Ausgabe 
10.8.1931
 
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Guten Tag, Meister", sagte sie mit ein wenig Verwirrung tn der Stimme.

Elisabeth, du kommst?" fragte er. ... . ..

Sie wich seinen Blicken aus. Dann flog ein einziger Blick aus ihren Augen über die seinen.Ich weiß es noch nicht, Thomas!" sagte sie,ich weiß nicht, ob es mir möglich sein wird!"

Er sah ihr nach, wie sie über die Lichtung schritt. In die Sonne hinein. Sie hatte den breiten Hut wieder auf dem hellen Haar. Dann verschwand sie im Hochwald. Thomas setzte sich wieder nieder. Elisabeth! dachte er, indessen er weiterarbeitete an der Frau.

Die Sonne fiel in den Abend. Es wurde kühl. Ein Wind erhob^sich. Vögel riefen im Wald. Die Schatten wurden dunkelblau. Spat stand Tho­mas von der Arbeit auf. Er schritt den Weg hinab, an dem kleinen See vorbei. Er schritt den Weg nicht weiter. Er packte einige Eßsachen aus dem Rucksack und blieb in der Kühle sitzen. Es wurde Abend, es wurde Nacht. Der Mond stand über den rötlichen Felsen. Die Aeste im grün­blauen Wasser schimmerten bleich und silbern. Schwarz stand das Wasser in der Weite, drüben an den Felsen. Manchmal war es Thomas, als hörte er Schritte. Aster es mochte ein Waldtier gewesen sein. Elisabeth kam nicht. Die beryllgrüne Dämmerung ging in Dunkelheit über. Thomas schwamm in den See hinaus, in die fallende Nacht...

Als er am nächsten Tage wieder unter dem weißen Sonnenschirm sah, um sein Bild zu Ende zu malen, kam Elisabeth wieder den Weg herauf. Sie hatte wieder Enzianblüten im Arm, sie trat wieder hinter ihn und grüßte ihn mit denselben Worten. Er hielt ihr nichts vor, er sprach nichts. Er küßte ihre Hand, er hielt sie, sie lieh es geschehen. Sie setzte sich wieder vor ihn. Sie schwieg. Er arbeitete. Einmal stand sie auf und trat vor das Bild. Sie sah es lange an. Indessen Thomas mit vielen Um­ständen seine Pfeife stopfte, eine kleine Pause machte. In die fast klingende Stille hob sich von weitherauf das silberne Gehämmer des Sensen­dengelns. Metallen glitten in ihrem rastlosen Flug die Bienen vorüber.

Ich beneide Sie um Ihre Frau!" sagte Elisabeth. Plötzlich, leise und dennoch deutlich. Zweimal sagte sie es, während sie in das bald vollendete Bild sah. Aber die Worte glitten an feinen Ohren vorbei wie das Spiel der Bienen.

Dann, als Thomas aufsah, fand er Elisabeth nirgends mehr. Sie war gegangen. Er Hütte sie eigentlich hören müssen- aber warum hatte sie nichts davon gesagt? Warum war sie ohne ein Wort von ihm fort? Es war ihm, als erwachte er. Sie hatte etwas gesprochen; er hatte wohl den Klang im Ohr.

Aber bann, seltsam, dann sah er es mit einem leisen Erschrecken, mit einem Ueberraschen, das ihm bis in die Fingerspitzen rieselte: diese Frau, die er da in fein Bild gestellt, in die Reise des Sommers, diese Frau, zu der ihm Elisabeth Modell gesessen war, die Frau war Maria!

Er sah auf dieses Erlebnis wie in einem kurzen, aber heftigen Traum. Er versuchte sich loszureißen.

Er räumte die Pinsel zusammen. Er schritt den Weg bergab. Den schmalen, duftenden Waldweg in die liefe, den Elisabeth zu gehen pflegte. Er schritt rasch aus. Aber er sah das Mädchen nirgends mehr. Er sah sie nie wieder.

Sie war verloren, wie eine weiße, kleine Sommerwolke, die aus dem heißen Blau des Sommerhimmels blüht und wieder verweht, unerwartet, wie sie gekommen war.

Ambras.

Das Schloß der Treue.

Bon Dr. Hedwig Fischmann.

Schlicht und in sich geschlossen, ein Denkmal gesammelter Festigkeit und Beständigkeit gleich den machtvoll rings emporragenden Alpengipfeln, so grüßt des Schlosses Ambras Silhouette weithin in das heilige Land Tirol, als fei die Seele jener Frau in ihm lebendig geblieben, die hier karg zugemesfene Glücksjahre an der Seite des geliebten Mannes genossen die Seele des tapferen Augsburger Bürgerkindes Philippine Welfer. Gesäumt von blutig verletzendem Gestrüpp erniedrigender Heimlichkeiten und Demütigungen war der lange Weg, den diese Frau aus der ruhigen Geborgenheit des heimatlichen Patrizierhauses durch­messen, bis sie einzog als die allverehrte Herrin, wenngleich immer noch nicht als die öffentlich anerkannte Gattin des Erzherzogs Fer­dinand in dem stolzen Alpenschloß, dessen reichste Glanztage mit ihrem Namen verbunden sind. Sie aber war ihn mutig, erhobenen Hauptes geschritten, leidend und harrend in unerschütterlicher Treue.

Wohl hat die unbestechliche Richterin, die wissenschaftliche Forschung, mit rauher Hand an dem Legendenkranz gezupft, den eine romantische Zeit um das blonde Haupt der Welserin geschlungen, und ihm manche der schimmerndsten Blüten entrissen. Nicht die rührende Erzählung von dem schicksalhaften Sich-Finden zweier Herzen auf dem Augsburger Reichstag, als der Erzherzog beim festlichen Einzug in die Stadt das schöne Bürgerkind im Erker des väterlichen Hauses erblickte und wie mit Zaubergewalt gefesselt wurde; nicht der von Dichtern und Malern verherrlichte Fußfall der jungen Frau mit ihren zarten Kindern vor dem zürnenden Kaiser, der von soviel Anmut und standhafter Treue besiegt wurde; nicht der andern, unglücklicheren Schicksalsgefährtinnen nach­gedichtete Opfertod, ihre angebliche Ermordung in der Badestube von Ambras durch gewaltsames Oefsnen der Adern, haben vor dem Forum der Geschichte standhalten können, ebenso wenig wie das noch tjeute alle Besucher des Schlosses entzückende zarte Frauenporträt, das ihren Namen trägt, vor einer kritischen Nachprüfung bestanden hat. Aber was blieb, ist das nicht minder ergreifende Bild eines tapfern, aufrechten Menschen­kindes, das um feiner Liebe willen auszuharren und zu dulden bereit war, das selbst seinen höchsten Weibesstolz, jein Mutterglück verleugnet und es still getragen hat, daß die dem heimlichen Ehebündnis mit dem Erzherzog entsprossenen Kinderals Findlinge gelegt" wurden. Aus dem eigenen Leide aber rettete sie sich ein warm fühlendes Herz für alle Leidbeladenen in die Tage des Glücks hinüber. Alsdie Liebhaberin

oller betrübten Herzen" spricht eine Bittschrift die Schloßfrau von Am­bras an, der allgemeinen Volksmeinung Stimme leihend. Denn feit dem Tage da Philppine Welfer in Tirol eingezogen, war den Armen eine Helferin und Fürsprecherin erstanden. Mit den reichen Mitteln, die ihr die Freigebigkeit des Gatten gewährte, wußte sie, klug und gütevoll, unendlich viel Not zu lindern, und an allen Krankenbetten rings um Ambras stand sie als nimmermüde Pflegerin und Beraterin. Die Wiener Nationalbibliothek bewahrt noch heute ein Rezeptbuch, in dem viele von ihr erprobte Heilmittel eigenhändig eingetragen sind, wie auch ihr an der gleichen Stelle erhaltenes Kochbuch davon zeugt, mit welcher Liebe und welchem Eifer sie sich ihren Hausfrauenpflichten unterzogen.

Und welch weites Betätigungsfeld stand der Herrin von Ambras hier offen! Hatte doch ihr Gatte das in feinen Ursprüngen bis in die Römer- jeit zurückreichende Schloß, dem er durch entscheidende An- und Umbauten im wesentlichen feine heutige Gestatt, die eines schlicht-monumentalen Renaissance-Baus, verliehen und das er durch seinen unermüdlichen Sammlereifer überreich ausgefchmückt hatte, zum Mittelpunkt glänzender Feste und einer froh bewegten Geselligkeit erhoben.Ein Schloß, einem zierlichen Paläste vergleichbar und in der herrlichsten Sage, mit fürst­lichem Hausrate und mit Bildern ausgestattet, wie man ein solches nur in den prächtigsten Städten sucht", undden dreifachen Villen der alten Römer an Pracht und Größe in nichts nachstehend", so schildert uns ein Zeitgenosse, Stephan Venander Pighius, den Eindruck, den Schloß Ambras in den Tagen seines Glanzes auch auf einen weitgereisten Gast gemacht. Viele der herrlichen Kunstschätze, die einst die Burg geborgen, sind vor den Kriegswirren der folgenden Jahrhunderte geflüchtet worden und bilden als die berühmte Ambraser Sammlung noch heute den Stolz der Wiener Museen, während die reiche Wafsensammlung des Erzherzogs im Unterschloß von Ambras verblieben ist. Meles auch, wie das wunder­volle alte Getäsel der Gemächer, ist bis auf geringe lleberrefte der jahre­lang hier hausenden Soldateska in den Napoleonischen Kriegen zum Opfer gefallen. Hatte sich doch z. B. die Militärfchusterei keinen andern Raum zur Stätte ihrer gewiß sehr nutzbringenden, aber durchaus nicht in kost­bare Schloßgemächer passenden Tätigkeit erwählen können als just das reichgetäfelte und mit einem Freskofries geschmückte Ankleidezimmer Philippines. Nur der von Erzherzog Ferdinand errichtete sogenannte

Spanische Saal" mit seinen unvergleichlichen Sntarfiatüren aus den rnannigfaltigften edlen Holzarten und den die Wände schmückenden Bild­nissen der Tiroler Fürsten darunter dem gar nicht abschreckenden Porträtder häßlichen Herzogin" Margarete Maultasch ent­ging der allgemeinen Verwüstung, da ihn Napoleon gleich seinem Er­bauer zu Repräsentationszwecken benutzte; wohl aber hatte dieses einzig­artige Denkmal der deutschen Renaissance desto mehr durch die Ungunst [einer direkt aus dem Felsen herausgehauenen Anlage zu leiden.

Aber nicht in diesem Prunksaal bei den geräuschvollen Festlichkeiten, die gar oft, dem Charakter der Zeit entsprechend, in überberben Humor ausarteten, wie die erhaltenenTrinkbücher von Ambras" bezeugen, wird uns Philippines Bild lebendig, und auch die Ueberlieferung weiß nichts von ihrem Hervortreten bei den üppigen Lustbarkeiten zu berichten. Auch jene zum Hofstaat gehörigen Menfchenabnormitäten, wie des Erzherzogs Leibtrabant, der9 Werkschutz hohe" Giovanni Sona, ober sein Gegen­spiel ber Hoszwerg Thomerle, beren Ungestalten, neben anbern Menschen- unb Tiermißbildungen von ben Wänben ber Treppen unb Gänge herab- schauenb, uns Kinber eines anbcrs empsinbenben Jahrhunberts mit Grauen unb Mitleid erfüllen, mögen wohl mehr durch die Neigung Ferdinands als feiner Gattin in den Kreis ber Hausgenossen einbezogen worben sein. Wohl aber meinen wir, bie lichtburchsluteten Gemächer bes Obergeschosses burchschreitenb, als müßte jetzt unb jetzt Philippines gold- blonbes Haupt, bas einst selbst bas verwöhnte Auge bes Erzbischofs Granvella entzückt hat, zwischen ben köstlichen geschnitzten unb ein­gelegten Kästen unb Truhen austauchen, als fei sie eben erst von einem ber mächtigen Armstühle im Erker dort aufgeftanben, wo sie an einem Turnierbank gestickt hat gleich jenem, ben bie Kunsthistorische Sammlung in Wien noch heute als ihr Werk bewahrt.

Doch am unmittelbarsten glauben wir die Gegenwart dieser nun schon so manches Jahrhundert in der Hofkirche zu Innsbruck ruhenden Frau unter ben alten, mächtigen Bäumen bes Parks mit feinen zu Tal braufenben Wasserfällen, bie heute wie bamals bie gleiche urewige Melo- bie rauschen, zu empfinben. Hier, in biejem bie Oftfeite bes Schlosses jäumenben Wilbpark mit seinen ba unb bort sich erschließenden Aus­blicken auf die gewaltige Bergwelt Tirols mag sie oftmals, sinnend unb vergangener Bitternisse ohne Reue gebentenb, gewandelt haben, indessen unaufhaltsam gleich den gleitenden Wasserfluten bie letzten sonneüberglcinz- ten Lebenssommer ihr verrannen. Das Entzücken ber Zeitgenossen aber bilbeten bie heute verschwunbenen Labyrinthe, Parabiese unb die man­nigfaltigen, ben Wassernymphen geweihten Grotten. Ganz besonbers rühmt der schon erwähnte Pighius, ber im Sommer 1574 in Ambras weilte,bie mit frischem Grün umfleibetcn Lusthäuser unb Speisesälchen im Freien, vor allem aber eine Rotonba, in beren Mitte ein runber Tisch von Ahornholz steht; unter biefem sind Räber angebracht, bie vom Wasser getrieben werben, mittels welcher man ben Tisch samt ben Gästen bald sachte, bald rasch herumdrehen unb bie Leute schwindlig machen kann". Auch besHeiligtums bes Bacchus", einer Felsenhöhle, in ber jeber Besucher berb-fröhiichen Trinkriten unterworfen würbe, gebentt die Beschreibung bes Gelehrten, der freilich hier bei der reichlich bemessenen Probe seiner Trinkfestigkeit unter dem schallenden Gelächter ber Zu­schauer kläglich versagte.

Verstummt ist bas Lachen, verrauscht die frohen Feste. Still, ent­schwundenen Tagen bes Glanzes nachsinnenb, liegt Schloß Ambras. An jenem Frühlingstage des Jahres 1580, ba man Philippine SEßelfer ,3U Grabe getragen, um bie noch nach Jahren der Schmerzensruf aus dem Volke erscholl:Wir haben an unserer gnädigsten Frau sehr übel ver­loren!" da begann sein strahlendes Gestirn zu verblassen. Doch das hohe Sieb ber Treue, dessen letzte glückbeschwingte Strophen hier erklun­gen, hallt noch heute nach in seinen ernsten Mauern.