Aus einem Misetagebuch.
Von Wera W a g e n s ch e i n*.
San Giovanni degli Eremiti.
Palermo..
Ich bin auf meinen kleinen hohen Balkon getreten; drüben, nur wenige Meter weit, erscheinen im Fenster fünf braune Kindergesichter mit glänzenden schwarzen Augen, starren in meine erschrockenen und verschwinden. Tief unten auf einem Karren ein Leierklavier von unbeschreiblich rauschendem, süßem, bunt funkelndem Klang, hallend in der engen Gasse, erschütternd. Ein zweites kommt, sie sehen mich, sehen immer nach oben und orgeln, bis ich meine soldi hinuntersallen lasse, und noch lange nachher. Ich bin ganz eingehüllt von dieser Musik.
Auf den Straßen. Verwirrende juliheiße Buntheit, Eselchen, klein wie Hunde, vor zweirädrigen Karren, die grell bunt und wunderlich schön bemalt sind mit ganzen Geschichten: Kreuzzüge, blaue Ritter und verhüllte Königinnen auf weißen Zettern, Lanzenschlachten — jede Speiche ist bunt. Gegröhlte Ausruse, lang gezogen, ohne Musikalität. Enge Gassen voll bunter Wäsche und fremdartigem Getöse. Afrikanische weiße Türme, ihre nackten Glocken vor dem dunkelblauen Himmel.
Viele Menschen aus vielen Ländern. Braun-bunte Leidenschaftlichkeit. Seidenweihe Ziegenherde durch das Mittagsgetriebe; langhaarig, schwarze Hörner und Augenflecken, zierliche Gelassenheit. Die Straßenrufe rutschen so seltsam, man kann sie nicht sassen. Aber das rhythmische Brüllen und Quietschen der kleinen Esel lerne ich bald.
Wir suchen, sangen uns in einem Palmengarten, — lehnen an einer hohen Mauer in lautloser flimmernder Mittagsglut, die die Straßen in diesem ärmlichen Stadtteil leer gemacht hat, — finden hier endlich die kleine versteckte Moschee S. Giovanni und werden in die dämmerige Frische ihres ummauerten Gärtchens ausgenommen. Die kleine Pforte fällt zu, draußen versinkt Helligkeit und Verwirrung, wir sind uns selbst überlassen.
Paradiesisch ist dieses Gärtchen; und wie über Zypressen die himbeerroten Kuppeln auftauchen vor der tiefblauen Himmelsschale, kommt mir di« ganze Bezauberung aus meiner Kindheit wieder, als ich auf dem Schulweg im Schaufenster ein Bild dieses maurischen Märchen-Hofes fand und es zuhause aus dem Gedächtnis malte, tagelang beglückt und versunken. .
Durch verfallende Steinbogen gehen wir in den kleinen Jnnenhof. Zwischen hohen feuchten Mauern drängen sich verwittert und voll süßer Frische Gras und Bäume zusammen, Kakteen, Zitronenbäume mit reglosen Hellen Früchten im dunklen Laub, Palmen; das Schönste: ein breites zartes Pampelmusenbäumchen, mit schweren hellgelben Kugeln behangen, wie riesenhafte Kanarienvögel im Schlaf.
Wir setzen uns auf eine niedrige Marmorbank und verlieben uns in den Kaktus in der Mitte des Gärtchens. Leise Zwitschervögel, die man nicht sehen kann. Bewegung nur in den gelben Sonnenlichtern, die wie Tropfen ins grüne Dunkel der Zitronenbäume sickern.
Flüchtige Schwärme von Reisenden vergißt man gleich wieder; sie macken die Einsamkeit fast noch tiefer.
Die fremden Kletterpflanzen an moosigen Mauern, aus denen vergessene Brunnen rieseln, spinnen uns immer mehr ein. Und wir merken nur an dem steilen Schatten, der eng um unseren Kaktusbaum kreist, daß der Mittag sich wendet.
Im Kreuzgang ist eine überirdische Helligkeit, durchsichtig und sanft. Das Licht umfließt die zierlichen weihen Säulen, schwebt und zittert um die vielen Kletterrosen und die kleinen Geranientöpfe, die den über- rankten Ziehbrunnen in der Mitte umstehen. Das Weih des Säulenvierecks und das Rosa und Rot der Blumen scheint in diesem zartesten Licht sich zu verbinden, in flatternder Bewegung miteinander zu spielen. Ueber diesem holden Tanz ruhen im Dunkelblau die vier roten Kuppeln, eine stets neue wunderliche Beglückung.
Wanderung nach Segesta.
Wir gehen drei Stunden ins Land hinein. Unser Weg führt auf halber Höhe, zwischen großen kahlen rötlichen Bergen.
Unten im Tal der kleine fast ausgetrocknete Fluh. Eine einzelne Dattelpalme steht daran, fein und schlank im Winde sich wiegend, einsam, klein aus unserer Höhe. Schwarze Pferdchen, darunter trinkend und schlafend. . . ...
Die niederen Hügelhänge blühen gelb, in einer Ginsterart; dazwischen elfenbeinweiße Heckenrosen, viele fremde Sommerblumen, gelbe und rosa Margueriten am Wege, orange Calendula, blaue Zichorie. Kleine Wicken wie glühender roter Granat im Gras. Höher am Berg Kakteen, so glitzernd wie überflossene Steine. .. .. .
Den ganzen Weg begleiten uns hohe weihlich-grune Disteln nut helllila Blüten. Manchmal ein weidender Esel.
Aber das kahle Felsengebirge über allem macht ine Landschaft doch ernst und groß. ... „ , ,
Kleiner Pfad im Olivenwäldchen, Maultierreiter tänzelt bergab.
Ein süßer warmer Blumendust zieht über den Weg
Da sehen wir klein vor Ferne und in grüner Hochlandemsamkeit den Tempel.
Maultierkarren im Fluß holen Steine.
Kleine Feigenbäume von großer Klarheit und Lichtheit: hellgrau- seidige Stämme und Aeste, willkürlich und wunderlich geschwungen und voll Harmonie; schön geformte wenige große Blätter, hellgrün, und kleine dunkle Früchte. .... .
Die grauen hohlen Oelbäume wirken trauernd im Frühjahr.
Seltsam vereinigt sich hier Sommer mit dem Vogelgezwitscher des Frühlings und Apfelsinen- und Zitronenernte des Herbstes.
Wir überqueren den Fluh und steigen. Nur noch grüne Hügel, schwarze Pferde, rötlich-graue Felsen, Krähenfluge. In ferner wegloser Einsamkeit zwei Karabinier! zu Pferde. Suchen sie Räuber?
* Vgl. Familienblatt Nr. 25 und 26.
Plötzlich der Tempel: vor der graugrünen Felswand, eingebettet ins weite Hochland, steht er ergreifend und unbegreiflich schön. Di« Säulen außen bläulich, innen wie von einem sanften Feuerschein glühend.
Wir klettern die Stufen hinauf — Eidechsen flitzen, stutzen, verbergen sich — und sitzen lange im Innern an eine Säule gelehnt. Um uns die große erschütternde Einfachheit und einsame Versunkenheit.
Die dicken Säulen porös und warm gold-bräunlich in der Sonne. Zwischen ihnen der dunkelblaue Himmel, das Gebirge, die nahe Schlucht, in der Ziegen weiden. Ein kühler starker Sommerwind.
Seidenhaariger weiß-schwarzer Hund geht durch den Tempel, freundlich und voll Haltung.
Mittagsstille. Eingeborene Frau mit kleinen Kindern steigt herauf und ruht auf dem Opferstein; arm, buntes Tuch, zärtliches Lächeln.
Der Hund strolcht in der stachligen rosa Blumenwildnis herum, die sich bis dicht an die Tempelftufen drängt.
Dann steigen wir zum teatro greco hinauf. Efelreitende junge Engländerin; dann ganz große Einsamkeit. Schmaler Stufenpfad zwischen hohem Dill (?) — oft höher als wir selbst, mit aufgerichteten gelben derbzarten Dolden. Der Tempel immer tiefer, kleiner, bläulich-golden. Schwarz- wollige Schafherde auf fernem Hang; ihr dunkles Geläut.
Stilles verklärendes Nachmittagslicht.
• Eine große Schlange, bunt und geheimnisvoll.
Zwischen den gelbbesonnten Dillschäften und letzten grauen Steintrümmern der uralten Bergstadt Segesta sehen mir die weiten Gebirge ringsum, immer schöner mit violetten Schatten; ein fernes Bergkloster lockt, eine sehr weite weihe Bergstadt.
Auf der Höhe ein ganzes Dill-Wäldchen, dicht besetzt mit Häuserschnecken.
Aus der höchsten Stelle das Amphitheater. Klein, halbrund. Wir setzen uns auf die oberste Steinstuse, überwältigt und still.
Weit weg jenseits der Tiefe sehen wir den Berg, noch ferner, viele Stunden von hier, ein Stückchen blaue Meerbucht, und noch jenseits von ihr hohe Felsenklippen von entrückter milchiger Zartheit, beinahe nicht mehr wirklich.
Neben uns, unter uns auf dem Stufenhalbrund ein huschendes Eidechsenleben. Ueber der kleinen Bühne vor der fernen Sicht stehen zwei Raubvögel im Wind, fremdartig und von großer Schönheit: leuchtend rehbraun und schwarz gestreifte Fächerschwänze, dicke Köpfe, hängende greifbereite Krallen. Ihre kleinen hohen Schreie in der stillen Lust.
Der Rückweg. Alles neu und unendlich anziehend in dem späten Leuchten des Nachmittags. Das Land ruht in plastischer Klarheit. Fern hinter dem Wiesenhügel der Felsenberg, rosig beschienen vom Abend. Sein Grat in weicher grauweißer Wolkenschlange, die von unten lila beschattet wird.
Viele Maultierreiter, an beiden Seiten Basttaschen voll frischem Gras ober Apfelsinen, würdig schwarze Sancho Pansas. Manche von ihnen reiten viele Stunden am Tag bis in ihr kleines Dors am Meer ober in ben Bergen, nur weil sie feine Geselligkeit lieben. Keiner mag allein in seiner Gartenhütte schlafen.
Alle sinb freunblich zu uns, heiter und beruhigt vom Abenb.
Bunte Eselkarren überholen uns, und wir sehen lebendig gebliebene Geschichte vor uns rollen. Minnesänger, Ritter und Rittersräulein verliebt und wie hingeweht unterm Lorbeerbaum; daneben Turnier mit Eisenhauben und einem Wald von Lanzen.
All« Wagen verschieden. .
Zwei Burschen auf einem necken uns „Germanesi?', fordern uns lachend auf, zu ihnen in bas Reisig zu steigen; wollen mit uns plaubern. „Capisce?" ... „molto poco*!7' Sie fahren lange Zeit neben uns her, bis sie sich satt gesehen haben unb plötzlich bavon traben.
Ein ganz Alter, voll Würbe unb Verschlossenheit, reitet auf weißem Tier uns entgegen. Er sieht burch uns burch unb singt mit hoher Stimme vor sich hin in ben Abenb.
Wir sitzen eine Weile am Wegranb in rosenroten Traubenblumen, bte immer einbringenber unb abschieblicher glühen, unb in ben feinen Disteln, bereit blasses Lila schon fast erloschen ist.
Ein verlassenes Eselchen streicheln wir; sein Blick wirb verwunbert unb^sansüh £(einen Bahngebäube. Der Bahnwärter unb seine Frau. Wir grüßen nun auch mit hochgehobener Hanb; sie tun es voll Würbe, mit einem kaum angebeuteten Lächeln unb großer Anmut: schräge Kopf- neigung, ein Heller Schein übers Gesicht, wenn sie Bereitwilligkeit unb Vertrauen spüren. .. , „ ,
Ein Sommerbaum zittert unb lärmt von zahllosen zwilschernben Vögeln, bie langsam zur Ruhe kommen mit ber fintenben Nacht.
Unvergeßliche Stunbe vor biesem einsamen SBarterauml Ich lehne still an ber herrlichen Palme, bie Arme auf ber Gartenmauer, unb sehe brüben bie Abenblanbschast, aus ber wir kommen, unb über mir, durch bie feingefieberten schwarzgrünen Zweige, bes Monbes südlich liegenden Kahn.
Die klaren langsam dunkelnden Farben, wie man sie manchmal auf alten Gemälden findet, find noch verklärter von einer großen Ruhe, bie immer mehr auch mein Herz erfüllt.
Der Abendstern strahlt am gelblichen Himmel, über ben abenbblau- oioletten Bergen. Aus bämmernbem Hügel ber Sarazenenturm, wenige rosa Häuser mit stachen Dächern, eine Palme. Alles leuchtet fein letztes Licht wie von innen heraus. Durch bie Weinftöcke, im unirbifch grünlichen , Schein, reiten wie Abgeschiebene bie letzten buntlen Gestalten, ihre gesenkten Köpfe in schwarze Kapuzen gehüllt auf arabische Art.
Uns Nörblichen ist biefe Stunbe wie Zauber, unb boch — von allem Gewohntem gelöst — von einer tiefen unb ernsten Wirklichkeit.
* „Versteht Ihr?" ... „sehr wenig!"


