Ausgabe 
10.4.1931
 
Einzelbild herunterladen

Meister Martin der Küfner und seine Gesellen.

Erzählung von E. T. A. H o f s m a n n.

(Sortierung.)

Das Lied gefiel allen über die Maßen wohl, aber keinem so sehr als den Meister Martin, dem die Augen vor Freude und Entzücken glänzten. Ohne auf Vollrad zu achten, der beinahe zu viel von der stumpfen Schoß- rocis Hans Müllers sprach, die der Geselle gut genug getroffen ohne aus ihn zu achten, stand Meister Martin auf von seinem Sitze und schrie, indem er sein Paßglas (hohes altdeutsches Trinkglas, das durch Reifen (Pässe) in gleiche Teile abgeteilt ist) in die Höhe hob:Komm tjer du wackrer Küper und Meistersinger komm her, mit mir, mit deinem Meister Martin sollst du dies Glas leeren!" Reinhold mußte tun wie ihm geboten. Als er zu seinem Platze zurückkehrte, raunte er dem tiefsinnigen Friedrich ins Ohr:Nun mußt du singen sing' das Lied von gestern abend!"Bist du rasend", erwiderte Friedrich ganz erzürnt. Da sprach Reinhold mit lauter Stimme zur Gesellschaft:Ihr ehrbaren Herren und Meister! hier mein lieber Bruder Friedrich ist noch viel schönerer Lieder mächtig und hat eine viel lieblichere Stimme als ich aber die Kehle ist ihm verstaubt von der Reise, und da wird er ein andermal seine Lieder in den herrlichsten Weisen euch auftischenl" Run fielen alle mit Lobeserhebungen über Friedrich her, als ob er schon gesungen hätte. Manche Meister meinten sogar endlich, daß seine Stimme in der Tat doch lieblicher sei als die des Gesellen Reinhold, sowie Herr Vollrad, nachdem er noch ein volles Glas geleert hatte, überzeugt war, daß Friedrich doch die deutschen schönen Weisen besser treffe als Reinhold, der gar zu viel Italisches an sich habe. Aber Mar­tin warf den Kopf in den Nacken, schlug sich auf den runden Bauch, daß es klatschte, und rief:Das sind nun meine Gesellen meine, sag' ich des Küpermeisters Tobias Martin zu Nürnberg Gesellen!" Und alle Meister nickten mit den Häuptern und sprachen, die letzten Tropfen aus den hohen Trinkgläsern nippend:Ja, ja! Eure, des Meisters Martins brave, wackre Gesellen!" Man begab sich endlich zur Ruhe. Reinhold und Friedrich, jedem wies Meister Martin eine schmucke, helle Kammer in seinem Hause an.

*

Als die beiden Gesellen Reinhold und Friedrich einige Wochen hin­durch in Meisters Martins Werkstatt gearbeitet hatten, bemerkte dieser, daß, was Messung mit Lineal und Zirkel. Berechnung und richtiges Augenmaß betraf, Reinhold wohl seinesgleichen suchte, doch anders war es bei der Arbeit auf der Fügbank, mit dem Lenkbeil oder mit dem Schlägel. Da ermattete Reinhold sehr bald, und das Werk förderte nicht, er mochte sich mühen, wie er wollte. Friedrich dagegen hobelte und hämmerte frisch darauf los, ohne sonderlich zu ermüden. Was sie aber miteinander gemein hatten, war ein sittiges Betragen, in das, vorzüglich auf Reinholds Anlaß, viel unbefangene Heiterkeit und gemütliche Lust kam. Dazu schonten sie in voller Arbeit, zumal wenn die holde Rosa zugegen war, nicht ihre Kehlen, sondern sangen mit ihren lieblichen Stimmen, die gar anmutig zusammen gingen, manches herrliche Lied. Und wollte dann auch Friedrich, indem er hinüberjchielte nach Rosen, in den schwermütigen Ton verfallen, so stimmte Reinhold sogleich ein Spottlied an, das er ersonnen und das ansing:Daß Faß ist nicht die Zither, die Zither nicht das Faß", so daß der alte Herr Martin oft den Degsel, den er schon zum Schlage erhoben, wieder sinken ließ und sich den wackelnden Bauch hielt vor innigem Lachen. Ueberhaupt hatten die beiden Gesellen, vorzüglich aber Reinhold, sich ganz in Martins Gunst festgenistet, und wohl konnte man bemerken, daß Rosa auch manchen Vorwand suchte, um öfter und länger in der Werkstatt zu verweilen, als sonst wohl geschehen sein mochte.

Eines Tages trat Herr Martin ganz nachdenklich in seine offne Werk­statt vor dem Tore hinein, wo den Sommer über gearbeitet wurde. Eben setzten Reinhold und Friedrich ein kleines Faß auf. Da stellte sich Meister Martin vor sie hin mit übereinander geschlagenen Armen und sprach: Ich kann euch gar nicht sagen, ihr lieben Gesellen, wie sehr ich mit euch zufrieden bin, aber nun komme ich doch in große Verlegenheit. Vom Rhein her schreiben sie, daß das heurige Jahr, was den Weinbau betrifft, gesegneter sein werde, als je eins gewesen. Ein weiser Mann hat gesagt, der Komet, der am Himmel herausgezogen, befruchte mit sei­nen wunderbaren Strahlen die Erde, so daß sie aus den tiefsten Schachten alle Glut, die die edlen Metalle kocht, herausströmen und ausdunsten werde in die durstigen Reben, die in üppigem Gedeihen Traub' auf Traube hervorarbeiten und das flüssige Feuer, von dem sie getränkt, hineinsprudeln würden in das Gewächs. Erst nach beinahe dreihundert Jahren werde solch günstige Konstellation wieder eintreten. Da wird's nun Arbeit geben die Hülle und die Fülle. Und dazu kommt noch, daß auch der hochwiirdige Herr Bischof von Bamberg an mich geschrieben und ein großes Faß bei mir bestellt hat. Damit können wir nicht fertig werden, und es tut not, daß ich mich noch nach einem tüch­tigen Gesellen umschaue. Nun möcht' ich aber auch nicht gleich diesen oder jenen von der Straße unter uns aufnehmen, und doch brennt mir das Feuer auf den Nägeln. Wenn ihr einen wackern Gesellen irgend­wo reifet, den ihr unter euch leiden möchtet, so sagt's nur, ich schaff ihn her und sollt' es mir auch ein gut Stück Geld kosten." Kaum hatte Meister Martin dies gesprochen, als ein junger Mensch von hohem, kräftigem Bau mit starker Stimme hineinrief:Heda! ist das hier Meister Martins Werkstatt?"Freilich", erwiderte Meister Martin, indem er auf den -jungen Gesellen losschritt,freilich ist sie das, aber Ihr braucht gar nicht so mörderisch hereinzuschreien und hineinzutappen, so kommt man nicht zu den Leuten."Ha, ha, ha", lachte der junge Gesell,Ihr seid wohl Meister Martin selbst, denn so mit dem dicken Bauche, mit dem stattlichen Unterkinn, mit den blinzelnden Augen, mit der roten Nase, gerade so ist er mir beschrieben worden. Seid mir schön gegrüßt, Meister Martin!"Nun was wollt Ihr denn vom Meister Martin?" fragte

dieser ganz unmutig.Ich bin", antwortete der junge Mensch,ich bin ein Küpergesell und wollte nur fragen, ob ich bei Euch In Arbeit kommen könnte." Meister Martin trat vor Verwunderung, daß gerade in dem Augenblick, als er gesonnen war, einen Gesellen zu suchen, sich einer meldete, ein paar Schritte zurück und maß den jungen Menschen vom Kovf -bis zum Fuße. Der schaute ihn aber keck an mit blitzenden Augen. Als nun Meister Martin die breite Brust, den starken Glieder­bau, die kräftigen Fäuste des jungen Menschen bemerkte, dachte er bei sich selbst:Gerade solch einen tüchtigen Kerl brauche ich ja!" und fragte ihn sogleich nach den Handwerkszeugnissen.Die hab' ich nicht zur Hand", erwiderte der junge Mensch,aber ich werde sie beschaffen in kurzer Zeit und geb Euch setzt mein Ehrenwort, daß ich treu und redlich arbeiten will: das muß Euch genügen." Und damit, ohne Meister Martins Antwort abzuwarten, schritt der junge Gesell zur Werkstatt hinein, warf Barett und Reisebündel ab, zog das Schurzfell vor und sprach:Sagt nur gleich an, Meister Martin, was ich jetzt arbeiten soll." Meister Martin, ganz verdutzt über des fremden Jünglings keckes Betragen, mußte sich einen Augenblick besinnen, dann sprach er:Nun, Geselle, beweiset einmal gleich, daß Ihr ein tüchtiger Küper seid, nehmt den Gargelkamm zur Hand und fertigt an dem Faß, das dort auf dem Cnd- stuhl liegt, die Kröse." Der fremde Gesell vollführte das, was ihm geheißen, mit besonderer Stärke, Schnelle und Geschicklichkeit und rief dann, indem er hell auflachte:Nun, Meister Martin, zweifelt Ihr noch daran, daß ich ein tüchtiger Küper bin? Ader", fuhr er fort, indem er, in der Werkstatt auf und ab gehend, mit den Blicken Handwerkszeug und Holzvorrat musterte,aber habt Ihr auch tüchtiges Gerät und was ist denn das für ein Schlägelchen dort, damit spielen wohl Eure Kinder? und das Lenkbeilchen, heil das ist wohl für die Lehr­burschen?" Und damit schwang er den großen, schweren Schlägel, den Reinhold gar nicht regieren konnte, und mit dem Friedrich nur mühsam hantierte, das wuchtige Lenkbeil, mit dem Meister Martin selbst arbeitete, doch in den Lüften. Dann rollte er ein paar große Fässer wie leichte Bälle beiseite und ergriff eine von den dicken, noch nicht ausgearbeiteten Dauben.Ei", rief er,ei, Meister, das ist gutes Eichenstabholz, das muh springen wie Glas!" und damit schlug er die Daube gegen den Schleifstein, daß sie mit lautern Schall glatt ab in zwei Stücke zerbrach. 6 wollt Ihr doch", sprach Meister Martin,wollt Ihr doch, lieber Gesell, nicht etwa jenes zweifudrige Faß herausschmeißen oder gar die ganze Werkstatt zusammenschmeißen. Zum Schlägel könnte Ihr ja den Balken dort brauchen, und damit Ihr auch ein Lenkbeil nach Eurem Sinn bekommt, will ich Euch das drei Ellen lange Rolandsschwert vom Rathause- herunterholen."Das wär' mir nun eben recht", rief der junge Mensch, indem ihm die Singen stinkelten, aber sogleich schlug er den Blick nieder und sprach mit gesenkter Stimme:Ich dachte nur, lieber Meister, daß Ihr zu Eurer großen Arbeit recht starke Gesellen nötig hättet, und da bin ich wohl mit meiner Leibeskraft etwas zu vor­laut, zu prahlerisch gewesen. Nehmt mich aber immerhin in Arbeit, ich will wacker schaffen, was Ihr von mir begehrt." Meister Martin sah dem Jüngling ins Gesicht und muhte sich gestehen, daß ihm wohl nie edlere und dabei grundehrlichere Züge vorgekommen. Ja, es war ihm, als rege sich bei dem Anblick des Jünglings die dunkle (Erinnerung irgend eines Mannes auf, den er schon seit langer Zeit geliebt und hoch verehrt, doch konnte er diese (Erinnerung nicht ins klare bringen, wiewohl er deshalb des Jünglings Verlangen auf der Stelle erfüllte und ihm nur aufgab, sich nächstens durch glaubhafte Atteste zum Handwerk gehörig aus'rtureeifen. Reinhold und Friedrich waren indessen mit dem Aufsehen des Fasses fertig geworden und trieben nun die ersten Bände auf. Dabei pflegten sie immer ein Lied anzustimmen und taten es nun auch, indem sie ein seines Lied in der Stieglltzweis Adam Puschmanns begannen. Da schrie aber Konrad (so war der neue Gesell geheißen) von der Füg­bank. an die ihn Meister Martin gestellt, herüber:Ei, was ist denn das für ein Quintelieren? Kommt es mir doch vor, als wenn die Mäuse pfeifen hier in der Werkstatt. Wollt ihr was fingen, so singt so, dafe es einem das Herz erfrischt und Lust macht zur Arbeit. Solches mag ich auch wohl bisweilen tun." Und damit begann er ein tolles Jagdlied mit Holla und Hussa. Und dabei ahmte er das Gebell der Hundekoppeln, die Rufe der Jäger mit solch durchdringender, schmetternder Stimme nach, daß die arofeen Fässer widerklangen und die ganze Werkstatt erdröbnte. Meister Martin verhielt sich mit beiden Händen die Ohren, und der Frau Marthe (Valentins Witwe) Knaben, die in der Werkstatt spielten, ver- trocfjen sich furchtsam unters Stabholz. In dem Augenblick trat Rosa hinein, verwundert, erschrocken über das fürchterliche Geschrei, was gar nicht Singen zu nennen. Sowie Konrad Rosa gewahrte, schwieg er augenblicklich, stand von der Fügbank auf und nahte sich ihr, sie mit dem edelsten Anstande grüßend. Dann sprach er mit fünfter Stimme, leuchtendes Feuer in den hellen braunen Augen: ..Mein bolles Fräulein, welch ein süßer Rosenschimmer ging denn auf in dieser schlechten Arbeits­hütte, als Ihr eintratet, o wäre ich (Euer doch nur früher ansichtig geworden, nicht Eure zarte Ohren hätt' ich beleidigt mit meinem wilden JagdliedeI O", so rief er, sich zu Meister Martin und den andern Gesellen wendend,o hört doch nur auf mit euerm abscheulichen Geklapper! Solange euch das liebe Fräulein ihres Anblicks würdigt, mögen Schlägel und Treiber ruhn. Nur ihre süße Stimme wollen mir hören und mit gebeugtem Haupt erlauschen, was sie gebietet uns demütigen Knechten." Reinhold und Friedrich schauten sich ganz ver­wundert an, aber Meister Martin lachte hell auf und rief:Nun, Kon­rad, nun ist's klar, daß Ihr der allernärrischste Kauz seid, der jemals ein Schurzfell vorgebunden. Erst kommt Ihr her und wollt mir wie ein ungeschlachter Riese alles zerschmeißen, dann brüllt Ihr dermaßen, daß uns allen die Ohren gellen, und zum würdigen Schluß aller Tollheit seht Ihr mein Töchterlein Rosa für ein Edelfräulein an und gebärdet Euch wie tin verliebter Junker!"

(Fortsetzung folgt.)

03 er antwort lieb: vr. Han» Thvrtoi. Druck und Der lag: Brühl'fche Universität»-Duck« und ©telnhruderei. 01. Lange, Gießen.