sich aber Pickering hinsichtlich der Existenz vernunftbegabter Mondbewohner zurückhaltend geäußert hat, weiß der phantasiereiche Gruithuisen von deutlichen Spuren der Sele- niten zu erzählen: von ihren Städten, Straßen, Kanülen usw.
Dies mag dazu beigetragen Haden, daß alle Welt auf eine geschickt ausgemachte Mystifikation hereinfiel, die 1835 von Amerika ihren Ausgang nahm und den Namen des damals auf dem Gipfel seines Ruhms stehenden jüngeren Herschel dazu mißbrauchte. Zum Verständnis der außerordentlichen Wirkung, die diese astronomische Mystifikation erregte, muß oorausgeschickt werden daß die beiden berühmten Astronomen, Vater und Sohn Herschel, insbesondere in der Konstruktion sehr großer und bis dahin unerreicht leistungsfähiger Spiegelteleskope einzig dastanden. Der Müßige Reflektor, den der ältere Herschel 1785—89 gebaut hatte, erlaubte schon eine bis zu 6000fache Vergrößerung. Sir John W. Herschel, der Sohn, hatte 1834 seine große Forschungsreise nach dem Kap der Guten Hoffnung angetreten, die der Beobachtung und Durchforschung des südlichen Sternhimmels dienen sollte. Alle Welt wartete gespannt auf die ; Ergebnisse der Expedition, und populär-wissenschaftliche Schriftsteller rote Dr. Dick nährten durch färben- und phantasiereiche Schilderungen der Geheimnisse der Sternenroelt die gespannte Erwartung.
Da erregte es geradezu eine Sensation, als in der „New York Sun im August und September 1835 eine in wissenschaftlich ernstem Tone gehaltene Aussatzreihe erschien, die angeblich einer englischen Fachzeitschrift entlehnt war und eingehend über die neuesten astronomischen Entdeckungen Herschels Bericht erstattete. Die Mitteilungen sollten von dem Mitarbeiter und Begleiter Herschels, Dr. A. G r a n t stammen, der allerdings allein in der Lage gewesen wäre, so genaue Angaben zu machen. Es wird darin zunächst ganz korrekt und mit voller Sachkenntnis dargelegt was die berühmten Teleskope des älteren Herschel zu (elften oer= mochten, daß z. B. mit dem Müßigen Reflektor auf dem Mond noch Gegenstände von zirka 122 Yards (1115 Meter) im Durchmesser unter- chieden werden könnten, und welche Schwierigkeiten einer weiteren Vergrößerung im Wege ständen. Diese Schwierigkeiten habe nun der jüngere 2 Herschel überwunden. Ein riesiges Instrument mit einem Objektivglas t von 24 Fuß Durchmesser gestatte eine 42 OOOfache Vergrößerung. Der Artikelschreiber ließ es an genauen Details über Bau Transport und Aufstellung des Instruments nicht fehlen, die einen Zweifel an der Wahrheit der Schilderung nicht aufkommen ließen.
Mittels dieses ungeheuren Teleskops konnten nun auf der Mondober- flädje Gegenstände deutlich unterschieden werden wie sie sich dem unbe- ! roaffneten Auge in einer (Entfernung non Zirka 100 Yards (91 (Dieter) bar- । teilen wurden. Damit war natürlich das Rätsel der Mondoberflache, die B Frage nach organischem Leben auf dem anscheinend toten Erdtrabanten usw. leicht zu lösen. Und hier hat denn der ebenso kenntnisreiche wie witzige Verfasser seiner Jules-Verne-Phantasie freien Lauf gelassen. Unter '■ ’teter Heranziehung der bis dahin gewonnenen Kenntnisse m der Mond- opographie gebt er ausführliche Schilderungen der erstaunlichen Lan - ' chaftsbilder, die sich den Beobachtern boten, beschreibt eingehend die Pflanzen- und die Tierwelt und vergißt auch nicht die Selenitem di als vier Fuß große, mit fledermausartigen Flugech ausgestattete Men chen mit kupferfarbigem Haar darstellt. Auch deren Kunstbauten und Kulturen > nnden eine phantasiereiche Schilderung — und alles m einer > uns die überraschenden Beobachtungen des englischen Astronomen gleichsam "'^Als^Verf'afftr dieser geistreichen Mystifikation stellte sich später ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der „New York Sun heraus: MA. Locke, der eigentlich nur die Uebertreibungen von Schriftstellern, wie bes^obero- genannten Dr. Dick mit einer Satire lächerlich machen wollte, und über manche auf den Gedanken gebracht, daß vielleicht auch unftre Erde noch I -'nen oder mehrere weitere Trabanten haben könne, die sich' ^gen,ihrer | Kleinheit bisher der Entdeckung entzogen haben. Es l'^en auch eine Menge Beobachtungen vor, die auf einen solchen Gedanken fuhren kon .
hatte z B. beobachtet, daß ein dunkles Pünktchen an der Scheibe des


