„Das Warum kann uns gleichgültig sein, liebes Kind. Die Tatsache freut mich." Sie rieb sich die Hände. „Es zoird wieder gut, ich fühle es. Erft der Entschluß Peters und nun dies."
Isa war nicht so zuversichtlich. „Mit Peter wollen wir erst mal abwarten. Ich gebe wenig auf feine Sprunghaftigkeiten."
Das war etwas Wasser in Großmutters Wein. Aber ihre ganze Freude konnte es nicht verschütten, denn Peter, der Junge, war plötzlich wie ausgewechselt. So recht Übersah Großmutter die Zusammenhänge nicht. Nur die Tatsachen standen für sie feft. Peter war zu ihr gekommen und hatte sie gebeten: „Schreib nach Jena, Grohi, schreib an Geheimrat Dannegger, frage ihn, ob er Arbeit für mich hätte, gleichgültig welche; ich nähme jeden Dienst an." Und als sie ihn etwas erstaunt angeblickt, hatte er fortgefahren: „Es geht doch nicht so weiter mit mir. Großi — ich verkomme ja. Arbeiten muß der Mensch. Ich kann dir doch nicht ewig auf der Tasche liegen, und Arbeit schändet nicht. Schreib an Dannegger. Er wirb schon was haben, hier in Berlin ist der Arbeitsmarkt oberfaul, hier bin ich als Herr von Weiher gehandikapt, hier wollen die Menschen alle was von mir. In Jena bin ich frei. Also schreib, schreib noch heute."
Frisch und klar hatte Peter gesprochen, ganz anders als sonst. Ordentlich geleuchtet hatten seine Augen. Was war in ihn gefahren? Woher kam plötzlich die Kraft? Und nun wartete er auf die Antwort aus Jena mit einer brennenden Ungeduld. Er saß zu Hause, schob bas Geld, das Großmutter ihm anbot, zurück: „Spar es für meine Reife nach Jena. Er hatte sich sogar die Zigaretten abgewöhnt und las ein Buch über Feinmechanik und hotte ein zweites über Autoschlosserei zum Studium bereitliegen. Selbst Isa wußte nicht, woher er sich die beiden Bände geborgt hatte. — • •
Der Antwortbrief ließ eine ganze Weile auf sich warten. Biel zu lange für Peter, der sich inzwischen recht verlassen vorkam. Isa war wenig zu Hause: sie war, wie er wußte, in vollster Arbeit, die Schlußprüfung bei Karlos Pistorius rückte näher, und sie probte täglich mit Gertie draußen in Dahlem. „Warum kommt Gertie nicht einmal her, fragte'er. Isa erwiderte: „Sie will nicht. Und sie hat wohl recht. Jetzt Büchner zu begegnen, wäre nicht angenehm; er hat das letzte Wort zu sprechen, hat jetzt aber den Kopf mit feiner Inszenierung übervoll. Du siehst doch, wie die Leute ihm hier die Bude einrennen, wie sie stundenlang warten müssen, weil er nie zu Hause ist, und wie abgehetzt er ist. Und nun ihm noch begegnen — nein."
Sie übten draußen. Aber leise und heimlich mußten sie es tun, denn die alten Roses dursten nichts merken. Schwer fiel Gertie oft das Leise; sie war für Lautfprechen, für Stimmenaufwand; wie das zu ihrem Temperament paßte. So hatte Büchner denn auch ein Lächeln, als er zu einer Zwischenprobe in Pistorius' Schule auf einen Sprung herankam. — „Immer fachte, Fräulein Rose", rief er ihr zu, „den Ton dämpfen. Minna von Barnhelm ist klassisch; solche Gewaltessekte können Sie in einer modernen Komödie hinlegen, aber als Franziska — besser nicht.' i
Als sie die berühmte Szene abgerollt hatten, war er aber doch zufrieden. Er winkte Isa heran. „Gut, gut. Es geht. Es mußte ja gehen." Er machte eine kleine Pause, und Isa wurde einen Hauch rot. Büchner lobte, das tarn selten vor. „Uebermorgen haben Sie Ihre Premiere", sagte sie, um über das Stocken sortzukommen. Er nickte. „Wird ein Reinfall werden, fürchte ich. Die Proben waren überhetzt. Ein Blödsinn, in vierzehn Tagen einen solchen Klotz herauszupressen. Wochen verlangt der, wenn alles wirklich klappen soll. Und dazu diese Prominenten, die alles können wollen und tun, als ob es eine Gnade wäre, daß sie überhaupt proben. Im Grunde ist ihr Können zu fünfundsiebzig Prozent nur Routine. Bis eines Tages der Kladderadatsch kommt. Mich soll es nicht wundern, wenn es übermorgen ist."
„Es wirb Ihnen schon glücken, Herr Büchner. Wir werdens ja erleben."
„Sind Sie da?"
„Fräulein Rose hat Billetts besorgt."
Er lachte. „Dann viel Vergnügen. Passen Sie auf die Wiedner auf, die spielt eine Rolle, die etwas für Sie fein könnte. Später mal. Und die Frida Fösten hat die der kleinen Rose. Aber die soll's nicht so nachmachen. Die Fösten patzt manchmal scheußlich."
*
Am Tage der Premiere von „Quartiere" traf morgens endlich der Brief aus Jena ein. Er war recht kurz und sachlich: Dannegger bedauerte außerordentlich. Alle Stellen seien besetzt, er habe nichts offen und könne leider nicht helfen. Firmenbogen und Schreibmaschine. Trocken, wenn auch ein getippter Handkuß an die Frau Greisin den Schluß bildete.
Großmutter war verzweifelt, sie hatte bestimmt auf eine Zusage gehofft. Auch Peter ließ für einen Augenblick den Kopf hängen, dann aber (prang er auf: „Nun gerade!" rief er, rief es so laut, daß Großmutter zusammenschreckte. „Was heißt denn das?" Peter rannte im Zimmer auf und ab. „Was das heißt? Daß ich nun gerade fahre, daß ich ihm auf die Bude rücken werde. Er muß klein beigeben. Schon Baiers wegen. Ich fahre. Nicht einen Tag warte ich. Morgen geht's nach Jena. Schluß. Basta." Die Großmutter hatte Bedenken. Aber er ließ keine Widerrede gelten. „Ich fahre. Und wenn ich zu Fuß nach Berlin zurücklaufen muß. Ich will Arbeit haben, von Dannegger Arbeit haben. Nun gerade, nun gerade von ihm." Wie versessen mar er auf feinen Plan.
Isa konnte gar nicht voll Vertrauen fein; sie wollte bremsen, sie bat: „Warte doch noch einen Tag, damit wir wenigstens den letzten Abend zusammen jein können." Er schrie sie fast an: „Ich habe keine Zeit zu warten, laß du doch deine Premiere schießen. Du kannst das Stück doch auch ein paar Tage später sehen."
Dafür war Isa wieder nicht zu haben. Sie ärgerte sich über des Bruders Trotz; sie wollte auch diese Premiere nicht versäumen, Büchners Premiere. Und fühlte nicht, daß auch in ihr Trotz aufftieg. So gab cs einen Mißton zwischen den Geschwistern. Und Großmutter stand natürlich auf Peters Seite. „Das Theater könntest du doch wirklich an diesem
letzten Abend mit Peter aufgeben, Isa", sagt« sie; dabei lag ein Ton leiser Verachtung auf dem Wort „Theater". Ganz leise mar er, aber Isa horte ihn doch heraus. So antroortete sie kurz: „Theater, Großmama, gewiß Theater; aber dies Theater ist mein Beruf, das darfst du nicht vergessen. Ich habe einen Beruf."
Nachher tat ihr ihre Schroffheit leid. Sie versuchte noch einmal ein. zulenken. Sie klopfte an Peters Tür: Kann ich dir beim Packen Helsen, Peter?" Aber der Bruder rief nur: „Ich bin schon fertig." Noch einmal nahm sie einen Anlauf: „Ich sehe dich doch noch?" Die Antwort hatte den gleichen Ton: „Vor deinem Theater kaum; ich will jetzt schlafen. Mein Zug geht morgen sehr srüh." — „Wann denn, Peter?" — „6.10 Uhr, wenn du's unbedingt wissen willst. Bummelzug. D-Zug kann ich mir nicht leisten."
Da ging sie in ihr Zimmer zurück. Mit schweren Gedanken: wenn Peter jetzt schon so verstimmt war, wie sollte das erst in Jena werten? Es mar do chso aussichtslos nach Danneggers Ablehnung. „Jede Arbeit", hatte Peter zwar zu Großmutter gesagt; sie aber konnte nicht recht daran glauben —
Und mit schweren Gedanken ging sie auch die Treppen hinunter zur Stunde, da ©erlies Auto unten norm Keithstraßenhaus vorfahren sollte. Sie mußte einige Minuten warten, stand im Hausflur, fror in ihrem dünnen Mäntelchen. Die Blicke liefen die Straße hinab, dem Wagen entgegen, und an jeder Laterne hing ein anderer Gedanke, eine andere Frage: ob es ein Reinfall werden würde heute abend, ein Reinfall für Büchner? Ob Peter in Jena überhaupt oorgelaffen würde? Ob ihr die „Minna" glückte? Ob sie überhaupt je ein Engagement bekäme? Ob Peter Arbeit fände? Ob er dann durchhalten würde?--Ob — ob —
ob--würde — würde — würde? — So ging es durch ihren Kopf
hart und schwer, bis (Berties Roadster dastand und Die Kleine rief: „Hallo, Isa, du träumst ja!" Da schreckte sie auf und ging an den Schlag.
Lachend streckte ihr Gertie die Hand hin. „Komm, komm, es ist Zeit. Ich mill noch etwas von den Premierentigern sehen, von der hohen Presse. Von Kerr bis Peter Panter werden sie ja alle da sein. Und der halbe Kurfürstendamm dazu. Na, wenn wir erst mal in dem Kreuzfeuer stehen." Längst raste der Wagen durch die Hitzigstraße dem Tiergarten zu. Isa sagte kein Wort. Da blickte Gertie die Freundin von der Seite an. Ist wieder mal sieben Tage Regenwetter im Hause Weiher?"
„Morgen geht Peter nach Jena."
Fast hätte Gertie das rote Licht an der Hofjägerallee überfahren, im letzten Augenblick zog sie die Vierradbremse. „Ist die Antwort da?"
Leise antwortete Isa: „Ja, aber ablehnend."
„Und txotzdem fährt er? Trotzdem. Und da bist du so brägentlütterig! Famos ist das, famos! Ich sag' dir, aus dem Lausebengel wird noch mal was."
Grün stockte die Signallampe auf. Der Wagen sauste weiter. *
Im Hebbeltheater war Premierenstimmung. Vor das Säulenportal rollte Wagen hinter Wagen; Polizisten ordneten mit steifen Winkzeichen die Abfahrt.
Gertie ließ ihr kleines Auto geschickt durch die riesigen Mercedes, Horchs und Stutz' gleiten, überholte hier, querte dort gegen jegliche Verkehrsvorschrift und beantwortete alles Schimpfen und Fluchen mit einem fröhlichen Lachen.
„Ich werde mich hüten, das Schneckentempo mitzujokeln; nachher ist kein Fleckchen auf dem Parkplatz mehr frei, und ich kann mein Aeut' in irgendeine Nebenstraße stellen, wo's mir geflaut wird. Nicht zu machen. Lieber Mark Strafmandat."
„Wenn nun jeder so denken wollte, Gertie."
Wieder lachte Gertie. „Du bist eine unverbesserliche Mehltüte, Isa. Jeder barf’s natürlich nicht machen, das ginge nicht. Aber ich, meine Liebe, ich — ich mach's eben."
Und richtig: sie faßte auch noch eine Lücke in der Wagenburg neben dem Theater. Ihr hellgrüner Roadster verschwand fast zwischen zwei dunkellackierten Limousinen, Sechssitzern mit allem Komsorf. Der rechte trug eine fremde Nummer: Th 68 632. Isa sah es, während sie auf Gertie wartete, die ihren Wagen abschloß. Sie wollte schnell vorbeigehen, aber da zog der Chausfeur seine Kappe: „Guten Abend, gnädiges Fräulein, soll ich die Mäntel hier behalten?" Queis’ Wagen, Queis’ Chauffeur.
Sie wehrte ab. „Nein, Bretthauer, danke." Aber da war Gertie schon neben ihr. „Warum sollen mir uns an den Garderoben Herumdrücken, Isa? Es wird heute eine schreckliche Drängerei, bei der Fülle. Sieh bloß, wie die Leute heranströmen, trotzdem noch eine Viertelstunde Zeit im Sie streifte ihren kurzen Fahrpelz ab, den sie dem Innern ihres unbewachten leichten Roadster nie anoertraut hätte und reichte ihn dem Chaust feur. Und Isa tat nun das gleiche mit ihrem Mäntelchen, wenn auch unwillig, mißlaunig. Sie mußte wieder einmal nachgeben. Nachgeben war anscheinend ihr Lebenszweck. .
Sie schoben sich mit der Menge ins Theater. Das Haus war festlich erleuchtet. Selbst im Zuschauerraum brannten heute alle Birnen. Premierenstimmung. Da wurde nicht art Licht gespart. Der größte TeU des Publikums war noch auf den Gängen. Die Herren im Frack oder Smoking, steife weiße Hemdbrüste, in denen matte Perlen leuchteten. Die Damen in großen Toiletten, ganz lange Kleider, wie es letzte Vorschrift war, Boile- und Spitzenzipfel bis auf den Boden; Modeschau. Man sah, man staunte, man begrüßte sich, man schwatzte. Stimmengewirr. .
Und jetzt bemerkte auch Isa, daß die Freundin solch eine neue Jnoce- schöpsung trug: leuchtendes, fast freches Rot mit Gold, tiefer Nuckcn- 1 ausschnitt, halblange Aermel; ein ganz großes Kleid. Sie kam sich etwa-- verloren neben ihr vor in ihrem Fähnchen: immer dasselbe, ob zur Probe bei Karlos Pistorius, ob zum Tee im Unionhotel, ob hier zur Premiere. „Ich gehöre eben nicht auf solche Feste", dachte sie und sagte. „Komm, Gertie, laß uns hineingehen." Sie wollte fort aus dieser Meng , sie wollte sitzen — verschwinden. (Fortsetzung folgt *
Iler antwort lieb: Or. Sans Thyriot. - Druck und Dertag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckecei. R. Lange, Sieben.


