GietzenerKmnlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Montag, den lO. August

Nummer 62

Nerven. Die Blumen waren über

Sie bückte

un einem hohen Baum.

ein Weilchen. Sie sah in das braune von Er-

-

Jahrgang

»»> »I!

Lauf der Wett.

Don I. W. von Goethe.

Als ich ein junger Geselle war. Lustig und guter Dinge, Da hielten die Maler offenbar Mein Gesicht für viel zu geringe; Dafür war mir manch schönes Kind Dazumal von Herzen treu gesinnt.

Nun ich hier als Altmeister sitz, Rufen sie mich aus auf Straßen und Gasser Zu haben bin ich, wie der Alte Fritz, Auf Pfeifenköpfen und Tassen.

Doch die schönen Kinder, die bleiben fern; D Traum der Jugend! D goldner Stern!

Enzians. Die.......,----- ....... -

das andere Ende der Lichtung. Und dann stand Elisabeth plötzlich hinter

n'de, die langsam'arbeiteten/ Dann blickte sie " " ' dort in einer rnärchen-

Madonna des Sommers.

Von Rudolf W e y r i ch.

Elisabeth zögerte, ehe sie aus dem Hochwald auf die einsame, von der flirrenden Sommerluft traumhaft umfangen« Lichtung trat.

Aber es war nicht das seltsam laute Zitherspiel, das in seiner Ein­fachheit deutlich von der nahen Alm herabkam. Elisabeth dachte darüber nach, ob sie den Weg über die sommerlich heiße Lichtung nehmen sollte; am anderen Ende saß Thomas, der seit einer Woche an einem Gemälde arbeitete. Elisabeth sah über die Brombeeren hinweg und entdeckte drüben

Elisabeth schwieg noch c. ---------

leb Nissen gezeichnete Gesicht, sie sah das zaghaft angegraute Haar. Sie verfolgte die braunen Hände, die langsam arbe:t"t"1' wieder auf das Bild; auf die Landschaft, die sich haften Pracht entfaltete. Bis zum Gold des Kornes, unten in den ver­blauenden Tälern, dem silbernen Band des Flusses und dem sagenhaften

dem Maler.

Sie sah ihn unter dem blauen Schatten des weißen Sonnenschirmes sitzen. Er hatte sie nicht gehört. Der Waldboden nahm jeden Lärm der Schritte. Irgendwo hämmerte ein Specht laut und in kleinen Abständen

den Schoß geglitten.

Elisabeth!" sagte Thomas und hob sie hoch. Er sah ein rotes Schim» mern auf ihren Wangen, und ein Lächeln, das verwirrt einen Weg suchte, hing in ihrem Gesicht. Der Blick der Augen war heller.

Es ist so heiß in der Sonne!" sagte sie.

Sie wollen also bleiben, Elisabeth?" Er führte sie ein wenig vor die Staffelei.

Obwohl er das Gefühl hatte, jetzt nicht arbeiten zu können und ganz in den Traum dieses Sommertages zu gleiten, skizzierte er die junge Frau ein. Er kam tiefer in das Arbeiten. Er fühlte die Kräfte in sich spielen, er spürte deutlich Sehnsucht und Verlangen, er spürte den Rausch dieses flirrenden Tages und die Nähe Elisabeths. Aber es hinderte ihn etwas, daß die anderen Gedanken frei wurden, leicht. Er dachte an den Waldsee. Er würde mit Elisabeth am Waldsee zusammenkommen. Es ift Vollmond. Es ist kühl. Und Elisabeth würde im schwermütigen Licht schöner sein. Die Hitze machte sie müde.

Thomas", hörte er in seinen Gedanken plötzlich ihre Stimme.

Er sah nicht auf. Er arbeitete.

Thomas, wie heißt Ihre Frau?" fragte Elisabeth unvermittelt.

Einen Augenblick zögert« er; er erschrak nicht. Er malte weiter. Es war alles so weit, so weit hinter dem Sommer. Hinter diesem Tag.

Nichts rührte sich. Alles lag in einer Stille, als würde, als müßte jetzt irgend etwas Besonderes kommen.

Thomas saß unter dem Sonnenschirm und mischte eine Farbe.

Was haben Sie gesagt, Elisabeth?" fragte er, abweichend.

Ich möchte wissen, wie Ihre Frau heißt!" wiederholte sie.

Maria!" sagte Thomas.

Maria! Das ist ein guter Name, Elisabeth ist ein müder Name. Ein Name mit Entbehrung, mit Kummer. Ein Name..." Elisabeth hielt wieder ein, als wäre sie verbittert über ihre eigenen Worte. Dann setzte sie fort, indessen sie die Enzianglocken wieder zu einem Strauß sammelte, eine neben die andere.

Was hat Ihre Maria für Haar?"

Blond, wie das Korn", sagte Thomas leise.

Und ihre Augen?" fragte Elisabeth weiter.

Natürlich blau!"

Blau wie diese Blumen?" fragte Elisabeth.

Thomas schwieg.

Und sie ist schön, Thomas, sehr schön? Und mehr als das, sie ist sicher gut!"

Eine Libelle sang vorüber mit gläsernem Geläut. Elisabeth hörte sie.

Es muß ein Waldsee in der Nähe sein, Thomas. Sie kennen diese ® cg^nb?"

Ja", sagt« Thomas, indem er seine Gedanken zurückließ und freier wurde bei diesen Worten.Elisabeth, ich werde Sie heute Nacht an diesem See erwarten. Es ist kühl und wundervoll erfrischend, dort zu baden. Es ist hell. Und ich bringe Sie wieder nach Hause."

den weihen Leinenschirm.

sich nach den tiefblauen, langgeschwungenen Glocken des Blumen führten sie langsam in einer kleinen Biegung an

Blau eines kleinen Waldsees.

Und jetzt erst bemerkte sie das peinlich genau verzeichnete Leben, das in dieser Landschaft hing; die Schmetterlinge, die Libellen, die Kaser unter den Gesträuchen. Sie konnte im Anblick dieses Gemäldes in die Vergessen­heit sinken. Aber sie wehrte sich dagegen.

Guten Tag, Meister!" sagte sie langsam.

Thomas drehte sich nicht um. Er malte noch einen Augenblick an einem Hochwald weiter. Dann beugte er sich unter dem Sonnenschirm vor, und 'Routen Tag, Elisabeth!" sagte er. Elisabeth sah flüchtig in sein Ge­sicht, das jetzt dem ihren voll gegenüberstand. .

Man nmß Ihre Kunst bewundern, Meister! sagte sie. Der B ick seiner dunklen Augen' blieb an der jungen Frau hangen. Er sah ihr schmales Gesicht, er sah ihre von leichten Schatten umflogenen Augen, LT sah ihre Hände, die so merkwürdig weiß waren er sah die blauen Blumen und das goldene Haar. Ein breiter Sommerhut, dünn geflochten und durchsichtig, war in den Nacken gerutscht.«

Elisabeth, Sie waren lange nicht bei mir!

Es sind nur einige Tage. Ich hatte zu tun

Sie sollten mehr in die Sonne gehn! sagte Thomas und sah auf tfjvc fiänbc

Es ist wundervoll", erwiderte Elisabeth, mit dem Blick auf bas Bild.

Lassen wir die Kunst! Elisabeth! Sehen Sie sich lieber die Natur an.

~Aber in diesem Bild' liegt mehr als in der Natur. Es liegt ein Können, ich möchte sagen, ein doppeltes Wunder in ihm. Der Künstler Acht Über der Natur!" . . . ...

Und dennoch hängt er an der Erde, an den Kleinigkeiten. Es gibt kein Wunder, Elisabeth! Wir alle gehen einen Weg, nur unsere Gedanken 'md, in Verbindung mit den wirklichen Geschehnissen oft wunderbar.

Er griff nach ihren Händen, um sie auf einen schattigen Platz in der Nähe zu führen.

Sie sind schön, Elisabeth! Ich habe eine Bitte an Sie!

Elisabeth zog die Hände nicht zurück. Eine Sommermadonna?" fragte sie Er fühlte ein leichtes Beben il

Es ist schon spät. Und niemand weiß, wohin ich gegangen bin. Ich muß wieder zurück."

Es ist niemals spät. Es kann nur zu spät sein. Elisabeth. Sehen Sir, ich liebe das Leben ..."

Die junge Frau sah ihn mit den verschwiegenen Augen der Sehnsucht an. Sie spielte mit den Enzianblüten. Sie legte sie zusammen, Glocke an Glocke, und zwischendurch sah sie wieder auf, blickte hinab in das weite sommerlich farbige Land. Sie fah das Grün in all den Farben und die Wälder mit den blassen Lichtungen, auf denen das geschlagene Holz mattgolden in der Sonne schimmerte.

Von droben kam jetzt wieder auf einem freundlichen Wind das eim same Zitherspiel herab. Beide hörten es.

Wir alle lieben das^Leben. Nur auf verschiedene Art und mit ver­schiedenem Erfolg."

Elisabeth", sagte Thomas und nahm sie wieder an den Händen.Ich suche ein Motiv in mein Bild. Wollen Sie mir Modell stehen?"

Elisabeth mußte lächeln. Es spielte um di« schmalen Lippen wie eine resignierende Zartheit. Manchmal hatte Thomas das Gefühl, als müßte er ihr Herz zum Glühen bringen und ihr« Puls« zum verwirrenden, heftigen Schlag, als müßte er diese Frau in Flammen werfen, damit sie aufblühe in' das Grenzenlos«. Und dann wieder war es ihm, als müsse er zurücktreten vor ihr; sie hatte etwas in ihrem Wesen, das sie nonnenhaft umkleidete.

Elisabeth", begann Thomas wieder, als die blauen Schatten in der wenig bewegten Luft kühler schmeichelten,das Bild fpiegelt die stärkst« Zeit des Lebens wider. Wäre es nicht am fchönsten, in dieses Leben die Frau zu stellen. Die reife Frau? Wie eine Madonna. Wie eine Madonna des Sommers!"