Ausgabe 
10.7.1931
 
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Berg gelehnt, und auch die beiden Schmalseiten des Dauses waren so nahe in den Wald getaucht, daß die Beste der Tannen sich gegen die Korridorfenster drängten. Schon mancher war auf dem Weg dieser Beste nachts aus den Fenstern gestiegen und zum Erdboden gelangt.

Nun aber befand sich einhundert Schritt vom Haus entfernt im Wald­gebiet zur Rechten eine Lichtung, die jetzt im Juni mit jungem, kräftigem Wiesengrün bedeckt war. Vor den Winden war sie wohl geschützt, doch konnte die Sonne reichlich herzutreten.

Hier steckten sich die Tertianer mit ihren Spaten einen Platz von vierzig Meter im Geviert ab. Und dieser Raum wurde in größere und kleine Quadrate abgeteilt, wie ein Wohnhaus mit vielen gleichmäßigen Kammern. Von andern Tertianern wurden kräftige Tannenstamme ge- sällt, Beste und Laub wurden weggehauen, die Stämme zerschnitten und unten mit den Beilen zugespitzt. Andere wieder waren zum Guts­inspektor hinuntergeschickt worden, um mit ihm wegen des billigen An­kaufs einer beträchtlichen Menge von Maschendraht zu verhandeln. Sie alle hatten, je nach dem Maß ihrer wirtschaftlichen Kräfte, ihr Taschen­geld hierfür beigesteuert. Kurzum, dem einsichtigen Beobachter mußte es sich bald zeigen, daß sie einen großen Tierzwinger zu bauen im Be­griffe standen, der wieder in einzelne Drahtkammern abgeteilt wurde. Oder sollte hier in der heilsamen, ozonreichen, windgeschützten Waldes­lichtung eher ein Tierasyl als ein Zwinger errichtet werden?

Einige Jungens anderer Klaffen, die wegen irgendwelcher Leibes­schäden von der Nachmittagsarbeit befreit worden waren, lungerten mit Jnvalidenfaulheit in der Nähe der Lichtung herum. Sie machten ihre Witze über die neue Arbeit der Obertertia und sie betrachteten alles mit spöttischem Interesse. Kam aber ein Tertianer zufällig dort vorüber, so versuchten sie ihn mit falschen Freundlichkeiten zur Preisgabe seines Klassengeheimnisses zu bewegen. Da sie jedoch entweder gar keine oder offenkundig irreführende Antworten bekamen, so machten sie sich über die Tiere der Tertia lustig, die ein Gefängnis im Walde erhalten sollten.

Die hauptsächlichsten Tiere der Tertia aber waren: die Wolfshündin Lama und ihre prachtvollen Kinder, ein Geschwisterpaar von edelster Wildheit: der Bastard Josua: ein Sealyham namens Peggy, ein rich­tiger Babyhund, wie man ihn auf englischen Kinderbildern findet: eine schwarze Dogge mit weihen Flecken, die eine seltsame Freundschaft zu einem glatthäutigen Miniaturfoxterrier unterhielt, welcher nachts gleich­sam in der Ohrmuschel der Dogge schlief! jedoch standen diese beiden in einem gespannten Verhältnis zu Danielas leopardähnlichen Doggen: endlich mit tiefschwarzem Pelz und bernsteingelben Augen der Kater Karlemann, der die Eigentümlichkeit hatte, den Tertianer zu ihrer Arbeit und in das Feldlager zu folgen, bei größeren Streifzügen jedoch kehrt machte.

Borst arbeitete tapfer mit, obgleich mein ihm erlaubt hatte, sich unauf­fällig irgendwo in den Wald zu legen und dort auszuschlafen. Er war blaß, hatte blaue Streifen unter den Augen, eine gerötete Stupsnase und fieberhafte Bewegungen. Er sammelte die abgehauenen Tannenäste ein. Er umarmte das junge Nadelgrün, das ihn wie ein Bett dazu ver­lockte, sich auf ihm auszuschlafen. Ader er gab der Versuchung nicht nach. Er bat sogar um ein Beil, um die Aeste einer daniederliegenden, von Lüders gefällten Tanne kappen zu können. Er wußte, daß er diese furchtbare Waffe nur von Lüders erhalten würde, der alles, was er anfaßte, mit einer zwar rasenden, aber auch unbedenklichen Tapferkeit tat, und der infolgedessen auch keine Schonung oder Fürsorge für andere, Schwächere oder Kleinere, kannte.

Stolz und fiebrisch glucksend ging Borst mit seinem Beil auf der Schulter davon, während die arbeitenden Tertianer zu ihm hinschielten, was nun kommen würde.

Es kam sogleich.

Gewaltig wie ein Holzschwerarbeiter holte Borst vor seiner auf dem Boden liegenden, ganz mit Grün bedeckten Tanne aus, schlug mit der scharfen Schneide nach unten und hatte sogleich auf seinen Backen einen kohlpechrabenschwarzen Pelz mit fürchterlich kratzenden Krallen sitzen, aus dem irgend etwas Schlundartiges wild fauchend hervortrat.

Borst verstand gar nichts. Er wußte nicht, was für ein Lebewesen ihn da eben angegriffen hatte und weshalb irgend etwas Rotes, Flüssiges, Wehliiendes ihm über die Augen lief.

Sämtliche Tertianer gingen mit ernsten, schweren Arbeiterschritten zu ihm hin.

Was tust du denn?" fragten sie streng, nachdem sie einen Halbkreis um ihn gebildet hatten.Du hast ja Karlemann den halben Schwanz abgehauen!"

War das da in meinem Gesicht Karlemann?" fragte Borst verwundert, und er wischte, um sich Gewißheit zu verschaffen, mit dem Handrücken über die Augen.

Schau einmal her!" Hornbostel, der fast so klein wie Borst war, zeigte auf die Tanne zu ihren Füßen.Da sind ja noch ein paar Haare von seinem Schwanz!"

Nun blickten sie alle zu einem noch aufrecht stehenden Stamm mit hochgelegenen Besten empor, in die Karlemann sich geflüchtet hatte. Er saß dort und beleckte mit geradezu rasenden Bewegungen die Spitze seines Schweifes.

Also!" sagte Königsmarck.Wenn du hier alle Tiere halbieren willst, dann brauchen wir uns ja weiter keine Mühe zu geben!" Und er schmiß seine Axt hin.

Vielleicht versuchst du es erst einmal mit deiner Vivisektion bei den Feldmäusen auf der Wiese!"

Hack doch dem Karlemann ein anderes Mal den Schwanz gleich hinter dem Kopf ab! Dann hat er seinen Frieden!"

Der Schnauzer-Pudel stellte sich mit schützendem Bellen vor Borst hin. Er wollte es nicht dulden, daß man seinem Sechsundzwanzigstel- Heiren ein Leides antat. Borst aber, der zeigen wollte, was er eigentlich

als Holzarbeiter wert war, hieb wie besessen in die Zweige ein, während ihm das Blut über den Augen sickerte.

Er hatte seinen großen Tag. Es gelang ihm nämlich ohne weiteres, jetzt mit einem Hieb Josua zu erledigen^ Mit Jammergeheul und ähnlich rasenden Bewegungen nach hinten, wie sie Karlemann gehabt hatte, räumte der Schnauzer-Pudel das Feld. Er brachte das Kunststück fertig, sich wie ein Kreisel um sich selbst zu drehen und dabei doch in weniger als sieben Sekunden eine Entfernung von einhundert Meter zwischen sich und Borst zu setzen. Seine verdutzt stehenden Augen klagten seinen eige­nen Hintern an, daß er ihm solch grimmigen Schmerz bereite.

Was tust du denn?" schrien die Tertianer mit chorischer Empörung auf!Du tätest ja jetzt den Schnauzer!"

Reppert trat herzu. Er sah Borst mit strengen grauen Augen ins Gesicht. Er nahm ihm das Beil ab, wie einem Kind die Schelle.

Geh jetzt schlafen!"

Borst senkte den Kopf. Ein sekundenschnelles, trockenes Schluchzen ging zitternd über feine kleine Gestalt dahin.

Geh schlafen!" wiederholte Reppert, etwas milder.

Die Jungen kehrten sich alle um, als seien sie selber beschämt. Mit schweren Schritten, etwas schief in den Hüften vor innerer Steifheit, so gingen sie an ihre Arbeit.

Borst aber trollte sich in den Wald. Die ersten Tränen vermischten sich mit seinem noch immer rinnenden Blute. Er heulte über sich selber, über die Tiere, über seine Schlaflosigkeit, aber hauptsächlich heulte er doch über den fast gütigen Ton, in dem Reppert zu ihm gesprochen hatte: Geh schlafen!" und über das plötzliche Schweigen der Tertia.

Tief im Waldesdickicht fiel er auf dem Moose nieder, während ein Vogel oben im Wipfel dem kühler werdenden Abendlichte entgegenfang.

Die kleine matte Stirn auf den Händen, so fühlte er sich schnell ins Traumreich hinübergleiten. Er träumte, daß Josua neben ihm lag und die Wunde beleckte, die er ihm zugefügt hatte.

Borsts Hand tastete zur Seite.

Da spürte er die lebendige Wärme eines Felles. Er öffnete blinzelnd die Augen.

Josua lag neben ihm, und er beleckte die Wunde, die Borst ihm zugefügt hatte.

Borst lächelle zufrieden. Er schlief sich in ein anderes Traumland hinüber.

Die Tertianer zogen singend durch die Nacht. Sie waren ausgebrochen, nicht zwei, nicht sechs oder sieben Mann, sondern fünfundzwanzig. Fünf­undzwanzig Jungens waren die Bäume vor den Korridorsenstern ober ganz bequem die Feuerleiter herabgekrochen. Es ging wie am Schnürchen, denn sie hatten ja einmal in jedem Quartal zur HebungFeueralarm. Sie brauchten nur zu zeigen, was sie gelernt hatten. Sie zeigten es gut.

Es war die gesegnete unter den Nächten aller Jungens auf Erden, die vom Samstag zum Sonntag. Zudem war es eine laue, noch mondlose Juninacht. Geheimnisvolles wurde gesponnen: überall flogen die Fäden zarter Naturgeheimnisse durch die Luft. Unten in den äcker- und gärlen- reichen Ebenen, oben auf den bewaldeten Höhenzügen, in den Nestern schlafender Vögel, in den Rinder-, Schaf-, Ziegen-, Pferde- und Geslügel- ställen der Bauern, in allen Pflanzen, die wuchsen und gediehen, überall wurden in zarten Träumen die Kräfte und die Säfte des Lebens zum nahenden Sommer vorbereitet.

Und dennoch hatten gerade in dieser Zeit ein paar spindeldürre Man­ner mit grauen Bärten und stumpfen Augen Verordnungen über bas Land hingehen lassen, die so manches Lebewesen bedrohen oder gerade­wegs vernichten sollten.

Deshalb zogen die Tertianer durch die Nacht. Keiner war zurück­geblieben, niemand war krank. Der Gesundheitszustand der Tertia war vortrefflich.

Sie marschierten nicht auf der Landstraße dahin, sondern auf Schleich­wegen oben in den leise rauschenden Waldeszügen. Sieben Glieder zu je drei Mann. Voran der dicke Häuptling, der im allgemeinen das Mar­schieren nicht leiben mochte, heute aber den denkbarst schnellsten Schrill anschlug. Reppert rechts und Lüders links zu den Flanken der Baabe, und hinten als Arrieregarde Hornbostel, der Zweitkleinste. Der Aller- kleinste jedoch war gut in der Mitte eingeschlossen, es gab für ihn nicht die geringste Möglichkeit, etwas Dummes anzustellen.

Jeder von ihnen, bis auf den großen Kurfürsten natürlich, trug Marschgepäck bei sich. Nicht etwa Fourage oder Kleidungsstücke, sondern Farbe und Pinsel. Sie waren entschlossen, die feindliche Stadt gut anzu­malen. Sie wollten den Bewohnern ein buntes Sonntagskleid anziehen, mit dem sie zu ihren zwei Kirchen ziehen sollten.

Die Tertianer fangen. Manchmal auch blieben sie auf den Waldes- roegen stehen, und dann stritten sie sich so heftig über den Weg, daß ft« die Bussarde aus ihren Horsten ausschreckten. Es waren ganz überflüssige Auseinandersetzungen, an denen sich hauptsächlich die Jüngeren beteilig­ten, natürlich auch Borst, der sein« Meinung über den kürzesten Weg mehrfach zum besten gab, obgleich niemand auch nur hinhörte, iuas her da in seinen wirren Waldesträumen redete. Der Große Kurfürst, Rep­pert und Lüders aber schritten mit nachtwandelnder Sicherheit voraus, ohne sich um das Getose des Nachwuchses zu bekümmern oder den un­gläubigen auch nur ein Wort zu geben, und, wie es immer im ~ebei geht, die Ungläubigen folgten, so lange murrend, bis ein sehen mutzten, daß sie richtig geführt worden waren. ..

Wie sie endlich mit Gesichtern, die von den Nadelhölzern zerkragi waren, die Bergeskuppe erreicht halten und unten das frühlingsumspom neue Land zwischen Linden und Birken im Wolkenmondlicht aufblitze, sahen, da blieben sie stehen, und sie versammelten sich im Kreise, um ein letztes Mal noch zu bereden. Denn hier wurde Reppert mit leä, Manns darunter Borst, detachiert, um die großen Farbeimer, die sie der Nacht und an den folgenden Tagen in der Kiesgrube nahe bei pait Hause vergraben hatten, in die Reserve herbeizuschaffen. (Forti, folg

Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch. und Steindruckerei, N. Lange in Gießen