Der Rückzug war überaus anstrengend. Welche Schwierigkeiten zu überwinden und welche Entbehrungen auszuhalten waren, erkennt man aus Wenprechts Tagebuch. In den ersten Wochen mußten d,e schweren Boote über das ost hochausgetürmte Landeis geschasst werden, und vielfach reichte die Halste der ganzen Bemannung kaum aus, um em Boot oder einen Schlitten weiterzubringen. Wie der Geringste der TOannftyift spannte sich Weyprecht mit vor die Boote und zog, wie er sich ausdruckte, wie ein Hund mit heraushängender Zunge, ost stundenlang. Er wußte, welche Wirkung neben dem Wort vom Beispiel des Führers ausgeht. So war er auch der erste, der ein Stück Speck von einem gerade erlegten Seehund herunterschnitt und es, „allerdings mit großem anfänglichem Widerwillen" vor aller Augen verzehrte; dann folgten die anderen.
Bom 18. Juni an arbeiteten sich die Männer mühsam durch zerteiltes Treibeis mit offenen Kanälen. Sie setzten dann abwechselnd die Boote aus die Schlitten, wenn sie ein Eisfeld überschreiten mußten, die Schlitten wieder in die Boote, sobald sie wieder auf eine Oeffnung stießen. Dieses fortwährende Ein- und Ausladen, Hinein- und Herausziehen der Boote nahm den größten Teil der Zeit und Kräfte in Anspruch. Dazu kam noch, daß anhaltende südliche Winde alle Anstrengungen vergeblich machten, indem sie das ganze Eisfeld, auf welchem sie sich befanden, mehr nach Norden zurücktrieben, als sie mit größter Arbeit südlich Vordringen konnten. So kam es, daß die Reisenden acht Wochen nach Verlassen des Schiffes nur drei deutsche Meilen in Luftlinie von diesem entfernt waren. Vom 15. Juli an setzten endlich nördliche Winde ein und die Eisverhältnisse wurden günstiger, so daß man besser vorwärts kam. Nach weiteren vier Wochen trafen sie das offene Meer, konnten sich endgültig in den Booten einschissen und am 10. August die Küste von Nowaja Semlja erreichen. Noch einige Tage ruderten und segelten sie längs der Küste; der Proviant wurde sehr knapp. Begegneten sie nicht bald einem rettenden Fahrzeug, dann mußte die höchst zweifelhafte Ueberfahrt über das stürmische Meer nach Lappland gewagt werden. Da kam die Rettung. Am 20. August trafen sie zwei kleine russische Schisse und wurden freundlich ausgenommen. 96 Tage hatten sie ununterbrochen im Freien zugebracht. Weyprecht einigte sich mit dem Kapitän, daß er unverweilt nach dem nächsten norwegischen Hasen, nach Vardö, segelte. Hier landeten sie am 3. September 1874. — Vom „Admiral Tegetthoff" ist niemals mehr etwas bekanntgeworden.
Weyprecht widmete sich nach der Heimkehr der Sichtung und Verarbeitung des wissenschaftlichen Materials. Seine Beobachtungen über das Eis legte er nieder in dem Buche „Metamorphosen des Polareifes", einem Muster leicht verständlicher und doch wissenschastlicher Darstellung. Leider führte er seine ursprüngliche Absicht, eine volkstümliche Beschreibung der Expedition zu geben, nicht aus. Die schrieb Payer in einem umsangreichen illustrierten Buche: „Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition", Wien 1876.
Unablässig beschäftigte sich Weyprecht weiter mit der Polarforschung und er kam zu der Ueberzeugung, daß die bisherige Art zu ändern sei. Nicht die Auffindung neuer Länder oder des Poles selbst mußte der Hauptzweck der Expedition werden, sondern die wissenschaftliche Erforschung der Polarnatur. Es müßten daher rings um den Pol in zugänglichen Gebieten Stationen geschaffen werden, deren Aufgabe in erster Linie gleichzeitig meteorologische, magnetische und sonstige kosmisch-physikalische Beobachtungen mit gleichen Instrumenten nach gleicher Instruktion wäre. Auf der Grundlage solchen Materials wären dann allgemeine, bleibenden Gewinn für die Wissenschaft bietend« Folgerungen möglich. Diese aus der Natursorscherversammlung in Graz 1875 vorgetragenen Forderungen setzten sich dank der Unermüdlichkeit Weyprechts bei der internationalen Meteorologie durch, und es wurde von zehn Staaten beschlossen, solche Beobachtungen 1882/83 durchzusühren, mit elf Stationen um das Nordpolar-, zwei im Südpolargebiet. So kam das erste Polarjahr zustande; die Aufzeichnungen füllen viele Bände. Mit diesem großen wissenschaftlichen internationalen Unternehmen, sagt I. v. Hann, der berühmte Wiener Meteorologe, wird der Name von Carl Weyprecht verknüpft bleiben, „da er die erste Anregung dazu gegeben hat". Als österreichische Station war die Insel Jan Mayen ausersehen, als deren Leiter Weyprecht. Aber ein grausames Schicksal wollte nicht, daß der Mann, der das Unternehmen bis dicht vor die Erfüllung gebracht hatte, die tatsächliche Besetzung der Stationen erleben sollte. An einem hartnäckigen Bronchialkatarrh hatte Weyprecht seit der Rückkehr gelitten. In Wien, Februar 1881, verschlimmert« sich sein Zustand. Den Schwerkranken holte am 26. März der Bruder heim, und in der Heimat schloß Carl Weyprecht am 29. März 1881 sür immer die Augen.
Kleine Tragödie in Bernstein.
An einem warmen Tag — vor zehn Millionen Jahren.
Bon Bruno H. Bürgel.
Nachdruck verboten.
An einem schönen warmen Hochsommertag — es mögen seitdem gut und gern zehn Millionen Jahre vergangen sein, aber wir haben unwiderlegliche Beweis« dafür, daß sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat, wie ich sie hier erzähle — an diesem herrlichen Sommertage also, so um die Mittagsstunde herum, hatte sich eine niedliche kleine Fliege mit zarten Florslügelchen und rubinroten Augen am Stamm einer hohen Fichte niedergelassen, um ein wenig zu ruhen.
Nicht allzufern rauschte das nordische Meer und weit« Nadelwälder bauten sich hier auf; die Mittagsgöttin wanderte durch die Landschaft, Schweigen war im Walde und es roch nach Harz. Aber der ewige Kampf in der Natur, der keinen Waffenstillstand kennt, nahm dennoch seinen Fortgang. Der Mensch freilich, der erbittertste und listenreichste aller Kämpfer, existierte damals noch nicht; Jahrmillionen später erst trat er aus den Plan, und dennoch vermag er die kleine Tragödie, die sich da im nordischen Fichtenwall abspielte, ganz so zu Überblicken, als wäre er Augenzeuge gewesen. — Eine schwarze Spinne, klein und behende, kroch um die Wölbung des Stammes und sah das zierliche Fliegentier in der
Sonne glänzen. „Viel ist an dieser Jungfer mit dem Flor, der engen Taille und den roten Augen nicht dran" — so mag der schwarze ■oager taxiert haben — „aber für den ersten Gang zur Mittagstafel mag sie genügen." Mit einem kühnen Sprung warf sich der Räuber auf sein Opfer.
Aber in diesem Augenblick geschah etwas Seltsames und Unerwartetes, das für Säger und Gejagten gleich verhängnisvoll wurde. Die Sc^vüle des Mittags hatte hoch oben am Stamm der Fichte einen großen Harztropfen flüssig gemacht; er siel herab und hüllte im Augenblick Fliege und Spinne in ein goldgelbes zäh-geschmeidiges Gefängnis ein, in einen Kerker, der ein Sarg wurde, ein richtiger, durchsichtiger Schneewittchensarg. Er hat über Jahrmillionen hinweg die beiden kleinen Wesen auf- bewahrt, er läßt uns noch heute die kleine Tragödie, die sich vor zehn Millionen Jahren am Stamm einer Bernsteinfichte abspielte, als die Mittagsgöttin durchs Gehölz strich und von fern die Wogen des Weltmeers rauschten, nacherleben.
Ein Stück Bernstein, Harz von einer Fichte also aus der Tertiärzeit, ist das Dokument, in dem Mutter Natur die kleine Historie erzählt. Legt man den seltsamen Sarg unter ein Mikroskop, dann erkennt man deutlich, daß die beiden eingeschlossenen Tiere sich noch ein paar Augenblicke bewegten. Um ihre Beine herum zeigt die gelbe Masse kleine verhärtete Strudel und Schleier, die letzten Spuren eines Todeskampfes, den ein paar Infekten vor zehn Millionen Jahren kämpften. Es ist ja alles unbedeutend, aber es ist doch auch wieder sonderbar, daß wir in der Lage sind, hier über ein Geschehnis aussagen zu können, das sich abspielte, ehe es Menschen gab! —
Das Bernsteinmuseum in Königsberg enthält Zehntausende von Einschlüssen ähnlicher Art. Da sieht man Blüten und Blätter, eingebettet in diesen Vorzeit-Harz, Federn von Vögeln, Haare von Säugetieren, Fliegen, Spinnen, Krebse, Schnecken, Wanzen, Schmetterlinge, Käser, ja selbst eine kleine Eidechse. Mit überraschender Deutlichkeit tritt uns das in dem ja oft glasdurchsichtigen Bernsteinblock entgegen, die zartesten Einzelheiten sind erkennbar, sogar Teile von Spinngeweben mit kleinen hellen Bläschen daran, die sehr wahrscheinlich von Tautropfen herrühren.
Längst sind sie verschwunden, die Wälder voll Bernsteinfichten, die in Vorzeittagen da oben am Rande eines flachen Meeres standen, langsam unterwühlt wurden und der vorrückenden See unterlagen. Ein mächtiger Strom hatte dort an seiner Mündung Jahrtausende lang einen blaugrauen schlammigen Sand abgesetzt, der den Untergrund jener Wälder bildete. Nichts ist von ihnen zurückgeblieben als das Harz, das einst aus den Stämmen tropfte und sich einwühlte in die blaue Erde, als die Wogen Besitz ergriffen von diesem flachen Landstreifen. Die Jahrmillionen rauschten darüber hin, Meer wurde Land, Land wieder Meer, die Eis- zeitgletscher hobelten darüber weg, umgewühlt und auf weite Strecken verfrachtet wurde der blaue Grund mit seinen Harzresten vorzeitlicher Fichtenwälder, und wieder rauscht das Meer dort oben an der Küste des Samlandes, an der „Bernsteinkllste". Nun aber sucht der Mensch nach dem weingelben Stein, schmückt sich mit ihm, wie er es seit grauen Tagen getan hat. Phönizier, Griechen, Römer, Arader sandten schon vor Jahrtausenden ihre Kaufleute nach dem Norden, um das dem Meer entstiegene „durchsichtige Gold" einzuhandeln, das nicht nur Schmuck war, sondern auch Heilkräfte besaß.
Das Harz der versunkenen Nadelwälder hat eine schöne Auserstehung gefeiert. Wie hat sich die Welt seit den Tagen gewandelt, da es aus Baumwunden tropfte, die ein vom Meer hereinbrechender Sturm im Geäst angerichtet haben mag! Sehr friedlich ging es damals nicht zu auf unserem Planeten, in jener Epoche, die der Erdgeschichtsforscher das „Jung-Tertiär" nennt. Im Gegenteil, es war eine Zeit starker Umwälzungen. Hebungen und Senkungen großer Teile der Erdrinde fanden statt; in verhältnismäßig kurzer Zeit wechselten Land und Meer mehr- sach den Ort. Mächtige Ausfällungen der steinernen Haut der Mutter Erde entstanden, gewaltige Schollenüberschiebungen setzten ein. Damals bildeten sich di« riesenhaften Gebirgsmassive, die noch heute die höchsten Erhebungen des Planeten darstellen: Der Himalaja, die Alpen, der Kaukasus, die Anden türmten sich auf. Aber auch die Vulkane der Erde sind zu jener Zeit in starker, dauernder Tätigkeit; mächtige Lavamassen breiten sich aus, Tiefengesteine bringen empor.
Revolutionszeit! Und auch Revolution in der Welt des Lebendigen! Die letzten Reste mittelalterlicher Fabelwesen sterben aus, die Welt wird sozusagen modern. Bis dahin beherrschten die Reptile das Feld; die wenigen kleinen Säugetiere, die schon bestanden, spielten keine Rolle gegenüber den Riesensauriern, die während der Jurazeit und zum großen Teil auch noch während der Kreidezeit, das Zepter sührten. Nun aber breiten sich mächtige Säugetierherden aus und namentlich die sehr gewandten, wendigen starken Raubsäuger erobern sich di« Welt, behalten die Herrschast, bis der Mensch aus den Plan tritt, der ein noch viel gewaltigerer Räuber ist und feine Waffen selber schmiedet. Aber es beginnt im Tertiär auch der Siegeszug der Blütenpflanzen, und immer riesiger wird das Heer der Infekten. Damit zugleich werden immer bessere Lebensbedingungen für die Vögel geschaffen, und fo fehen wir eine starke Ausbreitung des gefieberten Volkes.
Welches bie tiefere Ursache aller dieser Umwälzungen ist: Aenberungen bes Klimas, Wechsel von Lanb unb Meer große vulkanische Tätigkeit, Auftürmung von Gebirgen, starke Umstellung bes gesamten irbischen Lebens ... wir wissen es nicht. Eines ist wohl sicher, klein kann biefe Ursache nicht gewesen (ein, bie so starke Wirkungen nach sich zog, unb so läßt es sich verstehen, bah von manchen Leuten, bie über biefe Probleme tiefer nachgebacht haben, angenommen wirb baß irgenbein Ereignis im Himmelsraum, bas Sonne und Erde stark beeinflußte (etwa die Begegnung mit einem anderen Sonnensystem ober mit einer kosmischen Staubwolke) die Ursache dieses Anbruchs einer neuen Zeit im Erdgeschehen sein könnte. Naturgemäß können wir darüber nichts wissen; alles läuft auf mehr ober weniger annehmbare, zum Teil auch sehr phantastifche Hypo- thefen hinaus unb wirb schließlich zu einem unfruchtbaren Gelehrtenstreit.


