SietzenerZamiüenblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang |95( Zreitag, den lv.Zuli Nummer 55
Nietzsche.
Von Stefan George.
Schwergelbe wölken ziehen überm Hügel Und kühle stürme — halb des herbstes boten Halb frühen frühlings ... also diese mauer Umschloß den Donnerer — ihn der einzig war Von tausenden aus rauch und staub um ihn? Hier sandte er auf flaches Mittelland Und tote Stadt die letzten stumpfen blitz« Und ging aus langer nacht zur längsten nacht.
Blöd trabt die menge drunten, scheucht sie nicht! Was wäre stich der qualle, schnitt dem kraut! Noch eine weile walte fromme stille Und das gelier das ihn mit lob befleckt Und sich im mvderdunste weiter mästet Der ihn erwürgen half sei erst verendet! Dann aber stehst du strahlend vor den Zeiten Wie andre führer mit der blutigen kröne.
Erlöser du! selbst der unseligste — Beladen mit der wucht von welchen losen Hast du der Sehnsucht land nie lächeln sehn? Erschufst du götter nur um sie zu stürzen Nie einer rast und eines baues froh? Du haft das nächste in dir selbst getötet Um neu begehrend dann ihm nachzuzittern Und aufzuschrein im schmerz der einsamkeit. Der kam zu spät der flehend zu dir sagte: Dort ist kein weg mehr über eisige festen i
Und horste grauser vögel — nun ist not: Sie bannen in den kreis den liebe schließt ... Und wenn die strenge und gequälte stimme Dann wie ein loblied tönt in blaue nacht Und helle flut — so klagt: sie hätte fingen Nicht reden sollen diese neue seele!
Elisabeth Förster-Nietzsche.
sein Werk: Hauswirte,
Aber das Schwerste ist es, nicht dem geliebten Menschen, sondern seinem Werke, dem fremden Werke, zu dienen.
Als Elisabeth Förster, eben verwitwet, 1890 von Paraguay nach Deutschland kommt, findet sie den Bruder in die Nacht des Wahnsinns gesunken, seine Bücher unbekannt, seinen schriftlichen Nachlaß, von keinem Freunde beachtet, in alle Winde verstreut. Noch einmal muß sie nach Südamerika fahren, um die Angelegenheiten der Kolonie ihres Gatten zu ordnen. 1893 kommt sie endgültig zurück. Nichts hat sich hier geändert. Der kranke Bruder ist bei der Mutter, die von den Verwandten bestürmt wird, die Handschriften, die sich noch im Gepäck Nietzsches fanden — es ist der „Antichrist" — zu verbrennen.
Was tut die Schwester? Sucht sie, aus eignen Wunden blutend, Rlche in der Heimat? Schlüpft sie erschöpft unter den mütterlichen Fittich. Sucht sie Trost in der Pflege des Kranken? — Sie kämpft um sein Werk, sie kaust der Mutter die Handschriften ab: sie schreibt an die Hauswirte, bei denen Nietzsche in den letzten Jahren wohnte und unachtsam Manuskripte, Notizen, Bücher, Briefentwürfe zuruckließ. Sie fahrt nach «lls Maria, irrt durch die obertitalienischen Städte Turin, Genua, Rapallo jede auftauchende Spur einer Handschrift verfolgt sie mit^Spursiim u Energie. Für 35 ODO Mark erwirbt sie anderthalbtausend Nietzsche-Briefe, sie bringt seine Bibliothek wieder zusammen, sammelt seine Kompositionen: erwirbt das später berühmt gewordene Haus auf dem Weimarer „Silberblick" und siedelt mit allen Manuskripten, Erstdrucken, Mappem Heften, Taschentüchern, Kollegtexten. Briefschatzen, Buchern und nach "dem Tod der Miitter auch mit dem Kranken nach Weimar über.
Zu ihrem 85. Geburlsiag am 10. Zull.
Von Werner Deubel.
Brüder, Schwestern, Söhne, Freunde großer Menschen — erinnern wir uns nur an Lucien Bonaparte, Cornelie Schlosser, Eckermann, August Goethe, Herbert Bismarck — sind vom Schicksal in einen erhabenen Schatten gestellt. Kreisen sie fern vom Sterne ihre eigne Bahn, so bleichen sie schnell. Schwerer ist die hochherzige Entscheidung zum Adelsspruch „Ich dien'!", bag Ueberfliegen eines tieftragischen Konflikts der Eigensucht —:
„Ich endlich
Mich kühn entschloß, dich grenzenlos zu lieben. Weil mich der Mut verließ, dir gleich zu sein!
Ist sie so überzeugte Anhängerin von Nietzsches Philosophie? Ist sie ein dezidierter Antichrist? Sie, eine Frau, und als Frau um so tiefer verwurzelt in der Gesellschaft und Wertwelt des 19. Jahrhunderts? Zwei Universitäten, Leipzig und Bafel, bietet sie die Manuskriptschätze zur Herausgabe an. Man lächelt betreten und lehnt hochmütig ab. Da schreitet sie selbst an die Herausgabe. Der „Antichrist" weckt das Interesse des Staatsanwalts. Polizeiliche Ermittlungen ergeben folgenden amtlichen Bescheid: „Herausgeber ist die Schwester des Verfassers, die sich einbitbet, daß ihr Bruder ein Genie ist, und daß jedes Wort von ihm gewissenhaft veröffentlicht werden muß."
Eine Frau, allein, unphilosophisch, undialektisch, von hundert Vorurteilen der Gesellschaft gehemmt — was hat sie gegenüber der eisigen Nichtachtung der gelehrten Welt, der Fremdheit des Jahrhunderts, der Stumpfheit und dem Hohn der Oeffentlichkeit in die Wagfchale zu werfen für das Werk eines Wahnsinnigen, das den Zeitgenossen selber wahn- siiinig, verstiegen und gar nicht der Beachtung wert dünkt? — Ihren unerschütterlichen Instinkt für echte Größe und eine Energie, die für drei Männer ausgereicht hätte. Eine Frau, die Arm in Arm nicht mit einem Freund und beherzten Helfer, sondern mit einem hoffnungslos Kranken ihr Jahrhundert in die Schranken fordert — dieser heroische Zug, echtes Nietzsche-Geblüt, ist allein imstande, ihr einen Ehrenplatz in unsrer Geschichte zu sichern. Heute freilich, wo jeder überragende Geist der West sich vor Nietzsche neigt und selbst die literarischen und gelehrten Spatzen den berühmten Namen von den Dächern pfeifen, — heute ist es jedem Frechling leicht, die Kühnheit und Zähigkeit dieser Frau zu verkleinern, die Schwächen hervorzuheben und öffentlich daran herumzumäkeln. „Man belächelt mich", sagte sie unlängst, „daß ich das Titanische in meinem Bruder doch nicht begriffen haben könnte. Aber wer denn hat es begriffen in einer Zeit, da zwei Universitäten seinen Nachlaß ablehnten? Auch ich begriff ihn nicht, wer hätte das gekonnt! Ich spürte nur, wer er roarr
Dies „Ich spürte nur, wer er war!" ist mehr wert als alle Gelehr« samkeit und alles geistige Verständnis von Einzelheiten. Dies „Ich spürte nur!" war damals unbeweisbar, dafür aber auch unwiderlegbar. Es war einfach etwas Stark-Lebendiges, und damit gewappnet begann sie den zwanzigjährigen Krieg gegen die deutsche Wissenschaft und Oeffentlichkeit. Er bestand wie jeder Krieg aus Angriff und Verteidigung. Die Abwehrkämpfe begannen mit der Sicherung der Manuskripte gegen die Ver- nichtungswünsche der frommen Verwandtschaft. Es folgten endlose Aerger- niffe und Schwierigkeiten mit Verlegern, Verleumdern, Herausgebern, Mißgünstigen. Daneben lief die zähe, positive Arbeit, die Herausgabe der wichtigsten Stücke des kaum übersehbaren Nachlasses, vor allem des großen Hauptwerks Nietzsches „Wille zur Macht", der aus verstreuten Trümmern mühsam zusammengesügt werden mußte. Dabei wurden Fehler gemacht, Uebereitungen begangen; ganze Bände stellten sich als unzulänglich heraus. Sie ließ sie unter großen Verlusten einstampfen, engagierte andre und immer wieder neue wissenschaftliche Helfer und begann unverdrossen wieder die schwierige Arbeit. Bis endlich nach 18 Jahren das erste gesteckte Ziel erreicht war: die vorläufige Gesamtausgabe und damit die Schaffung einer festen Textunterlage für alle späteren Ausgaben (deren noch fünf zusammengestellt wurden). — Das Werk wurde ergänzt durch Herausgabe der Briefe. Aber damit nicht genug, sie griff selbst zur Feder und schrieb jene berühmt gewordenen biographischen Vücher, die unschätzbar sind, weil sie ungemein viel aus Nietzsches persönlichstem Lebensumkreis enthalten, und zahllose Abhandlungen zur Einführung und Erläuterung in diese scheinbar so fremdartigste aller Gedankenwelten.
Bei soviel produktiver Arbeit, deren nächste Ziele heute die im Gang befindliche große kritische Ausgabe und die Schaffung einer Nietzsche- Bibliographie sind, wurde das Weimarer Haus mehr und mehr zum Archiv, d. h. zum Zentrum der wissenschaftlichen Nietzsche-Forschung, in dem aus der ganzen Welt die Fragen und Arbeitswünsche zusammen- laufen.
Man hat mit den kleinlichsten Mitteln versucht, der alten Frau diese ihre eigenste Schöpfung, das Weimarer Nietzsche-Archiv, zu entreißen. Die Angriffe, die noch die 83jährige drohend einkreisten, sind abgeschlagen. Siegreich steht heute die Greisin im Abend eines heroisch-schweren, aber auch heroisch-reichen Lebens. — Üfilein nun begibt sich bas Tragische, daß sie in dieser Lebenshöhe nicht sorglos ruhen und verweilen kann. Das Nietzsche-Archiv ist seit 1908 eine öffentlich-rechtliche Stiftung. Sein Vermögen, das unvergeßliche Mäzenatengeschenk des schwedischen Ehepaars Ernest und Signe Thiel, ging durch die Inflation verloren. Vor einem halben Jahr ist auch die Schutzfrist für Nietzsches Werke abgelaufen, und nun muß sich die alte Frau noch nach all den Kämpfen mit der Sorge quälen, ob nicht in kurzer Frist ihr mühsam aufgebautes Werk, das Nietzsche-Archiv, als selbständiges Institut zusammenbricht. So hochherzige Mäzene wie jene Schweden werden sich in unserer Zeit taum mehr staden. Als vor zwanzig Jahren dem Grafen Zeppelin seine Maschine verbrannte, sammelte man in allen deutschen Schulen. Für eine Maschine


