SietzenerZanMenblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1931 - Hreitag, -en 10. April Nummer 28
Brausende Stille ...
Von Christian Morgen st er n. Brausende Stille, wie lieb' ich dich, wenn du nicht ganz mich überwältigst, deutender Phantasie noch Raum gewährend.
Liegt mein Ohr an der Muschel Unendlichkeit?
Rauscht das Meer des ewigen Seins daraus?
Oh, dann rauscht
auch ihr, auch ihr Blut mit — brandet bis an mein Herz, wie meins an ihr's!
Brausende Stille, wie lieb' ich dich, die du mich mit der fernen Geliebten so zart vereinigst.
Carl Weyprecht, der hessische Nordpolarforscher.
Von E. Ihne, Darmstadt.
In letzter Zeit hat man öfter in Zeitungen gelesen, daß 1932/33 ein zweites Polarjahr veranstaltet werden soll, so sei es aus der Tagung des internationalen meteorologischen Komitees in Kopenhagen 1929 beschlossen worden. Was heißt das? Es sollen von den meisten Kulturstaaten rings um Nord- und Südpol eine Anzahl Stationen errichtet und nach einheitlichem Plan eingehende Beobachtungen über erdmagnetische, meteorologische und sonstige geophysikalische Verhältnisse durchgeführt werden, mindestens ein Jahr lang, alle Mittel neuzeitlicher Forschungstechnik, z. B. Flugzeuge, werden benutzt. Ein genauer Plan, auch hinsichtlich der erforderlichen großen Geldmittel, steht noch nicht fest. Ein zweites Polarjahr! Wann war das erste? Es hat 1882/83 stattgefunden, 1932 sind also 50 Jahre seitdem verflossen. Derjenige, der damals die Anregung gegeben hat, war ein Sohn Darmstadts: Carl Weyprecht, den als Mitentdecker von Franz-Josefs-Land wohl jedermann kennt, und der am 29. März 1881 starb.
Carl Weyprecht wurde am 18. September 1838 in Darmstadt geboren. Von 1852 bis 1856 besuchte er in Darmstadt das Gymnasium und die Höhere Gewerbeschule, trat 1856 als Kadett in die österreichische Kriegsmarine und wurde 1861 Offizier. Gelegentlich eines Heimaturlaubes lernte er den bekannten Gothaer Geographen Peter mann kennen, der damals eifrig für eine deutsche Nordpolexpcdition warb. Der Nordpol weckte auch Weyprechts Interesse, er blieb dauernd in Verkehr mit Peter- mann und erbot sich für eine Expedition in das Meer östlich Spitzbergen. Dieser Plan wurde aber jäh unterbrochen durch den Krieg 1866. Weyprecht nahm an der Seeschlacht bei Lissa, in der die österreichische Flotte unter Tcgetthosf die italienische entscheidend schlug, teil und zeichnete sich durch große Umsicht und Tapferkeit aus.
Nach dem Kriege führte ihn der Dienst nach Mexiko, wohin sein Schiff zur Verfügung des Kaiser Maximilians kommandiert war. So konnte er hier den Zusammenbruch des mexikanischen Kaiserreichs (Maximilian wurde am 19. Juni 1867 in Queretaro erschossen) aus nächster Nähe erleben. In die Heimat zurllckgekehrt, trieb «r eifrig astronomische und geophysikalische Studien. Das Interesse am Pol verstärkte sich, besonders nachdem er 1870 den Oberleutnant Julius Payer kennengelernt hatte, der gerade von der zweiten deutschen Nordpolsahrt zuriick- gelommen war. Allmählich gewann der Plan einer neuen, eigenen Nordpolexpedition festere Gestalt. Mit Mitteln, die hauptsächlich Petermann und der Wiener Graf Wilczek gestiftet hatten, konnten bereits tm Sommer 1871 Weyprecht und Payer auf einem kleinen Segelschiff eine Erkundigungssahrt in das Meer östlich von Spitzbergen unternehmen. Sie gelangten in fast eisfreiem Meer glatt bis 79 Grad nördlicher Breite und 60 Grad östlich Greenwich, und man konnte durchaus annehmen, daß ein gut ausgerüsteter Dampfer noch viel weiter vorzudringen vermochte. Dies sollte dann durch die eigentliche Expedition im nächsten Jahre geschehen.
Ueberraschend schnell waren die nötigen Geldmittel zusammengebracht, alle Kreise des Volkes steuerten bei, Graf Wilczek erwies sich auch jetzt als hochherziger Förderer. In einer sorgfältig ausgearbeiteten Instruktion wurde als nächstes Ziel die Erforschung des unbekannten Gebietes im Norden von Sibiren bestimmt, als weiteres ideales Ziel die Erreichung der Behringsstraße, also die nordöstliche Durchfahrt. Kommandant der Expedition war Weyprecht; nur bei Schlitten- und Landreisen sollte Payer das Kommando haben.
Das Schiff, ein dreünastiger Schraubendampfer von 110 Fuß Länge, zum größten Teil nach Weyprechts Angaben gebaut, bekam den Namen „Admiral Tegelthoff". Ausrüstung und Verproviantierung berechnete man auf drei Jahre. Neben den üblichen Booten wurden auch Schlitten und Hunde mitgenommen. Den Stab der Expedition bildeten außer Linienschiffsleutnant Weyprecht und Oberleutnant Payer Linienschiffsleutnant Brosch, Linienschiffsfähnrich Drei, Regimentsarzt Dr. Kepes, Maschineningenieur Krisch. Die Matrosen wählte Weyprecht absichtlich aus dem österreichischen Küstenland, sie bewährten sich vortrefflich. Ferner waren an Bord zwei Tiroler Bergsteiger und noch ein älterer norwegischer Seemann, so daß die Besatzung aus 24 Mann bestand. Am 14. Juli 1872 verließ das Schiss Tromsö und nahm Fahrt nach Nordost.
Wie im Vorjahre, so hoffte man auch jetzt bis zur Breite 78 Grad ober 79 Grad eisfreies Meer zu finden. Aber schon nach sechs Tagen, in viel südlicherer Breite, begegnete das Schiff größeren Eisrnassen und am 22. August 1872 wurde es bei 76 Grad nördlicher Breite und 62 Grad östlich Greenwich von Eis völlig eingefchlofsen und gezwungen, ohne eigenen Kurs der großen Scholle, die es umfaßte, zu folgen. Die Treibrichtung ging zunächst nach Nordost, später nach Nordwest. Herbst und Winter verliefen in stetem, bittersten Kampf gegen bas Eis, das durch unaufhörliche furchtbare Pressungen das Schiff zu zertrümmern drohte. Die lange Polarnacht war schauerlich, und „gar viel Tage befanden sich die Männer fortwährend auf dem Sprunge, das Schiff zu verlassen, das ihnen unter den Füßen in Stücke zu gehen drohte". Der Sommer 1873 brachte keine Besserung der Lage. Da, ganz unvermutet, am 30. August 1873, wurde neues Land entdeckt. Es erhielt den Namen Franz-Josess- Land. Nicht lange danach fror die den „Tegelthoff" umschließende Scholle mit dem Landeis fest zusammen. Der zweite Polarwinter mußte durchgemacht werden. Wenn keine Befreiung vom Eis gelang, stand sogar ein dritter bevor. Daß ein solcher nicht mehr ausgehalten werden konnte, war Weyprecht und den anderen Offizieren klar. Das erlaubte nicht der Zustand des Schiffes, das allmählich ganz schräg auf dem Eise lag und zu kentern Gefahr lief, ferner nicht die geschwächte Gesundheit der Mannschaft. Daher wurde Februar 1874 beschlossen, am 20. Mai den „Tegett- hoff" zu verlassen und die Rückkehr über das Eis nach Nowaja Semlja zu versuchen.
Vorher wurde bas neue Land so viel als möglich erforscht, unb zwar unter Führung von Payer im März und April auf drei anstrengenden und gefahrvollen, meist von starker Kälte unb heftigen Schneestürmen begleiteten Schlittenreisen. Auf der zweiten Reise erreichte man als höchste Breite 82 Grad, 5 Min. Franz-Josefs-Land erwies sich als eine Gruppe von Inseln, fast vollständig vergletschert, die Vegetation äußerst dürftig, das Gestein Basalt, alles öde.
Während der Schlittenreisen blieb Weyprecht an Bord und leitete die Vorbereitungen für den Rückzug. Auch der einzige Todesfall der Expe- dition war zu beklagen, indem der Maschineningenieur Krisch einem Lungenleiden erlag.
Vor dem Verlassen des „Tegetthosf" wurden vier Flaschenposten aus- gesetzt, d. h. es wurde eine kurze Mitteilung über den seitherigen Verlauf der Expedition in eine Flasche gesteckt, diese fest verschlossen und auf dem Eis in der Nähe untergebracht. Das geschieht von Seeleuten oft und wäre kaum erwähnenswert. Aber: von diesen Flaschenposten wurde eine im Sommer 1921 an der Küste von Nowaja Semlja durch eine Expedition aufgefunden. Die in der Flasche enthaltene Mitteilung, geschrieben von Weyprecht und Brosch, war noch gut lesbar. Der letztere, Vizeadmiral i. R. in Graz (gestorben 1924), war nicht wenig erstaunt, als er die Nachricht von der vor 47 Jahren ausgesetzten Flasche erhielt.
Am 20. Mai 1874 wurde der von Weyprecht geleitete Rückzug angetreten. Er steht in der Geschichte der Polarsorschung als eine Leistung ersten Ranges verzeichnet. Als Beförderungsmittel dienten vier Boote, die durch untergelegte Schleifen auch zum Ziehen benutzt werden konnten. Jedem Boot war ein Schlitten zugeteilt. Mitgenommen wurde natürlich nur das Allernotwendigste von Werkzeugen, Lebens- und Feuerungsmitteln und Waffen, vollständig dagegen alle wissenschaftlichen Aufzeichnungen, die in einer Blechkiste verlötet waren. Während der ganzen Dauer der Expedition, selbst bei den schrecklichsten Eispressungen waren die Beobachtungen niemals unterbrochen worden. Sie erstreckten sich auf astronomische und geodätische Bestimmungen, auf Nordlichter, auf meteorologische Verhältnisse und besonders auf erdmagnetische Beobachtungen.


